Die unglaubliche Reise der Lillian Leyb

Roman
 
 
Hoffmann & Campe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 22. Juli 2013
  • |
  • 319 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-455-81181-0 (ISBN)
 
Lillian Leyb ist Mitte zwanzig, als sie ihren russischen Heimatort verlässt, um in Amerika Fuß zu fassen. Sie ist einem schrecklichen Massaker an der jüdischen Bevölkerung entflohen. In New York wird die Lower East Side zu ihrem neuen Zuhause, und das Schicksal scheint es gut mit ihr zu meinen - bis sie erfährt, dass ihre totgeglaubte Tochter vielleicht noch am Leben ist.
Als Lillian 1924 in New York ankommt will sie es schaffen in diesem neuen, verheißungsvollen Land. Schon bald hat sie nicht nur eine Arbeit als Näherin, sondern auch einen vermögenden Liebhaber. Da steht eines Tage eine Verwandte vor ihrer Tür und behauptet, Lillians Tochter habe das Massaker in Russland überlebt und sei möglicherweise nach Sibirien gebracht worden. Von da an gibt es für Lillian kein Halten mehr. Wider alle Vernunft verlässt sie New York und macht sich völlig mittellos auf eine abenteuerliche Reise. Quer durch Nordamerika, entlang dem legendären Yukon Telegraph Trail, reist sie unbeirrt ihrem Ziel, Sibirien, entgegen. "Mit seiner Mischung aus lebhaften Charakteren, detailreichen Beschreibungen und poetischer Sprache weckt dieser Roman eine Lesefreude, wie es nur guter Literatur gelingt." Los Angeles Times
  • Deutsch
  • Hamburg
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  • Deutschland
  • 2,27 MB
978-3-455-81181-0 (9783455811810)
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Amy Bloom, geboren 1953, hat bereits mehrere Romane und Erzählungen veröffentlicht. Bloom schreibt unter anderem für den New Yorker, The New York Times, The Atlantic Monthly und Vogue. Sie lehrt an der Yale University Creative Writing. Mehr Informationen unter: www.amy-bloom.com

3. Juli 1924


Und dort verloren, eine goldene Feder in einem fremden, fremden Land


Es ist immer das Gleiche: Die besten Feste werden von Leuten mit Sorgen gefeiert.

Hundertfünfzig Mädchen säumen den Bürgersteig vor dem Goldfadn Theatre. Sie ergießen sich auf die Straße und hinunter bis zur nächsten Ecke, und Lillian Leyb, die ihre ersten fünfunddreißig Tage in diesem Land damit verbracht hat, marineblaue Seidenblumen aufzutrennen, bis ihre Hände ganz blau waren, kommt sich vor wie auf Ellis Island, nur dass diesmal ausschließlich junge Frauen anstehen: amerikanisch aussehende Mädchen, die Kaugummi kauen und auf hochhackigen Schuhen über den kaputten Gehsteig stöckeln, aber auch Mädchen, die so neu im Land sind, dass sie noch braun gefranste Schultertücher über ihrem geflochtenen Haar tragen. Die Straße erinnert sie an ihr Dorf an einem Markttag, nur zigfach größer. Ein Junge spielt Harfe; ein Mann ist da mit seinem Akkordeon und einer schrecklichen Promenadenmischung; eine Frau verkauft Strohbesen aus einem Korb auf ihrem Rücken, die einen Riesenfächer hinter ihrem Kopf bilden; ein Farbiger im rosa Anzug und in schwarzen Schuhen mit rosafarbenen Gamaschen singt; und müde Frauen, die so aussehen wie die, die Lillian von daheim in Turov kennt, lächeln über das Lied oder den Sänger. Einige der Mädchen haben sich an der Taille gefasst und wirbeln, rote Wunderkerzen in der Hand, umeinander herum. Ein großes Mädchen mit schwarzen Zöpfen schlägt das Tamburin. Ein paar der amerikanisch aussehenden Mädchen machen an der Ecke ein Feuer, stupsen Kartoffeln rein, klauben sie wieder heraus. Zwei ältere Frauen, blass und dunkeläugig, zerren ihre blassen, dunkeläugigen Kinder hinter sich her. Wie können sie nur, denkt Lillian, sie sollten einen Nachbarn bitten, auf die Kinder aufzupassen. Oder die Kinder einfach in Gallagher’s Bar and Grill zurücklassen und auf Gott vertrauen, aber dergleichen sagt man nur, wenn man kein Kind hat. Lillian zwingt sich dazu, die Kinder anzulächeln, als sie an den Frauen vorbeigeht; sie riechen nach Unglück.

Lillian hat Glück. Das hatte ihr Vater zu ihr gesagt; er erzählte es allen Leuten, nachdem sie zweimal in den Pripiat gefallen und weder ertrunken noch an Lungenentzündung gestorben war. Er sagte, gescheit zu sein sei gut (und Lillian sei gescheit, sagte er), und hübsch zu sein sei nützlich (und Lillian sei recht hübsch), aber Glück zu haben sei besser als beides zusammen. Er hatte gehofft, sie würde ihr Leben lang Glück haben, und damals hatte sie es.

Du selbst bist deines Glückes Schmied, auch das sagte er, und Lillian nimmt Judith, das einzige ihr bekannte Mädchen, bei der Hand, und sie drängen sich durch die Menge hindurch bis nach vorn. Dann werden sie selbst genau dorthin gedrängt, wo sie hinwollen: zum Nähzimmer des Goldfadn Theatre. Sie finden sich wenige Zentimeter entfernt von einer düster aussehenden, zornigen Frau mit einem schwarzen, festen Haarknoten. (»Litauerin«, sagt Judith sofort; ihre Mutter war aus Litauen).

Plötzlich stehen zwei Männer direkt vor ihnen, die, sogar die naivsten Greenies merken das, Sterne am Firmament des Lebens sind, Besucher von einem helleren, schöneren Planeten. Mr Reuben Burstein, Besitzer des Goldfadn und des Bartelstone Theatre, Impresario der Second Avenue, mit breitem Brustkorb, schwarzer Seidenweste und grauem Haar, das nach hinten gebürstet ist wie bei Beethoven. Und sein Sohn, Mr Meyer Burstein, gefeierter Star des Theaters, der Mann, dessen Yankl in The Child of Nature so tragisch gut aussah, der so kraftvoll als Tänzer, so angenehm als Tenor war, dass die Frauen im Publikum weinten, als wären sie von ihren Männern verlassen worden, sobald er als Yankl die nicht jüdische Russin Natascha umwarb; und nachdem Yankl sich umbrachte, nicht gewillt, die arme schwangere Natascha zu heiraten und als Christ zu leben, weinte das ganze Publikum, nicht unzufrieden über seinen schönen qualvollen Tod. Meyer Burstein, mit schickem schwarzem Filzhut, einer Zigarette und ohne Weste über seinem Seidenhemd, ist größer als sein Vater.

Die beiden Männer bewegen sich durch die Menge wie Gärtner, die auf englischen Landsitzen Blumenbeete inspizieren, wie Plantagenbesitzer an einem Markttag. Was auch immer, Lillian ist das egal. Sie will die Blume sein, die Sklavin, das hübsche oder das verachtete und notwendige Ding, solange sie das Ding ist, das den anderen vorgezogen wird.

Der ältere Mr Burstein steht dicht bei Lillian und macht eine Ansage. Seiner Stimme zu lauschen ist so schön, dass die Mädchen wie blöd dastehen, einige mit Tränen in den Augen, während seine Stimme anschwillt, donnernd erklingt, auch wenn er ihnen bloß mitteilt, dass Miss Morris (die Litauerin) eine Liste herumgehen lassen wird, auf die sie oder stellvertretend jemand anders ihre Namen und ihre Fertigkeiten schreiben sollen, und dass Miss Morris sie alle befragen und danach bestimmen wird, wer am morgigen Abend für eine zweite Befragung zurückkehren soll. An dieser Stelle entsteht Gemurmel; es war schon nicht leicht, sich für einen Abend loszueisen, und Lillian glaubt, dass die Unglücksmütter und die Frauen, die aussehen, als wären sie von Brooklyn her zu Fuß gekommen, nicht wieder da sein werden.

Miss Morris kommt auf Lillian zu. Judith und Lillian haben für diesen Augenblick geprobt. »Sehr gut, danke«, wenn die Frage anscheinend um ihre Gesundheit geht; »Ich bin Näherin, mein Vater war Schneider«, wenn die Frage die Wörter »nähen«, »Kostüm« oder »Arbeit« enthält; »Ich besuche Abendkurse«, mit strahlendem Lächeln als Antwort auf irgendeine Frage, die sie nicht versteht. Judith wird die Arbeit bekommen. So wie die Dinge nun mal stehen, weiß Lillian, dass ein Mädchen, das nähen und Englisch sprechen kann, eine bessere Wahl ist als ein Mädchen, das gerade angekommen ist und beides nicht richtig kann.

Lillian studiert Reuben Bursteins Profil; der Impresario sieht aus wie jemand von daheim. Sie hat seine volle, glatte Stimme gehört, und wie einen kleinen Kratzer auf der Wange, wie eine Krümmung des kleinen Fingers einer vor langer Zeit verletzten Hand, beides, Krümmung und Verletzung, längst vergessen, hat sie darunter Jiddisch herausgehört.

Lillian regt sich. Sie drängt sich dicht an Reuben Burstein und sagt: »Ich heiße Lillian Leyb. Wie Sie hören, spreche ich sehr gut Jiddisch, und ich spreche auch sehr gut Russisch.« Sie gräbt die Nägel in ihre Handflächen und wechselt zum Russischen über: »Wenn es Ihnen lieber ist. Mein Englisch macht Fortschritte.« Sie fügt auf Jiddisch hinzu: »Az me muz, ken men«, was heißt: »Wenn man muss, kann man.« Als Reuben Burstein lächelt, bringt sie noch vor: »Und ich versteh mich auf Näharbeit jeder Art.«

Die Bursteins schauen sie an. Miss Morris, die tatsächlich eine litauische Mutter hatte, aber hier in der Lower East Side geboren ist, die achte Klasse absolviert hat und korrektes Brooklyn-Englisch spricht, schaut sie ebenfalls an, ohne Begeisterung. Die zusammengedrängten Frauen glotzen, als hätte Lillian gerade ihren Rock bis zur Taille hochgehoben und der Welt ihren nackten Hintern gezeigt; es ist genauso vulgär, genauso peinlich, genauso wirkungsvoll.

Der ältere Mr Burstein rückt noch näher an Lillian heran. »Keck«, sagt er und hält ihr Kinn in seiner Hand, als werde er sie auf den Mund küssen. »Wirklich keck. Keck ist gut.« Er winkt mit der anderen Hand Miss Morris zu, die gerade verkündet, dass die Mädchen Vierergruppen bilden sollen, damit sie besser zu ihnen sprechen kann. Sofort gibt es fünfzehn Gruppen mit jeweils vier Frauen. Lillian verliert Judith aus den Augen. Sie fühlt sich wie ein Hund, der über eine Gartenmauer springt. Sie lächelt zu Reuben Burstein hoch; sie lächelt Meyer Burstein an; auch Miss Morris lächelt sie sicherheitshalber an. Lillian hat die Ermordung ihrer Familie ausgehalten, den Verlust ihrer Tochter Sophie, eine Überfahrt, die einem Todesmarsch glich, engstes Zusammenleben mit Fremden in der Zweizimmerwohnung ihrer Cousine Frieda, wo es nach Menschen und Urin und Gebratenem riecht, nach Ungewissheit und Armut. Wie gerufen, denkt sie und lächelt diese drei Personen an, den neuen König, die neue Königin und den neuen Prinzen in ihrem Leben, als wäre sie gerade aus einem weichen hohen Federbett aufgestanden, um sich an einem besonders schönen Morgen zu erfreuen.

Reuben Burstein sagt auf Jiddisch: »Komm morgen früh wieder, kluge Miez.« Meyer Burstein sagt: »Mal ehrlich, wie ist dein Englisch wirklich?« Und Lillian artikuliert sorgfältig: »Ich besuche Abendkurse.« Sie macht eine Pause und fügt hinzu: »Und sie laufen sehr gut, danke.«

 

Lillian hatte acht Stunden gebraucht, um von Ellis Island zum Battery Park in Manhattan zu gelangen, und weitere vier, um das Wohnhaus ihrer Cousine Frieda zu finden. Sie hatte den Brief von Cousine Frieda mit der Wegbeschreibung zur Great Jones Street gelesen, während sie in drei verschiedenen Reihen im Registry Room anstand, wo ein Arzt beobachtete, wie sie alle die Treppen hochstiegen, und Ausschau danach hielt, ob es Zeichen von Lähmung, einem schwachen Herzen oder von geistiger Zurückgebliebenheit gab. (»Immer munter voran«, hatte ihr ein Mann auf der Überfahrt geraten. »Idioten können die in Amerika nicht gebrauchen. Außerdem«, und er zeigte Lillian eine Karte mit Geschriebenem darauf, »wenn du etwas siehst, was dem hier ähnelt, dann kratz dich am rechten Ohr.« Lillian versuchte sich die Form der Buchstaben einzuprägen. »Was steht da?« »Was glaubst du? Da steht: ›Kratz dich am rechten Ohr.‹ Tust du das, glauben die, du kannst Englisch lesen. Mein Bruder...

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