Liebesgrüße aus Mesmenien

Roman
 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 1. August 2018
  • |
  • 384 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-97997-9 (ISBN)
 
Thomas Lagrange ist mit seinen 27 Jahren das, was man gemeinhin einen Versager nennt: Er hat sein Studium abgebrochen und statt sich eine Arbeit zu suchen, verliert er sich lieber in Tagträumen von der hübschen Dozentin, bei der er einige Jahre zuvor Mesmenisch belegt hat. Mesmenien - dieses kleine Stück Erde zwischen Estland und Russland - war ihm dabei herzlich egal. Als eines Tages in der Zeitung ein Mesmenisch-Übersetzer gesucht wird, versucht er sein Glück. Allerdings muss er feststellen, dass seine Sprachkenntnisse schwächer sind, als er dachte. In seiner Not erfindet er den Roman einfach neu. Und ehe er sichs versieht, steckt er mitten in einem Abenteuer, das sein ganzes Leben auf den Kopf stellt ...
  • Deutsch
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Piper ebooks in Piper Verlag
  • 0,87 MB
978-3-492-97997-9 (9783492979979)
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Fabienne Betting, 1962 geboren, studierte an der Elitehochschule École polytechnique in Paris. Anstatt Ingenieurin zu werden, nahm sie einen Job im Bereich Medizintechnik an - und begann zu schreiben. Ihre Kurzgeschichten wurden mehrfach ausgezeichnet. Mit »Liebesgrüße aus Mesmenien« legt sie ihren ersten Roman vor.

I


Zwei Uhr morgens


Eine merkwürdige Uhrzeit, um mit der Jobsuche zu beginnen, aber ich kann nicht schlafen, warum also sollte ich nicht gleich loslegen? Als Erstes steuere ich den Kühlschrank an, um mir ein Bier zu holen. Oha, draußen ist vermutlich keine einzige Wolke am Himmel, denn das Mondlicht reicht aus, um die ganze Wohnung zu erhellen, ohne dass ich das Deckenlicht einschalten muss. Umso besser, da ich überhaupt keine Lust habe, die fleckigen Küchenwände zu betrachten.

Sandrine hat recht. Der Raum braucht unbedingt einen frischen Anstrich. Genauso wie sie recht hat, dass die Duschkabine im Badezimmer erneuert, die Toilettenspülung repariert und die Regale im Wohnzimmer endlich befestigt werden müssen. Sie hat es schon eine ganze Weile lang nicht mehr erwähnt, aber sie hat diese spezielle Art, dezente Blicke in die entsprechende Richtung zu werfen oder gewisse Bemerkungen zu machen, um mich daran zu erinnern. Und natürlich werde ich alles gewissenhaft erledigen. Wenn ich in meinem übervollen Terminplan mal fünf Minuten Zeit dafür finde!

»Au!«

In dem Moment, als ich mich nach vorn beuge, um mein Bier aus dem Flaschenregal des Kühlschranks zu holen, bohrt sich ein Glassplitter in meinen großen Zeh, und mein Blut tropft auf den Fußboden. Ich brauche gar nicht erst zu fragen, wo das Ding herkommt, denn der verdammte Splitter stammt garantiert von dem Glas, das mir gestern beim Abwasch heruntergefallen ist. Und genau dieses Glas war der Grund für den Streit mit Sandrine. Na ja, es war kein richtiger Streit. Es ist unmöglich, mit Sandrine mal richtig zu streiten. Sie kann nichts dafür, in dieser Hinsicht ist sie irgendwie blockiert. Selbst wenn man den Grund des Jahrhunderts vorweisen kann, um einen heftigen Streit vom Zaun zu brechen, bei dem so richtig die Fetzen fliegen, läuft es bei ihr immer auf ein ernstes und vernünftiges Gespräch hinaus, an dessen Ende ich mich jedes Mal total schuldig und erbärmlich fühle. Und zurzeit drehen sich die ernsten und vernünftigen Gespräche, die wir führen, generell um meine berufliche Zukunft. Oder, genauer gesagt, um meine nicht existente berufliche Zukunft.

»Scheiße, Scheiße, Scheiße!«

»Was ist passiert?«

Sandrines verschlafene Stimme dringt aus dem Schlafzimmer.

»Nichts. Schlaf weiter.«

Dumpfer Schmerz pulsiert in meinem Zeh, und ich humple ins Badezimmer, um meinen verletzten Fuß zu verarzten. Eine heikle Angelegenheit, die eine Gelenkigkeit erfordert, über die ich nicht verfüge. Mehr schlecht als recht umwickle ich den blutenden Zeh mit einem Stück Mullbinde, die ich mit einem Heftpflaster befestige.

Ich hatte vor, den Computer einzuschalten, um die Webseiten mit den Stellenanzeigen durchzugehen, doch jetzt hat mich der Mut verlassen. Stattdessen lasse ich mich aufs Sofa fallen und blättere mich durch die Sportzeitung, wozu ich gestern nicht die Zeit gefunden hatte. Zum Glück ist das Risiko, darin auf eine Stellenanzeige zu stoßen, relativ gering. Ich schaue mir die aktuellen Fußball-, Tennis- und Rugbyergebnisse an, und meine Lider werden schwer. Als ich die Zeitung auf den Couchtisch lege, fällt mir die neueste Ausgabe von 20 Minutes ins Auge, die Sandrine aus der Metro mitgebracht hat. Automatisch werfe ich einen Blick hinein, um mich davon zu überzeugen, dass auch dieses Käseblatt keinen Anzeigenteil hat, doch - welche Überraschung! - ein paar sind doch darin. Und als ich eine davon lese, durchfährt es mich wie der Blitz:

 

Gesucht Übersetzer vom Mesmenischen ins Französische.

Sehr gute Bezahlung.

Gefolgt von einer Telefonnummer.

Mesmenien. Jener Flecken Erde, der noch weniger Leuten bekannt ist als Bhutan oder Belize und den man kaum als »Staat« bezeichnen mag. Jener Schandfleck, jener zwischen Russland und Estland eingeklemmte Furunkel, für den mir keine objektivere Beschreibung einfällt. Angenommen, das Glas, das mir aus der Hand gefallen und auf dem Küchenfußboden zersprungen ist, wäre die ehemalige Sowjetunion. Dann wäre die größte Scherbe das heutige Russland. Die zwei, drei weiteren größeren Teile wären die Ukraine, Weißrussland oder Kasachstan, und die kleinsten Scherben wären Litauen, Lettland und Estland. Und dann gibt es noch ein paar winzige Splitter, derart heimtückisch, dass sie mit dem bloßen Auge nicht zu erkennen sind. Splitter, die sich in den kleinen Rillen im Fußboden verstecken, um sich dann um zwei Uhr morgens in den großen Zeh eines unschuldigen Biertrinkers zu bohren. Und dieser winzige Glassplitter, das ist Mesmenien: unsichtbar, hinterhältig und gemein. Mesmenien ist das hässlichste Land der Welt. Wenn man dort ist, bekommt man das Gefühl, dass Mensch und Natur sich dazu verschworen haben, jegliche Schönheit auszumerzen: Eine nicht näher zu bestimmende Vegetation in einem einheitlichen Kackgrün wächst auf einer nicht näher zu definierenden Landschaft, die weder eben noch bergig ist. Im Herbst welken die Blätter an den Ästen, ohne vorher die schöne rote oder goldgelbe Farbe anzunehmen wie an allen anderen Orten. Im Winter fällt der Schnee vom gräulichen Himmel und überzieht alles mit einem deprimierenden staubgrauen Schleier. In den Städten gibt es ausschließlich enge, gerade Straßen, die von eckigen grauen Betonklötzen gesäumt sind. Die großen schwarzen Türen und die kleinen quadratischen Fenster wirken wie die heimtückischen Gesichter der Bösewichte aus den Schwarz-Weiß-Filmen der Fünfzigerjahre. Die Passanten schlendern nicht, sie marschieren mit eiligem Schritt, während das Abwasser die Gehsteige entlangrinnt und einen ekelhaften Gestank verbreitet.

Dabei bin ich selbst noch nie in Mesmenien gewesen und kenne es weder aus einem Film noch von Fotos her. Dass ich dieses Land überhaupt beschreiben oder irgendwelche Aussagen über sein Aussehen oder seine Bewohner treffen kann, verdanke ich allein Malislowna Jerona.

Mali. Wie viele Tage, wie viele Stunden habe ich nicht mehr an sie gedacht? Ich höre noch immer ihre tränenerstickte Stimme, wenn sie von dem Elend in ihrem Heimatland erzählte. Es genügte, ihren Beschreibungen der Landschaft, der Städte und Dörfer zuzuhören, um zu wissen, dass man dort niemals, für kein Geld der Welt, auch nur einen Fuß hineinsetzen wollte. Sie selbst war von dort geflohen, weil sie all die Hässlichkeit nicht mehr ertragen konnte.

Malislowna Jerona unterrichtete Mesmenisch an der Sorbonne, als ich mich auf meinen Abschluss in Literaturwissenschaften und Russistik vorbereitete. Sie hatte diese Stelle dank eines internationalen Austauschprogramms erhalten, dessen Ziel es war, die neuen baltischen Kulturen zu fördern. Es gab Stimmen, die schon allein die Existenz dieses Programms kritisierten, mit der Begründung, dass die Kosten den wissenschaftlichen Beitrag bei Weitem überstiegen. Wie die meisten Studenten, die vom Anblick der Dozentin in ihren kurzen Röcken verzaubert waren, konnte ich mich diesem Argument nicht anschließen, das ich für kleinlich und reaktionär hielt. Wie konnten wir in dieser Zeit, da wir gemeinsam das »Europa von morgen« erschufen, jenen Ländern, die zwischen dem Einfluss Russlands und dem Drang nach Unabhängigkeit hin- und hergerissen waren, die helfende Hand verweigern? War es denn nicht unsere Pflicht als Einwohner Europas den Einwohnern der ganzen Welt gegenüber, uns ihrer Kultur, ihrer Sprache, ihrer Lebensart zu öffnen, darin einzutauchen und sie zu jeder sich bietenden Gelegenheit zu fördern? War es nicht unsere Pflicht, unseren bescheidenen Beitrag dazu zu leisten, dass diese junge, hübsche Mesmenin, die aus ihrem fernen Land zu uns gekommen war, um uns an ihrem Wissen teilhaben zu lassen, zu unterstützen?

Wie oft hatten Richard und ich abends in irgendeiner Bar darüber gesprochen, während wir versuchten, unsere Befürchtungen mit dem billigen Alkohol, den wir uns leisten konnten, zu betäuben. Die Angst, dass jene Bettnässer, die an der Universität das Sagen hatten, uns unsere Lieblingsdozentin wegnehmen würden, saß tief, und im Geiste entwarfen wir bereits die Petition, die wir auf den Weg bringen würden. Wir feilten an dem Aufruf, auf die Straße zu gehen, falls es tatsächlich zum Äußersten kommen würde.

Zunächst war es nicht viel mehr als ein Zeitvertreib gegen Ende unserer allzu alkoholgeschwängerten Nächte, und für Richard ist es dabei geblieben. Ich jedoch hatte mich der Sache ganz und gar verschrieben. Nach und nach wurde Mademoiselle Malislowna zum Ziel all meiner Wünsche. Ich träumte jede Nacht von ihr, ich dachte jede wache Minute an sie, ich sah ihre Gestalt an jeder Straßenecke, hörte ihre Stimme an jedem öffentlichen Ort.

Mit der Zeit besuchte ich jeden Kurs, den sie unterrichtete, nicht nur den, für den ich eingeschrieben war und der nur eine mickrige Wochenstunde umfasste. Ich vernachlässigte die anderen Fächer, die anderen jungen Frauen; von Richard einmal abgesehen, sogar meine Freunde. Ich war regelrecht von ihr besessen und voller Bewunderung für die Ernsthaftigkeit, mit der sie uns ihre Sprache näherbrachte. Sie konnte nicht viel älter als wir, ihre Studenten, gewesen sein, vielleicht zwei- oder dreiundzwanzig Jahre alt, und dennoch wusste sie bereits, was es hieß, »professionell« zu arbeiten. Es gab kein Wörterbuch Mesmenisch-Französisch oder Französisch-Mesmenisch, kein Lehrbuch der mesmenischen Grammatik, überhaupt kein mesmenisches Buch für Anfänger. Das Mesmenische ist im Grunde keine eigene Sprache, es ist eher ein Dialekt oder eine Mundart einer Handvoll degenerierter Landbewohner. Dennoch gab Mademoiselle Malislowna alles, um uns die Grundlagen des Mesmenischen einzubläuen. Man musste nur die...

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