Magisches Viertel

Chronik einer außergewöhnlichen Besetzung
 
 
Books on Demand (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 31. Juli 2018
  • |
  • 228 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7528-5408-4 (ISBN)
 
Am 22. August 2009 besetzen 200 Künstler in Hamburg die leerstehenden Häuser des Gängeviertels und richten dort Galerien, Ateliers und Partyräume ein, um damit auf dringend benötigten Raum für kreative Menschen in der Stadt aufmerksam zu machen.
Noah, ein Künstler mit Leib und Seele, erlebt die außergewöhnliche Besetzung hautnah und wird ein Teil des Ganzen. Aus Sicht des Künstlers, der nebenbei auch das ganze Viertel bekocht, werden wir Zeugen der chronologischen Entwicklung dieses einzigartigen Projekts. Ein friedlicher Kampf voller Hoffnung, Kunst und Partys beginnt. Mitten in der Hamburger City entsteht eine Insel der Kreativität, zu der viele Menschen aus aller Welt pilgern, um gemeinsam Kunst oder Musik zu machen, zu feiern oder einfach sie selbst zu sein.
1. Auflage
  • Deutsch
  • 0,38 MB
978-3-7528-5408-4 (9783752854084)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Be'shan, 1970 in Tiflis/Georgien geboren, lebt und arbeitet als Künstler, Autor und Kunsttherapeut in Hamburg

1.
EINES WUNDERSCHÖNEN SOMMERS


Noah hatte Glück, er hat eine Zweizimmerwohnung im sogenannten Szeneviertel Hamburg Ottensen. Vollgestopft mit großformatigen Ölbildern, eine regelrechte Museumswohnung, in der das Wohnzimmer in zwei Bereiche geteilt ist, in einen Wohn- und einen Malbereich. Hier malt er seit seinem abgeschlossenen Kunststudium, und es riecht immer nach Ölfarbe, die Möbel sind voller Farbspritzer und es sieht alles nach einer gewissen Bohème aus. Die ganze Wohnung ist ein einziges großes Gemälde, es war schon immer sein größter Wunsch, in einem großen Bild zu leben, und nun ist es Realität geworden.

Die Augustsonne brennt. Das Jahr 2009 atmet noch die Luft der Finanzkrise, die auch das Leben der etablierten Künstler erschwert haben soll. Ihre Bilder verkaufen sich nicht mehr für 300 000 Euro, nur noch für 150 000 oder noch weniger. Pech für Sotheby's und wie die Häuser alle heißen. Für Noah ändert sich dadurch natürlich gar nichts, aber auch die Ängste der Otto Normalverbraucher haben zugenommen und nun kaufen sie noch weniger bezahlbare Kunst, vor allem, seit Ikea und Aldi ebenfalls in Kunst machen.

Ein Besuch seines alten Freundes Charles steht an. Ein waschechter 68er, der sich nie einer politischen oder künstlerischen Gruppe angeschlossen hatte, Fotograf und Philosoph. Ein Einzelgänger. Er klingelt schon an der Tür.

"Komm, lass uns ein paar Fotos machen", sagt er gleich beim Reinkommen, "es ist herrlich draußen!"

"Gerne, aber erst die Stärkung."

Der Gastgeber serviert den gekühlten Chardonnay. Außerdem präsentiert er dem älteren Freund ein neues Bild. Ein großformatiges, farbenprächtiges Bild mit abstrahierten Blumen.

"Und?", fragt er aufgeregt, auch wenn er sich geschworen hat, nie wieder jemanden um seine Meinung zu einem seiner Bilder zu bitten. Damit hat er meist schlechte Erfahrungen gemacht. Aber Charles' Meinung zählt, egal was er sagt.

"Ja."

"Ja was?"

"Es gefällt mir!"

Wenn Charles das sagt, dann meint er es auch so. Dann folgt etwas, das typisch ist für Charles, der nie ein Blatt vor den Mund nimmt:

"Du stinkst nach Schweiß."

Hamburger Schule, direkt und undiplomatisch. Nur die Wahrheit, nichts als die heilige, nackte Wahrheit!

5 Stunden in glühender Hitze gemalt, kein Wunder. Wer will schon Ihre Heiligkeit mit Namen Muse einfach so unterbrechen, wegen ein paar läppischer Schweißtropfen? Jetzt erinnert sich der Künstler, wie er sich in den letzten Stunden gefühlt hatte: wie beim Duschen, nur ohne Wasser.

Er springt schnell unter die Dusche und sie gehen hinaus in die brennende Sonne.

"Wie heißt nun das neue Bild?", fragt Charles.

"Überschwemmte Wünsche blühen wieder auf."

Der alte Freund sagt nichts dazu. Vielleicht zu lyrisch für ihn, er mag weder Lyrik noch andere Sentimentalitäten, dafür hat er zu viel Übles in seinem Leben erlebt. Möglicherweise stirbt die Empfänglichkeit für Lyrik ab 55. Aber da ist Hoffnung drin, hätte Noah fast noch hinterhergeschickt, doch er lässt es lieber bleiben, man kann ja nicht immer nur Lob kriegen. Der Titel ist schließlich nicht so wichtig, Hauptsache, das Bild selbst gefällt Charles.

Die zwei schießen einige Fotos, meist künstlerische Porträts von Noah, der sei sehr fotogen, sagt Charles oft. Entlang der Ottenser Hauptstraße nehmen sie jede urbane Ecke dieses Stadtteils vor die Linse. Die Passanten gucken neugierig zu. Besonders die jungen Mädchen.

"Mit einer Kamera lockst du sie immer", grinst Charles mit altehrwürdigem kessem Lächeln, "was glaubst du, warum ich immer mit der Kamera rumlaufe."

Aha! Viele seiner Geschichten gehören in die seligen 70er Jahre, die Kamera war tatsächlich eine Wunderwaffe in der Kunst, das weibliche Geschlecht, besonders das junge, anzuziehen, und sie ist es immer noch. Die gestreiften Sakkos, die die beiden Künstler tragen, steigern das Interesse noch mehr. Noah macht immerzu allerlei Faxen und wirft sich exaltiert in Pose, doch das nervt Charles, "bleib einfach so, wie du bist, und guck nicht in die Kamera."

Der Weg führt auf die andere Seite des Altonaer Bahnhofs, in die neue Große Bergstraße, wo einst das Leben blühte und nun etwas Undefinierbares entstanden ist, eine Fußgängerzone ohne Charme, aber vielen Bars. Charles will wieder zurück, "das ist ja eine tote Ecke hier." Da hat er recht, verarmte Altonaer mit merkwürdigem Slang, Digger und Alte von allen Seiten, auch viel Übergewicht springt ins Auge. Dann ein Blick auf das ehemalige Karstadtgebäude.

"Was ist denn hier passiert?", fragt der neugierige Fotograf. Es sieht aus, als hätte eine pinselbewehrte Armee das Gebäude gestürmt.

"Hier hausen Künstler. So eine Art Besetzung. Sie nennen sich Frappant", antwortet Noah und erinnert sich, dass ein befreundeter russischer Künstler hier in diesen Betonkatakomben ein Atelier hat.

"Dann lass uns ihn besuchen."

Die Tore sind verschlossen.

"Pjotr!", schreit Noah, so laut er kann. Und Pjotr lässt nicht lange auf sich warten. In einem Fenster im zweiten Stock zeigt sich ein Kopf mit langer Mähne. "Ja, ich mache auf, warte."

Drinnen im Flur ist es genauso uncharmant und trostlos wie draußen vor der Tür. Dieses Stück Beton lässt sich offensichtlich nicht einmal mit ein wenig Kunst verschönern. Es reihen sich Tür an Tür, und du hast das Gefühl, als Buchhalter in einer großen Firma zu arbeiten. Offensichtlich wurde eine Büroetage in Ateliers umgewandelt. Aber ein Blick in Pjotrs Atelier entschädigt für die kurze Enttäuschung. Alte russische Schule, da wird noch das Handwerk geschätzt. Es riecht angenehm nach Farbe und ein geordnetes Chaos im typischen Atelierstil macht die Laune wieder top.

"Meine neue Arbeiten", zeigt der Hausherr seine Acrylbilder. Alte Schiffe mit in Gold gehaltenem Hintergrund, ikonenhaft und doch modern. Charles ist mit seiner Kamera beschäftigt und scheint perfektes Licht zu erwischen.

Das Atelier ist ziemlich klein. "Besser als nichts", sagt Pjotr.

Er gibt dem Künstlerkollegen einen getippten Text. Noah überfliegt ihn im Stehen und guckt hin und wieder aus dem Fenster, wie die Sonne über dem abendlichen Altona untergeht.

"Was meinst du?", fragt der Russe.

Eine Gruppe Künstler und Historiker wollen sich in einer Woche im . wie war das noch mal . ja, im Gängeviertel treffen und womöglich dort leer stehende Häuser besetzen.

"Was ist denn überhaupt das Gängeviertel? Noch nie was davon gehört."

"Das ist ein Viertel zwischen Musikhalle und Gänsemarkt", weiß Charles, er fotografiert nun die beiden Künstler mit eingeschaltetem Blitz.

"Du brauchst unbedingt ein Atelier, da könntest du eins bekommen, wenn alles gutgeht."

Sagt Pjotr und bietet seinem Besuch Kaffee an. Er trinkt seit Langem keinen Alkohol mehr, zu viel gesoffen, war nah dran abzukratzen, dafür kifft er umso mehr, aber einen Joint gibt es heute nicht.

Klick! Jetzt weiß Noah wieder, wo das besagte Viertel liegt. Er erinnert sich, mit einem Freund dort vor etwa einem Monat eine Party gefeiert zu haben. Es war sehr dunkel und irgendwie nicht ganz real in dieser Nacht. Sie mussten in einer Bar namens "Kaschemme" die Treppen steil nach unten gehen und dann landeten sie in einem Keller voller Dunkelheit, Röhren und Ratten. Es roch seltsam. Auch das Publikum war nicht sonderlich sympathisch. Was Noah aber gefallen hatte, war der Häuserkomplex an sich, und sofort hatte er an Atelierräume gedacht.

Ein Atelier, das ist es, was ein Künstler unbedingt braucht. An welchem Ort soll er denn sonst all die Farbe auskotzen? Zu Hause, so wie er es momentan tut? Ja, das tun viele, aber das ist nicht das Wahre; man braucht einen Raum, wo man alles stehen und liegen lassen kann, und am nächsten Tag geht es dann weiter mit der Arbeit. Man braucht Abstand zu seinem Werk. Doch angesichts der explodierenden Mieten in den Städten müsse man froh sein, überhaupt eine Wohnung zu haben, hört man immer wieder.

"Wie besetzt man ein Haus?"

"Man bricht das Schloss eines zu lange leer stehenden Hauses auf und besetzt es einfach. War gang und gäbe in den 70ern", sagt Charles, der schon aufgestanden ist und gehen will.

"Willst du bei der Besetzung nicht mitmachen?", fragt Charles, nachdem sie das Karstadtgebäude hinter sich gelassen haben. Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Eine Hausbesetzung ist immer so eine Geschichte. Er solle doch unbedingt mitmachen, ermuntert ihn sein älterer Freund. Das habe der heute renommierte Hamburger Künstler Daniel Richter auch in der Hafenstraße gemacht und sei dadurch bekannt geworden . Sei gut für die Publicity.

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