Glücksmädchen

 
 
Ullstein Ebooks in Ullstein Buchverlage
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 10. Februar 2017
  • |
  • 320 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8437-1399-3 (ISBN)
 
Ellen Tamm ist besessen vom Tod, seit ihre Zwillingsschwester vor acht Jahren starb. Sogar während ihrer Arbeit verfolgt sie der
Verlust: Sie ist Kriminalreporterin bei einem Stockholmer Fernsehsender und sucht sich mit Absicht die schlimmsten Fälle aus. Als könne sie damit den Tod überwinden und die Trauer aus ihrem eigenen Leben verdrängen.
Dann verschwindet an einem kalten, verregneten Tag die achtjährige Lycke spurlos. Ellen soll über den Fall berichten. Aber mit einem Mal funktionieren ihre Abwehrmechanismen nicht mehr. Es ist, als hätte sie ihre Zwillingsschwester erneut verloren. Panisch sucht sie nach Lycke. Kann sie das Mädchen retten und endlich Frieden finden?
weitere Ausgaben werden ermittelt
Mikaela Bley wurde 1979 geboren und lebt mit ihrem Mann und den beiden Kindern in Stockholm. Um ihren ersten Krimi zu schreiben,
kündigte sie ihren Job beim schwedischen Fernsehsender Sv4. Das hat sich gelohnt: Sie ist momentan die angesagteste schwedische Krimiautorin, ihr Debüt Glücksmädchen wurde auf Anhieb ein großer Bestseller.

Freitag, 23. Mai


Ellen 20.25 Uhr


Ellen sah auf die Uhr in der rechten oberen Ecke ihres Bildschirms. Bis zur letzten Nachrichtensendung dieses Abends war es keine zwei Stunden mehr hin.

»Der Tivolipark in Kristianstad ist jetzt völlig überschwemmt«, rief ein Kollege in das Großraumbüro. »Experten zufolge fehlen nur noch wenige Millimeter, bis die ganze Stadt unter Wasser steht.«

Ein Reporter rannte an seinen Platz. Der Abendredakteur hatte ihm verraten, dass die kräftigen Regenfälle in Vagnhärad einen Erdrutsch ausgelöst hatten.

Wind und Wetter. Beides hing Ellen zum Hals heraus.

In der Schlange vor der Kaffeemaschine versammelten sich die Kollegen, die heute schon viel zu lange gearbeitet hatten, und im Kontrollraum hielt die Chefredaktion eine Besprechung ab.

Als Ellen vor vier Jahren bei TV4 anfing, hatte sie sich schicke puristische Büros vorgestellt, aber hier sah es aus wie in jedem anderen Großraumbüro auch. Es war eng zwischen den weißen Tischen, an der Decke brummten die Lüftungsschächte neben den Neonröhren, die auch die kleinste Pore im Gesicht ausleuchteten. Es roch den ganzen Tag nach mitgebrachten Mahlzeiten, die in der Mikrowelle aufgewärmt wurden. Der einzige Unterschied zu normalen Büros waren die Prominenten, die sich in ebensolcher Dichte in den Einzelzellen tummelten wie die Fruchtfliegen. Wahrscheinlich war es auch etwas lauter als im Hauptsitz der Regionalversicherungen, ihrem direkten Nachbarn im Tegeluddsväg in Stockholm.

Ellen warf einen Blick auf den Fernsehbildschirm, der sich den Schreibtisch mit ihrem Computer teilte. Ein gutgelaunter David Hellenius strahlte ihr entgegen und hieß die Zuschauer im Let's Dance-Studio willkommen. Ihr fiel wieder ein, dass sie noch die Einladung zum Familiennachmittag von TV4 in Gröna Lund absagen musste. Sie hatte keine Lust, sich zwischen all den glücklichen Familien und den Kindern mit den bunten Eintrittsarmbändern wie der einzige Single vorzukommen.

Sie öffnete ihren Beitrag über den Mord an einer Achtzehnjährigen in Tumba, der heute Abend gesendet werden sollte.

Es war ein langer Tag gewesen. Als Kriminalreporterin hatte sie keine festen Zeiten, sie arbeitete, wenn es nötig war, und wenn man relativ jung war und zu Hause keine Familie auf einen wartete, gab es immer etwas zu tun.

Fröstelnd knöpfte sie ihre schwarze Lederjacke zu. Den ganzen Tag hatte sie ihre Garderobe bereut. Ein Kleid mit nackten Beinen und kurzer Jacke war viel zu wenig, aber wer rechnete denn Ende Mai mit nur acht Grad? Sie hatte fast ein wenig Verständnis für die Zuschauer, die anriefen, um sich über das Wetter zu beschweren, obwohl TV4 kein Wettergott war, sondern nur Prognosen bekanntgab.

Sie sehnte sich danach, endlich nach Hause zu kommen und in die Badewanne zu gehen. Eine fruchtige Duftkerze anzuzünden und die aktuelle Ausgabe der Vanity Fair zu lesen, die bereits auf sie wartete.

Sie suchte unter den Stapeln von Zetteln und Zeitungen auf ihrem Schreibtisch nach den Kopfhörern, um sich von dem Lärm abzuschotten. Irgendwann würde sie hier für Ordnung sorgen. Montag vielleicht. Neue Woche, neue Möglichkeiten, wie sie sich Anfang jeder Woche sagte. Ihre guten Vorsätze hielten ungefähr bis Dienstag. Bestenfalls bis Mittwoch.

Die Kopfhörer waren nicht da. Sie drehte stattdessen die Lautstärke auf und klickte auf Play.

Es war immer das Gleiche, wenn sie sich selbst auf dem Bildschirm sah. Obwohl sie mittlerweile daran gewöhnt sein müsste, war sie immer wieder unvorbereitet.

Sie drückte Pause, atmete ein paar Mal tief durch und guckte weiter.

Nach wenigen Sekunden blinkte auf dem Bildschirm eine Meldung von der Nachrichtenagentur Tidningarnas Telegrambyrå auf.

Ein Toter bei Schießerei auf dem Lilla Torg in Malmö.

»Die Malmöredaktion ist bei den tödlichen Schüssen on top«, rief der Redaktionschef, bevor Ellen den Link überhaupt angeklickt hatte.

Der Tod. Ständig wurde sie an den Tod erinnert. Doch sie wollte es so.

Während Ellens Freunde wie angeschweißt vor MTV hockten und stundenlang auf ihre Lieblingsvideos warteten, sah Ellen eine Dokumentation nach der anderen über Morde und Mörder. Sie schnitt Todesanzeigen und Artikel über Leute aus, die keines natürlichen Todes gestorben waren. Schreckliche Unglücksfälle. Dinge, die ihr unter die Haut gingen und sie von sich selbst ablenkten.

Als Kriminalreporterin musste sie jeden Tag an den Tod denken. Ihre Therapeutin war der Ansicht, sie solle sich mit etwas anderem beschäftigen, sie sei besessen vom Tod. Sie müsse ihr Muster durchbrechen. Die Psychologin behauptete, sie ginge mit dem Tod ins Bett. Sie drückte es nicht ganz so aus, aber Ellen interpretierte es so. Ein gesundes Verhalten war es jedenfalls nicht, das war ihr klar.

»Ellen!«, rief plötzlich eine dunkle Stimme in südschwedischem Dialekt durch den Raum. Diese Stimme kannte sie nur zu gut. Ihr Herz schlug sofort schneller.

Als sie aufsah, traf ihr Blick gegen ihren Willen auf seinen.

»Könntest du bitte herkommen?« Er winkte sie zu sich.

Er redete zum ersten Mal mit ihr, seit er vor einer Woche Chefredakteur geworden war. Zum ersten Mal, seit er vor einem Jahr ohne Erklärung mit ihr Schluss gemacht hatte.

Ellen stand von ihrem Platz auf und ging zögernd durch die Redaktion zu seinem Schreibtisch. Sie verfluchte ihre Nervosität und versuchte angestrengt, sich auf ihr Ziel zu konzentrieren, indem sie den Blick auf einen bestimmten Punkt im Blumenstrauß auf dem Empfangstresen hinter Jimmy richtete.

Der vorige Chef war der Einzige in der Redaktion mit einem eigenen Büro gewesen. Jimmy hatte sich entschieden, sich in den Raum hineinzubewegen und »einer von ihnen« zu sein. Aber damit machte er niemandem etwas vor. Seine Aufgabe bestand darin aufzuräumen. Das wusste jeder. Bessere Neuigkeiten für weniger Geld und höhere Quoten. Seit er kürzlich bei einem Sender der Konkurrenz einen Großteil der Mitarbeiter rausgeschmissen hatte, wurde er der Säger genannt.

Ellen zog den Stift aus dem Knoten und ließ ihr langes Haar über den Rücken hinunterfallen.

»Hallo, das ist ja toll.« Er blickte kurz auf, bevor er sich wieder in sein MacBook vertiefte. »Ich muss nur schnell diese Mail verschicken.«

Jimmys Schreibtisch war leer bis auf eine halb ausgetrunkene Tasse mit schwarzem Kaffee und ein Branchenmagazin mit ihm selbst auf dem Titelblatt. Kein Foto. Kein einziger persönlicher Gegenstand.

Genau wie auf ihrem eigenen Schreibtisch.

Ihr Mund war trocken.

Während er auf die Tastatur einhämmerte, betrachtete sie ihn unauffällig von der Seite. Sie hatte immer eine Schwäche für Männer mit großen Nasen gehabt. Seine hohen Wangenknochen wirkten markant, und sein dunkles Haar war kurz.

»So, jetzt aber. Entschuldige, dass du warten musstest.« Er lächelte sie an.

Seine Stimme strahlte Selbstsicherheit in einem Maß aus, das ihrer eigenen Unsicherheit entsprach.

»Du, wie ist eigentlich dein Kontakt zur Polizei?«, fragte er und lehnte sich zurück.

»Gut. Warum fragst du?«

»Du bist doch Kriminalreporterin, oder?«

»Ja«, antwortete sie verwirrt.

Jimmy strich sich durchs Haar, warf zuerst einen Blick auf den Bildschirm und sah dann sie an. »Was weißt du über das verschwundene Mädchen?«

»Was?« Ellen schreckte zurück, als hätte sie sich an seinen Worten verbrannt.

Jimmy zeigte auf eine Mail.

Obwohl es ihr körperlich widerstrebte, beugte sie sich hinunter, um die Zeilen zu lesen:

Achtjähriges Mädchen spurlos verschwunden .

Die Buchstaben verschmolzen miteinander.

»Auf genau so was fahren die Zuschauer ab. Missing pretty girl-Syndrom, du weißt schon. Es hätte keinen passenderen Zeitpunkt geben können.« Er schlug mit der Hand auf die Schreibtischplatte, als beglückwünschte er sich zu einem Volltreffer.

Ellen blinzelte einige Male, um sich zu konzentrieren.

Jimmy fuhr fort. »Diese Art von Material brauchen wir. Persönlich. Berührend. Wir dürfen nicht nur über solche Übergriffe berichten. Wir müssen die Situation konkreter darstellen. Verstehst du? Damit die Zuschauer ein Gefühl bekommen.«

Bei ihr funktionierte es auf Anhieb. Sie spürte es im Zwerchfell. Und in den Händen tausend Nadelstiche.

»Sie ist heute aus der Königlichen Tennishalle verschwunden. Am Nachmittag. Wir müssen anfangen. Ich will, dass du .«

Ellen schüttelte den Kopf. »Ist es heute passiert?«

»Ja, heute Nachmittag.«

Ellen streckte sich und versuchte, ihre Lungenflügel mit Sauerstoff zu füllen, aber der Druck auf ihrer Brust hielt dagegen. »Hast du ein Foto von ihr gesehen?« Sie ließ ihrem Ärger freien Lauf.

»Was willst du damit sagen?«

»Du hast es doch Missing pretty girl-Syndrom genannt. Ist sie etwa hübsch?«

Jimmy rollte seinen Stuhl zurück. »Ich nehme an, dass du weißt, was ich damit meine.« Er stand auf. »Das ist ein fester Begriff.«

»Glaub mir, das weiß ich. Das Missing white girl-Syndrom, wie es eigentlich heißt, ist mir bekannt. Denn weiß ist sie ja wohl. Das wirst du wahrscheinlich schon überprüft haben.« Sie versuchte zu verbergen, dass sie keuchte.

Anstatt zu antworten, hob er seine Laptoptasche...

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