Herz und Fuß

Liebesthriller. Roman
 
Anne Bax (Autor)
 
Konkursbuch Verlag
1. Auflage | erschienen im April 2011 | 288 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Adobe DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-88769-826-3 (ISBN)
 
Der erste Roman der Autorin der berühmten Erzählungen aus dem lesbischen Liebesalltag! Zu Beginn des Romans befindet man sich mitten im Ambiente des Ruhrgebiets, besser, über dem Ruhrgebiet, auf der Plattform eines riesigen Gasspeichers, der jetzt Museum ist. Die Protagonistin arbeitet dort. Sie träumt beim Sonnenuntergang über ehemaligen Hochöfen von der Liebe. Vor 8 Jahren war ihre letzte Beziehung dramatisch zu Ende gegangen, keine neue hat sie bisher gefunden. Bevor sie wieder in ihr Büro zurückgeht, macht sie in einer Ecke der Plattform einen grausigen Fund ...Und so brechen die Ereignisse einfach über sie herein. ... Bis der Sommer vorbei ist, muss Charlotte um ihr Leben fürchten. Und um ihr Herz, denn die Frau, auf derem Hals eine Gänsehaut wie eine Einladung aussieht, liebt einen Mann, nicht irgendeinen, sondern auch noch Charlottes besten Freund aus Schulzeiten. Die Polizei findet nichts heraus. Sogar Charlottes Mutter scheint mehr zu wissen. Denn sie ist Internetfan geworden, seit sie nach dem Unfalltod des Vaters das Haus kaum mehr verlässt. Und dann macht Charlotte einen zweiten schrecklichen Fund, diesmal liegt eine Buchseite dabei, ein Gedicht von Rilke. Ist Charlotte selbst gemeint? Wird sie bedroht? Hat das Ganze etwas mit ihr abrupt beendeten alten Beziehung zu tun? Doch mit den furchtbaren Ereignissen hat sie auch diese Frau kennengelernt, eine Journalistin, die sie zu ihren furchtbaren Fund interviewt ... 'Haarscharf beobachtet sie die Frauen auf ihrer hingebungsvollen, manchmal verzweifelten Suche nach wahrer und ewiger Liebe. Bodenlos amüsant, schreiend komisch werden auch die unsäglichsten Situationen in Anne Bax' schneller Schreibe zu einem atemberaubenden Lesevergnügen', schrieb AVIVA zu Anne Bax' Erzählungen aus dem lesbischen Liebesalltag. Auch dieser Roman ist nah am Liebesalltag, zugleich ein Thriller, voller wunderbarer alter und junger ProtagonistInnen und sehr spannend!

Anne Bax lebt mit Frau, Stoffschwein und Lesebrille im Ruhrgebiet.
Deutsch
0,27 MB
978-3-88769-826-3 (9783887698263)
3887698266 (3887698266)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Das ganze Ruhrgebiet


lag uns im Abendlicht zu Füßen. Stadt an Stadt an Stadt, so weit das Auge reichte. Der hohe Gitterzaun, der die weitläufige Industriebrache, die uns umgab, vor Besuchern ohne Eintrittskarte schützte, wurde auf meinen Befehl zum unüberwindbaren Wassergraben um unser eisernes Schloss. Es war ein Freitag im Juli und das war unsere erste richtige Verabredung. Ich überlegte kurz. Vielleicht auch unsere zweite, auf keinen Fall unsere dritte, dafür wusste ich noch zu wenig über sie. »Von hier oben kann man bis Düsseldorf sehen«, flüsterte ich so stolz in ihr Ohr, als hätte ich den 117 Meter hohen und 68 Meter breiten Oberhausener Gasometer, auf dessen vorderer Aussichtsplattform wir standen, persönlich und nur für diesem Zweck umgebaut. Ich wies über Rhein-Herne-Kanal und Emscher hinweg weltgewandt in die Richtung, in der ich Düsseldorf vermutete. Mit bloßem Auge gesehen hatte Düsseldorf von hier oben noch kein Mensch. Wenn man es ganz genau betrachtete, war das einfach einer der Sätze, die wir in den täglichen Führungen gern benutzten, um Reisende aus ländlich geprägten Bundesländern zu beruhigen. Die Tatsache, dass man eine so gepflegte und modisch tonangebende Stadt wie Düsseldorf vom Dach einer gewaltigen, eisernen Tonne sehen konnte, deren Innenwände auf ewig mit dunklem Schmierfett bedeckt waren, ließ ganz Oberhausen gleich mehr nach Armani und weniger nach Armut aussehen. Dort im fernen Düsseldorf roch es schon morgens nach Chanel, hier roch es den ganzen Tag nach Kanal.

Ihr war das natürlich vollkommen unwichtig. Sie winkte fröhlich hinab zu einem langen Güterzug, der sich parallel zum Kanal mit vielen bunten Containern einem unbekannten Ziel entgegenschleppte. Ich nahm vorsichtig ihre warme Hand, ihre Finger schlossen sich mit angenehmem Druck um meine und wir schauten gemeinsam in den Sonnenuntergang. Die Sonne ging über Oberhausen natürlich nie an einem geraden Horizont unter, sondern sie blieb vorher immer an irgendeiner verbeulten Satellitenschüssel, einem qualmenden Schornstein oder einer frisch renaturierten Halde in der Nähe von Duisburg hängen. Im Moment riss sie sich gerade die komplette linke Seite an der Silhouette dreier stillgelegter, rostiger Hochöfen blutig und der ganze Himmel zerfloss dunkelrot.

Meine neue Eroberung fand auch das schön. Die warme Luft, die ihr das lange Haar zerzauste, umgab uns mit dem Duft von feuchtem Asphalt, irgendwo weit weg hatte es schon zu regnen begonnen. Ich zog sie näher zu mir und suchte in ihren blauen Augen nach meinem Spiegelbild. Da war ich, mein schmales Gesicht, meine dunklen Augen, mein fragender Mund mitten in ihrem sanften Lächeln. Sie war ein paar Jahre jünger als ich oder sie war deutlich älter. Vielleicht waren wir auch beide fünfunddreißig. Mein Herz klopft, flüsterte sie. Ich lauschte. Wenn ich noch ein Herz gehabt hätte, hätte es jetzt bestimmt auch heftig und hörbar geklopft. Aber leider blieb es in dem hohlen Raum in meiner Brust absolut still. Was sicher nicht nur an dem emotionalen Frontalzusammenstoß lag, der mir in einem Sommer wie diesem vor ziemlich genau acht Jahren das Herz zertrümmert hatte, sondern auch daran, dass ich in Wirklichkeit hier oben auf dem Gasometer vollkommen allein war.

Auf dem Kanal fuhr ein langes Binnenschiff Richtung Rhein und zog gerade seine Brücke ein, um unter der nächsten Eisenbahnüberführung hindurchzupassen. Kluges Schiff. Rechtzeitig den Kopf einzuziehen, hatte ich erst spät gelernt. Ich probierte, wie weit ich meinen Kopf zwischen die Schultern senken konnte, und war zufrieden, ich hätte locker unter der Brücke hindurchgepasst. Dann drückte ich meine Stirn gegen den Gitterkäfig über der Plattform, der verhinderte, dass Unglückliche ihre Probleme hier oben mit Hilfe der Schwerkraft lösten, und seufzte. Warum stellte ich mir ausgerechnet an diesem luftigen Ort immer so plastisch vor, dass es nach all den Jahren wieder eine Frau neben und ein Gefühl in mir geben könnte? »Weil das hier einfach unser Lieblingsplatz ist, nicht wahr?«, sagte ich zu der schmutzig grauen Taube, die am Rande des Daches bestätigend mit dem Kopf nickte. So nah am Abgrund, wie sie dort hockte, lief in ihrem Leben wohl auch nicht alles ganz glatt.

Vielleicht hätte ich ja etwas mehr gespürt, wenn ich mir die Augen der Frau, die mir das vergiftete Apfel-stück aus dem Hals küssen sollte, grün vorgestellt hätte und ihre Haare kurz und perfekt geschnitten? Oder wenn ich ihr dunkle Augen gegeben hätte? Braune? Gesprenkelte? Ein grünes und ein blaues? Eine Augenklappe? Welches war eigentlich die häufigste Augenfarbe? Und welche gefiel mir am besten? Hatten mir IHRE Augen damals eigentlich von Anfang an gefallen? Ich starrte auf das eiserne Gitter, an dem ich allein lehnte, auf die Taube, die immer noch nickte, und konnte mich nicht erinnern. Das war gut. Alles was ich über SIE vergessen konnte war gut. Die Taube gurrte jetzt leidgeprüft und spähte entschlossen in die Tiefe. »Erstens kommt, wer auch immer dich verlassen hat, davon auch nicht zurück, zweitens kannst du fliegen. Also lass es!« Ich sprach so laut, dass die Taube erschreckt aufflog und mit wirrem Blick Richtung Kanal davonflatterte. Konnten Tauben schwimmen?

Die Sonne hatte den Kampf gegen die drei toten Hochöfen mittlerweile verloren und war ergeben in einen der stillgelegten Erzbunker gefallen. Das nutzte der Regen, um zusammen mit der Dämmerung heranzueilen und das Dach, den Güterzug, das Schiff, die Stadt und mich mit den ersten kleinen Tropfen zu besprenkeln. In meiner Hand knarzte das schwarze Funkgerät leise und erinnerte mich daran, dass ich meinen abendlichen Kontrollgang über die drei Aussichtsplattformen auf dem Dach des Gasometers nun endlich fortsetzen sollte. Ich nahm die Stirn vom Gitter und ging langsam weiter.

Eigentlich mochte ich diese stillen Stunden am Abend, die mir mein Job als Projektleiterin dieser spät berufenen Ausstellungshalle bot, besonders. Es war die Zeit, wenn die Aussichts- und Kulturhungrigen die Welt wieder durch ihren Fernseher betrachteten und wir in unserem untergegangenen Industrieriesen in kleiner Besetzung dem Ende des Tages entgegenträumten. Das heißt, ich träumte, der Hausmeister reparierte, die Aufsichten rauchten und die Kassenkräfte zählten.

Ich machte mich auf den Weg von Plattform eins, an der der Außenaufzug hielt, mit dem ich vor einigen Minuten angekommen war, auf den Rundkurs zu den beiden anderen Plattformen. Zurück würde ich auf dem äußeren Treppenturm zwei Stockwerke bis in die zehnte Etage gehen und von dort den gläsernen Aufzug im Innern nehmen, der einen durch den gigantischen, dunklen, stillen Raum schweben ließ wie einen einsamen Taucher durch die Tiefsee.

Sein kathedraler Innenraum hatte diesen gelernten Gasspeicher Ende der achtziger Jahre vor dem Abriss bewahrt und ihm diesen neuen Job als Wahrzeichen und Museum auf dem zweiten Bildungsweg beschafft. Die Fahrt durch die Schwärze hinab in die wechselnden Ausstellungen wurde mir nie langweilig, aber bevor ich heute schweigend schweben konnte, galt es erst mal auszuschließen, dass jemand die Nacht hoch über dem Ruhrgebiet verbringen wollte. Es gab zwar für jede Plattform auf dem Dach auch eine Überwachungskamera, aber diese Wunderwerke der Technik hatten mehr tote Winkel als der frühe VW-Käfer.

Ich schlenderte in Richtung Plattform zwei. Alles hier oben war ruhig und menschenleer, kein vergessener Besucher, der noch die Aussicht genoss, kein Lebensmüder, der nach ewigem Schlaf suchte. Von dieser Aussichtsplattform hatte ich den direkten Blick auf Europas größtes Einkaufszentrum, das die Frontlinie der ganzen Region in der Schlacht gegen den Untergang darstellte. Früher hatten auf dem gleichen Gelände Zehntausende in Stahlwerken und an Hochöfen gearbeitet, heute brachte es diese selbst ernannte neue Mitte der Stadt auf ungefähr dreihundert Tapfere, die Freizeitkleidung und Flachbildfernseher verkauften. Sollten wir die Schlacht verlieren, würden wir dort später einfach einen Gedenkstein aufstellen: Wanderer, kommst du nach Oberhausen …

Gerade spuckte der lang gestreckte Flachbau seine Besucher Kleinwagen für Geländewagen für Mittelklassewagen in Richtung A 42 aus. Eine träge Metallpolonaise, die im dunklen Rot des Sommerabends angemessen bedeutungsvoll glänzte. Der Wind trug mit den Regentropfen buntes Tonkonfetti des Karaokewettbewerbs, der an Sommerabenden mit gnadenloser Regelmäßigkeit in einem der Biergärten rund um das Konsumschlachtfeld stattfand, zu mir herauf. Ein eiliger Schwarm in der Mitte getrennter Akkorde und zerrissener Texte, die selbst so kleinteilig noch von dem Schrecken kündeten, den sie auf ebener Erde zu verbreiten wussten. Ich wanderte schnell weiter, der letzten Plattform entgegen. Ein großer Fetzen eines vielstimmigen Refrains über einen Stern, der meinen Namen trug, verfolgte mich bis zur nächsten Kurve, wo seine kurze stellare Reise von der Außenwand des Gasometers unsanft beendet wurde. Mich freute das, denn von Liebesliedern schmerzte mir auch nach acht Jahren ohne Liebe noch anfallartig die Milz.

Irgendetwas schimmerte in einer Ecke der letzten Plattform zwischen den Gitterstäben grünlich, als ich dem Weg weiter folgte. Ich ging unwillkürlich ein wenig schneller. Wahrhaftig, in der linken Ecke der dritten, großen Plattform lag oder stand ein grüner Gegenstand. Sehr grün, unangenehm grün. Ich kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können, aber der unbestimmte grüne Gegenstand ließ sich mit den begrenzten Möglichkeiten meiner Augen nicht näher heranzoomen. Wahrscheinlich hatte wieder jemand seinen Rucksack zum Fotografieren abgenommen und ihn dann einfach vergessen. Leute vergaßen alles Mögliche, Taschen, Schirme, Mäntel, manchmal sogar Kinder. Wir trugen alles...

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