Der Einschnitt

 
 
eBook Berlin Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 9. November 2015
  • |
  • 128 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8270-7843-8 (ISBN)
 
Dieses Buch ist eine Provokation, und doch handelt es von etwas erschreckend Alltäglichem. Als bei Tahar Ben Jelloun Prostatakrebs diagnostiziert wurde, beschloss er, darüber zu schreiben. Ob ihm bewusst war, dass er damit an eines der letzten Tabus rührte? Anders als bei den "weiblichen" Krebsarten, die schon lange autobiographisch-literarisch verarbeitet werden, gab es noch keinen Schriftsteller von Rang, der über seine persönliche "Entmännlichung" berichtet hätte. Die Angst vor der Bloßstellung war groß genug, dass auch Jelloun sich zunächst des alten Kniffs bediente, die Geschichte eines "Freundes" zu erzählen. Nur so schaffte er es, die Ängste und Schrecken, die mit diesem Krebs und seiner Behandlung verbunden sind, mit der nötigen Distanz zu schildern. Schonungslos und dabei doch lyrisch, intim und zugleich überpersonell, berichtet Jelloun von Demütigungen, Entscheidungen und Abschieden. Dabei ist ihm unversehens noch etwas ganz anderes gelungen - nämlich eine Eloge an das Leben und die Liebe.
  • Deutsch
  • Munich
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  • Deutschland
Berlin Verlag
  • 0,45 MB
978-3-8270-7843-8 (9783827078438)
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Tahar Ben Jelloun wurde 1944 in Fès (Marokko) geboren, lebt in Paris. Er gilt als bedeutendster Vertreter der französischen Literatur des Maghreb, 1987 wurde er für seinen Roman »Die Nacht der Unschuld« mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet, am 18. Juni 2004 erhielt er für den Roman »Das Schweigen des Lichts« den IMPAC-Literaturpreis, einen der renommiertesten Preise der englischsprachigen Literatur bzw. entsprechender Übersetzungen.

2


DIE WENDE


Fünf Jahre nach dem Tod meiner Frau nahm mein Leben eine Wende. Mein Körper veränderte sich plötzlich. Er funktionierte, atmete anders, sein Rhythmus wechselte. Die Veränderung kam von innen. Auch meinem Geist setzte das hart zu. Dieses eine Mal waren sich Körper und Geist einig. Sie sind in meinem Fall beide in einem schlechten Zustand, angeschlagen, irritiert. Nun ist mein Körper ein armes, zu Boden gefälltes Etwas, das der Geist mühsam aufzusammeln versucht.

Kurz und gut: Ich kriege keinen Ständer mehr. Mein Glied ist tot, auf ein schwammiges, lebloses, energieloses Vorhandensein reduziert, ein baumelndes Teil, faltige Haut als Urinkanal, Urin und nichts anderes. Ich habe keine Spermien mehr. Nichts. Keine Samenflüssigkeit. »Die brauchen Sie ja sowieso nicht mehr. Oder wollen Sie etwa noch Kinder zeugen?«, sagte man mir.

Endstation. Mein Sexualleben fühlt sich nun wie eine x-beliebige Bahnhofshalle an. Ein eisiger Wind fegt hindurch, Reisende rennen, um den letzten Zug zu erwischen, Liebende umarmen sich. Immer jüngere Obdachlose hängen herum und reden mit ihren Hunden. Es ist kalt, es ist grässlich, es herrscht Unheil, eine stumme Tragödie, stilles Leiden. Ich habe kein Gefühl der Verortung mehr. Ob ich in Paris, Genf oder Algier bin, das ist für mich alles dasselbe. Mein Atem ist erloschen. Er hängt in der Luft. Das Blut, das den Penis prall werden lässt, kann nicht mehr fließen. Es soll angeblich irgendwann wieder funktionieren, aber nicht sofort. Zurzeit ist es außer Betrieb. Die kleinen Nerven sind gedehnt worden, manche sind gerissen, der Erhalt dieser Nervenstränge ist nicht hundertprozentig garantiert. Sie brauchen Zeit, um sich zu regenerieren. So hat man es mir erklärt. Eine Frage der Statistik. 70 % Wahrscheinlichkeit, dass es wieder klappt. Ich zähle mich zu den restlichen 30 %. Was auch sonst? Als Mathematiker bin ich bedient. Man muss abwarten. Ich warte ab, ohne etwas zu erwarten. Ich bin knapp fünfzig; ich versetze mich mühelos in die Zukunft, sehe mich bereits mit siebzig. Ich beobachte das Glück auf dem Gesicht meines Abteilungsleiters, der mit über fünfundsiebzig Jahren eine erheblich jüngere Frau geheiratet hat. Anscheinend macht ihm seine Prostata keine Scherereien. In Wirklichkeit bin ich sechsundfünfzig. Oft sagt man mir, ich wirke jünger. Bei mir wirkt gar nichts mehr. Ich leide stumm und finde mich mit dem Ende meiner Sexualität ab; ich, der ich mein Leben lang ein Schürzenjäger war, sogar bei meinen Arbeitskollegen genoss ich diesen Ruf. Ich, der ich so gerne geliebt werde, der die Frauen so gerne wie mir in die Hände gefallene Paradiesfrüchte empfing; ich trete zurück, strecke die Waffen, gebe mich geschlagen, ich bin kein Mann mehr. Eine Wahl habe ich nicht. Das hat mich unvorbereitet ereilt. Dabei habe ich immer auf meine Gesundheit geachtet. Ich bin kein Hypochonder, aber ich kontrolliere regelmäßig die wesentlichen Rädchen meiner Maschine. Ich glaube an Vorbeugung. Manche Zahlen leiten in die Irre. Mein Wert bei der Blutprobe zum PSA (prostate specific antigen) war nicht sehr hoch, er lag nicht einmal über dem Grenzwert.

Hätte ich nicht in Athen an einer Konferenz zu »Medizin und Mathematik« teilgenommen, wäre ich wahrscheinlich weder operiert noch gerettet worden. Dort habe ich Professor J. F. kennengelernt und wir sind sofort Freunde geworden. Ich wusste, er gilt als einer der besten, wenn nicht der beste Urologe in Paris. Nach meiner Rückkehr habe ich sein spontanes Angebot wahrgenommen und mich von ihm untersuchen lassen. Unsere gemeinsamen bretonischen Wurzeln haben uns sehr schnell einander nähergebracht. Wir reden über unsere Leidenschaft für das Klettern, das Wandern und den Champagner. Er wollte eigentlich Mathematiker werden und ich eigentlich Arzt. Doch dafür bin ich viel zu empfindsam oder eher zu verträumt. Er untersuchte mich, verschrieb Tests. Alles in Ordnung, kein Grund zur Sorge.

Doch dann rief er mich an: »Komm bitte vorbei, ich muss mit dir reden.« Er hatte meine jüngsten Untersuchungsergebnisse. Es war im Mai. Alles ging sehr schnell. Ein Rezept listete das mir auferlegte Programm auf: Abtasten des Rektums, Ultraschall, Biopsie, Kernspintomographie .

Am vierten Juli liege ich auf dem ersten Operationstisch. Mein Rektum wird dargeboten: Durch diesen Kanal dringen die Forschungsinstrumente ein, Ultraschallsonde und andere die Prostata dehnende Körper. Ich liege auf der Seite, so dass mein Hintern genau richtig positioniert ist für die Einführung eines Apparats, der sieht und zeigt. Ich stelle mir vor, was dieses Instrument da drinnen tut, was es sucht, was es feststellt. Ich kann an nichts anderes denken. Mein Geist ist ganz darauf konzentriert, zu rätseln, was wohl in meinem Körper vorgeht. Man kann nicht an nichts denken. Ich stelle mir Dinge vor und sehe düstere Bilder, schnelle Schnitte wie in einem schneller laufenden Film, ich glaube einen Flur wahrzunehmen, der zum Licht führt.

Eine Woche später liege ich für die Biopsie da wie eine gebärende Frau mit den Beinen in der Luft. Meine Prostata wird zwölfgeteilt, eine Art dicker langer Kugelschreiber mit einer Nadel bohrt Karotten heraus wie aus einem geologisch interessanten Boden. Schmerzhaft? Nicht wirklich. Höchstens unangenehm. Ich sage mir, eine solche Behandlung muss doch den bösartigen Gegner entmutigen oder wie einen Erdölgeysir zum Ausbruch bringen und in die Flucht schlagen. Ich bilde mir Dinge ein. Wenn die Wissenschaft sich mit einem beschäftigt, muss man wohl oder übel seinen Geist beschäftigen.

In jenem Augenblick richten sich all meine Gedanken auf die Zukunft. Was, wenn die genaue Untersuchung der zwölf Proben positiv ausfiele? Was, wenn die Befürchtung von Professor J. F. sich bewahrheitete? Er ist bekannt für seine sicheren Diagnosen und hat mich auf den Eingriff vorbereitet. Plötzlich begreife ich, dass unsere Freundschaft ein Handicap ist. Unvermittelt erinnere ich mich an seine Worte vor der Biopsie: »Ich werde den Eingriff nicht selbst vornehmen. Ich vertraue dich den Händen von Professor Alvarez an, er macht so etwas jeden Tag, bei mir besteht die Gefahr, dass meine Gefühle mir im Weg sind .« Warum sollte er Gefühle haben? Ein Chirurg, der Angst hat vor seinen Emotionen .

Doktor Alvarez ist kein Freund. Er kommt lächelnd an und sagt: »Es dauert nur ein paar Minuten, entspannen Sie sich.« Wenn sie einen bitten, sich zu entspannen, erstarrt alles und man verliert die Kontrolle über seine Nerven. Das Instrument wird tief in mein Rektum eingeführt; es ist kalt, metallisch; jedes Mal, wenn er ein Stück entnimmt, ertönt ein Knall wie ein Peitschenhieb. Zwölfmal knallt es hart inmitten einer Totenstille. Zwölfmal zwickt es. Alle schweigen. Ich schließe die Augen und versuche an nichts zu denken. Es ist schwer, seinen Kopf zu leeren und an das Nichts zu gelangen. Ich bin übervoll mit Bildern. Ich bin anderswo. Nicht wirklich. Eine Krankenpflegerin bittet mich stillzuhalten. Aus meiner Prostata entnehmen sie zwölf Stücke, die mir nicht mehr gehören; sie waren warm, lebendig, jetzt liegen sie in Formalin und warten auf die Untersuchung. Mein Fleisch gehört mir nicht mehr. Mein Körper auch nicht. Es fühlt sich an, als hätte ich ihn der Wissenschaft überantwortet.

Der kleine Eingriff hat nur eine Viertelstunde gedauert. Ich frage mich, warum sie ihn nicht unter Vollnarkose gemacht haben. Dann stehe ich auf, habe ein wenig Schmerzen, bin verlegen, kleide mich wieder an und versuche zu vergessen. Ich bin ziemlich erleichtert, diese Etappe hinter mir zu haben. Vor einer Topfpflanze bleibe ich stehen und befühle ein Blatt. Scheußlich! Sie ist aus Plastik. Das ist doch nicht schlimm. Ich beobachte die anderen Patienten, die darauf warten, aufgerufen zu werden, vergleiche mich mit ihnen, versuche ihr Alter zu raten. Ein großer athletischer Afrikaner, sieht aus wie ein Rekorde brechender Sportler. Ich sage mir: Der auch! Dann blicke ich auf einen älteren Mann, seine Frau hält seine Hand, sein Kopf ist gesenkt, als habe er etwas verloren. Noch ein anderer Mann, klein, feingliedrig, gebräunte Haut, um den Hals trägt er einen Schmuck, der Korsika symbolisiert, er ist allein, liest die Sportseite von Nice-Matin. Ein großer dürrer Mann im Trainingsanzug wartet auch und liest dabei einen Krimi. Sein Buch fesselt ihn ganz und gar. Am liebsten würde ich ihn bitten, mir diese Geschichte zu erzählen, die ihn so fasziniert. Ich wende den Blick ab. Eine wohlgeformte, üppige Hilfspflegerin geht vorbei und streift mich. Das lässt mich kalt. Es ist das erste Mal, dass ich keinerlei Begehren verspüre. Merkwürdiges Gefühl. Anscheinend habe ich bereits mit meiner Libido abgeschlossen. Vielleicht habe ich es doch etwas zu eilig. Ich bereite mich schon auf die nächste Etappe vor.

Die nächste Etappe ist das MRT. Wieder eine Entdeckung. Ich spreche es aus »Emmerrtee«, wiederhole die drei Buchstaben und habe nur eine vage Vorstellung davon, was sie bezeichnen. Ich hasse Abkürzungen. Magnetresonanztomographie. Die Bilder daraus entstehen aufgrund gigantischer Informatikprogramme, die ausschließlich der Erforschung des Lebendigen dienen. Ich habe mich immer über den trockenen Stoff der Mathematik beklagt; aber sie ist nicht nachtragend. Ich laufe im Wartesaal auf und ab, kann mich nicht konzentrieren. Ich bin nicht mehr ich selbst, mein Gedächtnis lässt mich im Stich, alles lässt mich im Stich. Ich frage mich: Was passiert mit mir? Ich denke an Catherine und würde am liebsten losheulen. Ich starre auf die Wand und versuche ein Plakat zu entziffern, auf dem ein lächelnder junger Mann abgebildet ist. Darunter steht: »Ich bin verliebt, ich...

»Eine wunderschöne Lektion in Sachen Leben. [...]. Schonungsloses Erzählen, das mitunter gar erotisch wird.«, Neues Deutschland, 21.04.2016
 
»Es ist buchstäblich der titelgebende Einschnitt, den Autor Thar Ben Jelloun am eigenen Leib erlebt hat: Aufgrund seiner Prostatkrebserkrankung wurde er 'entmännlicht'.«, Münchner Merkur, 19.02.2016
 
»Lyrisch, erotisch und intim zugleich erzählt Jelloun die Erinnerungen und Träume deines Protagonisten. Nachvollziehbar und schonungslos gestaltet er die Depressionen, den diesen nach der Operation befallen, die Minderwertigkeitsgefühle und Demütigungen, denen er nach seiner Rückkehr ins normale Leben ausgesetzt ist. Dennoch wirkt der Roman optimistisch und lebensbejahend.«, Freie Presse, Gisela Pelz, 29.01.2016
 
»Er ist allein mit sich und seiner Krankheit. Schrecklich allein. Wie sich das anfühlt, erzählt Tahar Ben Jelloun in kurzen Szenen, die den Leser nicht so rasch wieder loslassen. Es ist, über weite Strecken, das Protokoll eines Niedergangs. [...] Aber er nimmt sich einen Satz des Dichters Cesare Pavese zu Herzen: 'Man befreit sich nicht von einer Sache, indem man sie umgeht, sondern nur indem man sie durchquert.«, Thurgauer Zeitung, Rolf App, 27.01.2016
 
»Dieses Buch ist eine Provokation, und doch handelt es von etwas erschreckend Alltäglichem.«, rhein-main magazin, 01.01.2016
 
»Überraschend ist der leichte, teilweise fast heiter melancholische Tonfall dieser Erzählung, die höchstwahrscheinlich den ersten literarischen Text darstellt, der sich mit der häufigsten Krebserkrankung unter Männern beschäftigt.«, sandammeer.at, Roland Freisitzer, 17.12.2015
 
»Schonungslos und dabei so lyrisch wie persönlich beschreibt Tahar Ben Jelloun von Demütigungen, Entscheidungen und Abschieden. Mit einer Liebeserklärung am das Leben.«, Konradsblatt, Brigitte Böttner, 15.11.2015
 
»Es sind diese ganz existenziellen Gefühle, die Depression des Ich-Erzählers, die sehr berühren. Die völlige Konzentration auf die Folgen der Prostataentfernung. [.]. 'Der Einschnitt' ist ein wichtiges Buch - trotz des Sexismus.«, Radio Bremen, Inken Steen, 11.11.2015
 
»Schonungslos und dabei lyrisch, intim und zugleich überpersonell berichtet der Autor von einer Krebserkrankung. [.]. Souverän bespielt Tahar Ben Jelloun die Klaviatur seines literarischen Könnens. [.]. Vom eigenen Leben in die Knie gezwungen, erreicht Tahar Ben Jelloun im Schreiben größte Freiheit. Es ist ihm gelungen, ein leichtes Buch über ein schweres Thema zu schreiben.«, MDR Figaro, Katja Oskamp, 11.11.2015
 
»Die Angst vor der Bloßstellung war groß genug, dass auch Ben Jelloun sich zunächst des alten Tricks bediente, die Geschichte eines 'Freundes' zu erzählen. Nur so gelang es ihm, die Ängste, die mit diesem Krebs verbunden sind, aus der Perspektive eines Dritten in nötiger Distanz zu bewahren.«, tachles - Das jüdische Wochenmagazin, 16.10.2015

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