Und alle benehmen sich daneben

Wie Hemingway seine Legende erschuf
 
 
dtv (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 7. April 2017
  • |
  • 464 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-423-43130-9 (ISBN)
 

Paris, ein Fest fürs Leben

Durchsoffene Nächte, wilde Affären, hemmungsloser Ehrgeiz. Ellbogen zählen ebenso wie Talent. Der junge Ernest Hemingway hat nichts Geringeres vor, als die Romanliteratur zu revolutionieren, den großen Zeitgeistroman zu schreiben, nach dem alle Verlage fiebern. Mit >Fiesta< gelingt ihm dieser Coup, und er wird, erst 27jährig, auf einen Schlag berühmt. Es sind die wilden Zwanziger in Paris, und die angelsächsische Expat-Gemeinde ist legendär: reiche Männer, schöne Frauen, Mäzene, erfolgreiche Literaten und solche, die es noch werden. im Mittelpunkt Hemingway, ein todestrunkener, stierkämpfender Aficionado, hartgesottener Trinker, hitzköpfiges literarisches Genie und - tatsächlich - Ehemann. Lesley Blume erforscht das schillernde Universum, in dem aus einem unbekannten jungen Autor eine Ikone der Weltliteratur wurde und erzählt von den Menschen, die Hemingway (oft wenig schmeichelhaft) in seinem Werk verewigte. Sie dringt ein ins Herz der Lost Generation und zeigt, wie sehr diese bis heute beeinflusst, was wir lesen und wie wir denken - über Jugend, Liebe, Sexualität und Exzess.

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Format: EPUB
  • 4,64 MB
978-3-423-43130-9 (9783423431309)
342343130X (342343130X)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Lesley M. M. Blume, in New York geboren, ist die Tochter einer Pianistin und eines Journalisten. Nach einem Studium der Geschichte folgte sie ihrem Vater in den Newsroom und begann ihre Karriere in Ammann bei der >Jordan Times<. Zurück in New York war sie u.a. als Reporterin für >ABC News Nightline< tätig. Heute lebt und arbeitet die vielfach ausgezeichnete Autorin in Los Angeles und hat sich auf kulturgeschichtliche Themen und herausragende Persönlichkeiten spezialisiert. Sie schrieb über Jackson Pollock, Truman Capote, Ernest Hemingway und andere. Ihre Essays und Artikel erscheinen in >Vanity Fair<, >The Wall Street Journal< und >Vogue<.

TEIL I


1 Paris ist ein Luder


1921 SPRACH JEDER IN AMERIKA über einen jungen Romanautor aus dem Mittleren Westen. Er war alles, was ein aufregender neuer Schriftsteller sein sollte: ehrgeizig (»Ich will einer der größten Schriftsteller sein, die je gelebt haben, du nicht?«, sagte er mal zu seinem Freund Edmund Wilson), schrecklich jung (er war dreiundzwanzig als sein erstes Buch veröffentlicht wurde), überschwänglich und umstritten. Für seine Verleger war es ein äußerst glückliches Arrangement: Dieser Bursche war im Begriff, die Stimme der Nachkriegsgeneration zu werden, und eine lukrative noch dazu. Er beunruhigte seine älteren Kollegen; seine gleichaltrigen bewunderten ihn und ahmten ihn nach. Die gesellschaftlichen Rhythmen des jungen Jahrzehnts richteten sich bereits gehorsam nach den Strichen seiner Feder. Sein Name war F. Scott Fitzgerald.

Daheim im Mittelwesten - in Chicago, um genau zu sein - wuchs ein Konkurrent für Fitzgerald heran, auch wenn er es nicht wusste. Ein weiterer fieberhaft ehrgeiziger Möchtegern-Romancier beobachtete Fitzgeralds Erfolg und plante eine Art Coup d'État. Fitzgeralds Ruhm war ermutigend, aber seine Geschichten, fand er, waren frivol und oberflächlich mit ihren Flappern, dem Schabernack an Elitehochschulen und Champagnerbläschen. Und außerdem, war da irgendwas neu an seinem Schreiben? Fitzgerald schrieb vielleicht über eine neue Generation, aber er tat es mit der Stimme einer älteren. Sollte die sogenannte Stimme einer Generation nicht eine wirklich frische Stimme haben, eine neue Art, Sätze zu spinnen? Adjektive waren so passé, so viktorianisch!

Es war Zeit für eine Revolution. Zumindest war das die Meinung von Fitzgeralds zu der Zeit noch anonymem Rivalen, der bald die Gelegenheit ergreifen würde, diese Revolte persönlich anzuführen. Der junge Mann stand mit dieser Auffassung nicht allein da. Er hatte bereits eine kultähnliche Gefolgschaft versammelt, obwohl sie noch ziemlich klein war: Sie bestand aus einer Anhängerin, der Verlobten des Schriftstellers. Niemand in der weiteren Welt hatte bisher von Ernest Miller Hemingway, dem Autor, gehört. Es gab keinen Grund, dass irgendjemand hätte von ihm hören sollen. Er hatte noch keine einzige Geschichte veröffentlicht.

Doch seine Verlobte Hadley Richardson - eine stämmige, erbarmungslos optimistische Rothaarige, acht Jahre älter als er - war überzeugt, dass er dazu bestimmt war, ein bekannter Schriftsteller zu werden, sogar ein kulturelles Symbol. Sie hatte zunächst kein überwältigend »großartiges Vertrauen in seine Zukunft« gespürt, aber er hatte sie rasch eines Besseren belehrt. Ihr gemeinsames Leben wurde schnell darauf abgestimmt, seine Karriere zu befördern. Sie schrieb ihm verehrungsvolle Briefe, in denen sie seine Ambitionen bestätigte und ihn praktisch anflehte, seine »Helferin« sein zu dürfen.

Niemand war so überzeugt von seiner großen Zukunft wie Hemingway selbst. Er glaubte nicht nur, dass er fähig war, meisterhafte, moderne Geschichten zu erschaffen, sondern wusste wahrscheinlich auch, dass er selbst eine meisterhafte, moderne Geschichte war. Er war unbestreitbar charismatisch. Sein gut aussehendes Gesicht war kantig, aber auch sinnlich; da waren dieser volle Mund, diese angenehme Symmetrie und ein emotional intensiver Blick, der über seine Gerissenheit hinwegtäuschte. Er hatte »Augen von der Art, die direkt in die Sonne starren können«, wie Fitzgerald später von einer seiner Figuren in The Last Tycoon (Der letzte Tycoon) schreiben würde.

Außerordentliche Dinge widerfuhren Hemingway. Sogar wenn diese Dinge schrecklich waren, gaben sie eine tolle Geschichte ab. Scheinwerfer spürten ihn auf, als reagierten sie auf eine magnetische Anziehungskraft. Drei Jahre zuvor, kurz vor seinem neunzehnten Geburtstag, war er unter feindlichen Beschuss geraten, während er Soldaten an der italienischen Front mit Schokolade und Zigaretten versorgte. Als erster verletzter Amerikaner in Italien hatte er mit seiner Feuerprobe Aufsehen bei der Presse im ganzen Land erregt. Die New York Sun rapportierte im Januar 1919 die Zahl und Art der Granatsplitter, die seine Beine durchbohrt hatten: »227 Male, die anzeigen, wo Stückchen einer besonderen Art österreichischer Granatsplitter, etwa so dick wie ein Geschoss vom Kaliber .22 und einen Zoll lang, wie kleine Abschnitte von einem Stück Draht, ihn getroffen haben«. Die Chicagoer Zeitungen brachten ebenfalls zahllose Hemingway-Nachrichten. Eine Clique von Bewunderern mit Geschenken umgab ihn, während er sich in einem Mailänder Krankenhaus erholte.

»Männer liebten ihn«, erinnerte sich seine Krankenschwester Agnes von Kurowsky.

Er liebte die Aufmerksamkeit. Tatsächlich war es, schrieb er seinen Eltern Mitte August 1918, »fast so gut wie getötet zu werden und seinen eigenen Nachruf zu lesen«. Doch ein paar Schlagzeilen und die Bewunderung einiger Waffenbrüder war nicht die Art Schicksal, die Hemingway vorschwebte. Seine Fähigkeit, Zuneigung bei seinesgleichen zu wecken, würde sich als wesentlicher Bestandteil seines Erfolges erweisen, aber er sehnte sich nach einer Aufmerksamkeit größeren Formats. Man kam allerdings nicht einfach aus dem Nichts getaumelt und wurde ein weltbekannter revolutionärer Autor. Er musste das Werk, das ihn berühmt machen und ihn als die wahre literarische Stimme der modernen Welt etablieren würde, in Wirklichkeit erst noch schreiben. Es war ein lästiges, aber notwendiges Sprungbrett.

Er arbeitete daran. Im Sommer 1921 hatte er eine Idee für einen Roman. Hadley war außer sich vor Begeisterung.

»Es ist bestimmt wundervoll, dabei zu sein, wenn Du einen Roman schreibst«, versicherte sie ihrem zweiundzwanzigjährigen Verlobten. Sie war bereit, alles zu tun, was sie konnte, um diese Idee in die Tat umzusetzen. »Ich werde genauso glücklich sein, ob ich nun die ganze Zeit mit Dir zusammen bin oder rausgeschmissen oder in eine Ecke geschoben werde oder irgendwas sonst, was Du willst«, versicherte sie ihm. Sie konnte bereits erkennen, dass Hemingways erster Roman ein völlig modernes Werk sein würde, auf das Wesentliche reduziert und knapp. Sie machte ihm Komplimente zu seiner Schreibweise, die »alles eliminierte außer dem, was notwendig und verstärkend ist«. Es war alles wunderbar einfach, »aber so fein wie das feinste Kettenhemd«.

Sie und Hemingway lebten damals getrennt, während sie ihre Hochzeit planten. Hadley sah dem Ereignis in ihrer Geburtsstadt St. Louis entgegen; Hemingway hatte seine Zelte in Chicago aufgeschlagen, wo er als Reporter für eine Zeitschrift namens The Cooperative Commonwealth und als freier Mitarbeiter für den Toronto Star einen dürftigen Lebensunterhalt bestritt. Er hatte sich seit der Highschool in Oak Park, Illinois, selbst als Reporter ausgebildet, wo er für seine Schulzeitung The Trapeze schrieb. Im Laufe dieser frühen Jahre hatte er sich auch im Schreiben von Kurzgeschichten versucht und sich bereits ein gewisses literarisches Draufgängertum angeeignet.

»Cicero ist eine Pfeife«, schrieb er 1915. »Ich könnte besseres Zeug mit auf den Rücken gebundenen Händen schreiben.«

Hemingway knüpfte nicht an eine große literarische Familientradition an, obwohl es da eine schöpferische Ader gab. Seine Mutter war einmal eine aufstrebende Opernsängerin gewesen und nahm ihre Kinder oft mit in Konzerte, Theaterstücke und Kunstausstellungen im nahe gelegenen Chicago. Als er im Teenageralter war, ließ sich allerdings nicht mehr verkennen, dass sein Talent im Schreiben lag, nicht in den bildenden oder darstellenden Künsten: Seine Englischlehrer lobten ihn, und seine Aufsätze wurden oft laut vor der Klasse vorgelesen. Die Tabula, die literarische Zeitschrift seiner Highschool, druckte einige seiner frühesten Kurzgeschichten ab. Sie thematisierten Boxen, ein Leben im Wald und Selbstmord, also Topoi, die auch in seinen späteren Werken auftauchten. Damals waren seine Texte eher epigonenhaft als original, häufig geschrieben im Stil von Ring Lardner, zu der Zeit ein beliebter Sportjournalist und Humorist. Doch als Hemingway 1917 die Schule abschloss, wurde er zum »Class Prophet« nominiert - eine Auszeichnung, die an und für sich als prophetisch angesehen werden könnte, wenn man bedenkt, dass er später dazu beitrug, das Zeitalter der modernen Literatur zu imaginieren und einzuleiten.

Mit der literarischen Ermunterung war es aber mehr oder weniger vorbei, nachdem er die Oak Park High School verlassen hatte. Hemingways Vater, der Arzt, hatte ihn aufs Oberlin College schicken wollen. Aber damals wütete der Erste Weltkrieg in Europa, und Hemingway war wie zahllose andere junge Männer seiner Generation fest entschlossen, am Kampfgeschehen teilzunehmen. Später gab er zu, den ganzen Krieg als eine Art sportliches Ereignis betrachtet zu haben, und titulierte sein jüngeres Ich als »furchtbaren Trottel«. Seine Fehlsichtigkeit verhinderte, dass Hemingway sich zum Militärdienst verpflichten konnte, doch 1918 erachtete ihn das Sanitätskorps des Roten Kreuzes für einsatzbereit und schickte ihn nach Italien, wo er wenige Wochen nach seiner Ankunft verwundet wurde.

Zurück in Amerika, fand Hemingway Arbeit als Reporter, aber an seinen Kurzgeschichten waren die Zeitschriften nicht interessiert. Einige Experten haben Hemingways früheste erhaltene Geschichten als langweilig und sekundär beurteilt;...

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