Dreivariantencouch

 
 
Konkursbuch Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen im April 2011
  • |
  • 288 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Adobe DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-88769-823-2 (ISBN)
 
Kerstin sitzt im Zug, sie reist zu ihrer Freundin Astrid. Eine ist aus Ost-, die andere aus Westdeutschland. Noch führen sie eine Fernbeziehung. Die Landschaft fliegt vorbei. Diesmal ist alles anders. In Oldenburg wartet nicht nur Astrid, sondern auch eine dritte Frau. Sex zu dritt. Kann das gehen? Wird sie nicht doch eifersüchtig werden? Es war alles besprochen, aber jetzt, als sich die Verwirklichung nähert, bekommt Kerstin Angst ... und lenkt sich mit Träumen und Erinnerungen ab. Eine aufregende Liebesgeschichte zwischen Ost und West, zwischen Leipzig, Heidelberg und Oldenburg, zwischen Zweisamkeit und Polyamory. Zugleich über die jüngste deutsche Geschichte ...

Jule Blum ist Germanistin, westsozialisiert, Elke Heinicke Slawistin und Anglistin, ostsozialisiert.
  • Deutsch
  • 0,39 MB
978-3-88769-823-2 (9783887698232)
3887698231 (3887698231)
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1


Noch sechs Stunden, 27 Minuten und drei Mal umsteigen. Kerstin seufzte. Natürlich hätte es bessere Verbindungen gegeben, sogar einen durchgehenden Zug. Aber der wäre schon knapp zwei Stunden vor Büroschluss gegangen und so oft, wie sie seit Monaten zu Astrid nach Oldenburg fuhr, konnte sie sich das einfach nicht mehr leisten.

Noch sechs Stunden, 25 Minuten und immer noch drei Mal umsteigen. Kerstins Rucksack war in der Ablage verstaut und sie ließ sich erleichtert in den Sitz fallen. Im Lauf der Monate hatte sie die langen Zugfahrten schätzen gelernt. Geschenkte Zeit, in der sie all das lesen konnte, wozu sie sonst nie kam. Oder aber sie döste vor sich hin, schaute aus dem Fenster, schrieb Tagebuch, beantwortete Briefe und erledigte die eine oder andere dringende Arbeit.

Jetzt würde sie noch einmal die Konzeption durchsehen, die sie am Montag im Team vorstellen sollte. Also holte sie das Laptop aus seiner Tasche, suchte die Steckdose, rief das Programm auf und vertiefte sich in ihre Arbeit.

Noch vier Stunden und 37 Minuten und immer noch drei Mal umsteigen. Die Landschaft flog vor dem Fenster dahin. Grau-braun, Reste von schmutzigem Schnee auf den Feldern.

Schon neun Monate fuhr sie diese Strecke. Selten hatte eine ihrer Beziehungen so lange gehalten. Meist war der Reiz des Neuen nach ein paar Wochen verflogen. Dann fühlte sie sich eingesperrt und lief einfach weg. Aber dieses Mal war sie geblieben. Einige liebe Freundinnen spotteten zwar, dass diese ungewöhnliche Beständigkeit nur eine Folge der Entfernung sein könne. Es mochte schon sein, dass die große Distanz bisher geholfen hatte, ihre alten Ängste auszutricksen. Sechshundert Kilometer Luftlinie schienen genug.

Mittlerweile fuhr sie jedoch alle zwei, drei Wochen nach Oldenburg. Und wann immer es ging, kam Astrid für ein paar Tage, arbeitete von Leipzig aus. War das denn überhaupt noch eine Fernbeziehung, mal abgesehen von der Kilometerzahl? Sie hatten viel Zeit miteinander verbracht, Alltag geteilt und trotzdem war der Fluchtimpuls ausgeblieben. Ganz im Gegenteil: Langsam hatte sie Bahnhofsabschiede satt, begann sich allmählich nach noch mehr Gemeinsamkeit mit Astrid zu sehnen.

Kerstin bewegte die Maus, öffnete ihr Fotoalbum und schaute sich die schönsten Aufnahmen aus dem Irland-Urlaub im letzten Frühjahr an. Damals hatte sie sich gerade von Cordula getrennt. Für Kerstin ein wenig dramatisches Ereignis, lediglich das Ende einer Affäre. Zum Schluss hatten sie sich kaum noch etwas zu sagen. Und je mehr Cordula sich bemüht hatte, alles richtig zu machen, desto häufiger hatte Kerstin sich entzogen.

Cordula hatte sich dermaßen schwer getan mit dem Beziehungsende, dass Kerstin vor ihrer klebrigen Anhänglichkeit nach Irland geflohen war.

Schon lange hatte sie auf die grüne Insel fahren wollen. Seit Jahren verschlang sie alles, was sie an Reiseführern finden konnte. Bände zur Matriarchatsforschung, zu Megalithkulturen und Archäologie füllten ganze Reihen ihrer Regale. In den Lieblingsbüchern lösten sich schon einige Seiten, so häufig waren sie aufgeschlagen worden.

Nach dem x-ten unbefriedigenden Klärungsgespräch mit Cordula hatte sie dann einfach kurz entschlossen einen Flug gebucht. Drei Wochen allein. Ungestört.

Sie war gegen Abend in Dublin gelandet, mit dem Bus noch zwei Stunden bis zu dem winzigen Ort gefahren, in dem sie übers Internet für die erste Woche ein Zimmer reserviert hatte. Als sie ausstieg, war es stockfinster. Sie schleppte sich müde zu der angegebenen Adresse und stolperte nur noch ins Bett. Am nächsten Morgen schien die Sonne auf eine unglaubliche Röschentapete. Kerstin lag unter einem mächtigen Federbett mit roten Röschen auf dem Bezug. Eine verschnörkelte Porzellanvase mit zartem Röschendekor, in der drei blassrote Seidenröschen vor sich hin staubten, stand auf dem Nachttisch. Und vor dem Fenster bauschte sich ein mit Rüschen überladener Vorhang voller rosa Röschen. Um dem rosigen Grauen zu entfliehen, schwang sie sich aus dem Bett und ihre Füße landeten auf einem flauschigen Teppich – selbstverständlich mit Röschenmuster!

Aber sie war wild entschlossen, sich ihre Urlaubslaune durch nichts verderben zu lassen. Bald saß sie im Frühstückszimmer, ignorierte sowohl die Röschenborte an der Wand als auch die röschengemusterte Wachstuchdecke auf dem Tisch und freute sich auf Eier mit Speck und eine große Kanne Tee. Ihr gegenüber war noch ein zweiter Platz eingedeckt. Wer würde wohl noch außerhalb der Saison ganz allein hier Urlaub machen? Egal. Kerstin war wenig neugierig und entschlossen, die Kontakte auf ein Mindestmaß zu beschränken.

In diesem Moment riss Astrid energisch die Tür auf, stapfte auf ihren Platz zu, ließ mit Schwung einen Stapel Bücher neben sich auf den Tisch plauzen und setzte sich. Kerstin zuckte zusammen, denn so früh am Morgen reagierte sie empfindlich auf Lärm. Schon zum Frühstück der Gesellschaft eines anderen Menschen ausgesetzt zu sein, war sie nicht gewöhnt. Auf Astrids munteren Gruß reagierte sie deshalb eher verhalten. Bloß kein Interesse zeigen, denn die andere kam, der Reiselektüre und dem gut gelaunten Morgengruß nach zu urteilen, ebenfalls aus Deutschland. Und in der Tat, Astrid war aus Norddeutschland, freiberufliche Journalistin und recherchierte gerade für eine Reisezeitschrift, wie sie Kerstin umgehend und ungefragt mitteilte. Das erklärte auch die überdimensionale Fototasche und die beeindruckende Menge Reiseführer, die Kerstin zunächst ein wenig lächerlich gefunden hatte.

Aber darüber hinaus war Astrid umwerfend schön und scharfsinnig und witzig, eine interessante Frau, wie Kerstin schon am selben Abend feststellte, als beide sich im Kaminzimmer wieder über den Weg liefen. Sie erlag auf der Stelle Astrids Charme. Nach einem ersten Geplänkel vor dem elektrischen Kaminfeuer – mit schmiedeeiserner Röschenverzierung – ging alles rasend schnell. Kerstin wollte eigentlich den geordneten Rückzug antreten, hatte sich gefragt, warum sie überhaupt ins Kaminzimmer gekommen war. Eigentlich wollte sie doch einen Brief an Sabine schreiben. Ihre beste Freundin wartete auf den ersten Bericht. In ihrem eigenen Zimmer hätte sie Ruhe gehabt. Eigentlich wollte sie doch auf gar keinen Fall mit jemandem reden. Oder machte sie sich da etwas vor? Und in Wirklichkeit wollte sie nichts lieber als diese Frau kennenlernen? Wenn sie über solchen Gedanken brütete, wurde das mit dem Brief natürlich nichts. Längst hatte sie dieses Unterfangen aufgegeben und kritzelte auf dem vor ihr liegenden Briefbogen herum. Während eine Spirale wuchs, die aus der Endloswiederholung des Wortes Rose bestand, wurde sie plötzlich von hinten angesprochen:

„A rose is a rose is …“

Sie war so damit beschäftigt gewesen, beschäftigt und völlig uninteressiert zu wirken, dass sie heftig erschrak und den Kopf herumriss. Und da stand Astrid direkt hinter ihr. Viel zu nah. Ihr war heiß geworden. Viel zu heiß. Sie wollte fliehen, doch vor ihr stand der Tisch und hinter ihr eine herausfordernd grinsende Astrid. Geredet wurde nicht mehr viel, nachdem sich ihre Lippen mit einer gewissen Unvermeidlichkeit gefunden hatten. Jener Abend fand seine Fortsetzung unter Röschenbettwäsche und von den nächsten Tagen erinnerte Kerstin sich hauptsächlich an nächtelanges Quasseln, tiefe Blicke, heiße Küsse. Tagsüber machte Astrid ihren Job. Abends holten sie von einer Tankstelle in der Nähe etwas zu essen, andere gastronomische Highlights hatte der Ort nämlich nicht zu bieten. Das nächste Pub zehn Kilometer weit. So gab es statt Guinness Büchsenbier samt Chips mit Chickenwings zum Mitnehmen und davor, dazwischen und danach Sex.

Noch vor Ablauf der ersten Woche verlängerte Astrid kurzerhand ihren Aufenthalt, beide bezogen ein gemeinsames Zimmer und von dem dadurch eingesparten Geld mieteten sie sich ein Auto. Kerstin hatte sich Hals über Kopf verliebt.

Lächelnd schaute sie sich jetzt die Bilder auf ihrem Laptop an: Astrid vor einem Menhir, mitten auf einer Kuhweide. Es hatte sie viel Überwindung gekostet, zu den eindrucksvollen Tieren über das Gatter zu steigen. Gleich nachdem das Foto entstanden war, hatte sie auch schon wieder die Flucht ergriffen, als ein streitlustiger Jungbulle in bedenkliche Nähe kam. Auf dem nächsten Bild hielt Kerstin eines der typischen Guinnessgläser in der Hand und prostete Astrid damit zu. Guinness mit Johannisbeersirup, eine sensationelle Entdeckung, nachdem sie sich dank ihres Mietwagens in kulinarischer Hinsicht von der Tankstelle hatten emanzipieren können.

Kerstin klickte durch die nächsten fünfzig Bilder und verlor sich in Urlaubserinnerungen. Nach diesen turbulenten Ferien war sie davon ausgegangen, dass es wohl bei einem Urlaubsflirt bleiben würde. Endeten solche Geschichten nicht spätestens mit dem Auspacken der Koffer? Aber kaum zwei Tage in Leipzig, hielt sie es nicht mehr aus und schickte Astrid eine Postkarte, bemüht cool und unverbindlich. Die E-Mail-Adressen hatten sie nicht getauscht, eine SMS wäre zu direkt gewesen, ein Brief zu persönlich, zum Telefonieren war sie allemal zu feige. Von Astrid steckte allerdings schon am darauffolgenden Tag ein langer Brief in ihrem Kasten.

Und so begannen sie zu reisen, von der Hunte an die Pleiße und von der Pleiße an die Hunte. Die Jahreszeiten wechselten, die Monate vergingen, aber der Wunsch, beieinander zu sein, sooft wie möglich, blieb.

Ständig war Kerstin unterwegs, ständig kaufte sie Fahrkarten, kannte Verbindungen und Fahrpläne schon längst auswendig. Und weil sie Orakel in allen Lebenslagen liebte, hatte sie ein Spiel daraus gemacht, ob es wohl gelingen würde, Rabatte für die Tickets zu ergattern. Schaffte sie es, war es ein gutes Vorzeichen für die...

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