Die Sehnsucht, der Junge und das Meer

Eine magische Erzählung vom Fortgehen und Ankommen
 
 
Heyne (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 9. November 2021
  • |
  • 144 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-26431-4 (ISBN)
 
Ein Junge und seine große Sehnsucht - Pablos Geschichte weist uns den Weg zur Verwirklichung unserer TräumeSeit seiner Kindheit träumt Pablo davon, ein Entdecker zu werden, und doch sitzt er bis heute in seinem Heimatdorf fest und soll nun sogar heiraten. Aber will er das überhaupt? Wäre er dann nicht für den Rest seines Daseins an diesen Ort gefesselt? Zweifellos hätte er ein gutes, sicheres Leben - doch soll das wirklich schon alles gewesen sein?Als er sich eines Morgens aufmacht, um zum Fischen aufs Meer hinauszufahren, begegnet ihm ein alter Mann. »Was hindert dich daran, deinen Traum zu verwirklichen?«, fragt er ihn. Die Frage lässt Pablo nicht mehr los. Doch so einfach ist das nicht. Soll er jede Sicherheit aufgeben? Die Erwartungen seiner Eltern, seiner künftigen Frau enttäuschen? In eine ungewisse Zukunft gehen? Und das alles nur um einer fixen Idee willen?Die Sehnsucht, der Junge und das Meer erzählt auf gleichnishafte Weise, wie es gelingt, seine Träume zu leben. Wie durch einen Zauber weckt dieses Buch die Sehnsucht, endlich aufzubrechen, um Sinn und Glück im Leben zu finden.
weitere Ausgaben werden ermittelt
Thomas Baschab, geboren 1960, ist Mentaltrainer für renommierte Unternehmen (u.a. Mercedes, Audi, BMW, Lufthansa, Bosch, Siemens, Microsoft, Swatch Group, Sparkassen, Volks- und Raiffeisenbanken) und zahlreiche Spitzensportler (u.a. VfB Stuttgart, Hamburger SV, Karlsruher SC, Olympiasieger und Weltmeister verschiedener Sportarten). Zehntausende besuchen Jahr für Jahr seine Seminare und entdecken so für sich Erfolg und Erfüllung. Der Autor lebt in der Nähe von Lüneburg.

Peter Prange ist als Autor international erfolgreich. Er studierte Romanistik, Germanistik und Philosophie in Göttingen, Perugia und Paris und promovierte in Tübingen. Seine Werke haben eine internationale Gesamtauflage von über zweieinhalb Millionen erreicht und wurden in 24 Sprachen übersetzt. Mehrere Bücher wurden verfilmt bzw. werden zur Verfilmung vorbereitet. Der Autor lebt mit seiner Frau in Tübingen.

KAPITEL 1

Die Entscheidung

An diesem Morgen blieb Pablo auf der Bank vor dem Ofen sitzen und rührte sich nicht. Sein Vater stand schon in der Tür der kleinen Fischerhütte und sah ihn auffordernd an.

»Was ist mit dir, Pablo?«, fragte seine Mutter besorgt.

»Ich weiß auch nicht«, sagte er mit matter Stimme. »Ich fühle mich wie jemand, der sich im Nebel verirrt hat.«

»Aber Junge!«, rief die Mutter und blickte ihn erschrocken an. »Du wirst doch nicht etwa krank - drei Tage vor deiner Vermählung?«

»Krank, ach was!«, meinte der Vater. »Angst hat der Kerl - wie jeder Mann, wenn er seine Hochzeitsglocken läuten hört!«

Pablo legte die Arme auf den Tisch und ließ den Kopf hängen. »Du hast ja recht, Vater«, sagte er leise. »Olivia ist ein nettes Mädchen, und ich sollte glücklich sein, dass ich sie zur Frau bekommen darf.« Plötzlich sprang Pablo von der Bank auf und ging in der engen Hütte auf und ab. »Aber ich wollte mit einem Schiff übers Meer fahren, bis an ferne Küsten, neue Länder entdecken, die vor mir noch niemand gesehen hat.«

»Flausen«, knurrte der Vater. »Komm jetzt endlich. Oder willst du, dass unsere Netze heute leer bleiben?«

Gerade ging die Sonne auf, und die ersten Ruderboote fuhren aus dem Hafen hinaus. Pablo lief den Kai entlang, sprang in sein Boot und löste das Seil. Erst vor wenigen Monaten hatte ihm sein Vater den Ruderkahn geschenkt.

Ganz in Gedanken, ruderte er weit hinaus. Alles ist längst beschlossen: Ich werde mein Leben als Fischer verbringen und Olivia heiraten. Als er umherblickte, sah er nur noch das endlose, in der Morgensonne glitzernde Meer. Pablo warf sein Netz aus, nahm dann die vier kleinen Lederbälle, die er immer in seinen Hosentaschen trug, und begann zu jonglieren. Während er die Bälle in die Luft warf und wieder auffing, konnte er am besten nachdenken.

Als kleiner Junge hatte er diese Kunst vom alten Pepe gelernt, dem Gaukler und Zauberer, der jeden Herbst mit seinem Eselskarren zu ihnen ins Dorf kam und ihn vom ersten Augenblick an faszinierte. Seit damals jonglierte Pablo bei jeder Gelegenheit mit allem, was ihm in die Finger kam - und wenn er sich unbeobachtet glaubte, sogar mit Fischen.

Olivia, die Wirtstochter, war wirklich ein nettes Mädchen, hübsch und von ruhiger, zufriedener Wesensart. Lange hatte sich Pablo sein zukünftiges Leben an ihrer Seite ausgemalt. Aber was ist nur los mit mir, fragte er sich selbst, warum bin ich denn nicht glücklich?

Plötzlich wurde sein Boot von einem heftigen Ruck erschüttert. Beinahe wäre Pablo über Bord gegangen, doch im letzten Moment konnte er sich am Bootsrand festklammern. Die Bälle prasselten auf ihn herab, aber glücklicherweise landete keiner von ihnen im Wasser. Da muss mir aber ein gewaltiger Fisch ins Netz gegangen sein, dachte Pablo. Doch es hatten sich nur ein paar Dutzend kleine Fische zwischen den Maschen verfangen. Gerade wollte er das Netz wieder auswerfen, da bemerkte er die Kugel. Sie war fast gänzlich von schimmernden Fischleibern bedeckt. Pablo zog sie heraus und drehte sie in der Hand hin und her. Ein silbern glitzernder, kleiner Ball. Wundersamerweise klopfte sein Herz ganz aufgeregt.

Das Boot schaukelte auf den Wellen, und im gleichen Rhythmus schien sich etwas im Innern der Kugel zu bewegen. Wie umherwabernde Nebelschwaden. Plötzlich formten sie sich wie von Zauberhand zu einem Gesicht, das mit den zerfurchten Zügen und dem weißen Bart wie das eines alten Mannes wirkte. Zwei schwarze Augen glühten Pablo erwartungsvoll entgegen.

»Was machst du hier?«, fragte da der Alte in der Kugel.

»Was . ich .?«, stotterte Pablo und biss sich auf die Zunge. Das konnte doch nicht sein, dass in dieser Kugel ein alter Mann hauste, der ihn auf einmal ansprach?

»Was machst du hier in diesem Boot?«, fragte der Alte erneut.

»Ich . ich bin Fischer«, stammelte Pablo. »Und ich fahre jeden Morgen mit meinem Boot hinaus aufs Meer.«

»Macht dir das Spaß? Bist du ein guter Fischer?«

»Na ja«, antwortete Pablo. »Es ist meine Arbeit.« Er setzte sich auf die Ruderbank. Unablässig schien ihn der Alte aus dem Innern der Kugel anzusehen. »Wenn ich die Wahl hätte«, sagte er, »würde ich nicht den ganzen Tag hier sitzen und darauf warten, dass mir ein paar Fische ins Netz gehen.« Er seufzte. »Und in den Netzen der anderen Fischer aus dem Dorf sind am Abend auch immer mehr Fische als in meinem Netz.«

»Was würdest du denn lieber tun?«

Pablo seufzte. »Mein Traum wäre es, übers Meer zu fahren, die Welt zu erforschen und Abenteuer zu erleben.«

»Und warum fährst du nicht einfach los?«, fragte der alte Mann forsch. »Wer weiß, ob du da draußen in der Welt nicht viel mehr ausrichten könntest als in deinem Dorf?«

Wie meinte er das?, fragte sich Pablo.

»Wie wäre es, etwas zu tun, das dich viel mehr erfüllt, als den lieben langen Tag darauf zu warten, dass dir ein paar Fische ins Netz gehen? Wie wäre es zum Beispiel, auf Menschen zu treffen, von denen du etwas lernen könntest?«

Der Alte hörte gar nicht mehr auf. In Pablos Kopf drehte sich alles.

»Was hindert dich daran, deinen Traum zu leben?«, setzte er nach.

»Alles hindert mich daran«, fing Pablo an zu erklären. Ich brauche ein Auskommen. Brauche .« Und während er nach den passenden Worten suchte, begann das Gesicht in der Kugel wieder zu verschwimmen, und im spiegelnden Metall waren nur noch seine eigenen Züge zu erkennen. Pablo sah sich um. Hatte er sich das alles nur eingebildet? Sein Boot schaukelte auf den sanften Wellen, die Sonne brannte vom Himmel, Möwen schossen wie gefiederte Pfeile ins blaue Wasser hinab. Alles war wie immer. Außer dass in seinem Kopf nun die Fragen des Alten rumorten.

Was hindert mich eigentlich daran, in die Welt hinaus zu ziehen? Oft malte sich Pablo aus, wie er als kühner Entdecker durch die Lande zog oder auf einem großen Schiff über die Meere kreuzte. Pablo drehte die Kugel abermals in seiner Hand, doch das Gesicht des Alten wollte nicht wieder erscheinen. Stattdessen dachte Pablo über seine Fragen nach. Was wäre, wenn er wirklich machen könnte, was er wollte? Er warf die Kugel in die Luft und fing sie wieder auf. Was der alte Pepe wohl dazu gesagt hätte? Zum Jonglieren war sie zu schwer, und mit einer einzigen Kugel konnte man sowieso keine Kunststücke vollführen. Aber die Silberkugel hatte seine Gedanken ins Rollen gebracht, wie die kleinen Lederbälle.

Für seinen Vater, dachte Pablo, war es ganz selbstverständlich, dass sein Sohn Fischer wurde, so, wie er selbst sein ganzes Leben lang als Fischer aufs Meer hinausgefahren war. Ein Tag glich dem anderen, doch zumindest gab es stets genug zu essen und ein Dach über dem Kopf. Und schließlich war da noch Olivia, bei deren liebem Lächeln ihm immer ganz warm ums Herz wurde. In drei Tagen wollten sie heiraten! Wie könnte er das alles so einfach aufgeben? Und selbst wenn - er würde nicht weit kommen, mit seinem kleinen Ruderkahn.

Pablo beschirmte die Augen mit der flachen Hand und blickte auf den Ozean. Auf einmal wurde ihm ganz sonderbar zumute. Fühlte er tief in seinem Innern nicht plötzlich ein abenteuerlustiges Kribbeln? Ob er es doch wagen sollte? Ach was, ganz unmöglich, sagte sich Pablo dann wieder und ließ die Hand sinken. Der Vater würde mich verfluchen, der Mutter würde ich das Herz brechen - und Olivia? Sie wird einen anderen finden, flüsterte ihm da eine Stimme zu, die aus der Kugel zu dringen schien. Einen jungen Fischer, der sich nichts anderes wünscht, als sein Leben hier im Dorf und in der kleinen Bucht zu verbringen. Pablo überlegte hin und her. Noch ist es nicht zu spät. Noch kann ich mein Glück in die eigenen Hände nehmen. Ich muss mich nur trauen und mir einen Ruck geben, der mich aus allem herausholt, was mich hier festhalten will. Wieder nahm er die Kugel und drehte sie zwischen den Händen. Der bärtige Alte ließ sich einfach nicht mehr blicken.

Mit einem Mal erschien vor Pablos geistigem Auge ein anderes Gesicht, das gütige Antlitz seines Großvaters. Er hatte ihm einige Lebensweisheiten mit auf den Weg gegeben, deren Sinn sich Pablo erst heute erschloss. »Du wirst in deinem Leben immer wieder Entscheidungen treffen müssen«, hatte der Großvater gesagt, »und es ist unvermeidlich, dass du dich manchmal auch falsch entscheidest. Aber aus Fehlern kannst du lernen.« Mit seinen wasserhellen Augen hatte ihn der alte Mann liebevoll angesehen. »Viel folgenschwerer als falsche Entscheidungen sind die, vor denen du dich drückst, mein Junge. Wer sich zwischen zwei Wegen für keinen entscheidet, engt sich selbst ein. Ich könnte dir von Menschen erzählen, die am Ende verbittert oder gar krank wurden, weil sie einer lebenswichtigen Entscheidung ausgewichen sind.«

Pablo rieb sich über die Schläfen und starrte vor sich hin. Das soll mir nicht passieren, dachte er und fasste sogleich einen Entschluss: Zumindest heute würde er sein Netz nicht noch einmal auswerfen. Wie gern wäre er jetzt zum Großvater gegangen, um mit ihm zu sprechen. Aber der alte Mann war letztes Jahr verstorben.

Während er langsam zum Hafen zurückruderte, sprach er in Gedanken: Könnte ich mich denn für ein anderes Leben entscheiden? Habe ich überhaupt eine Wahl? Die berühmten Abenteurer waren bestimmt reiche, gebildete Männer. Was soll ein Fischerjunge wie ich schon entdecken? Meine Welt ist nicht größer als das Dorf, in dem ich geboren wurde und aufgewachsen bin.

Endlich erreichte er wieder die kleine...

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