Todesstreich

Ein Weserbergland-Krimi
 
 
Niemeyer C.W. Buchverlage
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 27. September 2011
  • |
  • 312 Seiten
 
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978-3-8271-9607-1 (ISBN)
 
Große Ferien. Sechs Wochen Urlaub weit weg vom Dauerstress in Berlin! Doch mit der Fahrt in seine Heimat, das norddeutsche Provinznest Wiedensahl, geht für den Lehrer Philip Lessing der Stress erst so richtig los: Seine sechzehnjährige Tochter Blümchen macht Zicken, die alte Lieblingstante Luise entpuppt sich als völlig vergreist - und das Leben im Dorf ist gelähmt durch das gespenstische Verschwinden zweier Bewohner. Philip fasziniert die geheimnisvolle Erotik der neuen Dorfärztin Pia, gerade die aber wird von den meisten verdächtigt, für den unheimlichen Spuk verantwortlich zu sein. Als Philip dem Mysterium mit Hilfe der schrulligen Privatdetektivin Trude auf den Grund gehen will, ist plötzlich auch Blümchen wie vom Erdboden verschluckt.
  • Deutsch
  • 5,36 MB
978-3-8271-9607-1 (9783827196071)
3827196078 (3827196078)
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Dritter Streich


Wiedensahl, immerhin Geburtsort von Wilhelm Busch, war, ist und bleibt winzig. Es ist – da muss man sich nichts vormachen – eben nur eine Hand voll Häuser mit vielen flachen Feldern drumherum. Es gibt einen kleinen Supermarkt, einen Elektrohandel, den Marktplatz mit angrenzender Schlachterei (der Bäckermeister hatte vor Jahren Konkurs angemeldet) und das Museum, wo auch der Gemeinderat tagt. Dann noch die beiden Schankhäuser, zählt man das an der Grenze zum Nachbardorf mit, sind es drei. Ja, und die evangelische Kirche natürlich. Dies alles ist sorgsam angeordnet entlang der einen langen Straße, die das Dorf zusammenhält wie die Schnur einer Perlenkette. Tante Luises Haus stand am nördlichen Ortsausgang, sozusagen am oberen Schlauchende, fünf Minuten zu Fuß vom Marktplatz entfernt. Kein aufregender Stadtplan also. Aber Wiedensahl hatte ausreichend zu bieten, um meinen Terminkalender auszufüllen. Der erste Tag meines Urlaubs war zumindest schon ausgebucht: Frühstücken mit Tantchen, Gespräch mit dem Arzt über ihren Gesundheitszustand, Pflichtbesuche bei Bekannten, abends eine Einladung zum Schlachtfest. Tradition in der örtlichen Fleischerei.

Bis auf den Arztbesuch, den ich aufschob, weil ich befürchtete, mich am Ende Blümchens Meinung über Tante Luise anschließen zu müssen, erledigte ich alles nach bestem Gewissen. Inklusive Schlachtfest.

Als ich eintraf, war bereits das halbe Dorf versammelt. Ich schob mich durch den verqualmten, engen Verkaufsraum der Metzgerei, drückte mich am leergeräumten Tresen vorbei. Freundliches Lächeln nach links, ein Nicken nach rechts. Die Party stieg im Hinterzimmer. Wandhoch gekachelt in sterilem Weiß, dazwischen klobige, blitzblank geputzte Geräte aus Edelstahl. Ich erkannte einen Fleischwolf, die anderen Apparate konnte ich nicht einordnen. Auch hier dicker Zigarettenqualm; das ganze im kalten Licht von Neonröhren. Der Schlachtermeister trug noch seine Schürze. Sie war blutverschmiert. Er hatte sich nicht die Mühe gemacht, eine frische überzuziehen.

„Mensch, wenn das nicht Philip ist! Philip Lessing. Junge, lass dich drücken!“ Der Schlachter – ich hatte seinen Namen längst vergessen – presste mich an sich.

Er quetschte mir einen Plastikbecher, halb gefüllt mit Bier, in die Hand. In die andere ein Schnapsglas. Ich trank, sah rosige Gesichter um mich versammelt. Der Schnaps stieg mir sofort zu Kopf. Ich ließ meine Blicke über große Schüsseln mit Schweinegrütze, Gurken und Pellkartoffeln kreisen, griff mir ein halbes Brötchen, dick bestrichen mit schlachtfrischem Gehacktem und Zwiebelscheiben.

Ein Uniformierter stieß mich an. Gedrungen die Statur, eine Reihe matter Knöpfe spannte über seinem Bauch. Er hatte zwei Schnäpse bei sich; einen für mich. Er hieß Jäckel, oder war es Jändel? Seit unserem letzten Treffen war er tüchtig aufgestiegen. Irgendetwas Führendes bei der Polizei in Stadthagen, der Kreisstadt.

„Ich wusste ja, dass du deine Wurzeln nicht verleugnen kannst. Jetzt biste wieder hier!“

Es hatte keinen Sinn, ihn darauf hinzuweisen, dass mein Besuch zeitlich begrenzt bleiben würde. Wir stießen an, gossen den Schnaps hinunter. Er bestand darauf, mir „eine Schote“ zu erzählen:

„Haben wir doch letztens diesen neuen stellvertretenden Inspektionsleiter gekriegt. Keine Ahnung von nichts, der Junge!“ Er lachte, wobei er mir die gelben Stümpfe seiner Zähne zeigte. „Und da muss er das erste Mal einspringen, weil der Boss unterwegs ist. Und was macht er? Setzt sich ins Fettnäpfchen. Aber volle Kanne, sag ich dir!“

Im Nu sind zwei neue Biere da. Halb voll, schal im Geschmack. „Es war Heiratsmarkt in Wiedensahl. Das ganze Dorf auf den Beinen. Schon vormittags keiner mehr nüchtern. Aber, Junge, sag selbst: Tradition ist Tradition! Jedenfalls setzt der Idiot ausgerechnet an diesem Tag eine Alkoholkontrolle an. Die Kollegen warnen ihn noch, sagen: ,Nee, lass das mal besser. Nicht heute und vor allem nicht in der Nähe von Wiedensahl!’ Aber der Trottel lässt sich nicht davon abbringen. Weißt du, wen er als Erstes rausgezogen hat? Den Bürgermeister vom Nachbardorf. Und dann Dr. Scheel, den Steuerberater. Und Frau Bödemeyer, die Alte vom Gardinen-Bödemeyer. Ausgerechnet! Alle deutlich über der Promillegrenze. Klaro. Als Letztes …“ Er kicherte wie ein Lausebengel. „Als Letztes hatte er den Boss selbst an der Angel. Sturzbetrunken. Ich sag dir, Junge, der Vize ist im Erdboden versunken vor Scham.“

„Peinliche Sache.“

„Ja. Er hat sich inzwischen freiwillig versetzen lassen.“

„Und die Anzeigen wegen Trunkenheit am Steuer?“

„Keine Anzeigen. Alles annulliert. Natürlich. Prost!“

„Natürlich. Äh … , prost!“

Er wandte sich ab, und ich sehe noch immer seinen hässlichen Stiernacken vor mir. Breit und mit einer Haut wie Leder. Darauf krümmten sich kurze schwarze Haare, die wie kleine böse Pfeilspitzen aus seinem Kreuz ragten.

Ich war in einem Dorf. Hier galten andere Gesetze als in der Großstadt. Je schneller ich mich wieder ins dörfliche Leben einfinden würde, desto leichter könnte ich meine Mission erfüllen und für Luise eine Pflegekraft oder einen schönen und vor allem menschenwürdigen Heimplatz finden. Ich überlegte für Sekunden, ob ich den Polizisten danach fragen sollte. Doch dann spritzte mir ein Schwall warmer, zäher Flüssigkeit ins Gesicht.

Tosendes Gelächter erhob sich. Augenpaare von allen Seiten richteten sich auf mich. Entsetzt blickte ich an mir herunter, besah ungläubig die dunkelbraune Verfärbung auf meinem Hemd.

Ein kleiner Junge, rothaarig und mit Myriaden Sommersprossen in seinem feisten Gesicht, schickte sich an, einen halb gefüllten Sack auf mich zu richten. Die Umstehenden traten belustigt zurück. Ich begriff zu spät. Ein weiterer kräftiger Spritzer traf mich. Der Geruch verriet: Es war Blut! Der Kleine hatte es wohl beim Schlachten in eine Schweinsblase gefüllt, um damit die Gäste zu necken.

Ohne zu überlegen, machte ich einen Satz nach vorn, griff das Bürschchen am Kragen. Mühelos hob ich den Zwerg empor. Seine Füße strampelten hilflos, in seinem Gesicht stand die nackte Angst geschrieben.

„Aber, aber.“ Die schwere Hand des Polizisten ruhte auf meiner Schulter. Wortlos schüttelte er sein Haupt, das mich unweigerlich an einen Ochsenkopf denken ließ. Seine blassblauen Augen drohten mir.

Ich ließ den Jungen langsam zu Boden. Sobald er frei war, streckte er mir die Zunge heraus und flitzte weg. Eine matronenhafte Frau in schmutzigweißer Schürze kam auf mich zu. Mit beiden Händen hielt sie einen großen Korb aus geflochtenem Weidenholz. Er war über und über gefüllt mit Wurstwaren. Ich sah grobe Mettwurst, armdicke Blutwurst, ein reichliches Stück Stippgrütze, ein üppig bemessenes Ende Knackwurst, Brägenwurst und geräucherten Schinken. „Nimm’s unserem kleinen Horst nicht krumm.“ Sie presste mir den Korb in den Arm, umfasste mit ihren speckigen Fingern meinen Kopf, zog ihn an sich heran und setzte mir ihren dicklippigen Mund ans Ohr. „Du warst auch mal ein Strolch mit Faxen im Kopf, Philip“, zischte sie.

Erst jetzt erkannte ich die Frau des Fleischermeisters wieder. Natürlich! Ich war mit Tante Luise oft bei ihren Eltern einkaufen gewesen. Sie selbst war damals natürlich noch sehr jung, half aber schon im Geschäft aus. Sie hatte mir jedes Mal eine Scheibe Wurst über die Ladentheke gereicht. Ich sah mich zu einem dankbaren Lächeln genötigt. „Blut gibt zwar Flecken“, bemühte ich mich um einen Scherz, „aber was sind die schon gegen diesen prächtigen Wurstkorb.“ Die umstehenden klatschten spontan. Ich nahm vage ein „Bravo, Philip!“ wahr. Kaum hatte ich den Korb abgestellt, wurde mir das nächste Schnapsglas gereicht. Das heißt: Es wurde mir nicht gereicht, sondern in die Hand gepresst. Widerstand zwecklos. Diesmal war es der Schlachter selbst.

Auf die folgende Unterhaltung konnte ich mich kaum konzentrieren, denn der beißende Rauch in dem für die vielen Besucher zu engen Raum wurde dichter. Nirgends ein Fenster, das man hätte aufreißen können. Der Fleischermeister, ein fülliger Mann mit einem Allerweltsgesicht, das man kennt, selbst wenn man es niemals vorher gesehen hat, zwang mir ein Gespräch über Söhnchen Horst auf. Zwölf Jahre sei er kürzlich geworden, und alles sprach dafür, dass der schweineblutverspritzende Horst der ganze Stolz des Papas war.

Ich schaltete ab. Längst hatte ich den nächsten Schnaps intus, als ich mehr aus Langeweile denn aus Interesse Gesprächsfetzen von zwei anderen Männern aufschnappte. Zunächst ging es um Belanglosigkeiten. Den seit Jahren anhaltenden wirtschaftlichen Niedergang des Dorfes, die Wut der Bauern auf die EU, die Flucht der jungen Leute in die Stadt und das ganze übliche Blablabla.

Aber dann meinte ich, einen mir wohl vertrauten Namen gehört zu haben. Unwillkürlich drehte ich mich um.

„He, kein Interesse mehr?“, schalt mich der Fleischer.

„Doch, doch“, log ich. „Ich habe mir eingebildet, den Namen Stollmann aufgefangen zu haben. Stollmann ist …“

„Unser Brandmeister“, kam es matt.

„Ja!“, sagte oder vielmehr lallte ich begeistert. „Es ist zwar ewig her, aber ich erinnere mich gern an ihn. Er hat mich früher in diesem riesigen roten Ungetüm mitgenommen, und ich meine, er hat für mich sogar mal das Blaulicht angedreht.

Wenn ich in Wiedensahl geblieben wäre, würde in meinem Schrank die Uniform der Freiwilligen Feuerwehr hängen.“ Und Stollmann war ein guter Bekannter meiner Tante. Ebenso besessen von der Heimatforschung wie sie.

Eine finstere Wolke schien über das Gesicht des Schlachters zu ziehen....

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