Lea Rose

Die Tochter der Flickschneiderin
 
 
Books on Demand (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 7. Juli 2020
  • |
  • 256 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7519-4770-1 (ISBN)
 
Lea Rose, Tochter der ostbelgischen Flickschneiderin Anna und des früh verstorbenen Berliner Juden Leo Rosenzweig erfährt erst spät von ihrer halbjüdischen Herkunft, die während des Nationalsozialismus verheimlicht wurde. In der Oberschule lernt sie Danielle kennen, eine in Belgien geborene Jüdin, deren Mutter und Großmutter den Holocaust nicht überlebten. Vorn ihr erfährt sie viele, was sie zu Hause bestenfalls als Andeutungen erfuhr. Der Adoptivvater Arthur, Bruder ihres verstorbenen Vaters fordert die Herausgabe jüdischen Eigentums in der Eifel ein. Ein Jahr darf Lea Rose in Texas, der Heimat ihrer Großtante verbringen, wo sie auf ihre große Liebe trifft. Statt sich dem Willen des Adoptivvaters zu beugen und das Familienunternehmen in Amerika zu leiten, wählt sie die Unabhängigkeit und einen für damalige Zeiten unüblichen Beruf.
1. Auflage
  • Deutsch
  • 0,50 MB
978-3-7519-4770-1 (9783751947701)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Maryanne Becker schreibt Romane, Kurzgeschichten und Sachbücher. Im Fokus stehen starke Frauen und besondere Schicksale.

Ostbelgien 1950


Inzwischen war ich fünfzehn, lümmelte auf der Anrichte unserer amerikanischen Küche, ließ die Beine baumeln und sah aus dem Fenster.

Wie üblich arbeitete Mama wieder bis zum Einbruch der Dunkelheit im Atelier, sodass ich ungestört nachdenken konnte. Sie ertrug nicht, dass ich herumsaß und Löcher in die Luft starrte. Fasziniert von den heimlich gelesenen Tagebüchern meiner längst verstorbenen Tante Maria, die als Nonne im Kongo missioniert hatte, wollte ich es ihr gleichtun und meine Erlebnisse niederschreiben. Ich fragte mich, an welchem Punkt ich ansetzen sollte und verbrachte Stunden und Tage damit, über meine Kindheit zu sinnieren.

Mama hockte im Atelier an der Nähmaschine. Onkel Arthur, den ich seit der Hochzeit Dad nannte, war unterwegs und ich konnte meine Gedanken ungestört schweifen lassen. Ob es der trübe Novembernebel war, der die Erinnerung an jenen schicksalhaften Winter hervorrief, oder ob mich wieder dieser schwarze Mantel umhüllte, in dessen großen Taschen die Ungereimtheiten meines kleinen Lebens steckten, wusste ich nicht.

Vor meinem inneren Auge tauchten meine Tanten Elisabeth und Johanna auf, wie sie Mama anfuhren: »Sieh zu, dass du fortkommst mit deinem Ami und dem Nazibalg! Du pickst dir immer die Perlen heraus.« Ich konnte mir keinen Reim auf die Vorwürfe der Tanten machen. Mama starrte auf den Küchentisch, wo die Großmutter mit dem Rosenkranz in den gefalteten Händen aufgebahrt lag.

»Sie ist noch warm. Schämt ihr euch nicht?« In Mamas Augen standen Tränen. Mein unbändiger Wunsch, die Großmutter ein letztes Mal zu umarmen, ergriff erneut Besitz von mir. So, als könnte ich jenes Versäumnis nachholen.

Es muss kurz nach der Beerdigung gewesen sein, als Onkel Arthurs eindringliche Stimme in meine Ohren drang. Ich verließ das Bett und bezog meinen Lauschposten hinter der Schlafzimmertür.

»Anna, ich bitte dich, werde meine Frau. Ich erwarte nichts von dir. Nur so kann ich Leos Vermögen auf dich und euer Kind überschreiben. Verzichte auf dein elterliches Erbteil - sollen deine Schwestern mit dem alten Häuschen machen, was sie für richtig halten - und lass uns gemeinsam eine neue Existenz aufbauen.«

Ich vernahm Mamas Schluchzen, ihr wiederholtes »Nein, nein, nein.«

Stille! Ich war gerade im Begriff, meinen Lauschposten zu verlassen und ins warme Bett zurückzukehren, als ich Mamas - inzwischen deutlich leisere Stimme - vernahm. »Ich habe noch nie viel Geld besessen und bin gewohnt, für meinen Lebensunterhalt zu arbeiten.«

»Indem du darauf wartest, dass die Leute dir ihre zerschlissenen Sachen zum Flicken bringen? Und du bis zum Einbruch der Dunkelheit an der Nähmaschine sitzt - sofern überhaupt Aufträge eingehen? Willst du dein Kind mit vierzehn in die Fabrik schicken, weil das Schulgeld fehlt?« Onkel Arthurs Stimme klang gepresst, so, als wollte er seinen Ärger unterdrücken.

Meine Mutter unterschied sich nicht von den anderen einfachen Menschen in unserer Gegend: Statt die Gunst der Stunde zu nutzen und strategisch zu handeln, reagierte sie im Schneckentempo und übervorsichtig auf neue Entwicklungen. Ich fand sie bockig, ein Verhalten, das sie mir nur allzu oft vorwarf.

Ich wagte, die Tür einen Spalt breit zu öffnen, und sah, wie Mama mit den Achseln zuckte: »Gewiss, Lea sollte es einmal besser haben.«

»Es ist deine verdammte Pflicht, die Erbschaft anzunehmen und die Zukunft deines Kindes zu sichern, begreife doch endlich!«

Auf Onkel Arthurs Stirn zeichnete sich eine tiefe Falte ab. Leise schloss ich die Tür und auf Zehenspitzen zurück.

Als Mama endlich zugestimmt hatte und mir von den, wie sie sagte, »bevorstehenden Änderungen« berichtete, sah ich sie vor meinem geistigen Auge als wunderschöne Braut in einem bodenlangen, weißen Kleid mit Schleppe und Schleier vor dem blumengeschmückten Altar unserer Kirche knien. Hinter ihr stand ich als Brautjungfer im weitschwingenden Tüllkleid, mit einem rosa Blütenkranz im Haar und einem Körbchen voller roter Rosenblüten. Wie ein Film schob sich eine weitere Szene in meinen Tagtraum. Im neuen Haus würde ich ein eigenes Zimmer haben, darin ein weißes Himmelbett, ein Bett, in dem ich nie wieder frieren und im Backofen erwärmte, in Lumpen gewickelte Ziegelsteine zwischen meinen eiskalten Füßen und bis zu den Waden hin und her schieben musste. Die Zentralheizung würde mich von allem Unglück erlösen.

Begeistert nickte ich mit dem Kopf und sprudelte los:

»Das muss ich gleich in der Klasse erzählen!«

»Gar nichts wirst du erzählen! Das Aufgebot ist bestellt, die Pläne für den Hausbau liegen beim Architekten - und du hältst den Mund.«

»Die Hochzeit, Mama, wo .?«

Mama erklärte mir kurz und bündig, dass es keine Feier und erst recht keine kirchliche Trauung geben würde. »Arthur ist ein anständiger Mann, wir müssen zufrieden sein. Abgesehen davon würde kein katholischer Priester einer ledigen Mutter und einem Juden seinen Segen erteilen!«

Arthur, der dem Gespräch bisher schweigend gefolgt war, mischte sich zähneknirschend ein: »Selbst, wenn ein Priester dazu bereit wäre, könnte ich mich und mein Lebensglück nicht einer Institution anvertrauen, die so viel Schuld auf sich geladen und sich den marodierenden Nazis nicht eindeutig entgegengestellt hat.«

Schon wieder stand ich mit offenem Mund und angsterfüllten Augen vor meinem zukünftigen Stiefvater. »Warum bist du Jude, was bedeutet das überhaupt?« Arthur räusperte sich und wollte zu einer Erklärung ansetzen, da schnitt Mama ihm das Wort ab: »Juden sind nicht katholisch, sie haben eine eigene Religion. In unserer Kirche werden nur Katholiken getraut.«

Dass Arthur als Amerikaner die Nazis bekämpft hatte, wusste ich, aber dass er selbst keine kirchliche Hochzeit mit Glockengeläut, feierlichem Blumenschmuck und weißgekleideter Braut wollte, wenn unser Pastor für ihn eine Ausnahme machen würde, ging mir doch gegen den Strich.

Ich war abgrundtief enttäuscht. Im Kino hatte ich Die große Liebe gesehen und wusste, wie Verliebte einander anschmachteten. Ich konnte mich gut daran erinnern, weil Oma ein Riesentheater veranstaltet hatte, als Mama mit mir nach Aachen ins Kino gefahren war. »Mitten im Krieg, du versündigst dich!«, hatte sie geschrien.

Mama war aufgeregt in Anbetracht der bevorstehenden Veränderungen. Von Verliebtheit jedoch keine Spur. Wenn es etwas gab, was ihre Begeisterung hervorrief, dann war es die Aussicht auf ein eigenes Atelier.

Bald nach seinem Auftauchen bei uns hatte Dad begonnen, mit mir Englisch zu sprechen. Mir gefiel das, zumal viele amerikanische Soldaten in der Gegend waren und wir Kinder sie gerne um Naschwerk anbettelten. Es musste niemand wissen, dass wir zu Hause bestens damit ausgestattet waren. Dad erkannte mein Interesse und meldete mich unverzüglich bei Mrs. Smith zum Privatunterricht an: Jeden Mittwochnachmittag galt es nun nach der Schule, den zusätzlichen Unterricht zu besuchen. Mrs. Smith war die Witwe eines englischen Professors und hatte bis zu dessen Tod in England gelebt. Einerseits fühlte ich mich privilegiert und das Lernen bereitete mir Freude, andererseits hätte ich gerne die schulfreien Nachmittage genossen.

Um den Familiennamen meiner Eltern, Rosenzweig, tragen zu können, musste Dad mich adoptieren. Mama fragte mich, ob ich einverstanden sei und versprach, alles beim Alten zu lassen, falls ich Einwände erheben würde. Ich war begeistert, erhoffte ich mir doch die äußere Bestätigung, endlich ein ganz normales Kind, ein Kind wie alle anderen, zu sein, und den Namen des Vaters zu tragen. Kein Strich mehr da, wo der Name des Vaters eingetragen werden sollte! Der Schamstrich! Jedes Mal, wenn ich mich früher deswegen bei Mama beschwerte, zog sie die Stirn kraus, zupfte unwirsch am nächstbesten Stück Stoff und flüsterte: »Hör auf, unzufrieden zu sein. So ein Strich kann Leben retten.«

»Der Zeitpunkt ist günstig, nach den Ferien wechselst du ohnehin die Schule. Dort kennt dich und deinen bisherigen Familiennamen niemand.« Dad verstand es, seine Vorstellungen vor einem sinnvollen und praktischen Hintergrund zu präsentieren. Dass es hier auch um Recht, Erbschaft und Vermögen ging, ahnte ich nicht.

Im Juni 1947 wurde ich eine Rosenzweig, bekam einen Vater, den ich Dad nannte, und eine neue Geburtsurkunde.

Erst viel später würde ich die große Not unserer Familie nach Großvaters Tod verstehen, die nur durch das zähe Ringen meiner Großmutter, ihren und Mamas Fleiß und Stolz in erträglichen Grenzen gehalten wurde. Und noch später erkannte ich das Ausmaß von Dads Entscheidung, sein Leben in Amerika für uns aufzugeben.

Es war Dad, der über meine Schullaufbahn entschied. Für Mama gab es nichts Schöneres als das Schneidern und Entwerfen modischer Damengarderobe. Dass ich nicht in ihre...

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