Schamlos

 
 
Gabriel Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 11. Februar 2019
  • |
  • 168 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-522-63065-8 (ISBN)
 
Für Mädchen ab 12 Jahren. Und für alle Interessierten und Toleranten, die sich mit anderen Kulturen beschäftigen wollen.

Drei junge Frauen - Muslimas, Bloggerinnen, Feministinnen - beziehen Position: Wie fühlt es sich an, ständig zwischen den Erwartungen ihrer Familien, ihrer kulturellen Identität und ihrem Selbstverständnis, als Jugendliche in einem westlichen Land zu leben, hin- und hergerissen zu sein? Sie haben Diskussionen angeregt, Tabu-Themen öffentlich gemacht und zahlreiche sehr persönliche Geschichten gesammelt. Dabei ist ein bemerkenswertes Buch entstanden, ein mutiges Buch.

Dieses Buch ist ein Plädoyer für eine multikulturelle Gesellschaft!
  • Deutsch
  • Stuttgart
  • |
  • Deutschland
Gabriel in der Thienemann-Esslinger Verlag GmbH
  • 14,94 MB
978-3-522-63065-8 (9783522630658)
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Was wir meinen, wenn wir von sozialer Kontrolle sprechen

Sofia: Der Begriff soziale Kontrolle ist sehr vage, finde ich, mit all den kleinen und großen Kontrollmaßnahmen.

Amina: Schließlich braucht man soziale Kontrolle in einer funktionierenden Gesellschaft. Es muss nur unbedingt klar sein, dass es uns spezifisch um negative soziale Kontrolle geht, die Unkultur, sozusagen. Es ist nicht unser Anliegen, dass bei der Bezeichnung soziale Kontrolle automatisch das »negativ« mitgedacht wird.

S: Nein. Grenzen durch positive soziale Kontrolle sind okay, also alles, was gesetzlich geregelt ist, unser Rechtssystem. Wir meinen mit negativer sozialer Kontrolle, wenn die in einem bestimmten Milieu gelebten und akzeptierten Normen und ungeschriebenen Gesetze über dein Leben bestimmen, obgleich sie gegen die Menschenrechte verstoßen.

Gegen die Menschenrechte, das hier geltende Gesetz, die Kinderrechtskonvention und so weiter. Wenn es darum geht, einen Menschen daran zu hindern, sich auf eine Weise zu entwickeln, auf die jeder Mensch ein Recht hat: durch eigene Entscheidungen, Selbstbestimmung, Wahlfreiheit, Bewegungsfreiheit, alle diese Freiheiten. Das ist Freiheitsbegrenzung.

Nancy: Man wird sozusagen auf individueller Ebene kontrolliert und eingeschränkt.

S: Ich finde das eher kollektivistisch.

N: Ja, aber es trifft immer auch Einzelpersonen.

A: Stimmt.

S: Wir müssen versuchen, es genauer zu definieren, damit soziale Kontrolle ein konkreterer Begriff wird. Beispiele geben, Details.

N: Nuancierung ist auch wichtig, in diesem Buch und in der Debatte. Ich finde nämlich . Zwangsheirat und Genitalverstümmelung sind natürlich sehr ernste und schwierige Themen, aber sie sind von außen betrachtet viel deutlicher als Unrecht zu erkennen, als die »sanfteren« Formen von Sozialkontrolle, das konstante Zurechtweisen und die ständigen Vorgaben, wie man sich zu benehmen hat, die einem das Gefühl geben, nicht man selbst sein zu dürfen. Beides ist eine Form negativer sozialer Kontrolle. Und beides kann den kaputt machen, der sie erlebt.

A: Ja, weil die kleinen mit den großen Dingen zusammenhängen! Sie alle haben das gemeinsame Ziel, dir dein Selbstbestimmungsrecht zu nehmen. Wenn dir immer wieder vorgebetet wird, wie du zu sein hast, bleibt kein Raum für dich, selber herauszufinden, wer du bist. Wenn jemand dich für eine Umerziehung an einen anderen Ort schickt, ist kein Platz für Protest.

S: Sanfter sind diese Formen der Kontrolle eigentlich nicht, nur anders, weil nicht so offensichtlich. Und oft ist die extreme Kontrolle nur die soziale Sanktionsmaßnahme für die Nichtbefolgung der anderen, sanfteren Regeln.

N: Genau!

A: Ich hab alles erlebt, von den kleinen bis zu den großen Dingen. Das, was sich in allem wiederholt, ist, dass ich als ich nicht genüge.

S: Dann wäre noch wichtig zu unterstreichen, dass wir im Großen und Ganzen von einer Form der negativen sozialen Kontrolle aus einer Ehrenperspektive reden. Die meisten Mädchen kennen die Stigmatisierung aus eigener Erfahrung, die unnatürliche Schamzuweisung. Das ist schlimm genug.

N: Mit der Ehre kommt eine ganz neue Dimension dazu.

S: Der Ehrenkodex ist noch viel systematischer, komplexer und kulturell. Du trägst Ehre in dir, und wenn du Schande über diese Ehre bringst . dann geht es nicht mehr nur um deine Ehre, sondern um die Familienehre, du ziehst schlicht und ergreifend die ganze Familie in den Dreck. Wegen einer in ihren Augen falschen Wahl, die du getroffen oder weil du etwas Verbotenes getan hast. Das reicht von Untreue bis Vergewaltigung. Mit Spezialbegriffen wie »Ehre« und »Schande« stigmatisieren wir unsere Milieus, diese Konzepte gibt es überall, und wir müssen klarstellen, dass einige Angehörige unserer Kultur sie missbrauchen, um andere Menschen zu kontrollieren, besonders Mädchen. Und es ist ja nicht so, dass wir darauf aus sind .

N: Wir reden nicht öffentlich über diese Dinge, um unsere eigene Kultur zu kritisieren und an den Pranger zu stellen. Aber wir lehnen uns gegen das auf, was wir als Unkultur in dieser Kultur erleben. Wir sprechen offen darüber, weil wir der Meinung sind, dass wir uns nicht für ein »Entweder- oder« entscheiden müssen. Ich glaube an ein »Sowohl-als-auch«. Für mich ist es wichtig, offen über diese Dinge reden zu können und zugleich stolz auf meinen multikulturellen Hintergrund und die Kultur meiner Eltern zu sein. Ich begreif nicht, wieso manche Menschen das für einen Widerspruch halten.

A: In unseren Gesprächen . Wir fordern niemanden auf, aus seiner Familie oder seinem Umfeld auszubrechen, das ist uns ganz wichtig. Weil offenbar einige Menschen denken, wir hätten mit unseren Familien, mit unserer Religion gebrochen.

N: Aber das haben wir nicht.

A: Nein, ganz und gar nicht. Wir raten niemandem dazu, auszubrechen. Wir suchen nur einen Weg aus dem Dilemma, eine mögliche Lösung.

S: Wir wollen die Haltungen herausfordern, die die Leute aus ihrer Heimat mitbringen, dass alle Menschen in die gleiche Form passen sollen, Haltungen, von denen sie sich nicht trennen wollen oder können, weil es das einzig Sichere ist, das System, das man kennt. Aber es muss ganz dringend unterstrichen werden, dass Freiheit individuell ist. Ein konservatives Leben ist nicht notwendigerweise das Resultat sozialer Kontrolle. Viele religiöse Menschen entscheiden sich aus freien Stücken für ihren Glauben und sind glücklich damit. Es geht darum, die Alternativen zu kennen und seinen eigenen Weg wählen zu können, ohne verurteilt zu werden. Das gilt in beide Richtungen. Wir müssen einander mehr Freiheiten lassen.

A: Wir müssen das eigentliche System und die patriarchalischen Strukturen herausfordern. Die sind überall.

S: Der Stillstand in unseren Gemeinschaften und Lebensräumen frustriert mich unsäglich, das muss ich zugeben, wir haben es noch nicht sehr weit geschafft. Obwohl immer mehr darüber geredet wird und eine immer größere Öffnung diesen Themen gegenüber besteht, wird es immer die geben, die irgendwelche Probleme verleugnen. Das kann ich nicht akzeptieren. Das provoziert mich. Maßlos.

N: Ich glaube auch nicht, dass Ausbruch eine geeignete Lösung ist. Das wäre dann wieder ein Extrem. Es muss doch möglich sein, einen Mittelweg zu finden.

S: Ich sehe schon die Notwendigkeit, aus den extremen Situationen auszubrechen. Aber es geht um das Maß an sozialer Kontrolle. Viele Verhaltensweisen enden in extremer Kontrolle, und da müssen wir eingreifen. Wir müssen mehr Prävention leisten. Daran arbeiten, dass Mädchen gar nicht erst in Situationen geraten, aus denen sie ausbrechen müssen, wie Zwangsheirat oder Genitalverstümmelung, Jungfrauenprobe oder andere unwürdige Dinge.

N: Du meinst damit aber nicht, dass die Mädchen selbst dafür verantwortlich sind, nicht in solche Situationen zu geraten?

S: Nein, das ist unsere Aufgabe, dass ihnen das nicht passiert. Mit uns meine ich die Gesellschaft. Und die Politiker müssen sich darum kümmern und mehr in Prävention investieren, konkrete Maßnahmen schlicht und ergreifend.

A: Aber ich wünsche mir auch, dass Kinder und Jugendliche zu Hause das Gespräch suchen und so die ersten Schritte tun. Der Dialog mit der älteren Generation ist in meinen Augen sehr wichtig.

N: Aber dafür müssen sie wissen, dass sie das in einem sicheren Rahmen tun können, dass sie keinen Stress befürchten müssen, weil sie das Gespräch suchen. Das ist wichtig. Ich hoffe jedenfalls, dass wir mit unserer Debatte für sicherere Rahmenbedingungen für diejenigen sorgen können, die diesen Kampf aufnehmen wollen, zu Hause und draußen. Und dass wir damit noch viel mehr Menschen zu kleinen Veränderungen in ihrem Leben inspirieren können.

A: Eine der unschönen Konsequenzen von dem, was wir tun, ist, dass manche Eltern uns als abschreckendes Beispiel heranziehen, wie ihre Kinder auf keinen Fall werden sollen. Das verschlechtert die Position der Mädchen und macht es noch schwieriger, das Gespräch zu eröffnen.

N: Es geht ja auch nicht darum, dass sie wie wir werden oder unsere persönlichen Entscheidungen übernehmen sollen. Ich möchte mit all dem hier dazu beitragen, dass junge Menschen nach und nach lernen, ihren Radius und ihre Grenzen zu erweitern. Solche Veränderungen passieren nicht über Nacht, aber sie führen vielleicht dazu, dass du mit 21, 22 oder 25 endlich mündig bist und selbst über dein Leben bestimmen kannst.

S: Ich hoffe auch, dass wir zu einem besseren Verhältnis zwischen Kindern und Eltern beitragen können, zu größerem Vertrauen und größerer Offenheit. Zu mehr Sicherheit in der Familie, damit Jugendliche das Gefühl haben, ihre Probleme zu Hause offen ansprechen zu können. Wenn ein Kind etwas getan hat, das als Sünde gilt, oder . Ich finde es furchtbar, dass menschliche >Verstöße< mit Sünde gleichgesetzt werden. Das Gefühl, am laufenden Band Sünden zu begehen, obwohl du eigentlich ganz normale Dinge tust, ganz normale Fehler machst, ist unendlich belastend. Ich wünsche mir, dass Kinder mit ihren Eltern...

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