Eine tadellose Vollstreckung (eBook)

 
 
ars vivendi (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 26. September 2017
  • |
  • 350 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-86913-867-1 (ISBN)
 
Die beiden Cousins Jeremiah und Will werden während des Zweiten Weltkriegs Zeugen, wie ein deutsches Kampfflugzeug über dem Südosten Englands abgeschossen wird und der Pilot schwer verletzt in einem Baum landet. Dieses Ereignis verändert das Leben der beiden für immer - während Jeremiah durch einen Glassplitter ein Auge verliert, beteiligt sich Will am Mord an dem Deutschen. Nicht zuletzt die Erfahrung dieser rohen Lynchjustiz löst in Jeremiah das Bedürfnis aus, Todgeweihten in ihren letzten Lebensmomenten beizustehen: Er bewirbt sich um die Stelle als Henker Ihrer Majestät, um Verurteilte so human wie möglich zu töten. Bis in die Sechzigerjahre übt er diesen Beruf im Geheimen aus und findet für sich eine Balance zwischen Mitgefühl und Gerechtigkeit. Bis ein Mordfall dieses Gleichgewicht ins Wanken bringt und sich eine Kain-und-Abel-Geschichte um Liebe und Tod entspinnt ...
  • Deutsch
  • Cadolzburg
  • |
  • Deutschland
  • 0,77 MB
978-3-86913-867-1 (9783869138671)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Tim Binding wurde 1947 in Deutschland geboren, da sein Vater nach dem Krieg mit der Abwicklung des Krupp-Imperiums betraut worden war. Die Familie wohnte 1946-49 in der Villa Hügel in Essen. Binding hat viele Jahre als Lektor im englischen Verlagswesen gearbeitet, bevor er sich dem Schreiben zuwandte. Er verfasste mehrere Romane und Drehbücher und wurde mit einer Vielzahl von Preisen bedacht. Heute lebt er zusammen mit seiner Familie im südenglischen Kent.

 

ER KAM AUS einer weit verzweigten Familie, in deren Stammbaum zwar keine Rumänen oder Zigeuner vorkamen, die sich aber übers ganze Vale of Aylesbury ausgebreitet hatte, einschließlich der Hügel und der Städte an den Ausläufern. Sein Vater war einer von drei Brüdern, und obwohl alle sesshaft geworden waren und sich ein Heim für Frau und Kinder eingerichtet hatten, flackerte doch in jedem von ihnen ein unruhiges Feuer. Sie waren eine infektiöse Familie, eine, die sich auf unerwartete Weise ins Leben anderer drängte. Saß man in dieser Region bei Tisch, dann waren es Tomaten aus Bembo-Anbau, die es als Beilage zum Pfannengericht gab, und Kartoffeln aus Bembo-Anbau waren es, die das gekochte Rindfleisch einrahmten, und Bembo-Erbsen balancierte man auf seinem Messer. Bei jedem böigen Stadtfest und bei jedem verregneten Reitturnier waren es die von Bembo gemieteten Festzelte, die die Sommerkleider und Gehröcke vor Wind und Regen schützten, und auch die Seile, die diese Schutzvorrichtungen festhielten, kamen von Bembo. Und falls man in einer religiösen Familie lebte, was nur wenige nicht von sich behaupteten, dürfte es mit ziemlicher Sicherheit eine bei Bembo gedruckte Bibel gewesen sein, die die Anrichte schmückte, und ein bei Bembo gedrucktes Gebetbuch, das sonntags im Kirchengestühl vor einem lag.

Obwohl er, noch bevor er sich heimlich zum Vorstellungsgespräch ins Gefängnis nach London stahl, schon viel über ihn gehört hatte, war Jeremiah seinem Großvater nie begegnet. Als er aber jetzt vor ihm stand, sagte ihm der unerbittliche Gesichtsausdruck des Toten, dass er, ungeachtet dessen, was die anderen sagen würden, im Begriff war, das Richtige zu tun. Der Krieg war vorbei, und es war an der Zeit, sein Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen. Das Geschäft mit dem Gemüseanbau lag in Scherben, dafür hatte das Flugzeug gesorgt - dafür und für sein kaputtes linkes Auge. Zwar schien die Lage der Gewächshäuser im Schutz der weiten, flachen Hügel zu Großvaters Zeiten ideal gewesen zu sein, aber als der Krieg kam, hätten sie an keinem ungeschützteren Ort stehen können, denn obwohl der Ort Aylesbury für die Luftwaffe uninteressant gewesen war, hatte man doch drüben in Luton aus dem Vauxhall-Autowerk eine Panzerfabrik gemacht, und wenn die deutschen Flugzeuge ihre Ausweichmanöver geflogen und die Bombenschächte geöffnet hatten, wild entschlossen, ihre Lasten abzuwerfen, schwebten sie schon direkt über den in der Sonne blinkenden Glashäusern. Die Flugzeuge kamen in unbarmherzigen Wellen. Wilfred pflegte zu witzeln, man könnte ja eigentlich zwei Sperrballons mit der Aufschrift aufsteigen lassen: BOMBEN BITTE HIER ABWERFEN. Während des ganzen Jahres schon waren kleinere Teile des Deutschen Reichs vom Himmel gefallen. Wilfred hatte sich das Trumm einer Messerschmitt 110 über die Motorhaube seines Lieferwagens gebunden, und Wills Vater war eines Nachts beim Wildern an der Stelle gestolpert, wo ein deutscher Pilot aufgeschlagen war. Jem war zwar beim Fallenaufstellen dabei, fiel aber, im Gegensatz zu seinem Onkel, nicht in das Loch.

»Der Pilot lag da in der Erde, als würde ihm nichts fehlen, bloß schlaff war er wie eine Stoffpuppe. Wie wenn er durch eine Mangel gedreht worden wäre«, schilderte er es ihnen, »kein heiler Knochen mehr im ganzen Leib. Den hätten wir zusammenfalten und in einem Rot-Kreuz-Paket nach Hause schicken können.«

»Ich wünschte, ich könnte Mister Punch in einem Rot-Kreuz-­Paket fortschicken«, brummte Will. »Ich glaube, dieser Krieg ist ihm zu Kopfe gestiegen. Wie der mich zurzeit verdrischt.«

Ihre italienischen Vorfahren waren fahrendes Volk gewesen, Straßenmusikanten und Quacksalber und Puppenspieler, und Jems Vater Reuben verfiel, wenn er richtig auf Touren kam, noch immer ins Idiom seiner Ahnen. Ihr Großvater, der Große Bembo, hatte es in den Tagen von Charles Dickens zu einer Berühmtheit gebracht. Cruikshank hatte ihn gezeichnet, Mayhew hatte über ihn geschrieben, während sich der Prince of Wales seine Darbietungen bei einer Privatvorführung unten in Brighton mit gleichgültiger und unkonzentrierter Miene angesehen hatte. Er war ein Showman gewesen, ein Puppenspieler, und selbst sein ältester Sohn, der inzwischen den religiösen Buchladen in London führte und das Treiben seiner jüngeren Brüder verachtete, musste zugeben, dass sie alle das Bedürfnis in sich hatten, sich gegenüber der Welt zu erklären, vor Publikum aufzutreten und irgendetwas zum Besten zu geben. Und so saß der Große Bembo höchstpersönlich im Buchladen auf der obersten Treppenstufe, für die Nachwelt ausgestopft wie sein Zeitgenosse Jeremy Bentham, in der Haltung des unnachsichtigen Mahners erstarrt, und sah herab auf alle, die durch die Tür traten. Reglos saß er jetzt da, doch zu seiner Zeit hatte er ganz England der Länge und Breite nach durchwandert und hatte seinen Handwagen vor sich hergeschoben, in dem seine Trompete, sein swazzle - eine Art Zungenpfeife zur Stimmenverfremdung - und der hinterhältige Kasper Mister Punch lagen. Mr Charles Darwin hatte dessen Leben verändert, Mr Darwin, dieser spitzzüngige Teufel. Nichts, was Mister Punch jemals getan hatte, reichte auch nur im Mindesten an dessen Verderbtheit heran. Hätte Mister Punch diesen Mr Darwin zu fassen gekriegt, hätte er ihn quer durch die Stadt geprügelt und ihn Jack Ketch, dem Henker, als jemanden präsentiert, der es weitaus eher verdient gehabt hätte, dass man seinen Hals durch die Schlinge steckte. Allerdings war es in Wahrheit so, dass Mister Punch als Verteidiger des christlichen Glaubens eher ungeeignet war. Folglich konzipierte sein Gebieter ein neues Programm für sein Wandertheater, mit Laterna magica und Predigern und Vertretern der alten Naturwissenschaften, mit sieben lebenden Affen und drei tanzenden Zwergen sowie, in einer Sonderschau, mit konservierten Embryos, Schrumpfköpfen und gedörrten Affenfüßen, all das spektakulär angekündigt von einer einzigen kleinen Trommel, die die Getreuen zu den Fahnen und zum Kampf gegen den Feind rief. Doch braucht man für derartige Dauerschlachten einen regelmäßigen Nachschub an Munition, weshalb der Große Bembo Auszüge aus der Bibel drucken ließ, die er an das herbeiströmende neugierige Publikum verteilte. Dazu verfasste er Pamphlete, die sein Ältester in der Pause verkaufte, und setzte seine Frau hinter einen buntgestreiften Marktstand, wo sie die Menge beim Nachhausegehen animierte, ihre geschmückten Kruzifixe und bestickten Gebetsteppiche zu kaufen. Er war Teil eines großen Kreuzzuges zur Verteidigung einer Institution, die in der Vergangenheit nichts anderes getan hatte, als Bembo öffentlich zu schmähen, und die nun ewig dankbar war für den unternehmerischen Sachverstand, den er in ihre Dienste stellte. Er genoss die Ironie dieser Situation in vollen Zügen und schöpfte Kraft aus ihr. Er war nun ein Mann Gottes, von Mutter Kirche fest an die Brust gedrückt, doch im Herzen blieb er ein Vagabund mit einem geschulten Blick für den schnellen Profit. Man konnte Geld verdienen und zugleich Seelen retten, und da er einen festen Stützpunkt brauchte, von dem aus er seine Truppe organisierte, suchte er sich Räumlichkeiten in einer der Gassen hinter Covent Garden, machte daraus einen Laden und ließ über dem Vordach seinen Namen an die Fassade malen. Das Angebot war ausgerichtet auf göttliche und kirchliche Artefakte, und er begann zunächst mit dem Verkauf von Pamphleten und Bibeln und Bienenwachskerzen. Weil er aber ein Talent für Publicity hatte, dauerte es nicht lange, bis Bembo's in London zum Markenzeichen geworden war. Bei Bembo's war es, wo in einem Kohlebecken vor dem Laden mehrere Exemplare von Darwins Buch verbrannt wurden. Alle Männer und Frauen, die einen Beitrag zu dieser Bücherverbrennung leisteten, durften eine Bibel mit nach Hause nehmen, auf deren Vorsatzblatt der Ladenbesitzer mit seiner weit ausholenden, schwungvollen Handschrift den jeweiligen Namen schrieb. Das Feuer brannte ein halbes Jahr lang. Der Große Bembo war es, den man in den Straßen Londons antraf, wo er Kopien seiner Traktate verteilte, dessen populärstes betitelt war: Der Mensch und sein Garten: Warum Hunde kein Gemüse fressen. Dieser Text war sein finales Vermächtnis, denn als er das Umherziehen leid geworden war und aus London fortwollte, verlegte er sich ein paar Jahre vor dem Ersten Weltkrieg auf den Anbau von Gemüse im Vale of Aylesbury, eingedenk seines Heimatlandes, das er nie gesehen hatte. Drei Söhne hatte er inzwischen, von denen sich nach und nach jeder auf seine eigene Weise beim Vater ansteckte. Der Älteste drehte den anderen eine lange Nase und kehrte nach London zurück, vergrößerte die Buchhandlung und wurde Zulieferer der Kirche für alle klerikalen Artikel. Die beiden anderen blieben beim Vater. Der Jüngste, Jeremiahs Onkel, wandelte das Wandertheater in ein stationäres Unternehmen um, indem er Zirkus- und Festzelte vermietete; gleichzeitig wiederbelebte er die Punch and Judy Show seines Vaters, mit der er, wenn es ihm möglich war, auf Reisen ging. Jeremiahs Vater, der mittlere der drei Söhne, übernahm Gärtnerei und Hofladen, erhöhte die Anzahl der Gewächshäuser und führte seinen Sohn in die Herrlichkeiten des Gemüseanbaus ein. Jeremiah liebte den Boden und die Erde. Er wusste, dass alles, was er je zum Leben benötigen würde, rings um ihn herum vorhanden war. Es gab keinen Grund, dafür in die Ferne zu schweifen. Doch genau wie sein Cousin hatte auch er eine ruhelose Ader, die wie eine träge Strömung von Zeit zu Zeit an die Oberfläche trat und sich fordernd bemerkbar machte.

»Die Ader haben wir alle«, pflegte Wills Vater Silas zu sagen, »sogar dein Onkel Jonas. Sobald du zum Mann geworden bist, setzt sich die Bembonatur durch. Das...

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