Der Eisjunge

Psychothriller
 
 
Goldmann (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 13. September 2021
  • |
  • 416 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-26374-4 (ISBN)
 

Nils Trojan ist eben zurück von seiner Auszeit auf einer Insel, da wird er schon an einen neuen Tatort gerufen. Im ersten Moment glaubt er, in einen absurden Albtraum geraten zu sein: Es sieht aus, als würde ein Tier über dem Opfer kauern, denn der Mörder hat das Fell eines Rehs über die getötete junge Frau drapiert.

Wenig später ereignet sich der zweite Mord, und wieder sind Mensch und Tier auf makabre Weise ineinander verschlungen. Aber was will der Täter mit seiner grausamen Botschaft mitteilen? In einem verlassenen Haus im Umland von Berlin stößt Trojan auf eine Fährte - und erkennt zu spät, dass er in eine mörderische Falle geraten ist.

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Goldmann
  • 1,47 MB
978-3-641-26374-4 (9783641263744)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Max Bentow wurde in Berlin geboren. Nach seinem Schauspielstudium war er an verschiedenen Bühnen tätig. Für seine Arbeit als Dramatiker wurde er mit zahlreichen renommierten Preisen ausgezeichnet. Seit seinem Debütroman "Der Federmann" hat sich Max Bentow als einer der erfolgreichsten deutschen Thrillerautoren etabliert, alle seine Bücher waren große SPIEGEL-Bestseller-Erfolge.

ZWEI
MONTAG, 23. NOVEMBER, ABENDS

Marta klatschte den Tonklumpen auf die Drehscheibe und begann mit ihrer Arbeit. Der Elektromotor surrte, mit dem Fuß auf dem Pedal kontrollierte sie die Geschwindigkeit. Kalt und feucht schmiegte sich der Ton in ihre Handwölbung. Weich und erdig fühlte er sich an. Das erinnerte sie an ihre Kindheit, wenn sie an verregneten Nachmittagen durch Pfützen gesprungen war und selbstversunken im Matsch gespielt hatte.

Mit starkem Druck zwang sie das Material in eine gleichmäßig umlaufende Kegelform. Breitbeinig und vorgebeugt saß sie da, die Unterarme auf den Drehscheibenkasten gestützt. Nur manchmal ließ sie los, um die Fingerspitzen kurz in die bereitstehende Schale mit Wasser zu tauchen, um danach gleich wieder die Form zu umfassen. Tief atmend zentrierte sie den Ton, der sich kühl und glatt unter ihren Handflächen im Kreis bewegte.

Marta war ganz bei sich, sie nahm nur wenig von dem geschäftigen Treiben in der öffentlichen Töpferwerkstatt wahr. Die Gesprächsfetzen der Kursteilnehmer aus dem Nebenraum, die Frau, die den Ofen ausräumte, der junge Mann an der Drehscheibe links von ihr, der sich von einer Kursleiterin ein paar Kniffe erklären ließ, all das drang wie aus weiter Ferne zu ihr.

Die Kugel war nun gut zentriert. Marta bohrte mit den Fingern ein Loch in die Mitte. Allmählich entstand eine Höhlung, etwa so groß wie eine Kirsche. Sie setzte den Daumen senkrecht an und drückte ihn fest in das Material. Es war, als würde sie einen Korken in einen Flaschenhals zwängen. Sie presste den Daumen so tief in den rotierenden Ton, bis sie beinahe den Scheibenkopf berührte.

Der junge Mann neben ihr lachte über eine Bemerkung seiner Lehrerin, doch Marta ließ sich davon nicht irritieren. Sie war nun dabei, den Boden ihrer Vase auszugestalten. Eine hübsche, bauchige Blumenvase sollte es werden, die sie ihrer Mitbewohnerin Lea schenken wollte.

Marta lehnte sich noch weiter vor und drückte den Daumen im Innern des Gefäßes nach außen und weg von ihrem Körper. Sie arbeitete ruhig und stetig. Den Boden zu setzen war nicht ganz einfach, doch sie hatte einige Übung darin, und es glückte ihr.

Nun konnte sie die Wandung hochziehen, dazu nahm sie alle Finger zu Hilfe, die eine Hand innen, der gekrümmte Zeigefinger der anderen außen. Mal im Sitzen, mal halb im Stehen, bearbeitete sie die feuchte, sich drehende Form, und der Ton unter ihren Händen wuchs höher und höher.

Es war ein fantastisches Erlebnis, aus einem unscheinbaren Klumpen etwas Einzigartiges zu erschaffen, denn jedes Gefäß war ein bisschen anders. Oftmals war es gerade das Unvollkommene, kleine Dellen, eine nicht allzu perfekte Rundung, später winzige Schäden bei der Glasur, die den besonderen Reiz der Keramik ausmachten.

Vergnügt, mit einem Lächeln auf den Lippen, strich Marta dann und wann den Schlicker ab, diese schleimige Masse, die sich zwischen dem Ton und ihren Händen bildete. Dabei bespritzte sie ihre Arbeitskleidung und zuweilen auch ihr Gesicht, doch das störte sie nicht. Wiederum erinnerte sie sich an selbstvergessene Kindheitstage, als sie im Garten ihrer Eltern mit Eimer und Gießkanne hantierte, sich schmutzig machen durfte und aus Erde und Wasser Matschkugeln formte.

Insgesamt viermal zog sie die Wandung hoch, bis sie eine gleichmäßige Zylinderform geschaffen hatte. Nun konnte sie an der feineren Ausgestaltung arbeiten. Sie feuchtete ihre Hand an, schob sie in das sich drehende Gefäß und drückte von innen nach außen, sodass sich die Vase wölbte.

Sie war hochkonzentriert. Unbewusst schob sie die Zungenspitze zwischen ihre Zähne. Während sie bei mittlerer Drehgeschwindigkeit weiterhin den Bauch der Vase formte, blies sie sich eine Haarsträhne aus der Stirn.

Als es ihr schließlich gelang, die Außenwölbung allmählich nach oben einzuschließen, sodass der Hals der Vase unter ihren Fingern entstand, seufzte sie leise auf. Sie engte den Hals ein. Geschmeidig glitt das leicht triefende Material durch die Innenflächen ihrer beiden Hände und schmeichelte ihrer Haut. Warm durchströmte sie ein Glücksgefühl.

Nun musste sie den Rand gut ausführen, dazu nahm sie zwei Finger, von jeder Hand einen. Mit den Mittelfingern gelang es ihr am besten. Es war Maßarbeit, der Rand durfte nicht zu fein werden, sonst könnte er reißen. Marta spürte den glitschigen Ton unter ihren Fingerspitzen. Mit dem angefeuchteten Stück eines Ledertuchs versuchte sie, dem Hals der Vase eine besondere Struktur zu geben.

Marta hob den Kopf, und für einen Moment glitt ihr Blick aus dem Fenster hinaus in den Neuköllner Hinterhof. Grau und trist erstreckte er sich vor ihr im Halbdunkel. Es war ein diesiger Abend im Spätherbst.

Schon war sie wieder in ihr Werk vertieft. Die Zeit verstrich. Beim Töpfern konnte sie alles um sich herum vergessen.

Sie befühlte den Vasenrand, gab der Form den letzten Schliff, legte den Lederfetzen beiseite, befeuchtete ein letztes Mal ihre Hände, ließ das Gefäß kreisen, verlangsamte die Geschwindigkeit der Scheibe und hielt sie schließlich an.

Der erste Arbeitsschritt war getan. Morgen nach Feierabend könnte sie weitermachen. Doch vorerst musste der Ton trocknen.

Mit einem Draht schnitt sie ihn von der Scheibe. Vorsichtig hob sie die Vase an und stellte sie auf einem sauberen Tragbrett ab.

Sie kennzeichnete das Brett mit ihrem Namen, wusch sich am Spülbecken die Hände und betrachtete sich in dem kleinen Spiegel davor. Notdürftig wischte sie sich die feinen Tonspritzer von den Wangen. Zu Hause müsste sie dringend duschen.

Sie nahm ihre Jacke vom Haken, zog sie über ihre Arbeitskluft und schlenderte in den Vorderraum, wo Paula, die Werkstattleiterin, hinterm Tresen stand.

»Wie war es heute, Marta?«

»Ich bin zufrieden.«

»Woran arbeitest du?«

»An einer Vase. Ich möchte sie meiner Mitbewohnerin Lea schenken.«

»Wie nett von dir.« Paula lächelte sie an. Sie war eine hochgewachsene Dunkelhaarige, wohl ungefähr in ihrem Alter, Mitte dreißig. Zunächst hatte sie ihr Unterricht gegeben, nun zahlte Marta nur noch einen monatlichen Betrag für das Material und die Nutzung der Räume. »Du bist sehr fleißig. Und ziemlich begabt.«

Marta spürte, wie sie leicht errötete. »Danke. Ich hatte eigentlich schon als Jugendliche den Traum, Keramikerin zu werden, mein Hobby zum Beruf zu machen. Aber letztlich habe ich mich nicht getraut. Nun hab ich einen Job, der mich nicht gerade erfüllt, und freue mich auf die Abende, wenn ich hier sein kann.«

»Was machst du beruflich?«

»Ach, das ist so eine Stelle beim Bezirksamt. Nicht der Rede wert.«

»Selbstständig zu arbeiten ist auch nicht immer ein Vergnügen. Die Werkstatt läuft zwar ganz gut, aber die Angst vor der nächsten Mieterhöhung sitzt mir ständig im Nacken.«

»Ich bin froh, dass es diesen Laden gibt. Bis morgen, Paula.«

»Bis dann.«

Marta nickte ihr zu, klinkte die Tür auf und trat hinaus.

Kühle Herbstluft schlug ihr entgegen. Fröstelnd zog sie die Schultern hoch. Ihre Schritte hallten pochend im Hofeingang. Sie bog nach rechts in das südliche Ende der Pannierstraße ein. Nach einigen Metern hatte sie die Sonnenallee erreicht.

An der Fußgängerampel überquerte sie die Straße und bog abermals nach rechts ab. Die Sonnenallee war um diese Zeit noch äußerst belebt. Sie kam an Gemüseläden, Import-Export-Geschäften, Shisha-Bars und Schawarma-Imbissen vorbei, schnappte arabische Gesprächsfetzen auf und musste immer wieder hektisch gestikulierenden Passanten ausweichen.

Sie erreichte die Weichselstraße, in der es weitaus ruhiger war. Dunst waberte unter den weiß leuchtenden Straßenlaternen. Der Wind rauschte in den Linden, die nur noch spärlich belaubt waren. Auf dem Gehweg schimmerten gelb verfärbte Blätter.

Das Novemberwetter stimmte sie melancholisch. Doch wenn sie an ihre Keramik zurückdachte, wurde ihr leichter zumute. Sie überlegte, welche Glasur sie für die Vase auswählen sollte. Der Blauton, den sie neulich für ein anderes Gefäß verwendet hatte, gefiel ihr sehr gut. Ja, der könnte auch etwas für Lea sein.

Vor dem weiß getünchten Altbau an der Ecke Weserstraße blieb sie stehen und nahm den Schlüssel aus ihrer Jackentasche. Sie schloss die Haustür auf und stieg die Treppe zum dritten Obergeschoss hinauf. Sie öffnete ihre Wohnungstür, trat ein und warf den Schlüssel in die bereitstehende Schale auf der Flurkommode, auch ein selbst getöpfertes Werk von ihr.

Sie zog ihre Jacke aus und schaltete überall in der Wohnung das Licht ein, damit ihr die Räume nicht so verlassen vorkamen. Lea war beruflich unterwegs und würde erst in zwei Tagen zurückkehren.

Marta hatte sich vor einem Jahr nach längeren Streitereien von ihrem Freund getrennt, da er sich partout nicht auf ihren Kinderwunsch einlassen wollte. Für sie aber war ein Leben ohne Kinder undenkbar. Nun war sie vierunddreißig und hatte noch immer nicht den richtigen Mann getroffen, der bereit war, mit ihr eine Familie zu gründen.

Sie durfte nicht wieder daran denken, dass ihr die Zeit davonlief. Nur nicht ins Grübeln geraten. Die Angst vor der Einsamkeit, die Frage, ob sie sich vielleicht von Gerald vorschnell getrennt hatte, ihn womöglich noch immer liebte, die ewigen Selbstzweifel, die Vergleiche mit anderen Frauen, die in ihrem Alter bereits ein zweites Baby erwarteten, all das tat ihr nicht gut.

Positiv denken, nach vorne schauen.

Das Leben musste irgendwie weitergehen.

Seitdem sie eines der drei Zimmer ihrer Wohnung über...

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