Mittelreich

Roman
 
 
Suhrkamp Verlag AG
  • 2. Auflage
  • |
  • erschienen am 21. September 2011
  • |
  • 392 Seiten
 
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978-3-518-76030-7 (ISBN)
 
Im Ersten Weltkrieg zerschlägt eine feindliche Kugel zuerst den Stahlhelm und dann den Schädel des ältesten Sohnes vom Seewirt. Also muß sein jüngerer Bruder Pankraz das väterliche Erbe antreten. Der überlebt zwar den zweiten großen Krieg, wäre aber trotzdem lieber Künstler als Bauer und Gastwirt geworden. Da braucht es schon einen Jahrhundertsturm, der droht, Haus und Hof in den See zu blasen, damit aus Pankraz doch noch ein brauchbarer Unternehmer und Familienvater wird. Aber als der eigene Sohn ihn später anfleht, ihm die Erziehung im katholischen Internat zu ersparen, versteht er ihn nicht. Zu sehr ist man in diesen Zeiten mit anderem beschäftigt: das Vergangene vergangen sein zu lassen und die Geschäftsbedingungen der neuen Gegenwart zu studieren. Eine Seewirtschaft in Bayern, bizarre Gäste und eine Familie über drei Generationen, heillos verstrickt ins ungeliebte Erbe. Josef Bierbichler, der große Menschendarsteller des deutschen Theaters und Films, erzählt hundert Jahre Deutschland. Ein Epos über Krieg und Zerstörung, alte Macht und neuen Wohlstand, über die vermeintlich fetten Jahre.

Josef Bierbichler wurde 1948 am Starnberger See geboren. Seit Anfang der siebziger Jahre ist er als Theaterschauspieler auf allen großen Bühnen in Deutschland, Österreich und der Schweiz präsent. Für den Film arbeitete er mit Regisseuren wie Werner Herzog (Herz aus Glas), Herbert Achternbusch (Servus Bayern, Heilt Hitler!), Tom Tykwer (Die tödliche Maria) und Michael Haneke (Das weiße Band) zusammen. Er lebt am Starnberger See.

  • Deutsch
  • 1,60 MB
978-3-518-76030-7 (9783518760307)
3518760300 (3518760300)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Josef Bierbichler wurde 1948 am Starnberger See geboren. Seit Anfang der siebziger Jahre ist er als Theaterschauspieler auf allen großen Bühnen in Deutschland, Österreich und der Schweiz präsent. Für den Film arbeitete er mit Regisseuren wie Werner Herzog (Herz aus Glas), Herbert Achternbusch (Servus Bayern, Heilt Hitler!), Tom Tykwer (Die tödliche Maria) und Michael Haneke (Das weiße Band) zusammen. Er lebt am Starnberger See.

 

 

Es war ein heißer Sommersonntag im Juli, als der Seewirt dem Viktor an den Katzentisch im schattigen und kühlen Hausgang des Seewirtshauses eine Halbe Bier hinstellte und dazu sagte: So, das geht jetzt mal auf mich, Herr Hanusch.

Der Viktor hatte als Angestellter des Gärtners Jäger eine Kiste voll Blaukraut nachgeliefert, nachdem der Vorrat für das Wochenende wegen einer unerwartet hohen Nachfrage nach Schweinebraten noch während der Mittagszeit schon wieder ausgegangen war – infolge eines grob irreführenden Wetterberichts im Radio, der für diesen Sonntag Regen vorausgesagt, der Tag jedoch prächtigen Sonnenschein und Gäste in rauen Mengen gebracht hatte. Der Seewirt hatte dem Viktor eigenhändig eingeschenkt und, wie schon gesagt, selbst serviert. Dann setzte er sich ihm gegenüber.

Gefällt Ihnen denn Ihre Arbeit beim Jäger?, fing er das Gespräch an. Die ruhige Art des Viktor und sein gesittetes Auftreten, verbunden mit einer – zumindest in dieser dörflichen Umgebung so erscheinenden – Weltläufigkeit, hatten es dem Seewirt angetan, und er konnte sich gut vorstellen, diesen Mann an sein Haus zu binden und ihm Arbeiten anzuvertrauen, für die andere weniger geeignet waren, weil sie zwar zugreifen, aber nicht unbedingt mitdenken konnten.

Nu ja, rückte Viktor nach langem Überlegen heraus, ob das nun wichtig ist, dass einem eine Arbeit gefällt oder nicht, das weiß ich jetzt auch nicht. Wichtig aber ist, dass man überhaupt Arbeit hat. Man muss ja über die Runden kommen, irgendwie, nicht?

Da haben Sie allerdings recht, antwortete der Seewirt, sehr recht sogar. Aber wenn man schon so viel Glück hat, überhaupt eine Arbeit zu haben, dann ist es doch kommoder, wenn einem diese Arbeit auch noch gefällt. Oder meinen Sie nicht?

Kommoder?

Viktor, der vor einem Dreivierteljahr erst angekommen war, wusste die Leute hier noch nicht so richtig einzuschätzen. Ihm war sofort klar, als er die ersten Kontakte knüpfte, oder genauer gesagt: als die ersten Verbindungen durch die Besatzungsverwaltung hergestellt waren, dass hier einiges anders lief als da, wo er herkam. Und da er instinktiv wusste, dass er hier so schnell nicht mehr wegkommen würde, und schon gar nicht dahin, woher er gekommen war, musste jede Antwort gut überlegt sein, damit sie nicht nach hinten losginge. Das wusste er. Und wer wusste schon, was der Frager da ihm gegenüber im Schilde führte, als er ihn so fragte.

Kommod! Hm? – Ihm war die Mentalität der Leute hier noch ziemlich fremd, er konnte das alles nur schätzen, was da ablief, aber noch nicht einschätzen. Also war er vorsichtig.

Ich denke es so, sagte er, Arbeit ist Arbeit, man darf da nicht wählerisch sein. Hauptsache man hat sie, sagte er.

Aber was man hat, ist doch nicht immer auch gleich das, was man will, erwiderte der Seewirt, und war schon im Voraus begeistert über die Gerissenheit seines folgenden Gedankens: Macht es nicht einen Unterschied, ob man zum Beispiel Kartoffeln anbauen und ernten muss – oder ob man sie ihrer Bestimmung zuführt, indem man sie zubereitet für eine Mahlzeit?

Nu ja, sagte Viktor ...

Ich sag Ihnen was, fiel ihm aber der Wirt gleich wieder ins Wort und war jetzt nicht mehr zu bremsen, ich arbeite lieber auf dem Feld als in der Küche. Aber auch ich kann es mir nicht immer aussuchen. Ich bin Bauer und Wirt. Da muss ich beides können, und deshalb muss ich es irgendwie auch wollen. Also stellt sich die Frage bei mir gar nicht, ob ich etwas will: Da ich es habe, muss ich es wollen. Und da ich es wollen muss, muss ich es auch können. Aus-Äpfel. Das ist das Diktat des Besitzes. Und damit ist es mein Los. Mein Los ist der Besitz. Mich zwingt die Verantwortung für den Besitz ungefragt in ihren Dienst, ob Sie es glauben oder nicht. Und wer glaubt, auf diese Verantwortung pfeifen zu können, weil er sich nicht ausreichend getrieben fühlt, sie rücksichtslos umzusetzen, der hat schon verloren. Ich merk das an mir selber. Ich müsste viel härter durchgreifen. Denn ein Besitz ist zwar ein Privileg, aber ein Privileg ist nur dann eines, wenn man es ausquetscht wie einen Sklaven und hegt und zärtelt wie eine Braut. Sonst wird das Privileg nur zu einem Klotz am Bein. Also braucht es ein Talent zum Privileg. Das hat aber nicht ein jeder, der ein Privileg hat. Das ist das Verzwickte. Aber es ist auch das Nadelöhr, durch das man sich immer wieder zwängen muss, damit man auch als Besitzer in den Himmel kommt. Und der Besitzer ist nicht der, dem Verlust droht. Es sind seine Erben, denen das geerbte Vermögen unter lauter Auflagen und Vorschriften zerrinnt, verstehen Sie? Wie muss man es einfädeln, dass alles an die Erben fließt, die man sich für nach seinem Tod auserkoren hat, und nicht an den Staat? Ein wirklich Reicher kommt natürlich nicht ins Himmelreich. Sonst gäbe es ja keinen Glauben mehr. Aber wer ist schon so reich, dass er damit gemeint sein könnte. Ich nicht. Ich gehöre bestenfalls zu den Mittelreichen. Aber das Erbe, der Besitz, sollte so gut wie möglich als Ganzes durchs Nadelöhr gehen: in die Hände der nächsten Generation heißt das. Das Nadelöhr, Herr Hanusch, verstehen Sie, das sind die, die einem den Besitz neiden. Die einem das Leben schwermachen und den Besitz schmälern oder ganz nehmen wollen, selbst wenn man sie nahezu umsonst darin hausen lässt, so wie ich meine Flüchtlinge da oben. Ha! Verstehen Sie mich jetzt? Man muss sein Vermögen als Kamel tarnen, um es an den Neidern und am schlimmsten Räuber überhaupt, dem Staat, vorbeizubringen. Das möchte das Gleichnis sagen. Da Sie aber von alledem nicht belastet sind, weil Sie über Besitz nicht verfügen, spielt es bei Ihnen schon eine Rolle, ob Ihnen eine Arbeit gelegen kommt oder ob Sie sich dazu zwingen müssen. Und unter einem Dach, unabhängig vom Wetter, lässt es sich doch bequemer arbeiten als auf dem freien Feld, wo man andauernd durch Regen, Kälte oder Hitze von einem Extrem ins andere versetzt wird. Das wollte ich nur gesagt haben.

 

Ganz still hockte der Viktor vor dem mit Worten ums Verstehen ringenden und zu ihrer Verdeutlichung mit den Händen die Luft durchfechtenden Seewirt. Glühenden Kopfes focht er. Allmählich ließ er seine Hände sinken, der Kopf entfärbte sich, und er hörte seinen eigenen Worten nach: Woher mag das jetzt gekommen sein?, dachte er. Was habe ich denn da gesagt? So was ist mir ja noch nie passiert! Das Lazarett fiel ihm wieder ein und sein Kampf ums Bein. Doch, dachte er, doch: einmal schon! Im Stillen schöpfte er Kraft.

 

Dem Viktor war sauunwohl. So heftig wollte er eigentlich nicht von fremden Gefühlen vereinnahmt werden. Er ruckelte von einer Sitzbacke auf die andere und schaute mit gesenktem Kopf mal nach links und dann wieder nach rechts. Ich möchte jetzt da nicht vorgreifen, sagte er schließlich mit Vorsicht, denn wenn es um Religion geht – und Sie reden ja gerade von Religion, möchte ich jetzt mal sagen, wenn ich Sie recht verstanden habe –, da sollte man jeden auf seine eigene Art selig werden lassen. So jedenfalls hat es mir beigebracht meine Mutter. Und von Besitz versteh ich nichts, da muss ich Ihnen geben recht. Ich hab in der Bank gearbeitet, bevor ich hab müssen einrücken in den Krieg. Da ist viel Geld durch meine Hände gegangen. Aber gehört hat mir von alledem nischt. Damit einem da keine falschen Gedanken kommen, denkt man lieber überhaupt nicht nach. Man zählt das Geld, eine Unmenge am Tag, aber man macht das ganz automatisch. Da hat man keine Gefühle, und über Gleichheit und Gerechtigkeit sieht man am besten gleich ganz hinweg. Da würde man ja nur irre werden sonst. Und warum soll ein Besitzer nicht in den Himmel kommen? Der kommt genauso nackt oben an wie ein Bettler. Er muss halt nur wieder von vorn anfangen. Der Bettler nicht. Das, mein ich, ist der einzige Unterschied, nachdem der Löffel abgegeben werden musste. So der Viktor. Und trinkt sein Bier aus, weil er jetzt gehen will.

Der Seewirt nimmt ihm das leere Glas aus der Hand, mit seiner linken, und drückt ihn mit der rechten wieder nieder auf die Holzbank im Hausgang vor der Schenke. Eines müssen Sie noch trinken, Herr Hanusch, sagt er, auf einem Fuß steht man nicht gut. Er geht hinter die Schänke zum Fass und schenkt noch mal nach. Ich habe mich ein bisschen aufgeregt gerade, sagt er, da müssen Sie sich nichts denken. Eigentlich wollte ich Ihnen nur eine Stelle anbieten. Vielleicht möchten Sie ja lieber im Trocknen arbeiten, in der Küche zum Beispiel, und die Kartoffeln zubereiten, als sie draußen bei Wind und Wetter anbauen zu müssen. So einen aufgeschlossenen Mann wie Sie könnte ich noch gut brauchen. Und stellt ihm das zweite Bier hin.

Jetzt endlich hatte der Viktor begriffen, woher dieser lauwarme Wind wehte. Aha! Dass er da nicht gleich drauf gekommen ist. – Nu bin ich ja sonst nicht einer, der eine Anstellung gleich wieder hinwirft, wenn er sie vor ein paar Tagen erst hat angenommen, sagt er, nachdem er vom frischen Bier einen ziemlich tiefen Schluck genommen hatte, aber gerade heute hat mich mein Chef schwer beleidigt, und ich hab mich da gefragt, ob ich mir das muss gefallen lassen. – So?, fragt der Seewirt. Ist was vorgefallen? – Nu ja, antwortet der Viktor, nachdem er mich hat aus meiner Kammer geholt, der Jäger, damit ich...

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