Todesrufe

 
 
HarperCollins Germany (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 16. November 2011
  • |
  • 144 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Adobe DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-86349-819-1 (ISBN)
 
"Hilf mir!" Schwesternschülerin Heaven wirbelt herum. Wer hat da zu ihr gesprochen? Sie ist mit der Komapatientin Angela Cloud doch ganz allein im Krankenzimmer . - Da, schon wieder! Geschockt erkennt Heaven, dass sie Angela hört. Und was sie ihr mitteilt, ist entsetzlich: Angela hatte keinen Unfall - jemand hat versucht, sie umzubringen! Jemand, der immer noch in der Nähe ist und alles tun wird, um sein schwarzes Geheimnis zu bewahren. Wohl wissend, dass der Täter vor nichts zurückschreckt, begibt sich Heaven auf Spurensuche und kommt dem Rätsel gefährlich nah .
  • Deutsch
  • Hamburg
  • 0,31 MB
978-3-86349-819-1 (9783863498191)
3863498194 (3863498194)

1. KAPITEL

"Na, Heaven, schwebst du mal wieder in himmlischen Sphären?"

Heaven verdrehte die Augen. Während ihrer gesamten Schulzeit waren laufend Witze über ihren Vornamen gemacht worden, und es hatte sie schrecklich genervt. Würde das etwa auch im Berufsleben ewig so weitergehen? In der ersten Zeit hatte sie das ja noch einigermaßen hingenommen, aber jetzt, im dritten Ausbildungsjahr, hatte sie kein Verständnis mehr dafür. "Von dir habe ich sicher nicht geträumt."

Kenny lachte, dass seine weißen Zähne aufblitzten. "Du kennst mich nur noch nicht richtig."

Um eine kesse Antwort war er wirklich nie verlegen, das musste Heaven ihm lassen. Allerdings wusste sie bei ihm nie so genau, ob er etwas ernst meinte oder sie auf den Arm nehmen wollte. Erst seit drei Wochen arbeitete er hier im Fahrdienst. Wenn er das Essen auf die Station brachte oder dort andere Sachen zu erledigen hatte, plauderte er gern noch ein bisschen mit Heaven oder den anderen Schwestern.

"Was macht ihr denn hier, etwa schon Kaffeepause?" Samira Castillo kam in den Raum und klatschte in die Hände. Das Funkeln in ihren dunklen Augen und ihr breites Lächeln verrieten jedoch, dass sie Spaß machte. Es fiel aber auch wirklich schwer, auf jemanden böse zu sein, der ein so liebenswert-freches Grinsen besaß wie Kenny. "An die Arbeit, Heaven."

Kenny stand ebenfalls auf. "Die Aufforderung gilt sicher auch für mich. Hier habe ich keine Aktien mehr drin, hab schon alles abgeliefert."

"Dann mach dich mal auf die Socken. Die haben bestimmt noch reichlich für dich zu tun." Samira wollte ihn mit einer Handbewegung aus dem Raum scheuchen, was Kenny erneut zum Lachen brachte.

"Bis morgen, Himmlische und ."

"Untersteh dich!", rief Samira ihm nach, bevor er sich auch für sie eine zweifelhafte Bezeichnung überlegen konnte.

Kenny grinste und lief zum Aufzug. Dort tänzelte er herum, bis die Türen sich öffneten.

"Dieser Spinner!" Samira schüttelte den Kopf. "Lass dich bloß nicht von ihm beeindrucken."

"Keine Sorge. Aber einen knackigen Hintern hat er schon, oder?"

"Auf so kleine Jungs achte ich nicht. Der ist mir noch viel zu schmächtig", befand Samira. "Ich will einen großen, starken, gut aussehenden Mann, der imstande ist, mich mit Leichtigkeit hochzuheben, und bei dem ich guten Gewissens auch mal ein zweites Stück Torte verdrücken kann."

"Das kannst du ohnehin. Deine Figur ist doch prima. Und die Jungs stehen auf dich."

"Nur nicht mein Traummann." Sie seufzte und sah an sich hinab.

"Wie heißt er denn?"

"Wer?" Samira zog die dunklen Augenbrauen hoch.

"Na, dein Traumtyp."

"Ach so. Der hat keinen Namen. Hab ihn ja noch nicht gefunden." Sie lächelte schalkhaft, wurde aber sofort wieder ernst. "Nun komm, deine Patientin wartet."

Heaven konnte sich vor Aufregung kaum beherrschen. Endlich durfte sie auf der Intensivstation arbeiten. Bisher hatte sie vor allem im Überwachungsraum gesessen, eine der Schwestern begleitet und geholfen, Formulare auszufüllen. Davon gab es auch auf dieser Station reichlich. Jede Behandlung, jede Zustandsänderung wurde genau festgehalten.

"Wir haben eine neue Patientin hereinbekommen, eine junge Frau, gerade mal neunzehn Jahre alt. Sie liegt nach einem Sturz von einem Dach im Koma", erklärte Samira, während sie mit Heaven den breiten Gang entlangging.

"Was hat sie für Verletzungen?", erkundigte sich Heaven.

"Die Computertomographie ergab ein Schädel-Hirn-Trauma mit Hirnblutung. Außerdem hat sie einen gebrochenen Knöchel, der uns jedoch die geringste Sorge bereitet." Samira ging voran in das Krankenzimmer.

Der vertraute Geruch von Desinfektionsmitteln empfing Heaven. Neben dem Aufenthaltsbereich der Schwestern durchdrang er hier jeden Raum.

Auch wenn sie bisher noch keine Patienten auf der Intensivstation betreut hatte, wusste sie natürlich, welche Funktionen die einzelnen Geräte dort erfüllten. Zur Beatmung hatte man der verunglückten jungen Frau einen Tubus gelegt. Hinter ihrem Bett befand sich ein Monitor, auf dem ständig der Blutdruck, der Sauerstoffgehalt des Blutes und ihre Herzfrequenz angezeigt wurden. Über einen Venenkatheter erhielt sie Infusionen, unter anderem mit Schmerzmitteln.

Angeschlossen an zahlreiche Schläuche, war die Patientin kaum zu sehen. Ihr Kopf war bandagiert, und ihr Gesicht war so bleich, dass die Haut fast durchscheinend wirkte.

Heaven schluckte. Die Patientin war genauso alt wie sie. Zwar hatte sie gelernt, sich nicht mit den Kranken zu identifizieren, aber nun überlief sie doch ein Schauder.

"Ab sofort wirst du für sie zuständig sein, und zwar zusammen mit mir", erklärte Samira. "Waschen, umbetten, die Werte kontrollieren, Infusionen vorbereiten, was eben alles gemacht werden muss."

Aufmerksam hörte Heaven zu. Im Unterricht war das Thema "Pflege von Komapatienten" bereits behandelt worden. Dennoch war sie froh, dass Samira noch einmal alles mit ihr besprach. Nun wirklich einen Menschen versorgen zu müssen war eben doch etwas ganz anderes als nur in der grauen Theorie.

"Sie heißt übrigens Angela Cloud." Samira lächelte.

"Ich schätze, sie hat sich ebenso viele Witze über ihren Namen anhören müssen wie ich in meiner Zeit auf der Highschool." Heaven wusste nur zu gut, wie Angela sich gefühlt haben musste.

"Erzähl ihr davon. Auch wenn sie dich vermutlich nicht hören kann, so wird sie vielleicht spüren, dass jemand bei ihr ist."

"Was ist mit ihren Eltern?"

"Die Polizei kümmert sich darum, dass sie schnellstmöglich informiert werden. Es ist immer gut, wenn Angehörige da sind. Manchmal dauert es allerdings etwas, bis jemand erreicht wird. Angela Cloud lebte offensichtlich allein, denn unter ihrer Anschrift ist nur sie gemeldet. Zumindest wissen wir ihren Namen und einige andere Daten. Das macht es einfacher, Verwandte von ihr zu finden." Samira deutete mit dem Kopf zur Patientin. "Nun stell dich ihr vor. Mich kennt sie schon."

"Hallo, Angela, ich bin Heaven Highwood", wandte Heaven sich daraufhin an die junge Frau im Bett. Dabei lächelte sie und achtete darauf, ihre Stimme freundlich und beherrscht klingen zu lassen. Es war wichtig, Ruhe und Sicherheit zu vermitteln. Das hatte sie schon am Anfang ihrer Ausbildung gelernt. Außerdem war Samira ihr ein großes Vorbild, denn auch in kritischen Situationen strahlte sie Gelassenheit aus. Heaven war davon überzeugt, dass die Patienten so etwas sofort spürten. Mit Sicherheit auch Angela Cloud, obwohl sie nicht die leiseste Reaktion zeigte, dass sie Heavens Anwesenheit überhaupt wahrnahm. Das war kein Wunder, denn ihre Werte waren niederschmetternd. Angela wurde nur noch durch Maschinen am Leben erhalten.

"Du kannst ruhig ein bisschen bei ihr bleiben." Samira legte ihrer Kollegin kurz eine Hand auf den Arm. "Keine Angst, ich bin in Rufweite, und falls sich ihr Zustand verschlechtert, wird sofort Alarm ausgelöst. Bleib einfach bei ihr, und rede ein bisschen mit ihr."

Heaven schaute noch kurz Samira hinterher, als diese davoneilte, dann wandte sie sich wieder der jungen Patientin zu. "Ich weiß gar nicht so recht, was ich dir nun erzählen soll. Über mich sagt man nämlich, dass ich wie ein Wasserfall plappern und kein Ende finden würde. Aber was soll ich machen, wenn mir immer wieder etwas Neues einfällt und ich von einem Thema auf das andere komme und dabei den Überblick verliere? Es passiert mir schon jetzt, wie du vielleicht merkst, und ich wette, wenn du wach wärst, würdest du die Augen verdrehen und genervt seufzen. Oder mich auffordern, endlich die Klappe zu halten."

Sie schwieg kurz und warf einen Blick auf die angezeigten Werte. Nichts hatte sich verändert. Das war gut. Denn durch die Maschinen wurde Angelas kritischer Zustand stabilisiert. Aus einem Tropf floss eine Nährlösung in den Katheter an ihrem Hals.

"Ich bin Krankenschwester im dritten Ausbildungsjahr", fuhr Heaven fort zu berichten, während sie sich einen Hocker heranzog und sich vor das Bett setzte. "Du bist hier übrigens im St. Marys Hospital." Sie nannte ihr den Namen der Oberärztin und beschrieb die anderen Schwestern. Auch wenn Angela nun ihre und Samiras Patientin war, würde sie von anderen Kolleginnen mitbetreut werden.

Als Samira wenig später wieder bei ihr hereinschaute, schwieg Heaven unvermittelt und sah sie fragend an. Gerade eben hatte sie Angela erzählt, dass sich zurzeit ein berühmter junger Sänger in Boston aufhielt und Scharen von Mädchen das Hotel belagerten, in dem er residierte.

"Du machst das ganz toll", lobte Samira sie.

"Danke. Ich habe doch gar nichts gemacht", murmelte Heaven verlegen, denn so ein Lob hatte sie ihrer Meinung nach nicht verdient.

"Doch, das hast du. Du sprichst mit ihr, als könnte sie dich wirklich hören." Sie ging zum Tropf, kontrollierte, wie viel Flüssigkeit er noch enthielt, und warf einen Blick auf die anderen Werte.

"Hilfe", flüsterte in diesem Moment eine Stimme.

Heaven sah auf. "Wobei soll ich helfen?"

"Oh, das kannst du leider noch nicht. Doch guck ruhig zu, was ich tue. So...

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