Die Nacht, als die Apachen kamen

 
 
Uksak E-Books (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 17. April 2020
  • |
  • 131 Seiten
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7389-3926-2 (ISBN)
 
Zum zweiten Mal schallte der Käuzchenruf klagend durch die Nacht. Billy McLean packte sein Gewehr fester. Seine Nackenhaare sträubten sich, als er sah, wie sich beim Corralzaun die verschwommenen Umrisse eines Busches plötzlich bewegten. Billy hob das Gewehr an die Schulter. Er bemühte sich, ruhig zu bleiben, während er zielte. Als er das schabende Geräusch hinter sich hörte, war es bereits zu spät. Er wurde zurückgerissen. Eine harte Hand presste sich auf seinen Mund. Im nächsten Moment durchbohrte der scharfe Stahl eines Apachenmessers sein Herz. Eine halb nackte Gestalt richtete sich neben Billys Leiche auf, und der Ruf des Käuzchens ertönte zum dritten Mal ...
  • Deutsch
  • 0,43 MB
978-3-7389-3926-2 (9783738939262)

1


Eine breite Lichtbahn fiel aus der Tür des Ranchhauses über den Hof. Auf der Schwelle drehte sich John Harris, der lederhäutige Vormann der Rutledge Ranch, nochmals um.

»Ich werd' die Wachen verdoppeln, Miss Nelly. Schlafen Sie also unbesorgt! Und machen Sie sich keine Gedanken mehr wegen Ihres Vaters. Mit ein paar lausigen Viehräubern wird der Boss noch allemal fertig. Ich bin sicher, morgen um diese Zeit ist er längst wieder zurück.«

Die junge Frau, die beim steingemauerten Kamin stand, lächelte. Aber der Ausdruck einer unbestimmten Sorge in ihren blauen Augen blieb. Der Schein der Petroleumlampe umfloss ihre anmutige Gestalt und vergoldete das im Nacken zusammengebundene blonde Haar.

»Schon gut, John. Ich danke Ihnen.«

Harris räusperte sich.

»Na dann, gute Nacht, Miss Nelly.«

»Gute Nacht, John.«

Er schloss die Tür, setzte den Stetson auf. Als er an den Rand des überdachten Vorbaus trat, kam ein leiser Käuzchenruf vom Corral herüber. Die hagere Gestalt des Weidereiters erstarrte. Auf einmal und ohne dass er's sich erklären konnte, hatte er das Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmte.

Die Nacht war kühl wie die meisten Nächte in diesem halb wüstenhaften Land, in dem Sam Rutledge sich eine eigenes kleines Königreich aufgebaut hatte. Im fahlen Sternenschimmer waren die Gipfel der nahen Pinaleno Mountains nur zu ahnen.

Harris wartete darauf, dass sich der Käuzchenschrei wiederholte. Doch nichts geschah. Kein Laut durchdrang mehr die Finsternis. Kein Pferd schnaubte, und von den Tritten des Wachpostens war nichts zu hören. Harris blickte rasch zum Bunkhouse hinüber. Licht schimmerte durch die Ritzen der geschlossenen Läden. Im Haus hinter ihm war es still. Harris' Rechte kroch zur Halfter.

»Billy!«, rief er leise. Und nach ein paar Atemzügen ein wenig kräftiger: »Billy, zum Kuckuck, wo steckst du? Melde dich!«

Drüben beim Corral malmten Tritte. Eine schemenhafte Gestalt bewegte sich auf den Hof. Der Vormann erkannte den matten Schimmer eines Gewehrlaufs. Aber dann, als er schon erleichtert aufatmen und die Hand von der Waffe ziehen wollte, erkannte er auch, dass es nicht die Umrisse von McLeans schlanker Gestalt waren.

Eisiger Schreck durchfuhr ihn. Er wollte zurückspringen, den Sixshooter herausreißen. Da drang ihm ein Pfeil zwischen die Rippen. Die Wucht des Treffers riss den hageren Mann halb herum. Es war der verzweifelte Gedanke an die Tochter seines Bosses, der ihn mit fast übermenschlicher Energie auf den Füßen hielt. Schwankend brachte er den Colt aus der Halfter. Sein Mund öffnete sich zum Schrei. Das tödliche Schwirren in der Dunkelheit war schneller. Ein Pfeil durchbohrte John Harris' Kehle. Der Vormann war schon tot, als seine knochige Gestalt von der Verandakante in den Staub des Ranchhofs stürzte.

Ein Schatten glitt katzenhaft hinter der Hausecke hervor, huschte zu ihm, setzte das Skalpiermesser an. Gleichzeitig tauchten neben dem Mann auf dem Hof, der Billy McLeans Winchester hielt, weitere wie aus der Schwärze hervorgezauberte Gestalten auf. Ein herrischer Wink und ein leises gutturales Kommando verteilte die gespenstische Schar. Die dicksohligen Apachenmokassins schienen über dem Boden zu schweben.

Unvermittelt klappte die Tür des Ranchhauses nochmals auf.

»John, wenn Sie noch einen Augenblick Zeit haben ... Mir ist eben ...«

Nelly Rutledges Stimme brach ab. Die Augen der jungen, blonden Frau weiteten sich entsetzt, als sie in dem aus der Tür flutenden Licht den Apachen sah, der sich mit Harris' Skalp in der linken und dem blutigen Messer in der rechten Faust am Fuß der Verandastufen aufrichtete. Köcher und Kriegsbogen hingen auf seinem Rücken. Ein wildes Grinsen erschien auf seinem breitknochigen Gesicht. Er sagte etwas in einer kehligen, fremden Sprache. Dann war er mit einem Satz, ohne dass seine Füße eine der Stufen berührten, auf dem Vorbau.

Da erst löste sich Nellys Erstarrung. Ihr gellender Schrei war das Signal, das vollends die Hölle dieser Nacht entfesselte. Sie warf sich herum, schlug die Tür zu, klappte hastig den Riegel herab. Keine Sekunde zu früh. Schon erschütterte der Anprall des gedrungenen Körpers die massiven Bohlen.

Zitternd, immer noch das Bild des Indianers mit der grausigen Trophäe vor den Augen, wich Rutledges Tochter in die Tiefe des gediegenen möblierten Raumes zurück. Drüben flog die Schlafhaustür auf. Ein Schrei ertönte, dann versank alles im Krachen von Schüssen.

Nelly Rutledges Kopf flog herum. Ein Schatten verdunkelte das Fenster rechts der Tür, Metall blitzte, dann kam schon das scharfe Splittern der Scheibe. Mit einem erneuten Aufschrei floh Nelly zur Treppe, die aus der Wohnhalle ins Obergeschoss emporschwang. Die Nacht war nun von wildem Geschrei und schmetternden Detonationen erfüllt. Alles Schreckliche, was Nelly bisher nebenbei über die meist unvermuteten Überfälle der roten Ureinwohner dieses Landes aufgeschnappt hatte, schoss ihr nun durch den Kopf.

Eine nie gekannte Angst peitschte sie die Treppe hinauf. Als sie von der obersten Stufe hinabblickte, schwangen sich die Indianer bereits wie Raubkatzen durch die zertrümmerten Fenster. Scherben lagen auf dem Teppich. Im Schein der Petroleumlampe wirkten die bemalten Gesichter wie Dämonenmasken.

»Schließen Sie sich ein, Miss Nelly!«, gellte eine verzweifelte Stimme von jenseits des Hofs. »Um Himmels willen, halten Sie aus, bis wir kommen!«

Ihr Zimmer war das zweite in dem vor ihr liegenden Korridor. Sie stürzte hinein, schob mit zitternder Hand den Riegel vor. Ohrenbetäubender Lärm umbrandete das Haus. Ihre Beine trugen sie kaum mehr. Auf dem runden Tischchen neben dem Bett brannte eine Petroleumlampe, in deren trüben Schein sich vor ihren Augen alles zu drehen begann. Sie wehrte sich gegen die Schwäche. Sie wusste, was ihr bevorstand, wenn sie dieser tobenden Horde in die Hände fiel - ein schlimmeres Los als es John Harris getroffen hatte.

Sie waren schon auf der Treppe. Wilde Stimmen schallten durch das Haus. Gehetzt rannte Nelly zur Spiegelkommode, zerrte die oberste Schublade auf und wühlte unter den Kleidungsstücken, bis sie das glatte, kühle Metall eines Revolvers fühlte. Ein 38er Remington mit brüniertem Lauf, kunstvollen Zieselierungen und Elfenbeingriffschalen. Ihr Vater hatte ihr die Waffe ein Jahr nach dem Tod ihrer Mutter zum achtzehnten Geburtstag geschenkt. Er hatte ihr auch beigebracht, damit umzugehen. Die Trommel war mit sechs Patronen geladen. Die alte Grenzerregel, von der sie die Männer auf der Ranch manchmal hatte sprechen hören, durchglühte ihr Gehirn: »Die letzte Kugel für dich selbst ...«

Ein Würgen stieg ihr in die Kehle. Sie schwankte, musste sich an der Kommode festhalten. In dem leicht angelaufenen Spiegel sah sie ihr bleiches Gesicht mit den vor Todesangst verdunkelten Augen. Und hinter ihrem Spiegelbild war die Tür, deren Holz jäh unter dem wuchtigen Schlag einer Streitaxt splitterte.

Nelly fuhr herum, die Waffe in beiden ausgestreckten Händen. Sie drückte ab.

Unbewusst schrie sie im Dröhnen des Schusses, der die Bretterwände erzittern ließ, den Namen jenes Mannes, den sie jetzt an ihrer Seite wünschte: »Jim!«

Von draußen kam ein heiserer Aufschrei, dem ein dumpfer Sturz auf die Dielen folgte. Die Kugel hatte die Türfüllung wie Pappe durchschlagen. Nelly schoss wieder und wieder, bis ihr mit siedend heißem Erschrecken einfiel, dass sie nur die Patronen in der Revolvertrommel besaß. Drei verschossen! Ihr Magen verkrampfte sich.

»Die letzte Kugel für dich selbst!«, hallte es in ihren Ohren. Sie sank auf die Knie. Ein Schluchzen entrang sich ihrer Kehle.

Plötzlich wurde ihr bewusst, dass die Schüsse auf dem Hof verstummt waren. Die jähe Stille war wie ein Keulenhieb. Das furchtbare Begreifen, dass nur mehr sie allein übrig war, trieb sie wieder hoch. Gespenstische Röte leuchtete durch das Fenster zum Hof. Flammen züngelten aus dem von Kugeleinschlägen und Tomahawkhieben zernarbten Mannschaftsgebäude.

Keuchend versuchte Nelly die Kommode vor die Zimmertür zu rücken. Auf dem Gang waren gedämpfte Stimmen. Ein kurzer, hartes Lachen klang auf. Kein Schuss fiel, und das hieß, dass sie sie lebend wollten. Schwitzend und außer Atem gab sie es auf, das schwere Möbel vom Fleck zu bewegen. Sie versuchte es mit dem Bettgestell, als ein jäh krachender Hieb das Türschloss zerschmetterte. Der Riegel sprang aus der Halterung, die Tür flog auf. Schreiend stieß Rutledges Tochter den Remington hoch und feuerte.

Höhnisches Gelächter antwortete. Es kam ihr wie das Lachen von Teufeln vor. Schwankend, den nur mehr mit zwei Kugeln geladenen Revolver in den verkrampften Händen, stand sie ohne Deckung mitten in dem matt erhellten Zimmer. Kreidige Blässe bedeckte ihr Gesicht. Von der Hoffnung, sich hier zu verbarrikadieren und auszuharren, bis ihr Vater und ihr Bruder mit dem Rest der Crew von der Jagd auf die Viehräuber zurückkam, war nichts geblieben.

Das Prasseln von Flammen drang aus dem Erdgeschoss. Es roch nach Rauch und verschüttetem Petroleum. Auf dem Korridor war es still. Die Apachen, die nun wussten, dass die weiße Squaw mit einem Revolver umgehen konnte, riskierten nichts mehr. Nelly spürte ihre Nähe. Sie lauerten, sprungbereit wie Raubkatzen, dicht neben der Tür.

Schaudernd blickte Nelly auf den kalt glänzenden Stahl der Waffe, ehe sie den Remington zögernd an die Schläfe hob. Ihre Lippen bewegten sich wie im lautlosen Gebet. Leere erschien in ihren Augen. Da riss ein Geräusch am Fenster sie herum.

Sie vergaß, was sie hatte tun wollen, als sie die Gestalt sah, die an einem an einem vorspringenden Dachbalken verknoteten Lasso vor dem Fenster hing. Ein breitflächiges, mit...

Dateiformat: EPUB
Kopierschutz: ohne DRM (Digital Rights Management)

Systemvoraussetzungen:

Computer (Windows; MacOS X; Linux): Verwenden Sie eine Lese-Software, die das Dateiformat EPUB verarbeiten kann: z.B. Adobe Digital Editions oder FBReader - beide kostenlos (siehe E-Book Hilfe).

Tablet/Smartphone (Android; iOS): Installieren Sie bereits vor dem Download die kostenlose App Adobe Digital Editions (siehe E-Book Hilfe).

E-Book-Reader: Bookeen, Kobo, Pocketbook, Sony, Tolino u.v.a.m. (nicht Kindle)

Das Dateiformat EPUB ist sehr gut für Romane und Sachbücher geeignet - also für "glatten" Text ohne komplexes Layout. Bei E-Readern oder Smartphones passt sich der Zeilen- und Seitenumbruch automatisch den kleinen Displays an. Ein Kopierschutz bzw. Digital Rights Management wird bei diesem E-Book nicht eingesetzt.

Weitere Informationen finden Sie in unserer E-Book Hilfe.


Download (sofort verfügbar)

2,99 €
inkl. 7% MwSt.
Download / Einzel-Lizenz
ePUB ohne DRM
siehe Systemvoraussetzungen
E-Book bestellen