Systemtheoretische Beobachtungen IV

 
 
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  • 1. Auflage
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  • erschienen am 30. April 2020
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  • 228 Seiten
 
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978-3-7519-3950-8 (ISBN)
 
Beiträge zum Verhältnis von Theologie und Systemtheorie.
1. Auflage
  • Deutsch
  • 0,24 MB
978-3-7519-3950-8 (9783751939508)
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Zum Autor: Dr. Eberhard Blanke, Theologe und Kommunikationsmanager. Veröffentlichungen zur Beratung, zu Kommunikationskampagnen und Public Relations, zum Verhältnis von Theologie und Systemtheorie sowie zur Biografie von Niklas Luhmann.

Die Form der Theorie bei Niklas Luhmann


Die Form der soziologischen Gesellschaftstheorie von Niklas Luhmann besticht durch ihre besondere Art und Weise, in der sie sich von anderen soziologischen Theorien abhebt und vor ihnen auszeichnet. Ich nenne im folgenden fünf Unterscheidungen, die zugleich etwas über den Vollzug als auch über die Reflexion auf den Vollzug der Theorie Luhmanns zu sagen vermögen. Dabei handelt es sich zum einen um Unterscheidungen, die einander sinnhaft zuarbeiten, und zum anderen um einen in sich geschlossenen Zusammenhang von Unterscheidungen. Die These unserer Beobachtungen lautet mithin, dass die Form der Theorie bei Niklas Luhmann aufgrund ihrer operativen Geschlossenheit und ihrer dadurch ermöglichten kognitiven Offenheit als besonders, wenn nicht sogar als einzigartig gelten kann.

1. Die Ausgangs- und Zielunterscheidung der hier infrage stehenden Theorieform ist durch die Begriffe autologisch/heterologisch gekennzeichnet. Eine Theorie verfährt autologisch, wenn und insofern sie sich auf sich selbst anwendet, wenn und insofern sie folglich in ihrem eigenen Gegenstandsbereich (wieder) vorkommt. Heterologische Theorien dagegen bleiben außerhalb ihrer eigenen Problemstellungen und -beschreibungen. Sie gehen in der Regel von (einer nicht weiter explizierten) Unterscheidung(en) aus, die sie im weiteren Verlauf nicht auf sich selbst anwenden bzw. thematisieren oder kontrollieren (können). Für eine autologische Theorie im Stile Niklas Luhmanns, die sich für ihren Gesellschaftsbegriff auf alle füreinander erreichbaren Kommunikationen bezieht, ist eine Selbstanwendung dagegen unausweichlich, insofern die(se) Theorie selbst kommunikativ vollzogen wird. Darin ,spiegelt' (um nicht sagen zu müssen: ,repräsentiert') diese Theorie die von ihr beschriebene Gesellschaft in der Theorie.

Autologisch gebaute Theorien prozessieren zudem zirkulär und benutzen dazu mindestens drei grundlegende Unterscheidungen, die wir im folgenden beschreiben: es sind die Unterscheidungen von Operation und Beobachtung, von Selbstreferenz und Fremdreferenz sowie von Form und Medium.

2. Die Unterscheidung von Operation und Beobachtung steht für das Ineinander eines Wie und eines Was jeder Kommunikation. Dabei gilt: Das, was kommunikativ vollzogen wird, wird auf eine bestimmte Art und Weise vollzogen. Jede Kommunikation vollzieht ein Wie und ein Was, ist Operation und Beobachtung zugleich. Sie wird als Bezeichnung aufgrund einer Unterscheidung vollzogen und beobachtet sich dabei anhand anderer Bezeichnungen aufgrund anderer Unterscheidungen. Ohne an dieser Stelle eine ausgefeilte Beobachtertheorie bemühen zu müssen1, kann gesagt werden: sich vollziehende Kommunikation schreitet blind voran und eine sich dabei beobachtende Kommunikation blockiert ihren eigenen, weiteren Vollzug. Mit anderen Worten: kommunikative Operationen sind blinde (und man muss zugleich sagen: tautologische) Beobachtungen und kommunikative Beobachtungen sind paradoxe Operationen.

Im Hinblick auf die Form der Theorie bei Niklas Luhmann ist an dieser Stelle festzuhalten, dass die Unterscheidung von Operation und Beobachtung eine andere Fassung des autologischen Konzepts darstellt.2 Eine auf sich selbst anwendbare Theorie vollzieht ihre (kommunikativen) Operationen so, dass die Operationen über den Umweg der (Selbst-)Beobachtung geschickt werden, um (überhaupt) weiter operieren zu können. Dieses In- und Miteinander von Operation und Beobachtung verleiht der Theorie Niklas Luhmanns ihre spezifisch autologische Form.

3. Eine Theorie, die sich operativ beobachtend bzw. beobachtend operierend fortbewegt, verfährt sowohl geschlossen als auch offen. Die Form der Theorie bei Niklas Luhmann kann folglich einerseits als operativ geschlossen und andererseits als beobachtend (oder: kognitiv) offen gelten. Indem sie in jedem Moment auf sich selbst referiert, referiert sie auf anderes. Man kann diesen Sachverhalt mit der Formulierung "Fremdkontakt durch Selbstkontakt"3 beschreiben. Eine genauere Begrifflichkeit führt uns zur Unterscheidung von Selbstreferenz und Fremdreferenz. Zum Zweck größerer Verständlichkeit mögen auch alternative Begriffe bzw. Unterscheidungen wie Selbstbezug/Fremdbezug, Innenbezug/Außenbezug oder Wie-Bezug/ Was-Bezug aufgeboten werden.

Bekanntermassen steht die Unterscheidung von Selbstreferenz und Fremdreferenz für eine systeminterne Kopie der Differenz von System und Umwelt. Eine Theorie, die sich durch ihre (eigenen) Operationen von allem anderen abschließt, reproduziert die Umwelt als Fremdreferenz innerhalb des Systems. Eine solche Theorie bezieht sich auf ihre Gegenstände, indem sie sich auf sich selbst bezieht. Sie markiert damit, dass ein Bezug (des Systems) auf die Umwelt nicht möglich ist, dass sie also weder empirisch noch phänomenal noch relational (im Sinne einer Eins-zu-eins-Relation von Umweltdaten und Systemzuständen) verfahren kann, sondern dass sie ihre fremdreferentiellen Bezüge selbst hervorbringen und durch rekursive Operationen stabilisieren muss. Darin aber lässt sich eine solche Theorie durch ihre Umwelt irritieren und arbeitet deren für sie unbestimmte bzw. unbestimmbare Komplexität in systemeigene Komplexität um.

In anderen Theorieformen dagegen wird entweder der Selbstbezug oder der Fremdbezug überbetont bzw. verabsolutiert. Die einen schreiben irgendetwas, die anderen schreiben irgendwie über irgendetwas. Die Theorie Luhmanns dagegen beschreibt in ihrer Beschreibung eines Was das Wie dieser Beschreibung und in ihrer Beschreibung eines Wie das Was dieser Beschreibung mit. Welcher Leser, welche Leserin auch immer der Theorie Luhmanns folgen mag, kann dabei die Erfahrung machen, dass sich seine Theorie als ein operativ geschlossenes System auffassen lässt, das weder von der Umwelt - also von anderen Theorien oder Begriffen aus - erreichbar ist, noch umgekehrt von sich aus Umweltereignisse erreichen kann. Vermutlich hat es diese Form der operativen Geschlossenheit der luhmannschen Theorie mit sich gebracht, dass sie verschiedentlich als hermetisch klassifiziert wurde.4 Diese Beurteilung kann allerdings insofern als unzutreffend bezeichnet werden, als der Vorwurf der Hermetik von vermeintlich mangelnden Input-/Output-Verhältnissen ausgeht und diesen eine vermeintlich offene Theorieform entgegenstellt, wogegen die operative Schließung der luhmannschen Theorie gerade umgekehrt mit kognitiver bzw. beobachtender Offenheit einhergeht und auf diese Weise bisherige Theoriemöglichkeiten überbietet.

4. Die Unterscheidung von Form und Medium signalisiert uns im Hinblick auf die Form der Theorie bei Niklas Luhmann, dass seine Theorie in einem bestimmten Medium erfolgt, innerhalb dessen sie ihre Formen bilden kann. Es gilt die Formel: Systeme sind Systeme in einer Umwelt und Formen sind Formen in Medien. Mit anderen Worten: Die Gesellschaftstheorie von Niklas Luhmann kann als ein eigenständiges System innerhalb des (Funktions-)Systems der Wissenschaft sowie als eine bestimmte Form im umfassenden Medium Sinn begriffen werden.

Die Unterscheidung von Form und Medium5 doppelt die eingangs genannte Unterscheidung von autologisch/heterologisch insofern, als der Begriff des Sinns ebenfalls strikt autologisch konzipiert ist. Aller Sinn ist, wenn man so will: sinnhaft, autologisch, denn Sinn ist stets und einzig auf sich selbst anwendbar:

"Ebenso wie das Problem der Komplexität tritt auch das Problem der Selbstreferenz in der Form von Sinn wieder auf. Jede Sinnintention ist selbstreferentiell insofern, als sie ihre eigene Wiederaktualisierbarkeit mitvorsieht, in ihrer Verweisungsstruktur also sich selbst als eine unter vielen Möglichkeiten weiteren Erlebens und Handelns wieder aufnimmt. Sinn kann überhaupt nur durch Verweisung auf jeweils anderen Sinn aktuale Realität gewinnen; es gibt insofern keine punktuelle Selbstgenügsamkeit und auch kein »per se notum«."6

Mit dieser ,autologischen Doppelung' im Hinblick auf Theorie und Sinn kommt der Theorie Niklas Luhmanns eine Sonderstellung zu. Sie kann zum einen als Sinntheorie und zum anderen als Formtheorie verstanden werden. Aktualer Sinn und Form werden in ihr zum Synonym, da sich beide im potentialisierten Medium Sinn realisieren.

5. Alles, was sich über die Unterscheidung von Form und Medium sagen lässt, kulminiert im Sinnbegriff. Der Begriff des Sinns innerhalb der Gesellschaftstheorie von Niklas Luhmann ist zugleich Form und Medium und stellt damit einerseits die coincidentia oppositorum von Sinn überhaupt dar, andererseits unterscheidet sich der von der luhmannschen Theorie offerierte Sinn nach aktualisiertem und potentialisiertem Sinn. Dies bedeutet unter anderem, dass sich sowohl quantitativ als auch qualitativ ungeahnte Möglichkeiten von Sinnanschlüssen ergeben und diese Theorie zu einer der sinnreichsten Theorien überhaupt werden lässt.

In Abgrenzung gegen mancherlei (Miss-)Verständnisse der Theorie Luhmanns ist daher festzuhalten, dass sie im Hinblick auf ihre Sinnofferten das Gegenteil einer technischen oder gar technokratischen bzw. technizistischen Theorie darstellt. Es handelt sich stattdessen um eine am wenigsten triviale, d. h. berechenbare oder vorhersehbare, sondern um eine in gesteigertem Maße nicht-triviale, d. h. unberechenbare und unvorhersehbare...

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