Verrückt genug fürs Leben

Roman
 
 
Atlantik Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 2. März 2021
  • |
  • 224 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-455-01091-6 (ISBN)
 

"Wer Sophie Bassignac liest, geht das Risiko ein, in den eigenen Augen liebenswert zu werden." Grégoire Delacourt

Ein spannender und feinfühliger Roman über die Kunst, mitten im Leben neu anzufangen und die Dinge mutig zu verändern.

Was antwortet man einem Unbekannten, der einen um den einen Grund bittet, am Leben zu bleiben? Lucies erste Reaktion ist die Flucht. Doch dann entschließt sie sich, Alexandre, wie der Unbekannte heißt, ein richtig gutes Angebot zu machen: Sie, die ein weltweit erfolgreiches Marionettentheater leitet, nimmt den lebensmüden Alexandre als Stimme für ihre Star-Marionette in ihr Theater auf. Aber kann man jemandem vertrauen, der nicht mehr leben will? Lucies Entscheidung hat weitreichende Folgen, die ihr Leben schon bald aus den Fugen geraten lassen.

  • Deutsch
  • Hamburg
  • |
  • Deutschland
  • 0,66 MB
978-3-455-01091-6 (9783455010916)
Sophie Bassignac wurde 1960 in Dieppe geboren und lebt in Paris. Für ihren Roman Vielleicht ist es Liebe (2013) wurde sie mit dem Literaturpreis der Madame Figaro ausgezeichnet. Zuletzt erschienen bei Atlantik ihre Romane Das Leben ist zu bunt für graue Tage (2016) und Familiäre Verhältnisse (2018).

1


Nie im Leben wäre ich freiwillig und ohne Grund in diesen amerikanischen Blockbuster gegangen. Aber der Grund war da. Es war sogar sehr dringend. Mein Freund Dominique André hatte an den Spezialeffekten dieses Hollywoodschinkens mitgearbeitet, und wir würden uns ein paar Tage später bei einem Kolloquium treffen. Ich konnte ihm wahrhaftig nicht unter die Augen treten und zugeben, Venus backwards noch nicht gesehen zu haben, das war der Film seines Lebens, der die Hauptstadt seit zwei Monaten wie eine ansteckende Krankheit fiebern ließ. Ich konnte mich auch schlecht damit herausreden, dass ich die Menschenmassen nicht mehr ertrug, die sich in Museen, Theatern und Kinos drängten. Dabei war da durchaus etwas dran. Ich habe ein echtes Problem mit Pflichtterminen. Schlange stehen demütigt mich, und die fröhliche Menge stört mich. Einhelligkeit nervt mich ebenso wie kalkulierter Erfolg, Lärm und Popcorn. Alle regen sich über meine Verweigerung auf und erinnern mich bei jeder Gelegenheit daran, dass ich mich über so eine allgemeine Begeisterung freuen sollte, weil ich als Erste davon profitiere. Das stimmt, ich bin eine Künstlerin, die seit Jahren die Theatersäle mit genau dem Publikum füllt, das sie unter anderen Umständen geflissentlich meidet. Wenn die wüssten, wie ich mich nach dem Zufall zurücksehne, der früher kleine, ziellose Grüppchen in den schlecht beleuchteten und schlecht beheizten Kaschemmen stranden ließ, wo ich mich mit meinen Marionetten produzierte. Alle denken, der Erfolg sei ein sicheres Guthaben, und wenn man es einmal ergattert habe, müsse man es nur noch gewinnbringend anlegen, ohne an irgendetwas zu zweifeln. Inzwischen lasse ich sie reden, ich habe mir angewöhnt, solche Erwägungen gegenüber den Kritikern für mich zu behalten. Ich muss den Leuten nicht mehr begreiflich machen, dass die ambivalenten, nie geklärten, nie beruhigten Gefühle zwischen Leidenschaft und Hass, die ein Künstler der Menge entgegenbringt, kein Spleen reicher Leute sind.

Vielleicht ist es blöd, aber ich gehe nicht mehr ins Theater oder ins Konzert, ich kaufe mir die Kataloge der Ausstellungen, anstatt sie zu besuchen, und habe mir angewöhnt, Kinofilme zu Hause anzuschauen, wenn sie endlich im Fernsehen laufen. Ich pfeife darauf, gleich am ersten Tag im großen Saal dabei zu sein. Im Gegenteil. Der Abstand entlastet sie von den hochtrabenden Bewertungen, die beim Filmstart auf sie niedergehen. Er beraubt sie ihrer Superpower, befreit sie von der Aufgabe, mein Leben zu verändern, und ich sehe in ihnen das, was sie sind.

Wie dem auch sei, mir Venus backwards anzutun war eine Pflicht, die ich mir aus Freundschaft zu meinem alten Freund auferlegte. Ich hatte es zwei Monate lang hinausgeschoben und schließlich beschlossen, die 18-Uhr-Vorstellung am 31. Dezember sei eine erträgliche Notlösung. Ein paar Stunden vor Silvester hatte ich wenigstens die Gewissheit, meinen Film in einem leeren Kino zu sehen. Wie erwartet war ich allein im Saal. Das endlose Werbechaos war dadurch noch absurder, wie ins Leere geschossene Pfeile. Zwischen zwei für niemanden gebrüllten Spots kam eine Gestalt in dunklem Mantel den Gang herunter und setzte sich neben mich. Auf einen Schlag begann mein zweites Herz anzuschwellen und hart zu werden. Das sitzt bei mir im Magen und erwacht, wenn ich in Panik gerate. Im Halbdunkel, von der Welt abgeschnitten, war ich ganz offenkundig einem Perversen ausgeliefert, einem Avatar der modernen Phantasmen, von denen es in Serien nur so wimmelt und über die ich normalerweise nur lachen kann.

Ich weiß immer noch nicht, was mich in diesem Moment an meinen Sitz neben dieser beunruhigenden Person gefesselt hat. Irgendwas, das nichts mit Angst zu tun hatte, hinderte mich daran, meinen Mantel und meine Tasche zu nehmen und den Platz zu wechseln. Ein Überrest der in der Kindheit erlernten guten Manieren vielleicht, die unverbesserliche Höflichkeit, die uns zwingt, unter allen Umständen den Anschein zu wahren, um die Menschen um uns herum nicht zu verletzen. Und dann, auch wenn es total bescheuert ist, hatte er ein vertrautes Parfum, das wie ein Lockstoff funktionierte. In konzentrischen Kreisen schuf sein Zitronengeruch allmählich eine relative Vertrautheit, eine geradezu schwelgerische Blase. Ständig sortierte der Typ seine Beine neu. Sein Atem pfiff leise. Aus dem Augenwinkel nahm ich ein rundes Gesicht wahr, große dunkle Augen, eine glänzende, hohe Stirn, ein undefinierbares Alter. Seine Person strahlte einen seltsamen Anspruch aus. Als hätte ich mich an ihn geheftet und nicht umgekehrt. Dieser alte junge Mann hielt mich in unwiderstehlicher Abhängigkeit und ignorierte mich dabei total. Ich entspannte mich und überlegte mir, dass unser Duo im Grunde weniger absurd war als zwei Einsamkeiten, die in respektabler Entfernung in einem leeren Saal saßen. Der Film begann mit der blendenden Explosion eines im Weltall verlorenen Raumschiffs, die meine Unruhe, meine Fragen und meinen Nachbarn mit sich fortriss.

 

Nach dreißig Minuten quälender Achterbahnfahrt durch die Abgründe schwarzer Löcher stand mein Urteil fest. Venus backwards war ein Kinderfilm, ein Videospiel, in dem die Geschichte und die Personen nur dazu dienten, verblüffenden Spezialeffekten Geltung zu verschaffen. Ich hatte genug lobende Kommentare gesammelt, um sie Dominique zu servieren. Ich griff nach meiner Tasche und zog meinen Mantel an, doch als ich aufstand, um zu gehen, packte eine feste Hand meinen Unterarm und verpasste mir vom Kopf bis zu den Zehen einen gewaltigen Adrenalinschub.

»Wir hatten es doch gut, oder? Warum gehen Sie?«

Mein Nachbar sah mich lächelnd an.

Mit einem Ellbogenstoß befreite ich mich aus seiner Umklammerung. Da rief er mit außergewöhnlicher, tiefer und theatralischer Stimme: »Nennen Sie mir einen guten Grund, einen einzigen, mich heute Nacht nicht umzubringen!«

Ohne Witz, solche Sachen passieren im wahren Leben. Und im wahren Leben ist kein Schriftsteller, kein Regisseur da, der dir erklärt, wie du dich verhalten sollst, oder dir sagt, ob es sich um einen Horrorfilm oder eine Komödie, einen Abenteuerroman oder eine Liebesgeschichte handelt. Da uns die Wirklichkeit nur selten die entsprechenden Hinweise unter die Nase hält, wenn wir sie brauchen, fehlte es mir an Schlagfertigkeit. Fassungslos rannte ich hinaus.

Nennen Sie mir einen guten Grund, mich heute Nacht nicht umzubringen! Der Satz des Unbekannten hatte mich wie eine Bombe getroffen und einen alten, unerträglichen Schmerz wieder aufgeweckt. Schweißnass und fassungslos stand ich eine Weile vor dem Kino auf dem Boulevard herum. Ich war nicht mehr da. Ich war nicht mehr in Paris, am Silvesterabend, sondern dreißig Jahre zurückkatapultiert, ins elterliche Wohnzimmer, zum 291987

Ich erinnere mich an die Hitze des Sommeranfangs. Alle Fenster waren geöffnet, um Zugluft zu erzeugen, meine Schwester und ich sahen ungefähr zum zehnten Mal Die tollen Abenteuer des Monsieur L. von Philippe de Broca. Dieses vergessene Juwel hatte neben anderen Qualitäten die erstaunliche Macht, zwei hyperaktive Mädchen länger als eine Stunde zusammen und völlig reglos in einem Zimmer zu halten. Bereit, meine Lachsalve abzufeuern, wartete ich auf meinen Lieblingssatz, den des alten chinesischen Weisen, der Jean-Paul Belmondo fast täglich daran hindert, sich umzubringen. Vor einem nebligen Panorama und nachdem er ihm ein weiteres Mal das Leben gerettet hat, erinnert ihn der Buddha im Zweireiher an die Schönheiten des Daseins und deklamiert mit stark übertriebenem chinesischem Akzent: »Das Leben ist herrlich. Die Frauen, die Vögel, die Dichter, die kandierten Früchte.« Ich liebte diese ebenso absurde wie meisterhafte Aufzählung, die perfekt zu meinen hochtrabenden Teenageransprüchen passte. An jenem Juniabend stürmte kurz vor meiner Kultszene mein Vater ins Zimmer. Seinen weißen Laborantenkittel bis zum Hals geschlossen, stellte er sich neben den Fernseher und sagte lächelnd: »Was könnte mich daran hindern, mich heute Abend umzubringen?«

Er lachte über den guten Witz, dessen Pointe er allein kannte. Dann blieb er noch einen Moment stehen und tanzte von einem Fuß auf den anderen, bevor er hinausging, um sich wieder in seinem Labor einzuschließen. Gebannt von den Bildern hatten wir den Satz meines Vaters für ein Zitat aus dem Film gehalten. Aber er war von ihm. Als meine Schwester Agnès eine Stunde später ihren Roller holte, um sich auf dem Platz mit ihrer Clique zu treffen, fand sie ihn aufgehängt in der Garage.

Ich denke, ich habe diese entsetzlich morbide, im Abstand von dreißig Jahren zweimal gehörte Frage nur ertragen, weil ich fest daran glaube, dass so etwas kein Zufall ist, und weil nirgends geschrieben steht, dass ich sie nicht ein drittes Mal hören werde, morgen oder in zwanzig Jahren. Trotzdem muss ich zugeben, dass ich, die Füße im schmelzenden Schnee aneinandergedrückt, im ersten Moment einen gewaltigen, dumpfen Erdrutsch in mir spürte. Ich konnte mich nicht rühren und blieb auf einer Bank in der Nähe des Kinos sitzen. Die Erinnerungen fielen auf den Boulevard wie trockenes Laub.

Mein Vater war ein kleiner, dunkelhaariger, redseliger und geschäftiger Mann. Er war eine lokale Größe und konnte sich neben dem Bürgermeister als Einziger brüsten, alle Paare unseres Dorfes getraut zu haben. Er hatte ein Geschäft, in dem er Fotoapparate verkaufte und Filme entwickelte. Er machte auch Hochzeitsalben und stellte die besten Abzüge in seinem Schaufenster aus. Ich sehe ihn noch wie ein Gesellschaftsfotograf um seine Königspaare für einen Tag herumwirbeln. Er verlieh den Menschen eine Wichtigkeit,...

»In jedem von Sophies Büchern gibt es diese sanfte Verrücktheit, die sie als Mitglied der Familie genialer Autoren ausweist, die mit P.J. Wodehouse und Jerome K. Jerome ihren Anfang nahm und für die der Humor, sei er noch so schwarz, die beste Art ist, diejenigen, die man liebt, vor ihren Fehlern zu schützen. Im Grunde geht, wer Sophie liest, das Risiko ein, in den eigenen Augen liebenswert zu werden.«
 
»Sophie Bassignac weiß das Leichte mit dem Ernsten zu mischen, die Hellsichtigkeit mit Humor.«
 
»Atmosphärisch, tiefgründig und mit unvergesslichen Figuren.«
 
»Absolut intelligent und voller Sätze, die man sich notieren will (über unsere Zeit, das Glück, die Schönheit, das Begehren, den Humor, die Erinnerung). Verrückt genug fürs Leben ist das allerbeste von Sophie Bassignacs Büchern.«
 
»Unheimlich spannend und bewegend.«
 
»Eine feinfühlige Analyse der menschlichen Psyche.«

Dateiformat: ePUB
Kopierschutz: Wasserzeichen-DRM (Digital Rights Management)

Systemvoraussetzungen:

Computer (Windows; MacOS X; Linux): Verwenden Sie eine Lese-Software, die das Dateiformat EPUB verarbeiten kann: z.B. Adobe Digital Editions oder FBReader - beide kostenlos (siehe E-Book Hilfe).

Tablet/Smartphone (Android; iOS): Installieren Sie bereits vor dem Download die kostenlose App Adobe Digital Editions (siehe E-Book Hilfe).

E-Book-Reader: Bookeen, Kobo, Pocketbook, Sony, Tolino u.v.a.m. (nicht Kindle)

Das Dateiformat ePUB ist sehr gut für Romane und Sachbücher geeignet - also für "fließenden" Text ohne komplexes Layout. Bei E-Readern oder Smartphones passt sich der Zeilen- und Seitenumbruch automatisch den kleinen Displays an. Mit Wasserzeichen-DRM wird hier ein "weicher" Kopierschutz verwendet. Daher ist technisch zwar alles möglich - sogar eine unzulässige Weitergabe. Aber an sichtbaren und unsichtbaren Stellen wird der Käufer des E-Books als Wasserzeichen hinterlegt, sodass im Falle eines Missbrauchs die Spur zurückverfolgt werden kann.

Weitere Informationen finden Sie in unserer E-Book Hilfe.


Download (sofort verfügbar)

9,99 €
inkl. 7% MwSt.
Download / Einzel-Lizenz
ePUB mit Wasserzeichen-DRM
siehe Systemvoraussetzungen
E-Book bestellen