Wie der Vater, so der Tod

Thriller
 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 16. Februar 2015
  • |
  • 288 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-98202-3 (ISBN)
 
Verzweifelt wartet die 16-jährige Sara am vereinbarten Treffpunkt auf ihre Mutter. Es sollte der Start in ein neues Leben werden, weit weg von ihrem gewalttätigen Vater, der seit dem Selbstmord ihres Bruders mehr und mehr den Bezug zur Realität verliert. Aber Sara wartet vergebens - ihre Mutter taucht nicht auf. Zu gerne würde sie ihrem Vater glauben, der behauptet, sie musste überraschend geschäftlich verreisen. Doch Sara ahnt, dass die Wahrheit anders aussieht. Sie beschleicht der schreckliche Verdacht, dass ihr Vater mit dem Verschwinden ihrer Mutter etwas zu tun haben könnte. Die neue Liebe zu ihrem Mitschüler Alex gibt ihr die Kraft, sich der Realität zu stellen. Doch ihre Ermittlungen bringen sie in Lebensgefahr ...
  • Deutsch
  • Munich
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  • Deutschland
Piper ebooks in Piper Verlag
  • 1,21 MB
978-3-492-98202-3 (9783492982023)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Tracy Bilen studierte an der Sorbonne in Paris und ist heute Französisch- und Spanischlehrerin an einer High School in Michigan. Dort lebt sie mit ihrem Mann und zwei Kindern. "Wie der Vater so der Tod" ist ihr erster Roman.

1


Montag


Ich habe manchmal diesen Traum, dass ich in einer riesigen Schüssel Haferbrei ertrinke. So fühle ich mich bei uns zu Hause. In der Schule ist es anders. Ich hänge mit Zach rum, knabbere während des Unterrichts Ritz-Bits-Cracker und lese in Geschichte Horrorromane. Ich mag Horror, weil er mein Leben in die richtige Perspektive rückt. Ich meine, wenigstens werde ich nicht von Killerbienen verfolgt, und niemand will mir den Arm abhacken.

In der ersten Stunde haben wir Musik. Derzeit ist Marschsaison, und das nervt, weil sich alles um Football dreht. Ich hasse Football. Meistens stecke ich mir eine Ausgabe von Soap Opera Digest unter die Uniform, damit ich zwischen der Marschiererei vor dem Spiel und der Halbzeitshow was zu lesen habe.

Was ich wirklich mag, ist die Konzertsaison. Dann kann ich meine große, klobige, gewöhnliche Klarinette gegen die Es-Klarinette eintauschen. Matt - das ist mein Bruder - nannte sie »geschrumpfte Klarinette«, als hätte ich sie zu lange im Trockner liegen gelassen.

Ich spiele meine geschrumpfte Klarinette im Wohnzimmer und versuche, das Gefühl des Haferbreitraums zu vertreiben, als meine Mom hereinkommt und dicht neben mir stehen bleibt. »Wir müssen gehen, Sara«, flüstert sie, obwohl mein Dad gar nicht da ist. Sie weint nicht. Sie ist ruhig. Ruhig und sachlich. Als ob sie mich fragen würde, ob ich Mayo oder Senf auf mein Sandwich wollte.

Ich weiß, es wird Zeit zu gehen. Ich weiß es schon seit einer ganzen Weile.

»Du musst mich für dumm halten, dass ich uns nicht schon längst von hier weggebracht habe.«

»Schon gut«, sage ich und drehe meinen Pferdeschwanz so, wie man den Wasserhahn dreht, wenn einen der Schlauch nass spritzt. Das mache ich, wenn ich nervös bin. Oder wenn ich lüge. Oder beides. »Ich hole meine Sachen.« Ich öffne den Koffer und lege die Klarinette hinein.

»Wir brechen morgen Mittag auf. Ich hole dich beim Dairy Dream ab.«

Morgen? Wenn man sich zu etwas entschließt, sollte man es sofort tun. Andernfalls überlegt man es sich vielleicht anders. Das gilt besonders für meine Mutter.

»Pack nicht viel ein. Nur eine Reisetasche.«

Eine Reisetasche? Wie soll ich mein ganzes Leben in eine Reisetasche packen?

»Schieb sie unters Bett! Ich bringe sie mit, wenn ich dich abhole.«

Das ist alles? Das ist Moms Plan?

»Beeil dich! Bevor er nach Hause kommt.«

Auf die Plätze, fertig .

»Wir müssen vorsichtig sein, Sara. Dein Vater hat gesagt .«

»Können wir später reden? Zum Beispiel morgen im Wagen?« Ich weiß, was sie mir sagen will. Sie vergisst, dass ich dabei war.

Wir waren im Wohnzimmer. Dad las in einem Buch über die Geschichte der Kinderlähmung. Er liest immer Sachbücher. Ich saß am Klavier, spielte nach Gehör ein Lied mit dem Titel Wildfire und versuchte mich an den Text zu erinnern. Meine Mutter wischte Staub. Dabei stieß sie ein Buch vom Regal, und es fiel mit lautem Knall zu Boden. Es klang fast wie ein Schuss.

»Was Matt getan hat, ist deine Schuld«, sagte mein Dad und schlug das Buch zu. »Vergiss das nie!«

Ich hörte auf zu spielen. Noch vor meinem nächsten Atemzug war er durchs Zimmer, packte Mom an der Kehle und stieß sie mit dem Kopf gegen die Wand. Bamm!

Meine Mutter wehrte sich nicht. Das machte sie nie. Das Schlimmste ist: Sie sah nicht einmal ängstlich aus, nur leer.

Ich gaffte, wie immer. Ein Baum im versteinerten Wald. Ich sah auf meine Hände und Füße hinab und befahl ihnen, sich zu bewegen, aber sie wollten nichts davon wissen. Bitte, lass sie nicht sterben! Bitte, Matt, sag Gott, er soll sie am Leben lassen!

»Denk ja nicht daran abzuhauen!«

Bamm. Noch einmal die Wand. »Hörst du? Denk nicht einmal daran. Ich will nicht, dass die Leute sagen: >Kennst du diesen Ray? Hast du gehört, was sein Sohn getan hat? Tja, seine Frau ist ebenfalls gegangen.<«

Lass sie los, lass sie los!, rief die Stimme in mir, aber mein Mund blieb geschlossen, und deshalb konnten die Worte nicht entkommen.

Dad schloss eine Hand um Moms Kinn und zwang sie, ihn anzusehen. »Ich werde dich finden«, flüsterte er. »Garantiert.«

Er ließ sie los und nahm die Freiheitsstatue - Erinnerung an einen lange zurückliegenden Urlaub - aus dem Regal. Dicht neben Moms Gesicht warf er sie gegen die Wand, und sie zerbrach.

Später sammelte ich die großen Bruchstücke ein und erledigte den Rest mit dem Staubsauger. Dad lächelte, als wäre überhaupt nichts geschehen. »Danke, Sara. Du weißt immer das Richtige zu tun, ohne dass man dich darum bittet.«

Ich versuche, jenen Tag zu vergessen, als ich durch den Flur zu meinem Zimmer laufe. Dort hole ich die Reisetasche aus dem Schrank. Sie ist rot und schwarz und trägt das Logo einer Zigarettenmarke. Mein Vater raucht so viele Zigaretten, dass er in einem Prämienprogramm ist. Unser ganzes Haus riecht nach Zigaretten, aber wenn man ein paar Minuten drinnen ist, fällt es nicht mehr auf. In einigen Tagen lebe ich an einem Ort ohne diesen Geruch.

Ich öffne die Reisetasche und lege Sam hinein, meinen Plüschhund. Sam hat ein braunes Fell und auf dem Rücken einen schwarzen Flicken, groß wie eine Dosenschildkröte. Außerdem hat er ein Loch im Hals, aber das Füllmaterial ist so gut, dass es nicht herausquillt. Ich weiß, es ist dumm, Sam mitzunehmen. Mit sechzehn sollte man ohne Plüschtier auskommen. Aber mir fällt das Einschlafen schwer, wenn ich ihn nicht in den Armen halte.

Nach Sam kommt meine geschrumpfte Klarinette in die Tasche. Eigentlich ist es gar nicht meine - sie gehört der Schule -, aber ich kann sie nicht zurücklassen. Sie sieht nicht nur gut aus, ich kann auch erstaunlich hohe Töne darauf spielen. Irgendwie werde ich eine Möglichkeit finden, sie zu bezahlen. Ich brauche sie, damit ich nicht dauernd an meinen Vater denke und uns beide, Mom und mich, ins Leben in der Haferbreischüssel zurückbefördere.

Anschließend packe ich das Übliche ein: Unterwäsche, Socken, Jeans, T-Shirts. Ich füge einige funkelnde silberne Schmetterlingclips hinzu, außerdem mein Reines-Blond-Shampoo plus Spülung, denn mein Haar ist noch immer einigermaßen blond, und ich möchte unbedingt, dass es so bleibt. Die Blondheit verbindet mich mit meinem Bruder und mit meiner Mutter. Mein Vater hat braunes Haar, und ihm will ich auf keinen Fall ähneln.

Soll ich auch Wintersachen einpacken? Ich lege mein Eastern-Michigan-Sweatshirt in die Tasche, nehme es dann wieder heraus und wähle etwas Neutraleres. Warum so deutlich darauf hinweisen, woher wir kommen? Mom und ich wollen in unserer neuen Stadt nicht auffallen.

Da ich nur eine Reisetasche packen soll, will meine Mutter uns vermutlich neue Sachen besorgen. Aber wie? Hat sie Geld im Kühlschrank versteckt, neben den Waffeln, die mein Vater nie anrührt? Die einzige Kreditkarte, die sie jemals benutzt hat, ist die mit Micky Maus drauf: nicht weil wir irgendwann vorhaben, Disneyland zu besuchen, sondern weil es eine Null-Zinsen-Karte ist und mein Vater damit ein neues Kanu gekauft hat. Es ist ein gemeinsames Konto. Hat Mom eine Kreditkarte auf ihren eigenen Namen?

Was noch wichtiger ist: Weiß sie, was sie tut? Ich meine, im Umkreis von fünfzig Meilen gibt es keine Buchhandlung mit Ratgebern, wie man einen Ex-Cop-Ehemann verlässt, ohne dass alle in Scottsfield es herausfinden - der Ehemann eingeschlossen. Scottsfield ist tiefste Provinz, tiefer geht's nicht, was bedeutet: Alle wissen alles über jeden, bis auf das wirklich Wichtige. Vielleicht hat Mom bei der Arbeit im Internet recherchiert. Ich versuche, optimistisch zu sein.

Ich gehe zu meinem Schreibtisch, nehme das Fotoalbum und schlage die erste Seite auf. Da sind wir: Mom, Dad und Matt vor der Freiheitsstatue. Selbst mein Vater lächelt. Ich schließe das Album und lege es in die Reisetasche.

Zahnbürste! Ich wusste, dass ich etwas vergesse. Ich habe sie fast schon weggepackt, als mir einfällt, dass ich sie an diesem Abend noch brauche. Und morgen früh. Warum warten wir bis morgen? Wir sollten sofort aufbrechen. Wie sollen wir das Abendessen mit Dad schaffen?

Eine Wagentür fällt zu. Er ist zu Hause. Meine Hände zittern so, als würde ich ein Solo bei einem Konzert spielen. Ich drehe die Turnschuhe hin und her, stopfe sie dann zu den anderen Sachen, ziehe den Reißverschluss zu und will die Reisetasche unters Bett schieben. Aber sie ist zu groß und klemmt.

Schlüssel klirren in der Küche. Ich ziehe die Turnschuhe aus der Tasche und zerre an dem Reißverschluss, doch eine Socke verfängt sich darin. Halt dich nicht damit auf, das Ding zuzumachen! Ich trete die Reisetasche unters Bett.

»Hallo? Wo seid ihr alle?« Die Schritte meines Vaters kommen näher.

Ist Moms Tasche gepackt und unter dem Bett versteckt, oder hat sie alles im Zimmer verstreut? Ich tippe eher darauf, dass überall was rumliegt. Seit Matts Tod hat meine Mutter mit Aufräumen und dergleichen nicht mehr viel im Sinn. Durcheinander und Chaos liegen ihr mehr, was vermutlich widerspiegelt, wie wir alle empfinden. Leider bedeutet es auch, dass ich beim Saubermachen einspringen muss. Mein Vater verlangt, dass in der Küche keine Teller auf der Arbeitsplatte stehen, im Wohnzimmer keine Zeitschriften auf...

»Ein Buch, nicht nur für Jugendliche, das schonungslos aufzeigt, wohin Intoleranz und Gewalt in einer Familie führen können. Spannend und authentisch.«, Fränkische Nachrichten, 25.01.2014
 
»Bilen erzählt konsequent aus der Sicht einer Halbwüchsigen und ist dabei auch sprachlich überzeugend. Der Roman ist zwar auf einen Teenager fokussiert, aber genauso relevant für Erwachsene. Gewalt in der Familie kennt kein Alter.«, Der Standard, 31.08.2013
 
»So konsequent die Handlung vorangetrieben wird, so dramatisch ist auch der Showdown. Ein Pageturner par excellence.«, EselsOhr

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