Mama allein zu Haus

Wie geballte Freundinnen-Power uns vor dem Empty-Nest-Syndrom bewahrte
 
 
Gräfe und Unzer Autorenverlag ein Imprint von GRÄFE UND UNZER Verlag GmbH
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 2. März 2021
  • |
  • 192 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8338-7654-7 (ISBN)
 
Von (Promi)-Müttern, Söhnen und Katastrophen: So komisch war Abschiedsschmerz noch nie.

Noch vor Kurzem waren ihre Kinder kleine Jungs - und plötzlich verlassen sie als Männer das Haus. So wie den beiden Freundinnen Barbara und Christiane ergeht es vielen Frauen, deren Kinder flügge werden: Der Stolz auf die selbstständigen Kinder mischt sich mit bittersüßem Abschiedsschmerz. "Empty Nest Syndrom" nennen es die Psychologen - "Muttertier-Blues" sagen die Söhne und verdrehen liebevoll die Augen. Statt 24/7-Muttertier heißt es plötzlich "Mama allein zu Haus" und es stellt sich die Frage, warum man den Kühlschrank überhaupt noch füllen soll, wenn ihn keiner mehr leer futtert. Humorvoll und selbstironisch zeigen die beiden Freundinnen, wie es mit Hilfe ihrer "Sisterhood" gelingt, die neugewonnene Freiheit zu genießen.

weitere Ausgaben werden ermittelt
Barbara Becker arbeitet als Model und Designerin. Ihre beiden Söhne Noah und Elias sind inzwischen aus dem Familienhaus in Miami ausgezogen, wehren sich aber nach wie vor dagegen, dass Mama beide Kinderzimmer in Gästezimmer verwandelt.

München, eine Stunde vor Beginn der feierlichen Abiturzeugnisverleihung: »Mama, wo sind meine Socken?«

Mein Sohn darf ab heute studieren, eine Partei gründen, ein Techunternehmen leiten oder eine Bar eröffnen - vorausgesetzt er schafft es je, seine Socken zu finden. Aber noch hat er ja seine persönliche Assistentin und die wird ihren Job wohl noch eine Weile behalten, wie es gerade aussieht.

Wie viele Seufzer stößt eine Mutter wohl im Laufe ihres Lebens aus? Ja genau, Millionen, wenn sie, wie schon so oft zuvor, ins Kinderzimmer geht, den Kleiderschrank öffnet und stumm auf die Socken in der Sockenschublade zeigt. Oh - Zauberei - da ist es ja, wonach das Kind gesucht hat.

»Ich hab die nicht gesehen. Ehrlich, Mama.«

Ja klar. Passt schon, Schatz. Du hast ja mich.

Als Mutter ist man Putzfrau, Köchin, Abhol- und Bringservice, Motivatorin mit dem ewigen »Du schaffst das«-Mantra und Trösterin, wenn doch mal etwas schiefgeht. Ich glaube, fast jede Mutter sehnt in solchen Momenten, in denen mal wieder die ganze Last des kindlichen Lebens auf ihren Schultern ruht, den Tag herbei, an dem das Kind keine Hilfe mehr beim Anziehen braucht, an dem sie es nicht mehr wecken muss, weil wie jeden Tag die Schule überraschenderweise um acht Uhr anfängt.

Zwölf Jahre Schule und jeden Morgen die gleiche Hektik.

»Nicholas, in zehn Minuten müssen wir los.«

Keine Antwort, dafür läuft der Föhn. Immer noch? Seit fünfzehn Minuten? Wie lange kann ein Jugendlicher eigentlich seine Haare föhnen?

»Nicholas! Du kommst zu spät. Jetzt mach hinne!«

Immer wieder hatte ich diesen Gedanken: Wenn ich eines Tages an einem Herzinfarkt sterben sollte, dann wird das am frühen Morgen geschehen, wenn ich zum zehnten Mal meinen Sohnemann zur Eile angetrieben hätte.

Ein typischer Morgenablauf gefällig, nachdem mein Sohn doch endlich das Bad verlassen hat? Im schlimmsten Fall ist der Schulbus schon vor einer halben Stunde losgefahren. Wir wohnen auf dem Land, keine U- oder S-Bahn in der Nähe. Wenn mein Herr Sohn es noch rechtzeitig in die Schule schaffen will, müssen wir die Abkürzung quer durch den Wald nehmen. Mit hundert Stundenkilometern auf fünfhundert Metern gerader Strecke. Mein Sohn findet es uncool, dass ich mich jedes Mal darüber aufrege.

»Dem Papa macht das nichts aus, so schnell zu fahren«, murmelt es vom Sitz neben mir - er ist offenbar noch immer nicht ganz wach. Zumindest sind seine Augen zu. Na klar. Mein Mann Matthias fährt gerne »zügig«, wie er sagt. Ich nicht so.

»Hallo wach bitte! Gleich schreibst du einen Test!«

Dafür ernte ich nur einen mitleidigen Blick: »Ach, Mama. Woher willst du das denn wissen? Ich gehe schließlich zur Schule.«

Ja, und ich weiß, dass am Gymnasium nach jedem abgeschlossenen Kapitel ein unangesagter Test geschrieben wird . Nein, ich rege mich nicht auf. Ich bleibe cool. Und konzentriere mich auf die Straße. Ich bete wie jeden Morgen, dass die Rehe, die nachts manchmal mitten auf dem Weg stehen und einen anglotzen, nicht irgendwann morgens dort auftauchen.

Mit quietschenden Reifen halte ich vor der Schule, der Junior sprintet los, ist plötzlich hellwach. Das Morgenwunder! Jeden Tag. Sogar ein Lächeln kriege ich noch, manchmal auch ein Bussi, wenn ihn doch das schlechte Gewissen plagt. Puh, ich bin fertig.

Gaaaanz langsam fahre ich nach Hause, spüre, wie das Adrenalin langsam aus meinem Körper weicht, und trinke daheim erst einmal eine riesengroße Tasse Ingwertee, um die toxischen Morgenemotionen aus dem Körper zu spülen. Herrlich. Ruhe zu Hause. Jetzt gemütlich Zeitung lesen und danach ohne Stress ins Büro fahren.

Das war mein Morgenritual über Jahre. Fragen Sie mal eine Mutter, ob sie zu niedrigen Blutdruck hat - Sie werden nur ein müdes Lächeln ernten. Denn der mütterliche Blutdruck kommt während der Schulzeiten zwischen halb acht und acht automatisch und ohne eigenes Zutun in Schwung.

ES IST SO WEIT


Es soll ja Leute geben, die lieben Herausforderungen. Acht Jahre Schulweg ins Gymnasium ohne Crash und Zuspätkommen war meine ganz persönliche Dauerchallenge. Wie mein Sohn sein Leben einmal ohne das mütterliche Martinshorn in den Griff bekommen will, ist mir ein Rätsel.

Doch das muss er jetzt. Es ist Schluss mit Schule. Schluss mit morgendlichen Fragen nach Heften, Büchern, Turnbeutel, Pausenbrot, Lernstand, blöden Lehrern und ungerechten Noten. Nicholas ist noch keine achtzehn und hat vor einigen Wochen das Abitur geschafft.

Was habe ich gelitten, als in der heißen Abi-Phase die Panik so von ihm Besitz ergriffen hatte, dass er tagelang ungeduscht mit in die Höhe stehenden Haaren und in Jogginghose am Esszimmertisch saß und verzweifelt versuchte, diese verdammten Matheformeln kurz vor Schluss doch noch zu verstehen! Mein Kind, das sich ungefähr fünfmal am Tag duscht, so angstzerfressen zu sehen, dass es auf ausgiebige Körperpflege und Styling einmal keinen Bock hat, hat mich den Tag, an dem der ganze Mist endlich vorbei ist, wirklich herbeisehnen lassen.

Und da wären wir jetzt. Heute ist es so weit. Die Abiturzeugnisse werden feierlich in Anwesenheit des Landrats überreicht. Um zehn Uhr. Wir sollten vielleicht pünktlich in der Schule sein, denke ich so, als ein Schrei von oben erschallt.

»Mamaaaa, wo sind meine Haferlschuhe und das Trachtenhemd? Und hast du die Weste abgeholt? Wir gehen doch dieses Jahr alle in Tracht zur Zeugnisausgabe.«

Als ob ich das nicht wüsste. Und natürlich ist alles da. Fein säuberlich in seinem Schrank.

Zu meiner Abifeier hatte ich ein schickes schwarzes Kleid an und die meisten Jungs trugen Anzüge. Ein einziger Mitschüler kam in Lederhose, der ist heute Oberförster im Berchtesgadener Land und war immer sehr bajuwarisch-traditionell gekleidet. Wir anderen fanden das spießig und wären nie im Dirndl an unserem letzten Schultag erschienen, aber heutzutage ist Tracht in und um München total angesagt - nicht nur zu Oktoberfestzeiten. Also wird mein Sohn sein Abizeugnis in Lederhose entgegennehmen, falls er es jemals schafft, sich überhaupt anzuziehen.

Wie soll das nur werden, wenn Nicholas sich mal allein fertig machen muss? Meine Schwester Moni kommt, die mich als Working Mom die ganze Schulzeit über unterstützt hat. Zusammen warten wir in der Küche darauf, dass der Herr Sohn sich fertig gestylt hat. Wir sind bester Laune, geradezu euphorisch und klopfen uns praktisch unentwegt gegenseitig auf die Schultern, weil das Kapitel Schule endlich abgeschlossen ist. Jetzt ist er da, der Moment, auf den wir so lange gewartet haben. Nur ein winziges Ziehen in der Herzgegend scheint zur puren Freude nicht zu passen .

Aber dieses Gefühl schiebe ich schnell weg und strahle meinen Sohn an, der perfekt gestylt und nach seinem neuen Männerparfum duftend die Treppe herabpoltert. Die Augen glänzen, aber nach außen gibt er sich gelassen. Dann wollen wir mal.

Natürlich habe ich mir heute freigenommen, denn um nichts in der Welt möchte ich den Moment verpassen, auf den die Kinder zwölf lange Jahre hingearbeitet haben. Die Aula unserer Schule ist zu klein, deshalb findet die Zeugnisausgabe in der neuen Turnhalle statt. Das ginge sicher auch stimmungsvoller, aber was soll's? Wichtig ist in diesem Moment etwas anderes.

Tatsächlich sind alle Jugendlichen in Tracht gekommen. Hundertzehn Abiturienten auf dem Sprung in die Freiheit. Nicholas grinst von einem Ohr zum anderen. Wie übrigens schon den ganzen Vormittag. Er sitzt vorne bei seinen Freunden. Als die Chorleiterin die Abiturienten auffordert, ein letztes Mal zusammen zu singen, ist mein Sohn nicht so ganz bei der Sache. Aber das »Felicitá« und »Viva, Viva« kriegt er irgendwie hin. Ich grinse meine Schwester Moni an, die neben mir sitzt.

»Na, das hat er jetzt auch noch geschafft.«

Ein Spaziergang so eine Abiturfeier für eine stolze Mutter. Doch das komische Gefühl von heute Morgen ist nur scheinbar verschwunden. Zwischen meinen Schulterblättern spüre ich noch immer dieses seltsame Kribbeln. Ich atme tief durch. Für so etwas ist jetzt wirklich nicht der richtige Zeitpunkt. In diesem Moment kündigt die Schulleiterin nämlich Sophie an, die beste Sängerin des Jahrgangs. Sie kann nicht nur singen, Gitarre spielt sie auch.

Sophie stimmt ein französisches Lied an, bei dem ich nur »Adieu« und »Liberté« verstehe. Das Wort »Maman« kommt auch vor. Mehrfach, in einem herzzerreißend traurigen Tonfall. Das reicht. Für mich gibt es kein Halten mehr. Ich heule Rotz und Wasser. Ohne Unterlass. Unterbrochen von nur halb unterdrückten Schluchzern. Warum hören diese Tränen nicht auf zu fließen? Ist ja wohl oberpeinlich.

Meine Schwester macht es auch nicht besser. Sie blickt immer wieder zu mir rüber, steckt mir ein Taschentuch nach dem anderen zu und fragt alle zehn Sekunden: »Geht's?«

Nein, verdammt, es geht nicht. Welche emotionalen Wellen überrollen mich da eigentlich gerade? Eine Mischung aus Stolz, Wehmut und totalem Verlust, gestehe ich mir selbst ein.

Jetzt komm, reiß dich mal zusammen, sage ich zu mir selbst. Ist ja wohl total übertrieben dieses Rumgeheule. Du hast doch seit zwölf Jahren darauf gewartet, dass dieser Schulalbtraum endlich vorbei ist. Dein Kind freut sich wie Bolle und du machst hier auf Heulsuse.

Ich schnäuze mich ein letztes Mal in das völlig aufgeweichte Tempo und schaue nach vorn. Hoffentlich sieht Nicholas nicht, dass ich gerade völlig die Fassung verloren habe.

Gerade noch rechtzeitig habe ich mich wieder im Griff und sprinte - ganz Journalistin - nach vorne, das Handy im Anschlag. Das ist er, der Moment. Mein Sohn bekommt in wenigen Augenblicken sein...

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