Der frühe Tod

Psychothriller
 
Zoë Beck (Autor)
 
Lübbe (Verlag)
1. Auflage | erschienen am 22. Juli 2011 | 304 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8387-0486-9 (ISBN)
 
Nur eine Hand ragte aus dem Ufergestrüpp hervor, sein Ehering funkelte im noch schwachen Licht. Weiterlaufen!, rief ihr die Stimme wieder zu, aber sie hörte nicht auf sie. Langsam bog sie stattdessen die Zweige auseinander, um ihn sich näher anzusehen ¿ Beim Joggen macht Caitlin eine grausige Entdeckung: Der Mann, der da im Gebüsch vor ihr liegt, ist tot. Doch noch schlimmer ist: Er ist kein Unbekannter. Bei der Leiche handelt es sich um ihren Exmann, den sie gehofft hatte nie wieder sehen zu müssen. Vor Kurzem erst ist sie von London in die schottischen Highlands gezogen, um vor ihm und ihrer Vergangenheit zu fliehen. Doch wer hätte ein Motiv haben können, ihn zu töten - außer Caitlin selbst?
Luebbe Digital Ebook
1. Aufl. 2011
Deutsch
0,84 MB
978-3-8387-0486-9 (9783838704869)
383870486X (383870486X)
weitere Ausgaben werden ermittelt

1.


Caitlin ahnte die Leiche mehr, als dass sie sie sah. Sie war am Anfang ihrer morgendlichen Laufrunde - um Punkt sieben Uhr zehn Meilen am Ufer von Loch Katrine entlang -, und sie konnte nicht sagen, was es war, das sie aus dem Takt brachte, sie stolpern und drei Schritte zurückgehen ließ. Ob es nur ein Gefühl war. Ob vielleicht die Luft vom Tod ein paar Grad kühler war. Sie stolperte, hielt inne, ging drei Schritte zurück und sah sich so lange um, bis sie ihn entdeckte. Eine innere Stimme warnte sie.

Lauf weg!

Nur eine Hand ragte aus dem Ufergestrüpp hervor, sein Ehering funkelte im noch schwachen Licht. Weiterlaufen!, rief ihr die Stimme zu, aber sie bog stattdessen die Zweige auseinander, um ihn sich näher anzusehen.

Lauf weg!

Sein rechtes Bein zeigte zum Wasser, der handgenähte schwarze Schuh berührte die Wasseroberfläche. Das linke Bein war angewinkelt, der Schuh fehlte. Beide Arme waren vom Körper abgespreizt, als hätte er sie hochgerissen. Sie stieß ihn mit der Spitze ihrer Laufschuhe vorsichtig am Rumpf an, um den letzten Zweifel auszuräumen.

Geh, bevor dich jemand sieht!

Sie blieb. Behutsam schob sie das Geäst weiter zur Seite und sah in sein Gesicht. Er lag auf dem Rücken, das Jackett offen, die Dior-Krawatte verrutscht, die Augen geöffnet, den Blick nicht auf sie, sondern zur Seite gerichtet, weil sein Kopf nach links gedreht war.

Sein Mund stand offen, und Caitlin konnte die Zunge sehen. Ihre Augen wanderten zum Hals und zu den schmalen, dunkel verfärbten Striemen. Sie wollte sich hinabbeugen, schreckte aber zurück, als vor ihr etwas in die Luft stob.

Sie hatte Fliegen aufgescheucht, die ersten Besucher nach dem Tod. Sie hatten sich in seinem Haar versteckt, saßen auf seinem Blut. Caitlin sah sich um. Niemand. Sie sollte einfach weiterlaufen. Jemand anderes würde ihn finden. Es war noch früh, die Morgensonne warf lange Schatten, die Gipfel der Trossachs zeigten sich mit weichen Konturen im pudrigen Licht. Später würden Wanderer vorbeikommen. Sie könnten ihn finden.

Aber dann verwarf sie diesen Gedanken, nahm ihr Handy aus der Innentasche ihrer Trainingsjacke, rief die Polizei und anschließend im Büro an, um zu sagen, dass sie später kommen würde.

Zwanzig Minuten brauchten die Polizisten, und Caitlin nutzte die Zeit, um sich ihre Worte zurechtzulegen.

Als die Polizei eintraf, schenkte man ihr kaum Beachtung. Jemand legte ihr eine Decke um die Schultern und gab ihr süßen Tee, ein anderer notierte sich ihren Namen und ließ sie auf dem Parkplatz stehen, der jetzt zu einer Art Stützpunkt für das Team der Spurensicherer geworden war. Sie öffnete die Tür ihres Wagens und hockte sich auf den Fahrersitz, beobachtete das Treiben und klammerte sich an den Plastikbecher. Ein paar Uniformierte sperrten den Weg ab. Frauen und Männer in weißen Anzügen schleppten große Koffer zum See. Ein Wagen parkte, und ein großer dunkelhaariger Mann mit einer Arzttasche in der Hand stieg aus. Nach einer Weile kam er den Fußweg vom See wieder zurück, um wie sie mit geöffneter Fahrertür in seinem Auto zu warten. Er füllte Formulare aus, manchmal telefonierte er, manchmal warf er ihr einen ausdruckslosen Blick zu. Erst als ein Vauxhall neben ihr parkte und ein Endvierziger in Anzug und Krawatte ausstieg, änderte sich die Atmosphäre: Wichtig, dachte Caitlin. Wenn ich mit jemandem reden muss, dann mit dem. Sie stand auf und ging auf ihn zu, aber er sah an ihr vorbei. Ein uniformierter Sergeant rief: »Detective Inspector Reese? Ich bin Sergeant Kerr. Wenn Sie mir folgen wollen .«

»Entschuldigung«, versuchte sie, sich bemerkbar zu machen, aber niemand kümmerte sich um sie. Die beiden Männer verließen den Parkplatz und folgten dem Fußweg. Caitlin starrte ihnen nach, als jemand zu ihr sagte: »Kann ich Ihnen helfen?«

Sie drehte sich um und sah dem Arzt auf die Brust. Er musste gute zwei Meter groß sein. Sie selbst maß nur eins sechzig. Caitlin ging einen Schritt zurück, um ihm ins Gesicht schauen zu können, ohne sich den Hals zu verrenken.

»Ich hätte gerne mit jemandem von der Polizei gesprochen«, erklärte sie.

»Hat man sich Ihre Personalien noch nicht notiert?«

»Darum geht es nicht.«

Er schwieg einen Moment, bevor er sagte: »Dr Iain Balfour, ich bin der Polizeiarzt. Worum geht's denn?«

Sie hob die Schultern. »Ich dachte, es spricht noch jemand mit mir.«

»Wenn man Ihre Personalien aufgenommen hat, wird man sich mit Ihnen in Verbindung setzen. Sie können jetzt nach Hause. Das wollten Sie doch wissen? Ob Sie fahren können?« Er lächelte aufmunternd. »Das war sicher ein Schock für Sie. Falls Sie sich nicht in der Lage fühlen, Auto zu fahren, frage ich gerne nach, ob man Sie nach Hause bringen kann. Oder soll ich Ihre Angehörigen verständigen, damit man Sie abholt?«

Caitlin schüttelte den Kopf. »Ich dachte, es spricht jemand mit mir«, wiederholte sie. »Wegen dem Toten. Es weiß doch niemand, wer er ist.«

»Das wird die Polizei schon herausfinden«, sagte Balfour und wollte noch etwas hinzufügen, hielt aber inne, als Caitlin sich von ihm wegdrehte und zurück zu ihrem Auto ging. Sie zögerte, überlegte, ob sie mit ihm reden sollte. Balfour nahm ihr die Entscheidung ab.

»Sie kennen den Mann.« Es war mehr eine Feststellung als eine Frage, und sie nickte, ohne ihn anzusehen. Kämpfte zum ersten Mal mit Tränen. Schwieg.

»Soll ich den Inspector holen?«, fragte Balfour.

Caitlin setzte sich in ihren Wagen. »Sagen Sie ihm, er soll sich bei mir melden. Der Tote ist mein Exmann.« Schnell schlug sie die Autotür zu und startete den Motor. Sie fuhr mit durchdrehenden Reifen an, nur um den Arzt nicht sehen zu lassen, dass ihr Tränen über das Gesicht liefen, würgte den Motor ab, noch bevor sie zwanzig Meter gefahren war, und heulte los.

»Und das konnten Sie uns nicht gleich sagen?« Inspector Reese gab sich keine Mühe, rücksichtsvoll zu sein.

»Ich habe versucht, mit Ihnen zu reden, aber Sie haben mich nicht mal angesehen«, sagte Caitlin. »Und Ihr Sergeant hat mich keinen einzigen Satz mehr ausreden lassen, nachdem er meinen Namen und meine Adresse hatte.«

»Kerr!« Reese brüllte nach dem Sergeant, der sofort in sein Büro gerannt kam und seine Uniform stramm zog. »Ich weiß nicht, wie ihr das hier so handhabt, aber bei uns in Stirling lässt man Zeugen ausreden, egal, was sie vor lauter Wichtigtuerei schwafeln.«

Kerr nickte eifrig zu allem, was der Inspector vom Criminal Investigation Department sagte, und lief dunkelrot an.

»Gut. Der Tote heißt Thomas West. Ist Anderson ihr Mädchenname?«

»Der meiner Großmutter.«

Er stutzte, entschied sich aber offenbar, seine Verwunderung vorerst zu ignorieren. »Adresse?«

»Gloucester Road in Kew. London.« Sie sah seinen goldenen Ehering.

»Wie lange sind Sie schon geschieden?« Reese wedelte Kerr mit der linken Hand aus dem Raum.

»Ein halbes Jahr.«

»Seit wann sind Sie in Schottland?«

»Einen Monat. Ich arbeite für die >We help<-Stiftung.«

»Der Gutmenschenverein, der sich um Straßenkinder kümmert?«

Caitlin nickte. »Auch um Straßenkinder. Sie sind kein großer Freund der Stiftung?«

Der Inspector zuckte nur mit den Schultern. »Schön, wenn man den Armen und Schwachen helfen will. Es wird nur nichts nützen«, sagte er gelangweilt.

»Wird es nicht? Und warum nicht?«, fragte Caitlin, um eine ruhige Stimme bemüht.

»Es zwingt sie ja keiner, Drogen zu nehmen und sich dumm zu saufen«, erklärte Reese. »Ich kenne die Kids. Das ist meine Kundschaft von morgen. Irgendwann bringen sie jemanden um, weil sie nicht wissen, wie sie sonst an Geld kommen sollen.«

»Wir kümmern uns gezielt um diese Kinder, damit sie eine Chance haben.«

»Super. Meinen Segen haben Sie. Aber seien Sie nicht enttäuscht, wenn Sie merken, dass Ihre Bemühungen umsonst sind. Wenn Sie die Kids nicht schon gleich nach der Geburt aus ihrem Elend rausholen, haben Sie verloren. Die werden wie ihre Eltern. Oder wie ihre Kumpels, die so geworden sind wie ihre Eltern.« Er dachte kurz nach. »Nein, stimmt nicht. Nicht nach der Geburt.«

»Sie geben den Kindern doch noch eine Chance, auch wenn sie schon älter als ein paar Wochen sind?«

»Ich gebe auch Neugeborenen keine Chance. Die kommen als Junkies auf die Welt, weil ihre Mütter während der Schwangerschaft weiter trinken und rauchen und koksen und Tabletten nehmen.«

»Sie sind vermutlich für Geburtenkontrolle bei Sozialhilfeempfängern«, vermutete Caitlin.

»Arbeiten Sie mal zwanzig Jahre mit denen. Wäre interessant, sich dann mit Ihnen zu unterhalten. Wenn Sie so alt sind wie ich. Falls Sie es so lange durchhalten.«

»Ist das unser Thema?«, fragte sie scharf.

Er lächelte gelangweilt. »Was genau machen Sie bei der Stiftung? Sie sehen nicht aus wie eine Sozialarbeiterin.«

»Wie genau sieht eine Sozialarbeiterin aus?«

Reese verdrehte die Augen. »Sie sind keine, okay? Also, was machen Sie da? Ich weiß, dass Sie im Büro sitzen.«

Caitlin hob die Augenbrauen. »Ach, und woher wissen Sie das?«

»Das ist mein Job.« Reese beugte sich vor. »Also?«

»PR«, gab Caitlin zu.

»Sehen Sie«, triumphierte Reese und lehnte sich wieder in seinem Stuhl zurück. »Sie wohnen zur Miete in Callander?«

Sie nickte.

»Wollen Sie umziehen? Näher zum Büro? Die Stiftung ist am Loch Lomond, richtig? Wie lange...

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