Das innere Ausland

Roman
 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 1. August 2018
  • |
  • 208 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-99253-4 (ISBN)
 

Andreas Vollmann glaubt, endlich in seinem Leben angekommen zu sein. Nach mehr oder weniger allein verbrachten Jahren besitzt er nun mit seiner Schwester Nina ein Haus im Süden Frankreichs, wo er die Tage in bukolischer Stille verbringt. Aber dann stirbt Nina sehr überraschend, und Andreas wird seine innere Einsamkeit bewusst. Es ist kein Zufall, dass in diesem Moment eine fremde Frau bei ihm erscheint - sie heißt Malin und ist Ninas Tochter, von der Andreas noch nie etwas gehört hat. Während die beiden sich einander annähern und Malin ihm von der unbekannten Seite seiner Schwester erzählt, erkennt Andreas, dass das Leben ihm gerade eine zweite Chance bietet. Doch er muss sie auch ergreifen.

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Thommie Bayer, 1953 in Esslingen geboren, studierte Malerei und war Liedermacher, bevor er 1984 begann, Stories, Gedichte und Romane zu schreiben. Neben anderen erschienen von ihm »Die gefährliche Frau«, »Singvogel«, der für den Deutschen Buchpreis nominierte Roman »Eine kurze Geschichte vom Glück« und zuletzt »Das innere Ausland«.

1


Der Hund des Engländers verbellte auch vorüberziehende Wolken oder Grasbüschel, die der Wind über die Straße trieb. Und er war immer da, auch wenn sein Herrchen mit dem kleinen gelben Nissan zum Einkaufen fuhr - der Hund versorgte die spärlich verstreute Nachbarschaft mit immer wieder Fehlalarm.

Ich brauchte keine Klingel. Mir genügte ein Blick durchs Küchenfenster in entsprechendem Zeitabstand zum Gebell, um zu sehen, ob jemand vor der Tür stand. Das kam nur selten vor. Mal die Postbotin, mal der Getränkelieferdienst und einmal in der Woche Aurélie, die Haushälterin, die sich um alles kümmerte, wozu ich mich nicht aufraffen mochte.

Auch diesmal war es nur der ramponierte Mahindra-Pick-up mit dem Verwalter des benachbarten Weinguts, dessen Felder bis fast nach Cadenet hinüberreichen. Hätte es nicht in der Nacht geregnet, wäre seine Staubfahne Hunderte von Metern weit zu sehen gewesen und erst nach Minuten wieder zu Boden gesunken.

Es war Ende Oktober, die Weinlese noch nicht vorüber, die Olivenernte noch nicht begonnen, und der Hund hatte viel zu tun, weil in dieser Zeit Trupps von Saisonarbeitern die Ruhe stören, die hier das restliche Jahr über herrscht. Ein paar Touristen, die im Hauptgebäude der Domaine wohnen und abends spazieren gehen, sind zwischen April und September so ziemlich die einzigen beweglichen Elemente in der schläfrigen Umgebung, die sich überwiegend der Photosynthese widmet.

Ich strich mir mit der Hand über die Wange und überlegte, ob ich mich gleich oder erst am nächsten Tag rasieren sollte. Im Augenblick war es noch nicht wirklich nötig, aber einen Tag später würde es schon wehtun. Das tickende Gurgeln des Espressokännchens und der Kaffeeduft lenkten mich von dieser Frage ab, und ich nahm das Kännchen vom Gas, schaltete den Herd aus und goss Milch in den elektrischen Aufschäumer. Der Hund bellte wieder.

Wenn man an Straßenbahnschienen oder einer Kirche wohnt, lernt man, den Lärm auszublenden, aber bei Hundegebell scheint das nicht zu funktionieren. Zumindest bei mir nicht. Ich lebte schon fast fünf Jahre hier und erschrak noch immer, wenn es wieder losging. Ich knall den jetzt ab, hatte Nina manchmal gesagt, ich weiß, der Hund kann nichts dafür, aber ich kann dann eben auch nichts dafür.

Es war still seit Ninas Tod. Keine Peter-Gabriel- und King-Crimson-Platten mehr, kein Gesumme französischer Gassenhauer, kein Scheppern und Schimpfen in der Küche und kein Kichern mehr über meine Marotten, zum Beispiel die, den Salat in Plastikbeutel zu packen, bevor er in den Kühlschrank kommt. Nur noch der Hund und dann und wann ein vorbeifahrendes Auto.

~

Es war Ninas Idee gewesen, sich das Haus zu teilen. Sie wollte den hinteren Teil mit dem schöneren Blick behalten, einen ehemaligen Stall, den sie mit ihrem Mann zu einer Art Loft mit großen Fenstern ausgebaut hatte, und ich sollte das Vorderhaus übernehmen, in dem ursprünglich Ferienwohnungen geplant gewesen waren, zu deren Ausbau sich das Ehepaar aber nie so recht hatte aufraffen können. Als sie dann kein Ehepaar mehr waren, hatte sich Nina das Haus ausbedungen und ihrem Exmann die Stadtwohnung in Paris überlassen. Gegen einen entsprechenden finanziellen Ausgleich, versteht sich, denn Nina war zu der Zeit schon längst zur Realistin geworden, die das Wesentliche vom Unwesentlichen trennte. Das Wesentliche war, niemals mehr von jemandem abhängig zu sein.

Du musst nichts dafür zahlen, hatte sie gesagt, ich schenk das lieber dir, als dass ich es einem Fremden verkaufe. Ich starrte sie damals nur an und schwieg, bis sie ins Bad verschwunden war, um zu duschen. »Danke«, rief ich dann irgendwann durch die geschlossene Tür hindurch, und »Willkommen«, brüllte sie zurück, als schimpfte sie mit mir. Direkt danach kam noch ein Schrei von ihr, weil sie das Duschwasser wohl zu heiß eingestellt hatte.

Seit ihrem Tod im Juli hatte ich den Eindruck, alles sei blasser geworden. Draußen war das normal für diese Jahreszeit, die Sonne bleichte das Grün der Umgebung aus, und eine feine Staubschicht legte sich zwischen den seltenen Regengüssen auf Blätter, Gras und Früchte, aber auch innen hatten Küche und Bibliothek, die beiden Räume, in denen wir jeden Tag zusammen gewesen waren, wie auch ihr Hausteil mit dem riesigen Wohnschlafraum und dem nicht viel kleineren Bad ihre Farbigkeit verloren. Oder die Farben ihren Glanz.

~

Ich setzte mich mit meinem Milchkaffee und einem Croissant auf die Terrasse. Es war noch früh, halb neun, den Schatten der Pinie musste ich jetzt noch nicht aufsuchen, das wurde erst ab elf Uhr notwendig, wenn sich die Erntehelfer am anderen Ende des Weinfeldes ihre weißen Mützen aufsetzten und die Hitze den Blick in die Ferne verzitterte.

Nina wäre jetzt im Garten beschäftigt gewesen, aber ich wusste nicht, was zu tun war. Ich sollte Aurélie fragen, ob sie jemanden kannte, der mich anleiten konnte, das nahm ich mir schon seit einiger Zeit vor, vergaß es aber immer wieder. Noch sah es, zumindest für mich, nicht verwahrlost aus, aber hier und da wuchs schon manches, das vor Ninas Augen vermutlich keine Gnade gefunden hätte.

Sie hatte sich bei der Gartenarbeit in diesem Frühjahr immer wieder an den Rücken gefasst und mit schmerzverzerrtem Gesicht kleine Pausen eingelegt, aber immer, wenn ich ihr Hilfe anbot, abgelehnt und gesagt, du hast zwei linke Hände mit zehn Daumen, lass mal. Dass sie keine Rückenprobleme hatte, sondern Metastasen, blieb ihr Geheimnis, bis sie eines Tages verschwunden war, als ich vom Einkaufen in Cadenet zurückkam. Ein Zettel auf dem Küchentisch: Ich bin ein paar Wochen weg, Freunde besuchen im Schwarzwald, mach's gut, mein Großer, Nina. Keine Adresse, keine Telefonnummer, kein Datum, an dem sie wieder zurück sein wollte. Und dann, kaum drei Wochen später, der Brief von ihr, in dem sie mir erklärte, der Krebs habe zuerst ihre Niere zersetzt, dann so ziemlich den ganzen Rest ihres Körpers, sie habe das viel zu spät entdeckt, eine Therapie sei vollkommen aussichtslos gewesen, und sie habe mir dies verheimlicht, weil es auch jetzt noch früh genug für mich sei, um sie zu trauern, sie danke mir für die Jahre, die sie mit mir genossen habe, sie danke mir für alles, ich sei der beste große Bruder, den man sich wünschen könne, ich solle ihre Asche beim Haus vergraben, bitte mit Blick nach Norden, ich werde Post von einem Anwalt aus Aix-en-Provence erhalten, der alles für sie geregelt habe, falls es doch einen Himmel gebe, werde sie von dort aus auf mich achten, sie umarme mich und gehe, zwar mit Schmerzen, aber ohne Kummer.

Seit diesem Tag stapelte sich die Post auf der alten Anrichte in der Küche, direkt unter dem Kalender. Dort legte ich jeden neuen Brief ab. Es waren nicht allzu viele und nur einer aus Aix. Die Urne kam Anfang September mit einem Kurier. Sie stand neben den Briefen, war aus recyceltem Kunststoff, gesprenkelt, sah aus wie ein Terrazzoboden.

~

»Ciao ragazzo«, rief Filippa, die Postbotin, aus dem Auto heraus und winkte. Ich winkte zurück, ohne zu antworten, sie würde mich nicht hören, denn sie fuhr, um ihre Italianitá herauszustreichen, wie Caracciola und übertönte mit ihrem Motorgeräusch sogar den Hund für einen Moment. Die Staubfahne hinter ihr erhob sich ein paar Zentimeter von der Straße in die Luft, hatte sich aber schon wieder gelegt, als Filippa nach dreihundert Metern mit einem Hupen in die Auffahrt der Domaine einbog.

Mich Ragazzo zu nennen war ein freundlicher Witz. Mein Haar war weiß, ich vierundsechzig, und ohne Brille las ich in der Zeitung allenfalls die Überschriften.

Die genügten mir dann auch, wenn ich sie im Vorbeigehen am Schaufenster der Maison de la Presse überflog oder auf Facebook von irgendwem gepostet sah, die Artikel las ich nicht mehr. Seit Jahren nicht.

Ich hörte Filippa weiterfahren. Der Lärm, den sie dabei machte, drang bis zu mir, weil sie jeden Gang an die Drehzahlgrenze ausfuhr. Wie ein Fünfzehnjähriger mit aufgebohrtem Moped. Vor jeder Kurve schaltete sie herunter und sandte ihr akustisches Signal, eine Art Äquivalent zum Posthorn vergangener Zeiten, über die Felder, durch die Büsche, in alle Richtungen, bis sie endlich um einen Hügel gebogen war.

Ich ging nach drinnen, stellte meine Tasse in die Spüle, ging ins Bad, zog mich aus und stellte mich unter die Dusche. Dann putzte ich mir die Zähne vor dem dampfblinden Spiegel - diese Reihenfolge war Absicht, denn so musste ich meine Tränensäcke, die mir das lächerlich melancholische Aussehen eines Stummfilmkomikers verleihen, nicht betrachten.

Ich zog meine Jeans wieder an, die ich nur im Haus trug, die ausgeleierten hellbraunen Slipper und ein dunkelblaues, kragenloses Hemd, dessen Knöpfe ich nicht schloss. Jetzt, da Filippa vorbeigestoben war, würde mich niemand mehr sehen, wenn ich den Hof fegte und den Löwenzahn zwischen den Pflastersteinen rupfte. Aber vorher machte ich mir einen zweiten Kaffee und legte die weiße Schirmmütze bereit, denn die Sonne würde in einer halben Stunde über den Bergrücken kommen, und ich warte nie, bis sie erst hoch am Himmel steht, sondern wehre schon die ersten milden Strahlen ab, weil ich schneller als andere einen Sonnenstich bekomme.

~

Ich hatte alle Pinienzapfen ins Gebüsch gekickt und ein knappes Viertel des Platzes gefegt, als der Hund wieder anfing und ein Taxi vor der Einfahrt hielt. Eine Frau stieg aus, nahm einen Rucksack vom Rücksitz und hängte ihn über die Schulter, befreite einen Teil ihrer langen schwarzen Locken, der sich zwischen Tragriemen und Körper verklemmt hatte, und ließ sich dann einen großen Rollkoffer vom Taxifahrer aus dem Wagen heben. Sie gab dem Mann einen Schein, bekam von ihm, nachdem er kurz wieder im Auto verschwunden war,...

»Behutsam berichtet Bayer von den Verletzungen, die seine Protagonisten erfahren haben. Ein verpasstes Leben lässt sich zwar nicht nachholen, aber Bayer gibt den beiden die Chance, ihr Leben zu ändern, gemeinsam einen Neuanfang zu starten. Ausgesprochen lesenswert.«, Ruhr Nachrichten, 01.08.2018
 
»Dieses Buch tröstet wie ein guter Song.«, HR 2 Kultur, 13.08.2018
 
»Originell, sprachlich genau und gut erzählt. (.) wird deshalb als Sommerlektüre dringend empfohlen.«, Solinger Tageblatt, 23.08.2018
 
»Thommie Bayer beherrscht die Kunst, auf wenigen Seiten eine komplette Geschichte zu erzählen, die den Leser fesselt und berührt.«, literaturschock.de, 17.08.2018
 
»Eine ruhige Lektüre, die sprachlich begeistert und in den emotionalen roten Fäden bewegt. In der Thommie Bayer dem >ganz normalen Leben< innere Füllung verschafft und damit dem Leser nahelegt, dass das Außen dem Innen folgt (und da die wirkliche >Musik< spielt) und das Leben sich nicht im Außen erschöpfen sollte, um nicht leer zurückzubleiben.«, rezensions-seite.de
 
»>Das innere Ausland< ist eine Geschichte, die man in einem Rutsch liest - und genießt!«, Moviestar
 
»Und wie gewohnt erzählt er mit ruhigen, wohl bedachten Worten eine bezaubernde Geschichte.«, Landeszeitung für die Lüneburger Heide, 01.09.2018
 
»Ein berührender, wunderbar unaufgeregter Roman.«, guenterkeil.wordpress.com, 14.08.2018
 
»Eine rührende, aber nicht kitschige Geschichte zweier einsamen Menschen, die zueinander finden und sich selbst ein bisschen Glück bescheren. Das liest sich alles sehr flüssig und im Nu ist die viel zu kurze Geschichte schon zu Ende.«, Trierischer Volksfreund, 18.09.2018
 
»>Das innere Ausland< - ein interessantes Wortspiel, aber auch ein Titel, der zielgenau beschreibt, wie es ist, wenn sich einer in sich selbst nicht zu Hause fühlt, obwohl er mehr als sechzig Jahre Zeit dazu hatte. Ich mag diesen Roman sehr, weil er so völlig unaufgeregt daherkommt und dennoch von einer behutsamen Spannung getragen wird.«, WDR 2, 16.09.2018
 
»Thommie Bayer erzählt diese zauberhafte kleine Geschichte so leicht, dass man immer wieder das Buch zur Seite legt, um in sich zu spüren.«, plus Magazin
 
» Der melancholische Sound, die schlichte Sprache, in der komplexe und heikle Gefühlslagen ausgedrückt werden, die hintergründige Psychologie, die sich weniger durch analytische Kommentare als durch die Feinheiten der Darstellung vermittelt - das sind die Qualitäten des Erzählers Thommie Bayer. Sie bewähren sich in seinem neuen Roman.«, SWR2 "Lesenswert Magazin", 20.01.2019
 
»Thommie Bayers Romane trösten. Balsam für die Seele.«, SWR1 "Gute Seiten - Schlechte Seiten" von Rainer Hartmann, Rainer Hartmann, 10.07.2019
 
»Ein Thommie-Bayer-Buch lesen ist wie Yoga machen.«, SWR1 "Gute Seiten - Schlechte Seiten" von Rainer Hartmann, Rainer Hartmann, 10.07.2019
 
»wenn ich diese Romane lese, kommt Ruhe und Frieden über mich- ganz leicht geschrieben, ruhig und unaufgeregt, behutsam erzählt.«, SWR1 "Gute Seiten - Schlechte Seiten" von Rainer Hartmann, Rainer Hartmann, 10.07.2019
 
»Thommie Bayer schafft es, sehr verknappt ganze Lebensgeschichten zu erzählen, wofür andere Autoren 800 Seiten benötigen.«, SWR1 "Gute Seiten - Schlechte Seiten" von Rainer Hartmann, Rainer Hartmann, 10.07.2019

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