Dreimal Ich

Gehandicapt - Erfolgreicher Sportler - Schwul
 
 
Frieling & Huffmann (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen im August 2021
  • |
  • 168 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8280-3596-6 (ISBN)
 
Wer würde von einem Siebenjährigen, der durch einen Unfall seinen linken Arm verliert, erwarten, dass er sich zu einem erfolgreichen Leistungssportler entwickelt? Die körperliche Einschränkung hält Reinhold Bötzel nicht davon ab, nein , sie spornt ihn vielmehr an, sein Sporttalent mit hartem Training bis zum Siegerpodest zu steigern. Seine Willensstärke mündet nach wenigen Jahren im Erfolg. Die mehrfache Teilnahme an Paralympics, Welt-, Europa- und Deutschen Meisterschaften wird durch Medaillen gekrönt und Reinhold schafft es bis zum Rekordhalter im Hochsprung.

Genauso souverän wie mit seinem Handicap geht Reinhold mit seiner Homosexualität um. Die Akzeptanz beider ist nach wie vor nicht selbstverständlich, doch auch diese gesellschaftliche Herausforderung ist für ihn dazu da, gemeistert zu werden.

Immer wieder aufstehen, sich aufrappeln, das eigene Leben in die Hand nehmen und nicht andere über das eigene Schicksal entscheiden lassen - das ist nur eine der vielen bedeutenden Botschaften dieser beeindruckenden und Mut machenden Autobiografie.
1. Auflage
  • Deutsch
  • Berlin
  • |
  • Deutschland
  • Neue Ausgabe
31 Farbseiten
  • 15,67 MB
978-3-8280-3596-6 (9783828035966)
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Kindheit nach dem Unfall


Wie nicht anders zu erwarten, war der Unfall kurze Zeit Dorfgespräch, etwas länger vielleicht beim "Fleckenhock" ("Fleggahock"), den in der Ortsmitte stattfindenden Dorffesten. Dennoch: Bis heute erinnert man sich in meiner Heimat an dieses Ereignis, wenn etwas über meine sportlichen Erfolge in der Zeitung steht. Aber im Dorf wird ein solcher Unfall - wie so viele andere vorher und nachher - als etwas gleichsam Normales begriffen. So etwas passiert eben, kann vorkommen und führt in einem traditionell funktionierenden und intakten Dorf nicht zu Isolierung und Ausgrenzung als "Krüppel" oder - modern - als Mensch mit Handicap und auch nicht zu sentimentalem, falschem Mitleid. Ähnlich sieht das der ohne Arme geborene Hornist Felix Klieser. In seinem Interview mit der Neuen Osnabrücker Zeitung vom 2. Mai 2015 sagt er: "Ich komme vom Dorf. Dort habe ich mit den anderen Kindern gebolzt, gerauft, Briefkästen in die Luft gesprengt und anderen Schabernack getrieben." Im Dorf nimmt man Schicksale an, akzeptiert sie. Denn alles Kopfschütteln, Sichwundern, Sichentsetzen und Sichauflehnen hilft ja doch nichts. Nur mein Vater konnte seither nichts mehr mit mir anfangen. Er war auch nicht bereit, die Schuld an dem Unfall auf sich zu nehmen, anderenfalls hätte ich eine lebenslange Rente bekommen.

Schon vier, fünf Tage nach dem Unfall, noch im Ulmer Bundeswehrkrankenhaus, fing ich an, mich durchzubeißen, trotz Handicap selbständig zu bleiben, Handlungsabläufe mit einer Hand auszuführen, für die Menschen üblicherweise zwei Hände benötigen. Ich hatte im Krankenhaus unruhig geschlafen, hatte Albträume, wachte auf, schrie nach meiner Mutter. Daraufhin durfte sie bei mir im Zimmer schlafen. Und wenn es Essen gab, fütterte sie mich. Zunächst war das vielleicht in Ordnung, aber mit fast acht Jahren ist und isst man doch schon so selbständig, dass man sich auf Dauer nicht mehr füttern lassen will. Und so sagte ich ihr nach ein paar Tagen, dass ich mein Frühstücksei selbst aufmachen und essen möchte, wogegen sie nichts einwandte. Gesagt, getan! Ich habe das Ei mit meiner rechten Hand aufgemacht und anschließend gegessen. Die Umgebung sah danach wie ein Schlachtfeld aus. Ich sehe das Bild noch vor mir: überall Dotterspritzer und Eierschalen, die Bettdecke verschmiert. Aber ich hatte geschafft, was ich wollte. Es war ein, besser das Schlüsselerlebnis: Ich kann, wenn ich will, muss viele Fertigkeiten "nur" neu antrainieren und immer wieder üben. Und wenn etwas hundertmal nicht klappt, dann funktioniert es beim hundertundersten Mal - und dann immer wieder. Dieser Satz ist aus der Erfahrung heraus eine Art Lebensmotto geworden.

Obwohl ich bis dahin ein guter Schüler war, musste ich nach dem Unfall, durch den ich ja nur vierzehn Tage gefehlt hatte, unverständlicherweise in die erste Klasse zurück. Das nagt noch heute an mir und bedeutete für mich einen Knacks, der größer war und schwerer wog als der Verlust des Armes.

Psychisch hatte ich in meiner Dorfschule keine Probleme, da ja jeder Bescheid wusste über das, was geschehen war. Das änderte sich schlagartig, als sich meine Eltern ein Jahr später trennten und wir von einer Stunde zur anderen zu unserer Oma mütterlicherseits nach Albershausen zogen. In der dortigen Schule betrachtete man mich mit anderen Augen, wusste nichts von mir und meinem Unfall. Hier war ich der Fremde, "Reingeschmeckte", obwohl Albershausen nur reichlich acht Kilometer von meinem Heimatort Bezgenriet entfernt ist. Die neue Schule, die Trennung der Eltern, die, von meiner Mutter her gesehen, notwendig war, sind für mich - nach dem als ungerecht, als unnötig und demütigend empfundenen "Sitzenbleiben" - eine neue psychische Belastung gewesen. Kinder können grausam sein; sie sind keine Engel ohne Flügel. In Albershausen hänselten sie mich, nahmen mich nicht, wie ich war, hatten kein unverkrampftes Verhältnis zu mir und taten mir weh. Ich reagierte mit Trotz und Abwehr, schlug einem Mitschüler, der mich geärgert hatte, ein blaues Auge, was mir allerdings hinterher leidtat.

Meine Mutter arbeitete in einer Maschinenbaufirma im nahen Reichenbach an der Fils, um sich und uns drei Geschwister finanziell über Wasser zu halten. Mir gegenüber war sie überbesorgt. Heute verstehe ich, dass sie Angst hatte, mir könne wieder etwas passieren. Damals aber empfand ich es zunehmend als lästig. Vielleicht fühlte sie sich an dem Unfall auch "mitschuldig". Gesprochen darüber wurde in der Familie nicht.

Aufgefangen in Albershausen hat mich vor allem meine Oma. Ihr verdanke ich viel. Ihr Tod im Jahr 2018 hat mich traurig gemacht und mich wegen meiner engen Verbundenheit mit ihr in eine persönliche Krise gestürzt. Bis heute denke ich mit Liebe an sie. Durch ihren Tod ist in mir das Feuer für den Leistungssport, das jahrzehntelang in mir brannte, erloschen. Mit ihrem Tod ist für mich etwas weggebrochen, das nicht zu ersetzen ist.

Doch als Kind fasste ich mit der Zeit auch in Albershausen Fuß, wozu die Freundschaft mit den Zwillingen Heiko und Sascha beitrug, bis diese auf das Gymnasium in Ebersbach an der Fils wechselten und wir uns aus den Augen verloren. Heute führt mich beispielsweise der Wikipedia-Artikel zu Albershausen unter den Persönlichkeiten, die aus Albershausen stammen, mit folgendem Satz auf: "Reinhold Bötzel, mehrfacher deutscher Meister, mehrfacher Medaillengewinner und Rekordhalter bei Europameisterschaften und Weltrekordhalter im Hochsprung sowie mehrfacher Teilnehmer bei den Paralympics, zuletzt 2016 in Rio." Und am 9. Januar 2018 wurde ich beim Neujahrsempfang der Gemeinde Albershausen mit der Großen Ehrennadel geehrt, die für mich mein Berater Dieter Hübl in Empfang nahm, da ich beruflich verhindert war.

Von Albershausen aus fuhr ich zwei, drei Jahre lang ein- bis zweimal wöchentlich zur medizinischen Rehabilitation nach Bad Boll. Ziel der Reha war, mit der Behinderung klarkommen zu können, mich als Behinderten zu akzeptieren. Zu kämpfen begonnen hatte ich ja schon, wie oben erwähnt, im Ulmer Bundeswehrkrankenhaus, als ich mich nicht hatte füttern lassen wollen und durchsetzte, mir selbständig beizubringen, ein gekochtes Ei ohne fremde Hilfe zu öffnen und zu essen.

Mit diesem einschneidenden Erlebnis hatte ich unmittelbar nach dem Unfall die Herausforderung angenommen, die durch ihn verursacht worden war. Denn viele gutwillige und hilfsbereite Menschen begreifen oft nicht, dass man als Behinderter die Hilfe nichtbehinderter Menschen gar nicht annehmen will und ihr Mitleid nicht braucht, sondern dass man eigenständig und selbstbestimmt ist und entsprechend handeln möchte.

Mit meiner Physiotherapeutin in Bad Boll hatte ich Glück. Frau Schmoller, die Frau des mich behandelnden Arztes und Orthopäden, war ein Traum, eine offene Frau, der ich vertraute. Sie hat mich, den kleinen Pummel mit nur einem Arm, der bis dahin nicht durch eine besondere sportliche Begabung aufgefallen war, nicht nur zum Sport, sondern auch zum Leistungssport geführt, mir Körpergefühl und Körperbeherrschung und Selbstbewusstsein vermittelt und mir, dem damaligen Nichtschwimmer, das Schwimmen beigebracht. Mit Hilfe quadratischer Wachsstifte lernte ich bei ihr, mit den Füßen zu schreiben. Ihr ist es maßgeblich zu verdanken, dass ich mit meinem Handicap in der Lage bin, vieles von dem zu verrichten, wozu andere beide Arme benötigen.

Um fremde Hilfe muss ich nur ganz selten bitten. Letzten Endes kann ich nach hartem Training mit dem rechten Arm und dem linken Armstumpf fast alles, selbst Schleifen mit Schnürsenkeln binden. Und so wurde ich in einem Schülerferienprogramm in Albershausen als Einarmiger "Meister auf zwei Rädern", weil ich mit dem Fahrrad am besten Slalom fahren konnte, eine Acht bewältigte und über eine schräge Rampe kam. Als Preis erhielt ich einen Segelflug, der aber aus Termingründen nicht eingelöst werden konnte und von meiner Mutter wohl auch nicht gewollt worden war.

Und von Frau Schmoller ermutigt, steigerten sich auch meine sportlichen Leistungen in der Schule: Mit knapp zehn Jahren, am

8. November 1985, erhielt ich das Deutsche Schülerabzeichen in Bronze. Ein Jahr später, am 21. November 1986, und am 9. Dezember 1987 dasjenige in Silber und schließlich am 17. Dezember 1987, also wenige Tage nach meinem zwölften Geburtstag, das Deutsche Schülersportabzeichen in Gold. Im Sommer 1987 hatte ich mit 2036 Punkten eine "Ehrenurkunde für hervorragende Leistungen" bei den Bundesjugendspielen 1987 bekommen.

Sport war für mich die Therapie gegen Selbstzweifel und Depressionen geworden. Durch ihn lernte ich meine Stärken kennen. Andere erkannten mein Talent und förderten es.

Leider schlossen Schmollers ihre Praxis. Die Nachfolgerin von Frau Schmoller als Physiotherapeutin war unsensibel, ging nicht auf mich ein, motivierte mich nicht, war unfreundlich und grob. Ihre Behandlungsmethode war für mich als kleinen Jungen eine Qual.

Wegen Verhaltensauffälligkeit brachte mich meine Mutter zu Psychologen und Psychiatern. Ich sagte denen, was sie...

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