Die Stadt am Ende der Zeit

Roman
 
 
Heyne Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 16. Dezember 2011
  • |
  • 896 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-07715-0 (ISBN)
 
Die unmögliche Stadt

Es gibt sie wirklich, die Stadt am Ende der Zeit - zumindest behauptet das eine skurrile Kleinanzeige in einer Seattler Zeitung, die auch nur von skurrilen Menschen gelesen wird. Doch als drei dieser Leser auf die Anzeige antworten, beginnt eines der fantastischsten Abenteuer, das je erzählt wurde. Denn es gibt sie wirklich, die Stadt am Ende der Zeit. Eine Stadt, deren Technologie so weit fortgeschritten ist, dass man sie von Magie kaum mehr unterscheiden kann. Eine Stadt, in die sich die letzten Lebewesen eines sterbenden Universums geflüchtet haben. Eine Stadt, die nun Kontakt mit der Gegenwart aufnimmt - um zu retten, was wir als »Mensch« bezeichnen.

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Heyne
  • 0,88 MB
978-3-641-07715-0 (9783641077150)
364107715X (364107715X)
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A.


VIERZEHN NULLEN


PROLOG


Die Kalpa


Tief ist der Brunnen der Vergangenheit. Sollte man ihn nicht unergründlich nennen?

Thomas Mann: Joseph und seine Brüder

 

»Es ist die Zeit«, hörte Alan sich flüstern. »Die Zeit, die sich wie eine Flut zurückgezogen hat und uns hat stranden lassen.«

C.L. Moore und Henry Kuttner:
Der Brunnen der Unsterblichkeit

 

Alles, was Sie zu wissen glauben, ist falsch.

Firesign Theater

 

 

Es war gefährlich, sich dem Zerstörten Turm zu nähern.

Der Hüter Ghentun, der allein am äußeren Rand eines mehrere Hundert Meter weiten, von beängstigend hohen Kristallfenstern eingefassten Raumes stand, hüllte sich wegen der beißenden Kälte fester in seinen Umhang. Zu seinen Füßen sprudelte eine dünne Luftblase; über dem Weg, der ihn von den Aufzügen hierhergeführt hatte, hing feiner Eisnebel. Dieser Teil der Stadt war mit Wesen seiner Art und deren Körpern wenig vertraut und kaum bereit, sich auf die anders gearteten Bedürfnisse einzustellen.

Nur selten kamen Diener des Bibliothekars in die Kammer, um Bittsteller aus den unteren Ebenen zu empfangen. Es war nahezu unmöglich, einen Gesprächstermin zu bekommen. Dennoch hatte Ghentun es gewagt, um eine Audienz zu bitten, und war tatsächlich vorgeladen worden.

Die hohen Fenster boten eine umfassende Aussicht auf das, was jenseits der Stadt lag, von der Zwischenzone bis zur Grenze des Realen, hinter der das Chaos des Typhon lag. In der Kalpa war nur dieser eine Turm mit Fenstern versehen, durch die man in die Außenwelt blicken konnte. Die übrige Stadt hatte sich schon vor langer Zeit von der beängstigenden, entsetzlichen Szenerie dort draußen abgeschottet.

Ghentun ging auf das nächste Fenster zu und wappnete sich gegen das, was er gleich zu sehen bekäme. Unmittelbar unter ihm lagen drei gewundene Gebäudekomplexe, die an Schiffsbuge erinnerten und so wirkten, als wollten sie jeden Augenblick zum Sprung in die Dunkelheit ansetzen: die letzten Bione der Kalpa, die alles umfassten, was von der Menschheit übrig geblieben war. Die riesigen Bauten waren von einem schmalen grauen Gürtel umgeben; jenseits davon lag der breite, dunkle Ring der Zwischenzone, der einem ungleichmäßig gezogenen Kreis ähnelte. Eine nach außen gerichtete Phalanx von langsam rotierenden Spitztürmen schützte den Ring und alles, was er umschloss. Von hier aus wirkten die Türme so schemenhaft, als wären sie in Brackwasser versunken. Das waren die Verteidiger, die Realitätsgeneratoren am äußersten Rand der Stadt.

Jenseits der geschützten Zone beschrieben vier mit Trümmern gefüllte Krater - die verlorenen Bione der Kalpa - ausgedehnte Seitenkurven, die sich Hunderte von Kilometern weiter in der Dunkelheit trafen: Das war der ursprüngliche Ring um die Stadt.

Aus dem Chaos heraus ließ die gewaltige Kugel des Zeugen ihren grauen, messerscharfen Suchscheinwerfer über die verlorenen Bione und die Zwischenzone gleiten. Nachdem er die von Nebel verhüllten Verteidigungsanlagen in sein grelles Licht getaucht hatte, schoss er in hohem Bogen empor, als wolle er als Nächstes gierig nach dem Turm greifen. Das blendende Licht tat in den Augen weh. Als der Strahl durch die Kammer schnitt, wandte Ghentun den Blick ab.

Genau an dieser Stelle hatte früher einmal Sangmer gestanden, um seine Reiseroute festzulegen. Er war der Erste gewesen, der versucht hatte, mit seiner Gefolgschaft das Chaos zu durchqueren. Nach einigen Tag-Nacht-Zyklen war er vom Zerstörten Turm, der auch damals schon Malregard hieß, heruntergestiegen und hatte sich mit fünf tapferen Gefährten - allesamt abenteuerlustige Philosophen - auf die Mission begeben, die zu seiner letzten werden sollte.

Niemand hatte je wieder von der Gruppe gehört.

Malregard - der Name passte vortrefflich. Böser Blick.

Als Ghentun eine Präsenz in seinem Rücken spürte, wandte er sich um und neigte den Kopf. Der Bibliothekar hatte so viele und vielgestaltige Diener, dass er nicht wusste, wen oder was er erwarten sollte. Dieser hier entpuppte sich als winziges Angelin in weiblicher Gestalt, das ihm gerade bis zum Knie reichte.

Als Ghentun seinen Umhang in Infrarotlicht tauchte, sprudelten die Luftblasen in seinem Umfeld zunächst heftig auf, um gleich darauf zu verschwinden. Auch der Diener wechselte sein Farbspektrum und erhöhte danach die Raumtemperatur, bis sich schließlich ein leichter Luftdruck bemerkbar machte.

Ghentun beugte sich hinunter, um dem Angelin einen urzeitlichen Gesteinsklumpen zu überreichen, einen kleinen Brocken Basalt, der von der Erde stammte - das übliche Entgelt für eine Audienz. Dieses überlieferte Protokoll durfte man nie verletzen, denn der Bibliothekar und all seine Diener neigten dazu, sich bei dem kleinsten Anzeichen für unhöfliches Verhalten zehntausend Jahre lang zurückzuziehen und in Schweigen zu hüllen. Und das konnte die Kalpa sich nicht mehr leisten.

»Was führt dich hierher, Hüter?«, fragte das Angelin. »Habt ihr auf dieser Seite der Wirklichkeit Fortschritte verzeichnen können?«

»Das zu beurteilen ist Sache des Bibliothekars. Ehre seinen Dienern.«

Bei diesen Worten hüllte das Angelin sich in Silber und erstarrte - es rührte sich einfach nicht mehr, ohne dass Ghentun einen Grund dafür erkennen konnte. Schließlich hatte er sämtliche Formalitäten beachtet. Um sich in aller Ruhe und Gelassenheit auf das Kommende einzustellen, schaltete er Umhang und Körperplasma auf den langsamen Modus. Sicher würde er einige Zeit warten müssen.

Es vergingen zwei Tag-Nacht-Zyklen, ohne dass sich ringsum irgendetwas verändert hätte - abgesehen davon, dass dreimal der graue, messerscharfe Suchscheinwerfer des Zeugen aus dem Chaos auftauchte und die Kammer durchschnitt.

 

Schließlich löste sich das Angelin aus seiner silbernen Hülle und ergriff das Wort. »Der Bibliothekar wird dich empfangen. In weniger als tausend Jahren wirst du einen Termin bei ihm bekommen. Leite diese Information gegebenenfalls an deine Nachfolger weiter.«

»Es wird keinen Nachfolger geben«, erwiderte Ghentun.

Darauf reagierte das Angelin verblüffend schnell. »Ist das Experiment denn schon abgeschlossen?«

»Nein, aber die Stadt ist am Ende.«

»Wir haben lange nichts gehört. Das musst du erklären.«

»Wir verfügen nicht mehr über den Luxus von Zeit und brauchen schnelle Entscheidungen«, gab Ghentun scharf zurück.

Das Angelin dehnte sich aus und wurde durchsichtig. Für jedes Eidolon konnte der Ausdruck schnell einen Affront bedeuten, erst recht für einen Diener des Bibliothekars. Kaum zu glauben, dass diese Wesen für sich immer noch die Ehre in Anspruch nahmen, zur Menschheit zu zählen. Aber so war es nun mal.

»Erkläre mir, so viel du kannst, ohne das Privileg des Bibliothekars anzutasten«, erwiderte das Angelin.

»Es sind beunruhigende Ergebnisse aufgetreten, die Vorboten von Schlimmerem sein könnten. Die Kalpa ist die letzte Zuflucht der alten Realität, doch unser Einfluss ist allzu gering. Wie der Bibliothekar vorhergesehen hat, könnte unsere ganze Geschichte auseinanderfallen.«

»Der Bibliothekar sieht nichts vorher. Alles ist eine Frage der Permutation.«

»Selbstverständlich. Dennoch beobachten wir derzeit, dass Weltlinien sich abtrennen und auf unnatürliche Weise wieder miteinander verbinden. Andere haben sich vielleicht schon vollständig aufgelöst. Womöglich sind bereits ganze Abschnitte der Geschichte verloren gegangen.«

»Also hat das Chaos sich in die Vergangenheit eingeschlichen und verfolgt einen Rückwärtskurs in der Zeit?«

»Einige der alten Gattung spüren etwas in dieser Art. Sie sind diejenigen, die uns stets die ersten Hinweise geben; schließlich haben wir sie genau zu diesem Zweck geschaffen.«

Ganz Aufmerksamkeit, zog sich das Angelin wieder zusammen und nahm feste Gestalt an. »Wie Kanarienvögel in einer Kohlengrube«, bemerkte es.

Ghentun kannte keine Kanarienvögel und hatte auch nur eine recht ungefähre Vorstellung von einer Kohlengrube.

»Hat jemand von der alten Art hin und wieder ungewöhnliche Träume?«, fragte das Angelin.

Ghentun zog den Umhang fester um sich zusammen. »Ich habe alles offenbart, was ich offenbaren durfte. Ehre sei dem Bibliothekar. Den Rest meines Berichts muss ich ihm persönlich anvertrauen, auf direktem Wege. So lautet das Protokoll.«

»Von Malregard aus haben wir beobachtet, wie euer Nachwuchs die Grenze des Realen überquert hat. Das verstößt gegen das Gesetz der Stadt. Offenbar sind manche fest dazu entschlossen, im Chaos zu versinken. Wir haben keinen von ihnen wiederkehren sehen. Enthält dein Bericht das Eingeständnis, dass ihr versagt habt?«

Ghentun wägte die Antwort darauf sorgfältig ab. »Diese Geschöpfe sind von Natur aus empfindsam und willensstark. Als demütiger Diener der Eidola überlasse ich es Euch, darüber zu urteilen, und nehme die Kritik des Bibliothekars gegebenenfalls an. Von ihm persönlich.«

Während eine weitere lange Pause eintrat, erfasste der graue Suchscheinwerfer des Zeugen erneut die Kammer. Als er das Angelin abtastete, bemerkte Ghentun bei ihm ein inneres Linienraster, die höchst komplexe, diamantartige Struktur noetischer Materie. Das Angelin oszillierte vor seinen Augen. Die Lippen bewegten sich nicht, doch seine Kälteblase schimmerte auf.

»Trage einer Person, die solche Träume hat, auf, dich zum Zerstörten Turm zu begleiten.«

»Wann?«

»Man wird es dich...

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