Aus der Dunkelkammer des Bösen

Neue Berichte vom bekanntesten Kriminalbiologen der Welt
 
 
Bastei Lübbe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 11. November 2011
  • |
  • 304 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8387-1041-9 (ISBN)
 
Mark Benecke präsentiert in diesem E-Book ein Sammelsurium des Schrecklichen. Mit Co-Autorin und Psychologin Lydia Benecke steigt er in die Abgründe der menschlichen Seele hinab. Gemeinsam entschlüsseln sie die Hintergründe spektakulärer Verbrechen und bringen Details ans Tageslicht, die erschrecken und faszinieren.

Was geht zum Beispiel in einem Menschen vor, der über 300 Jungen missbraucht, foltert und tötet? Und wie brachte er das Gericht dazu, eine Höchststrafe von 25 bis 40 Jahren auszusprechen, wenn jeder normale Mensch eine lebenslange Sicherheitsverwahrung fordern würde?
1. Aufl. 2011
  • Deutsch
  • Deutschland
  • 7,36 MB
978-3-8387-1041-9 (9783838710419)
383871041X (383871041X)
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Luis Alfredo Garavito Cubillos - Wie »Monster« entstehen


Der Kolumbianer Luis Alfredo Garavito Cubillos tötete zwischen 1992 und 1997 etwa dreihundert Jungen. Die meisten davon waren zwischen acht und zwölf Jahren alt. Er folterte sie, schnitt ihnen den Kopf ab und legte die Leichen auf möglichst entwürdigende Weise - teilweise mit den abgetrennten Genitalien im Mund - ab. Manchmal brachte er mehrere Jungen gleichzeitig in seine Gewalt und ließ sie vor ihrem Tod zusehen, was er mit ihren Freunden machte (siehe M. Benecke, Mordspuren und Mordmethoden). Seine Taten erscheinen monströs, wie aus einem schlechten Horrorfilm. Kein Wunder also, dass er in Kolumbien als »La Bestia« bekannt ist.

Für die meisten Menschen ist es unvorstellbar, dass jemand zu solchen Taten fähig sein soll. Deshalb werden Täter, die besonders grausame Verbrechen begehen, in allen Kulturen und Zeitaltern mit Bezeichnungen wie »Bestie«, »Ungeheuer« oder »Monster« belegt. Aktuelle Beispiele dafür sind Zeitungsüberschriften wie »Jetzt spricht das Opfer des Sex-Monsters« (BILD), »Polizei vermutet das Sex-Monster in Bonn« (EXPRESS), »20 Sonder-Ermittler jagen das Sex-Monster von Lichtenberg« (Berliner Kurier), »Bestie vom Bodensee - Der Taxi-Mörder schweigt« (Blick), »Sex-Bestie plante Kinder-Mord im Internet« (BILD) und »Berlins schlimmstes Sex-Ungeheuer« (B. Z.). Durch solche Bezeichnungen ziehen normale Menschen eine Trennlinie zwischen sich und denen, die offensichtlich unmenschlich handeln.

Von sich aus wird in Kolumbien nicht über den Fall Garavito geredet, und darauf angesprochen, gibt man sich eher unangenehm berührt, als sei es schon unangenehm, die Staatsangehörigkeit mit diesem »Monster« zu teilen. Dabei gab es Menschen wie ihn schon immer und in allen Kulturen. Dass er ein menschliches Wesen ist und in vielen Dingen allen anderen Menschen sehr ähnelt, scheint vielen das Unheimlichste zu sein. Der russische Schriftsteller und Nobelpreisträger Alexander Solschenizyn hat dazu festgestellt: »Wenn es nur böse Menschen gäbe, die irgendwo heimtückisch böse Taten begingen und es genügte, sie von uns anderen zu trennen und sie auszurotten! Doch die Trennlinie zwischen Gut und Böse verläuft mitten durch das Herz eines jeden menschlichen Wesens. Und wer ist schon bereit, einen Teil seines eigenen Herzens zu zerstören?«

Die Trennlinie zwischen Gut und Böse


Psychologen und Psychiater stellen sich schon lange die Frage, wie ein Mensch zu einem Kindermörder wird. Inzwischen ist klar: Menschen werden nicht einfach »böse« geboren. Vergleicht man Lebensläufe von extremen Gewaltstraftätern, dann findet man immer wieder Ähnlichkeiten: Kaputte Elternhäuser, körperliche oder sexuelle Misshandlung. Natürlich werden nicht die meisten Menschen, die solche Dinge in ihrer Kindheit erleben, grausame Straftäter. Doch viele von ihnen entwickeln psychische Störungen wie Depressionen, starke Ängste, Zwänge oder dauernde Probleme mit anderen Menschen. Das liegt daran, dass Kinder schlechter als Erwachsene schlimme Erlebnisse verarbeiten können. Sie sind ihrer Umwelt viel hilfloser ausgesetzt, beispielsweise können sie nicht einfach fortgehen, wenn sie in ihrer Familie misshandelt werden.

Menschen, die in ihrer Kindheit lange Zeit Gewalt, sexuellen Missbrauch oder starke Probleme in der Familie erleben, denken, fühlen und verhalten sich oft anders als andere. Sie sind deutlich öfter ängstlicher, vorsichtiger, unzufriedener mit sich selbst oder aggressiver und rücksichtsloser. Ist diese Veränderung besonders ausgeprägt, sprechen Fachleute von einer psychischen Störung. Einbildung ist das alles nicht. Die einen schaffen es als Erwachsene, oft mithilfe einer Therapie, ihre durch die schlimmen Erlebnisse entstandenen Probleme in den Griff zu bekommen. Andere werden abhängig von Alkohol, Drogen oder Medikamenten oder werden immer wieder straffällig.

Es gibt Risikomerkmale, die - besonders, wenn mehrere davon auftreten - die Wahrscheinlichkeit vergrößern, dass ein Mensch irgendwann eine Straftat begeht. Garavito zeigte eine ganze Reihe davon: Er wurde von seinem Vater körperlich misshandelt und beschimpft, durch seine Eltern vernachlässigt und von einem Bekannten des Vaters als Kind sexuell missbraucht. Seine Familie war arm, er hat nur eine schlechte Schulbildung. Auch sein Gefühlsleben zeigt viele Auffälligkeiten, die bei Straftätern öfter vorkommen. Die Fähigkeit, sich in andere Menschen einzufühlen, besitzt er nicht, Schuldgefühle sind ihm fremd. Enge zwischenmenschliche Beziehungen kann er kaum aufrecht halten, und er gerät immer wieder in Streitereien, weil er leicht reizbar und aggressiv ist. Hinzu kommt ein oft unkontrolliertes Verhalten aufgrund seiner langjährigen Alkoholabhängigkeit. Die Art seiner Verbrechen wurde bestimmt durch seine sadistische und pädophile sexuelle Neigung. All das kam Stück für Stück zum Vorschein, als Garavito in Gesprächen mit Mark immer wieder recht freimütig aus seinem Leben erzählte. Natürlich war ihm nicht bewusst, wie viele der für forensische Psychologen und Psychiater interessanten Risikofaktoren er aneinanderreihte. Seine Erzählung war chaotisch, er sprang immer wieder zwischen verschiedenen Themen hin und her und fügte manchmal ganz beiläufig wichtige Details hinzu. Das Ergebnis ist ein lebhaftes und trauriges Gesamtbild eines typischen Schwerkriminellen.

Ein Zuhause voller Schrecken


Garavitos Vater war Eigentümer einer Kaffee- und Teeplantage, die allerdings nicht viel abwarf. Luis Alfredo war der älteste Sohn, ihm folgten sechs Geschwister. Über sich selbst als Kind sagte er: »Ich war ein sehr schüchternes Kind, klein und ängstlich. Ich hatte Angst in der Nacht vor der Dunkelheit.« Als er ungefähr sechs Jahre alt war, sah er, wie sein Vater seine Mutter an den Haaren über den Boden schleifte. Ein Bild, das sich ihm tief ins Gedächtnis eingrub. Wenn der Vater nach Hause kam, verkroch sich Luis Alfredo unter dem Bett, solche Angst hatte er von ihm. Der Vater war jähzornig, er schlug und beschimpfte seine Frau und die Kinder. Die Mutter war überfordert und tat nichts, um sich und ihre Kinder zu schützen.

Mit zwölf Jahren schlug Luis Alfredo das erste Mal zurück, als sein Vater ihn mal wieder verprügeln wollte. Von da an wehrte er sich regelmäßig, was in Kämpfe mit dem Vater ausartete. Gewalt war an der Tagesordnung. Die vier Brüder verprügelten auch ihre Schwestern regelmäßig.

Dass er homosexuelle Empfindungen hatte, bemerkte er schon sehr früh. Er selbst beschrieb das so: »Während der ganzen Volksschulzeit gab es einen Jungen, der diese fünf Jahre mit mir zusammen zur Schule gegangen ist. Ich lebte damit, in diesen Jungen verliebt zu sein. Irgendwann hat er mich einmal gekratzt, und ich habe Lust dabei empfunden.«

In der Schule interessierte er sich besonders für Naturwissenschaften und Geografie. Das Interesse für Geografie behielt er, sodass er nach seiner Verhaftung eine erstaunlich detailgetreue, insgesamt mehrere Quadratmeter große Landkarte zeichnen konnte, auf der er Opfernamen, Tötungsdaten und andere Details wie das Alter der Opfer vermerkte. Eigentlich wollte er Arzt oder Landwirt werden, doch sein Vater verlangte von ihm, auf der Plantage zu schuften, und zwar kostenlos. Seit seinem zehnten Lebensjahr arbeitete Luis Alfredo nach der Schule dort, bald darauf den ganzen Tag, die Schule musste er ohne höheren Abschluss verlassen.

Als er dreizehn Jahre alt war, freundete sich Luis Alfredo mit einem zwölfjährigen Mädchen an. Es sei eine platonische Liebe gewesen, sagte er. Manchmal schlich er sich spät abends - wenn der Rest der Familie schlief - aus dem Haus, um sich mit dem Mädchen zu treffen. Dabei wurde er irgendwann von einem Freund seines Vaters erwischt. Dieser drohte, alles seinem Vater zu erzählen, der ihn hart für seine abendlichen Ausflüge bestrafen würde. Für sein Schweigen verlangte er von Luis Alfredo, an ihm sexuelle Handlungen vorzunehmen, was dieser aus Angst tat.

Immer unterwegs


Sobald er volljährig war, verließ Luis Alfredo die Plantage seines Vaters und schlug sich als Hilfsarbeiter durch. Von dem Geld kaufte er regelmäßig Alkohol und betrank sich. Schließlich fand er eine Anstellung als Aushilfe im Geschäft einer zwanzig Jahre älteren Frau, in die er glaubte, sich verliebt zu haben. Im Nachhinein behauptete er jedoch, dass seine Empfindungen für Frauen immer platonisch waren und er nie sexuelle Gefühle für sie hegte.

Irgendwann betrank er sich in Anwesenheit seiner Arbeitgeberin und stritt sich heftig mit ihr. Daraufhin kündigte er, reiste weiter und suchte sich eine andere Arbeit. Dieses Verhalten sollte er den Rest seines Lebens beibehalten. Es hielt ihn nie lange an einem Ort. Auf diese Weise ging er Problemen aus dem Weg und knüpfte keine tieferen Freundschaften.

Während er wie ein einsamer Wolf durch das Land zog und sich der jeweiligen Umgebung erstaunlich gut in Aussehen und Verhalten anpasste, wurde sein Alkoholkonsum immer stärker.

Mit zweiundzwanzig Jahren griff er völlig betrunken einige Polizisten an. Daraufhin wurde er in Gewahrsam genommen und musste eine Geldstrafe zahlen. Ein Bekannter riet ihm daraufhin, zu den Anonymen Alkoholikern zu gehen. Etwa ein Jahr lang gelang es ihm mithilfe der Gruppe, sich von Alkohol fernzuhalten. Dann kam der Rückfall, den er so beschrieb: »Ich habe fast ein Jahr nicht getrunken und nach diesem einen Jahr im Dezember 1979 hat man mir einen Schluck Alkohol zu trinken...

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