"Bist du ein Mensch, so fühle meine Not."

Menschenrechte in kultur- und sozialwissenschaftlicher Perspektive
 
 
Tectum Wissenschaftsverlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 29. Oktober 2019
  • |
  • 350 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8288-7359-9 (ISBN)
 
Mit Band 3 der Landauer Beiträge zur Kultur- und Sozialgeschichte wird eine Reihe von Sammelbänden zu Ringvorlesungen fortgeführt, in denen sich Landauer Fachwissenschaftlerinnen und Fachwissenschaftler aus den verschiedensten Disziplinen mit ihren jeweils eigenen Perspektivierungen übergreifenden kultur- und sozialgeschichtlichen Erscheinungen zuwenden. Im Fokus dieses 3. Bandes steht das Thema Menschenrechte.
Der Sammelband dokumentiert die Zusammenführung verschiedener Projekte des Landauer Fachbereichs Kultur- und Sozialwissenschaften zur Menschenrechtsbildung. Dazu gehört die Öffnung des universitären Raums für das Engagement für Freiheit und Humanität im Schnittfeld von Kunst und Politik. So eröffnet ein künstlerischer Beitrag von Konstantin Wecker diesen Band, dem sich in der Folge wissenschaftliche Auseinandersetzungen mit seinem Werk anschließen. In einem zweiten Zirkel werden aus dem Blickwinkel der Theologie, der Literatur- und der Sprachwissenschaften kulturwissenschaftliche Perspektivierungen auf das Themenfeld Menschenrechte versucht, bevor im Rahmen einer diskursiven Spiegelung die Frage nach der Ökonomie als dem ewig Bösen im Menschen aus theologisch-sozialethischer und aus wirtschaftswissenschaftlicher Sicht diskutiert wird. Beiträge aus politik- und wirtschaftswissenschaftlicher Perspektive erweitern den Fokus auf das internationale Wirtschaftsgeschehen und den Zusammenhang von Ökonomie, Ökologie und Menschenrechten und eine soziologische Erörterung schreitet den Problemhorizont der Menschenrechte als Universalmoral aus. In die Rand- und Grauzonen des Menschenrechtsdiskurses führt schließlich die Debatte über die Würde des Tieres.
  • Deutsch
  • Baden-Baden
  • |
  • Deutschland
  • 1,22 MB
978-3-8288-7359-9 (9783828873599)
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Einleitung

"Bist du ein Mensch, so fühle meine Not.

[.]

Wer hat dir Henker diese Macht

Über mich gegeben!

Du holst mich schon um Mitternacht.

Erbarme dich und laß mich leben!

Ist's morgen früh nicht zeitig genung?"

Johann Wolfgang Goethe

 

Mit der Veröffentlichung wird eine Reihe von Sammelbänden mit Beiträgen öffentlicher Ringvorlesungen fortgesetzt, in denen sich Landauer Fachwissenschaftlerinnen und Fachwissenschaftler der verschiedensten Disziplinen mit übergreifenden kultur- und sozialgeschichtlichen Phänomenen auseinandersetzen. Im Fokus der Veranstaltung im Sommersemester 2018 stand das Thema Menschenrechte. Der Titel der Ringvorlesung und dieses anschließenden Sammelbandes "Bist du ein Mensch, so fühle meine Not." ist der berühmten Kerker-Szene aus dem ersten Teil von Goethes Faust-Tragödie entnommen. Das verführte und als Kindsmörderin auf den Henker wartende Gretchen erfleht vom vermeintlichen Henker, der in ihr Verlies tritt, Erbarmen in ihrer Not. In ihrem unglücklichen Schicksal und ihrer Verzweiflung und nicht zuletzt im Bewusstsein seiner eigenen Schuld eröffnet sich dem als Retter scheiternden Faust der 'Menschheit ganzer Jammer'. In der Szene wird unmittelbar fassbar, was die Rede über Menschenrechte und was Menschenrechtsdiskurs im Kern meint: Es geht um die Verletzung dieser Rechte, um die Depotenzierung des Menschen, um die Herabwürdigung seines Menschseins. Aber zugleich geht es um ein Aufbegehren gegen diese Verletzungen, um die Möglichkeit von Heilung, Schutz und Bewahrung. Damit ist der weite Raum ausgemessen, dem sich die nachfolgenden Beiträge in ihren jeweils eigenen Problemanzeigen und -diskussionen zuwenden. Sie setzen sich mit dem Menschenrechtsdiskurs im Allgemeinen oder mit speziellen Fragestellungen aus ihren jeweils eigenen fachwissenschaftlichen Blickwinkeln auseinander und führen in die Breite des Diskursfeldes ein.

Dass das Thema Menschenrechte den gemeinsamen Fokus einer öffentlichen Ringvorlesung im Fachbereich 6: Kultur- und Sozialwissenschaften am Standort Landau der Universität Koblenz-Landau bildete, ist auf das Engste mit der jüngeren Geschichte dieser Einrichtung verbunden. Vor dem Hintergrund der seit Jahren zu beobachtenden fortschreitenden Erosion der liberal-demokratischen Kultur in Deutschland und der Bedrohung der Demokratie in der Rückkehr vergessen geglaubter Nationalismen entschloss sich der Fachbereich 2014 zu einer gemeinsamen Neuausrichtung aller seiner Einrichtungen - seiner Institute, Abteilungen und Fächer, aber auch seines Lehrprogramms. Die Dozentinnen und Dozenten des Fachbereichs starteten eine gemeinsame Initiative, um ab dem Sommer 2015 der universitären Lehramts- wie auch der nicht auf das Lehramt bezogenen Ausbildung in ihrem Verantwortungsbereich durch die Inklusion von 'Menschenrechtsbildung' eine eigene Fundamentierung zu geben und das Bekenntnis zu Humanität und Menschenrechten in aktives Tun umzusetzen. Das Thema Menschenrechte und die Menschenrechtsbildung wurden zu einem gemeinsamen Bezugspunkt sämtlicher Lehre, gleichermaßen in den Philologien, in Germanistik, Anglistik oder Romanistik, wie in den Theologien, in der Kunst- und in der Musikwissenschaft oder in den Sozialwissenschaften, in der Soziologie, den Wirtschafts- und in den Politikwissenschaften. Die Vermittlung von Wissen über Menschenrechte und die Beförderung eines Bewusstseins von den sich daraus ableitenden Handlungsnotwendigkeiten sind zu einer begleitenden Aufgabe jedweder fachwissenschaftlichen oder fachdidaktischen Lehre im Fachbereich erhoben worden. Als Bezugspunkt diente und dient eine im Januar 2016 veröffentlichte Selbstverpflichtung der Dozentinnen und Dozenten des Fachbereichs, das "Landauer Manifest". Zur gemeinsamen Arbeit gehört darüber hinaus ein von allen Instituten getragener Zertifikatsstudiengang als zusätzliches fächerübergreifendes Lehrangebot für die Studierenden. Gemeinsame Workshops und das Angebot, in einem Projekt mitzuarbeiten, vertiefen die Initiative. Der Gedanke, dieses gemeinsame Unternehmen zur Beförderung einer Menschenrechtsbildung in der Lehre auch in einer vom Fachbereich angebotenen Ringvorlesung zur Geltung zu bringen, lag also nahe.

Bei der Zusammenführung verschiedener Projekte des Fachbereichs bot sich im Sommer 2018 zudem als weitere Möglichkeit die Verknüpfung einer entsprechenden Ringvorlesung mit der Verleihung der Thomas-Nast-Gastprofessur durch den Fachbereich an. In Erinnerung an den deutsch-amerikanischen Karikaturisten und Gesellschaftskritiker Thomas Nast, einen großen Sohn der Stadt Landau in der Pfalz, vergibt der Fachbereich in unregelmäßigen Abständen eine solche Gastprofessur an herausragende Persönlichkeiten aus Wissenschaft oder Kultur, die sich im Schnittfeld von Kunst oder Wissenschaft und politischer Aufklärung bewegen und sich mit künstlerischen oder wissenschaftlichen Mitteln der politischen Aufklärung verpflichtet sehen. Nachdem diese Ehrenbezeugung des Fachbereichs zuletzt 2015 dem Kunstgraphiker Klaus Staeck verliehen worden war, wurde 2018 der Lyriker, Sänger und Schauspieler Konstantin Wecker als einer der profiliertesten politischen Künstler der Bundesrepublik geehrt. Dass Konstantin Wecker, der seit Jahren und Jahrzehnten ebenso stimmgewaltig wie unzweideutig das politische Leben in Deutschland künstlerisch kommentierend begleitet, die Ringvorlesung mit einem musikalischen Gastvortrag ergänzte, war eine ebenso große Ehre, wie es einen unzweifelhaften Gewinn und ein wunderbares Vergnügen darstellte - nicht zuletzt rückte sein Beitrag die aktuellen gesellschaftlichen und politischen Probleme in Deutschland - neuer Nationalismus, Fremdenhass, politisches Versagen u.a.m. - dezidiert ins Blickfeld.

So sind auch die Eingangsbeiträge des Sammelbandes ganz augenfällig mit der Person und dem Werk dieses Künstlers verbunden. Den eigentlichen Eingang bildet ein Gedicht, das KONSTANTIN WECKER für den Band bereit gestellt hat. "Und wenn sie euch sagen" ist eine engagierte künstlerische Wortmeldung zur sogenannten 'Flüchtlingsdebatte' und eine Auseinandersetzung mit der verlogenen Phraseologie jener fremdenfeindlichen Verdummungsrhetorik, die die Fluchtbewegungen der vergangenen Jahre häufig begleitet und zur Vergiftung des innenpolitischen Klimas in Deutschland beigetragen hat.

Die Verleihung der Thomas-Nast-Gastprofessur 2018 an Konstantin Wecker und dessen Teilnahme an der Ringvorlesung wurden vorbereitet und begleitet von Lehrveranstaltungen in verschiedenen Fächern und Lehrprogrammen des Fachbereichs, so in der Kunstwissenschaft, der Musikwissenschaft, der Katholischen Theologie und in der Germanistik. Im Beitrag "Konstantin Wecker lesen" stellt der Germanist und Literaturwissenschaftler LOTHAR BLUHM nach einer Würdigung des Lyrikers Wecker einige Seminararbeiten von Studierenden vor, die sich über den Weg der 'produktiven Rezeption' mit dem Lyriker und Liedermacher und dessen Werk auseinandergesetzt haben. ACHIM HOFER versucht in seinem Beitrag "Konstantin Wecker hören" das Bild vom politischen Liedermacher - ein Ausdruck, den Wecker als einengenden "Stempel" empfindet - um weniger bekannte Facetten zu erweitern. Denn der Musiker und Musik-Schriftsteller Wecker sieht in der 'wahren Musik' (entgegen der Ware Musik) auch Möglichkeiten der Ich-Findung, der Selbst-Verwirklichung, des Authentischen. Als vermeintliche Innerlichkeit ist dies kein Widerspruch zur kämpferischen Verteidigung von Menschenrechten auf künstlerischer Ebene, sondern Mit-Bedingung für eine humane Welt. JANIN AADAM betrachtet in ihrem Beitrag "Konstantin Wecker verstehen" das poetische Werk des Künstlers im Spiegel der Menschenrechte. Im Anschluss an eine Bezugsetzung von Poesie und Menschenrechten widmet sich der Artikel ausgewählten Gedichten und Liedern Weckers, die im Spiegel einzelner Menschenrechte reflektiert werden, um über die Fokussierung ein eigenes Verständnis von Weckers Werk zu eröffnen.

In einem zweiten Block werden aus dem Blickwinkel der Theologie, der Literatur- und der Sprachwissenschaften kulturwissenschaftliche Perspektivierungen auf das weite Themenfeld der Menschenrechte versucht, wobei sehr unterschiedliche Facetten vorgestellt und diskutiert werden. Ausgehend von der kulturprägenden Wirkung der Bibel setzt sich MARKUS SCHIEFER FERRARI in seinem Beitrag "Teilhabe für alle ? Biblische Hoffnungsgeschichten dis/abilitykritisch gelesen" mit der Frage auseinander, inwieweit gerade die Tradierung von Bildern einer zukünftigen Heilsgemeinschaft aller und die damit vielfach verbundene undifferenzierte Gleichsetzung von Heil und Heilung dazu beigetragen haben, solche Vollkommenheitsphantasien auf irdische Verhältnisse zu übertragen und daher Menschen mit Behinderung auszuschließen - ganz im Widerspruch zu dem von der UN-Behindertenrechtskonvention (2008) eingeforderten Menschenrecht der Partizipation aller an allen Bereichen der Gesellschaft. Daran anschließend untersucht JUDITH DISTELRATH am Beispiel der Erzählung von der Heilung eines Gelähmten (Mk 2,1-12), inwieweit Kinderbibeln bei der Rezeption biblischer Heilungsnarrative auf klassische Deutungsstrategien von Behinderung zurückgreifen und damit (bewusst oder unbewusst) klischeehafte, in Bezug auf Behinderung wenig sensible Vorstellungen festschreiben. Die Texte werden auf der Grundlage allgemeiner Überlegungen zum Behindertenbegriff, die sich den sogenannten Dis/ability Studies verdanken, kritisch in Hinblick auf die Konstruktion von Behinderung...

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