Zugzwang

Roman
 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 8. Juni 2015
  • |
  • 320 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-98209-2 (ISBN)
 
Das Jahr 1914. Die europäischen Großmächte steuern auf den Ersten Weltkrieg zu und der Stadt Sankt Petersburg steht ein bedeutendes Schachturnier bevor: Awrom Rozental fordert den amtierenden Schachweltmeister Emanuel Lasker heraus. Rozental ist genial, aber labil und daher Patient des Psychoanalytikers Dr. Otto Spethmann. Der wiederum hat nicht nur mit seinen Patienten zu kämpfen, sondern auch mit dem Verlust seiner Frau und mit seiner rebellischen Tochter. Zu allem Überfluss wird er des zweifachen Mordes angeklagt. Jeder weitere Schachzug will nun gut überlegt sein ...
  • Deutsch
  • Munich
  • |
  • Deutschland
Piper ebooks in Piper Verlag
  • 2,67 MB
978-3-492-98209-2 (9783492982092)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Eins


 

An einem rauen Märzmorgen wurde O. V. Gulko, der Herausgeber einer liberalen Zeitung, auf der Uferstraße der Moika nahe der Polizejski-Brücke von zwei Männern angesprochen. Zeugen berichteten der Polizei später, dass der Größere der beiden Gulko aufgeregt zu schelten schien und dass Gulko, der sich offenbar körperlich bedroht fühlte, unruhig wurde und der ungewollten Aufmerksamkeit zu entkommen suchte. Dieser junge Mann zog ein Messer und sein Kamerad einen Revolver. Ein Schuss wurde abgefeuert.

Gulko fiel nicht dramatisch zu Boden, sondern sank dem Bericht desselben Zeugen zufolge in eine sitzende Haltung, wie jemand, der eine Mattigkeit verspürt und sich auf den Boden setzt, damit sich seine Sinne wieder beleben können, nur dass in diesem Fall ein großes Loch in Gulkos Unterleib klaffte und der gefrorene Schnee, auf dem er saß, voller Blut war.

Der Angreifer mit dem Revolver rannte davon, vielleicht weil er seine Arbeit als erledigt betrachtete, wohl eher jedoch, weil er die Nerven verlor. Wenn dem so war, dann war sein Kamerad aus härterem Holz geschnitzt oder zumindest mitleidsloser. Er trug Arbeitsstiefel, einen langen Ledermantel und eine Astrachanmütze - eine beliebte Mode unter den Studenten der Stadt, die ihrem Äußeren einen revolutionären Anstrich geben wollten. Die Vorbeigehenden erholten sich nun langsam von dem anfänglichen Schrecken, der sie hatte erstarren lassen, doch bevor sie dem Verwundeten zu Hilfe kommen konnten, machte sein Angreifer einige hysterische Gebärden. Dann floh er und verdankte sein Entkommen seiner jugendlichen Kraft und Gewandtheit, dem Gedränge auf dem Newski-Prospekt und der Beklommenheit, die unter solchen Umständen in der menschlichen Natur liegt.

Das Affektierte in der Kleidung der Mörder führte zu Spekulationen, dass Gulko von einer der sogenannten Kampfgruppen der Partei der Sozialrevolutionäre gemeuchelt worden war. Doch wenn das stimmte, was war dann der Grund? Sicher, die Kampfgruppen waren tatkräftig und unberechenbar, doch um Gulko, der wahrlich kein Freund der Autokratie war, als Feind zu brandmarken, den es zu schlagen galt wie die Amalekiter, hätte es einer Logik bedurft, die selbst für diese fanatischen Köpfe einen Grad zu verschroben gewesen wäre. Der Verdacht fiel auch auf jene andere fanatische und unberechenbare Macht, die Schwarzen Hundert, aber obgleich Gulko Jude war, so war er doch kaum ein richtiger, ebenso wenig wie ich. Andere munkelten, ein deutscher Geheimagent oder ein eifersüchtiger Ehemann habe ihn ermordet. Doch in Wahrheit hatte niemand die leiseste Ahnung von der Identität oder den Motiven der Mörder, und da Ungewissheit für die Gerüchteküche dasselbe ist wie Essensduft für den hungrigen Magen, redete ganz St. Petersburg von kaum etwas anderem - jedenfalls so lange, bis sich das nächste Spektakel ereignete, auf das die Menschen ihre Aufmerksamkeit verschwenden konnten.

Dieses erreichte St. Petersburg pünktlich in Form des sensationellen Großmeisterturniers im Schach, ein glanzvolles Ereignis, das im Ballraum von P. A. Saburows prächtigem Haus am Liteini-Prospekt ausgetragen werden sollte. Zu den berühmten Stiftern des Wettbewerbs, deren Freigebigkeit die üppigen Antrittsgelder und die noch üppigeren Preise zu verdanken waren, gehörte der Zar höchstpersönlich, der tausend Rubel für den Preisfonds zeichnete. Tausende zahlten, um zugegen sein und ihren Helden zusehen zu können. Als leidenschaftlicher Amateurspieler wäre ich in jedem Fall hingegangen, um mir die Partien anzusehen, vorausgesetzt, meine Zeit hätte es erlaubt. Doch es gab noch einen weiteren Grund für mein Interesse. Awrom Chilowicz Rozental, dieser melancholische, scheue Mensch, befand sich seit kurzem in meiner Behandlung. Rozental, zu jener Zeit zweiunddreißig Jahre alt und auf der Höhe seines Könnens angelangt, war der klare Favorit. 1909 hatte er Lasker besiegt, 1911 Capablanca. Das Jahr 1912 gehörte ihm allein: Seine spektakuläre Siegesserie in San Sebastian, Bad Pistyan, Breslau und Warschau machte ihn zu einer der größten Berühmtheiten seiner Zeit. Seine Introvertiertheit ließ ihn nur noch geheimnisvoller scheinen. In ganz Europa luden Prinzen ihn in ihre Paläste ein, Gentlemen in ihre Clubs und elegante Damen zu ihren Dinnerpartys. Zu dieser Zeit hatte sein Spiel - ich weiß, für jene, die Schach nicht lieben, mag das lächerlich klingen, doch ich stehe zu meinem Vergleich - etwas von der entschlossenen, organischen Schlichtheit eines Klarinettenkonzerts von Mozart, der klassischen Linien von Quarenghi oder des eleganten Flugs des Zwergschwans, wenn er auf seiner Reise in den Süden den Lagodasee überquert.

Tragischerweise jedoch wurde Rozentals Genie von einer akuten psychischen Labilität getrübt. Bei unserem ersten Treffen, das ein gemeinsamer Freund, der namhafte polnische Geiger R. M. Kopelzon, arrangiert hatte, entschuldigte sich Rozental für seine bloße Anwesenheit in meinem Büro und erklärte, er sei für seine Mitmenschen absolut unerträglich. Zu Blickkontakten war er nicht imstande, stattdessen schaute er sich suchend um und kratzte sich mit schnellen, neurotischen Bewegungen den Kopf.

»Sehen Sie etwas?«, fragte ich.

Er schaute mich kurz an, als wüsste er nicht genau, wo er war, bevor sein Blick wieder von einer Ecke in die andere zuckte.

Kopelzon bat mich inständig, Rozental das seelische Gleichgewicht zu verschaffen, das er für die Teilnahme an dem Wettbewerb brauchte. Ich zögerte, denn mein neuer Patient stand augenscheinlich kurz vor einem vollständigen Nervenzusammenbruch, und ich bezweifelte, dass ich innerhalb so kurzer Zeit etwas ausrichten konnte. (Unser erstes Treffen fiel auf den 3. März; der Turnierbeginn war für den 21. April geplant.) Ich riet Rozental, nicht anzutreten, doch das kam für ihn nicht infrage. Dafür stand einfach zu viel auf dem Spiel. Schach war sein Leben. Wenn er gewann oder hinter dem amtierenden Weltmeister Dr. Lasker auch nur den zweiten Platz belegte, dann erwarb er damit das Recht, eine Partie um den Meistertitel zu spielen. An deren Ausgang bestand kaum ein Zweifel, vor allem in Anbetracht der jeweiligen Fähigkeiten beider Spieler zu dieser Zeit: Lasker war ein würdiger und großer Meister, doch seine Blütejahre lagen hinter ihm, während Rozental die seinen noch nicht ganz erreicht hatte. Er, der in der abgelegenen polnischen Siedlung Choroszcz als jüngstes von zwölf Kindern in eine verarmte Familie hineingeboren worden war und beinahe bis zu seinem zwanzigsten Lebensjahr nur Jiddisch und Hebräisch gesprochen hatte, war offenbar dazu bestimmt, der dritte Weltmeister im Schach zu werden, den man von Berlin bis New York, von Tokio bis Buenos Aires überall feiern würde. Das Großmeisterturnier zu St. Petersburg im Jahre 1914 war der wichtigste Wettkampf seines Lebens, und ich konnte es nicht ablehnen, mein Möglichstes für ihn zu tun.

Für den Psychoanalytiker ist nichts gewöhnlich oder alltäglich. Jeder Patient hat seine persönliche Geschichte - die genau das ist: persönlich, äußerst individuell - und seine besonderen, ganz spezifischen Bedürfnisse. Als Rozental zu mir kam, nahm ich gleichwohl an, ich bekäme es mit jener Art unterdrücktem Trauma zu tun, die das tägliche Brot meines Berufsstandes ist. Zu Beginn unserer Sitzungen ahnte ich nicht, dass die beiden Ereignisse, denen die St. Petersburger so viel ihrer fiebrigen Aufmerksamkeit zuteil werden ließen - der Mord an Gulko und die Serie raffinierter Königsmorde, die sich Tag für Tag im Ballsaal von Saburows Haus ereigneten -, in dem Menschen vor mir eine direkte Verbindung eingingen. Die Welt des Schachs kann hart und abstoßend kleinlich sein, doch selten ist sie Schauplatz von Intrigen, wenn man das unsportliche Verhalten unter Rivalen und das Gezänk über die Bedingungen, unter denen die Weltmeisterschaft ausgetragen werden soll, unberücksichtigt lässt. Doch als ich mit der Analyse Rozentals weiter vorankam, wurde mir klar, dass es um wesentlich mehr ging als um den Sieg in einem Turnier, wie renommiert es auch sein mochte.

Nicht dass sich die Teilnehmer, die nach St. Petersburg kamen, dessen bewusst gewesen wären. Als Berufsspieler, die lange Reisen mit der Eisenbahn oder dem Dampfschiff gewohnt waren und von Land zu Land und von Stadt zu Stadt fuhren, um ihre Profession auszuüben, hatten sie, wo auch immer sie sich aufhielten, wenig Gelegenheit, die Grenzen jenes Dreiecks zu übertreten, das für den fahrenden Schachspieler aus Hotel, Turnierhalle und Restaurant besteht. Da diese in St. Petersburg den luxuriösesten Ansprüchen genügten, konnte man es den Spielern kaum verübeln, wenn sie glaubten, der Gründer der Stadt habe nur unwesentlich übertrieben, als er sie als das gelobte Land bezeichnete. St. Petersburg ist prächtig und monumental. Doch die Stadt ist auch entsetzlich verkommen, und wo Pracht und Verkommenheit nebeneinander bestehen, gibt es stets Neid, Zorn, Grausamkeit, Paranoia und Gewalt. Ähnlich wie ein kurzer Blick auf ein Schachbrett, auf dem ein Spiel im Gange ist, wenig von dem heftigen Ringen enthüllt, das der Figurenstellung innewohnt, so ist auch der Tourist, der sich an den Schätzen der Eremitage, den...

Dateiformat: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen-DRM (Digital Rights Management)

Systemvoraussetzungen:

Computer (Windows; MacOS X; Linux): Verwenden Sie eine Lese-Software, die das Dateiformat EPUB verarbeiten kann: z.B. Adobe Digital Editions oder FBReader - beide kostenlos (siehe E-Book Hilfe).

Tablet/Smartphone (Android; iOS): Installieren Sie bereits vor dem Download die kostenlose App Adobe Digital Editions (siehe E-Book Hilfe).

E-Book-Reader: Bookeen, Kobo, Pocketbook, Sony, Tolino u.v.a.m. (nicht Kindle)

Das Dateiformat EPUB ist sehr gut für Romane und Sachbücher geeignet - also für "fließenden" Text ohne komplexes Layout. Bei E-Readern oder Smartphones passt sich der Zeilen- und Seitenumbruch automatisch den kleinen Displays an. Mit Wasserzeichen-DRM wird hier ein "weicher" Kopierschutz verwendet. Daher ist technisch zwar alles möglich - sogar eine unzulässige Weitergabe. Aber an sichtbaren und unsichtbaren Stellen wird der Käufer des E-Books als Wasserzeichen hinterlegt, sodass im Falle eines Missbrauchs die Spur zurückverfolgt werden kann.

Weitere Informationen finden Sie in unserer E-Book Hilfe.


Download (sofort verfügbar)

9,99 €
inkl. 19% MwSt.
Download / Einzel-Lizenz
ePUB mit Wasserzeichen-DRM
siehe Systemvoraussetzungen
E-Book bestellen