Das Schiff

Roman
 
 
Random House ebook (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 8. August 2011
  • |
  • 480 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-06112-8 (ISBN)
 
Eine Reise an die Grenzen der menschlichen Existenz
Ein gewaltiges Raumschiff gleitet durch das All, ohne Lebenszeichen und mit unbekanntem Ziel. Doch dann erwacht in einem der Lagerräume ein Mensch. Nackt und frierend findet er sich in einem Schiff voll tödlicher Gefahren wieder. Im Kampf mit schattenhaften Monstern und verräterischen Illusionen sucht er verzweifelt nach Antworten: Wer bin ich? Wohin fliegt dieses Schiff? Und: Werde ich überleben?


Greg Bear wurde 1951 in San Diego geboren und studierte dort englische Literatur. Seit 1975 als freier Schriftsteller tätig, gilt er heute als einer der ideenreichsten wissenschaftlich orientierten Autoren der Gegenwart. Etliche seiner Romane wurden zu internationalen Bestsellern.
  • Deutsch
  • 0,86 MB
978-3-641-06112-8 (9783641061128)
3641061121 (3641061121)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Auf der Suche nach Wärme


Lieg nicht einfach so herum, steh auf!«

Immer noch zerrt die Kleine an mir und tanzt dabei auf dem gefrorenen Deck herum. Ich versuche mich zu bewegen, kann die Bewegungen jedoch nicht koordinieren. Und am ganzen Körper beginnt sich dabei die Haut zu lösen. Also leiste ich Widerstand. Vielleicht ist ja die Kleine an meiner schlimmen Lage schuld.

»Beeil dich! Gleich wird die Luft gefrieren!«

Ich kann nur stöhnen oder vor Schmerzen aufschreien. Ich hasse dieses magere Geschöpf. Wer ist die Kleine überhaupt? In welcher Beziehung steht sie zu mir? Jedenfalls nehme ich ihr übel, dass sie mich gewaltsam aus der Traumzeit geholt hat.

Ich drehe mich um, um nachzusehen, von wo ich gekommen bin. Und entdecke dabei in rötliche Säcke gehüllte Körper, die sich nach und nach aus einer grauen Wand schieben. Sie versuchen sich zu bewegen, schlagen um sich und wollen die Hüllen zerfetzen, aber die Säcke sind gefroren, so dass nur einzelne Stücke abspringen. Der Raum ist lang und hat eine niedrige Decke. Auf dem Boden warten Rollwagen. Manche Körper fallen auf die Karren und winden sich dort hin und her, aber sie bewegen sich wie in Zeitlupe und werden immer langsamer.

Sie werden alle erfrieren.

Ich schlage um mich und stoße die Kleine weg. Komisch, sie ermutigt mich sogar noch dazu. »So ist es richtig«, sagt sie. »Tief durchatmen. Kämpfen. Beeil dich. Die Wärme schwindet jetzt sehr schnell.«

Als ich mich aufrichte und hinstelle, erfasst mich Schwindel. »Hilf . denen da drüben!«, brülle ich. »Geh die da quälen!«

»Die sind schon tot«, gibt sie zurück. »Du bist als Erster herausgekommen.«

Aha, deshalb diese Sonderbehandlung. Diesmal wehre ich mich nicht, als sie nach meinem Arm greift. Ich habe zu starke Schmerzen, außerdem will ich nicht erfrieren. Durch eine hohe ovale Tür zerrt sie mich in einen langgestreckten Korridor, der in der Ferne, wo es hell ist, eine Linkskurve beschreibt und sich nach oben windet. Doch je weiter wir kommen, desto schneller weicht die Helligkeit zurück, verschwindet einfach.

Zurückweichen, welch seltsames Wort.

Die Kleine lässt mich einfach zurück und tänzelt voraus. Ihre Füße bleiben niemals lange an der eiskalten Oberfläche haften. Entweder schaffe ich es, zu ihr aufzuschließen, oder eben nicht.

Da es zu sehr wehtut, einfach stehen zu bleiben, stolpere ich ihr hinterher. Zwar kehrt etwas Kraft in meine Beine zurück, doch die Kälte saugt sie mir ebenso schnell wieder heraus. Das wird ein knappes Rennen.

Und es kommt noch schlimmer : Entlang des langen Korridors erkenne ich dunkle Streifen und Tausende von winzigen Leuchten, aber diese Lämpchen gehen eines nach dem anderen aus. Hinter mir stürzen Wände ein, deshalb dieses schreckliche Geräusch bei meinem Erwachen. Ich glaube, man nennt diese Wände »Schotts«, vielleicht auch »Luken«. Blinzelnd mustere ich die Wände und bemerke Nuten und Einkerbungen. An diesen Stellen können sich die Schotts heben oder senken. Sicher werden sie mich demnächst so von der folgenden Strecke des Korridors »abschotten«, dass ich in der Falle sitze.

Das hier ist ein schlechter Standort, ausgesprochen ungünstig. Ich kann nur versuchen, weiter vorzurücken, zum Licht vor mir, das zurückweicht, immer schwächer wird. Bald wird es ringsum stockdunkel sein, wenn ich mich nicht beeile, die Kleine einzuholen - die winzige Gestalt in der Ferne, die nur aus um sich schlagenden Armen und Beinen zu bestehen scheint.

Jetzt beginne ich wirklich zu rennen, und die Beine machen sogar mit, während die Arme im Rhythmus pumpen. Die Luft erwärmt sich ein wenig, so dass ich wieder atmen kann, ohne dass es in den Lungen sticht. Wie die Kleine mir geraten hat, atme ich tief durch. Dabei fällt mir auf, dass sich Nebelwirbel von den Wänden lösen, die sich teilen, wenn ich hindurchlaufe. Während ich vorwärtseile, huschen weitere ovale Türöffnungen an mir vorbei - alle so düster und kalt wie Rattenlöcher.

Ratten. Wieder so ein seltsames Wort. Was sind Ratten? Keine Zeit, Fragen zu stellen.

»Komm schon!«, ruft die Kleine über die Schulter.

Diese Aufforderung wäre gar nicht nötig gewesen, denn ich habe sie beinahe eingeholt. Mittlerweile bin ich größer; meine Beine haben sich verlängert, so dass ich schneller rennen kann, wenn ich mich darauf konzentriere. Doch dann merke ich, dass die Kleine absichtlich langsamer gelaufen ist. Plötzlich stürmt sie davon, ist mir ein großes Stück voraus und taucht in das grelle rötliche Licht ein. Gleich darauf dreht sie sich um und winkt mich zu sich. »Beeil dich! Ich hab Kleidung für dich!«

Die Abdeckung einer Luke gleitet nach unten. Ich kann gerade noch durch die Öffnung springen, ehe sie zuknallt. Fast hätte sie mich zerquetscht oder halbiert. Der lange Korridor schert sich nicht darum. Was allem widerspricht, was ich zu wissen, zu erinnern glaube. Die nächste Luke ist nur ein paar Schritte entfernt. Während es im Boden rumort und er unter mir erbebt, laufe ich schnell daran vorbei und spüre den kalten Luftzug im Rücken, als die Abdeckung herunterknallt. Allmählich bekomme ich den Bogen raus, und das freut die Kleine so, dass sie einen Luftsprung vollführt. »Wir sind fast da!«, ruft sie.

Welch ein Erwachen aus dem langen Schlaf! Aber jetzt habe ich das Licht fast erreicht. Die Wärme tut mir unendlich gut, und die Luft riecht angenehm. Vielleicht gibt es doch noch Hoffnung für mich.

Als ich einen Blick zurückwerfe, sehe ich, wie sich eine weitere Luke schließt. Bislang ist mein Leben nach der Traumzeit auf die einfachsten Dinge reduziert - simple Formen und Objekte. Ein mit Streifen versehener Gang, Luken, ovale und runde Öffnungen, Grau-und Schwarztöne, mal abgesehen vom Licht. Außerdem ist da noch die Kleine, die, genau wie ich, Arme und Beine schwingt, rennt und hin und wieder etwas ruft. Ein Blick nach vorn: Die Kleine streckt einen Arm nach oben, legt den Kopf schief, öffnet verblüfft den Mund und starrt irgendetwas an, das ich nicht sehen kann. Plötzlich weicht sie zurück und legt schützend einen Arm übers Gesicht.

Offenbar ist irgendetwas Neues, Entsetzliches aufgetaucht. Ich erkenne es in dem hellen Viereck, in dem die Kleine steht, in dem Licht, auf das ich zusteuere. Ein dickes dunkles Etwas, stark behaart, füllt das Viereck jetzt aus, blockiert den Weg, spreizt eine riesige Tatze, greift nach dem Rücken der Kleinen, umschlingt sie und hebt sie in die Luft. Sie schreit kurz auf und schleudert irgendetwas Winziges mit aller Kraft in meine Richtung. Es landet auf dem Gang, prallt vom Boden ab, gleitet weiter und bleibt schließlich liegen.

Irgendetwas bewegt sich in der Dunkelheit, und drei funkelnde Knopfaugen wenden sich mir zu, starren mich an. Dann ist der Spuk vorüber, und es wird wieder hell, aber die Kleine bleibt verschwunden.

Die Wärme, die im Gang pulsiert, ist verführerisch, aber sie mag auch ein böses Lockmittel sein. Als ich stehen bleibe, trifft mich Kondenswasser, das von der Decke tropft, und ich beginne zu zittern.

Plötzlich schiebt sich eine Wand zwischen mich und das entsetzliche Ding, das im Licht lauert. Auch gut. Ich lasse mich auf den Boden plumpsen und lehne mich gegen die Wand. Die letzte Luke liegt fünf oder sechs Schritte hinter mir, die nächste neun oder zehn Schritte vor mir. Und die Kleine ist genauso aus meinem Blickfeld verschwunden wie das Licht.

Seit meinem Erwachen war es ein einziger Horrortrip, also schließe ich die Augen und hoffe, dass dieser Trip endlich ein Ende hat. Ringsum ist alles still. Die Wände vereisen zwar nicht, aber es ist immer noch kalt hier. Wenn ich mich flach auf den Boden lege, wird er meinem Körper vermutlich den letzten Rest Wärme entziehen, und genau das ist es, was ich jetzt brauche: einen Neustart. Zurück auf LOS. Ich werde ohne Schmerzen mit dem Boden verschmelzen, und dann kann ich auf einen besseren Anfang warten, einen, der eher dem ähnelt, der mir in der Traumzeit versprochen wurde. Ich kann mich kaum noch an irgendetwas erinnern, das sich vor diesem Sack, dem Gezerre und der Kälte ereignet hat. Zurückgeblieben ist nur der Eindruck, dass ich etwas Wunderbares und zugleich Beunruhigendes erlebt habe.

Es hätte so viel besser anfangen können. Was ist schiefgegangen? Ich lehne mich zurück und starre nach oben, auf das bräunliche Sickerwasser. Nach der Anstrengung tut mir dessen Kühle gut.

Wer war die Kleine überhaupt? Ich denke in der Vergangenheitsform an sie, denn ich bin mir sicher, dass das unbekannte Wesen, das sich die Kleine geschnappt hat, sie entweder gefressen, recycelt oder sonst was Schlimmes mit ihr angestellt hat. Das liegt auf der Hand, kann gar nicht anders sein. Folglich lautet die erste Lektion: Geh nicht dorthin, wo du's hell, warm und gemütlich hast, denn dort erwartet dich Schlimmes.

Da mir keine Flüche einfallen wollen - mein sprachliches Repertoire ist immer noch sehr beschränkt -, murmele ich einfach irgendetwas vor mich hin, das zornig klingt. Es sind Grunzlaute, könnten aber auch identifizierbare Wörter sein, würde mein Gedächtnis wieder funktionieren. In der Traumzeit wurde niemals geflucht. War das nur eine schöne Scheinwelt? Was hatten sie dabei im Sinn?

»Ich will, dass das hier aufhört«, krächze ich, »und zwar sofort!« Nach und nach rede ich mich in Wut, auch wenn nur wirres Zeug herauskommt. Ich bin etwas Besonderes, auch ich habe Bedürfnisse, habe eine wichtige Aufgabe, werde sie erledigen, sobald ich mich wieder unter Kontrolle habe, werde euch schon zeigen, was in mir steckt. Ich rede mich so in Rage, dass mir nach und nach die Luft ausgeht....

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