Ich bin nicht in meinem Alter

Geschichten
 
 
SATYR Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 23. April 2021
  • |
  • 198 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-947106-75-2 (ISBN)
 
An guten Tagen steht Christian Bartel mit Prunkzigarette auf einem Streitwagen aus Schweinemett, während sein Arzt in einem Brokkoli-Kostüm hinter ihm steht und "Bedenke, dass du unsterblich bist" in sein Ohr flüstert, während die Menge seine hervorragenden Leberwerte chantet. An schlechten Tagen sucht der Mittvierziger im Möbelhaus schon mal nach einem gemütlichen Sterbebett.

Inmitten dieser Anfechtungen nimmt sich der preisgekrönte Autor und Satiriker trotzdem die Zeit, in seinen hochkomischen Geschichten andere drängende Menschheitsfragen zu behandeln: Wie schmecken eigentlich Engel? Schnarchen Frauen? Und darf man unangemeldeten Besuch in die Abstellkammer sperren?

In seiner neuen Geschichtensammlung fühlt der Bonner Autor, Satiriker und Redakteur dem Zahn der Zeit auf denselben. Mit überbordender Fabulierlust und morbider Freude am eigenen Verfall umkreist er das Befinden der alternden Generation X und wirft die Frage auf, wann man eigentlich in seinem Alter ist.
weitere Ausgaben werden ermittelt
Christian Bartel wurde 1975 in Bonn geboren und arbeitet als freier Autor.
Er war Mitherausgeber der Literaturzeitschrift "Exot" und Mitorganisator des Kölner Off-Lesefestes "Little Cologne". 2005 wurde er deutscher Poetry-Slam-Vizemeister, 2014 lud ihn der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) als "Writer in Residence" an die Universitäten Edinburgh, St. Andrews und Newcastle. Bartel ist Mitglied der Lesebühnen "Rock´n´Read" (Köln) und "Ferkel im Wind" (Bonn), schreibt komische Geschichten und erhielt dafür 2018 den renommierten Ben-Witter-Preis.
Er veröffentlichte zwei Geschichtenbände, u. a. bei Satyr, einen "Zivildienstroman" und ein unsachliches Sachbuch über das Rheinland. Daneben verdingt er sich als freier Redakteur der taz-Wahrheit, schreibt Bühnenstücke und verfasst Radiogeschichten für Kinder ("Ohrenbär", "ARD-Kinderradionacht") und Erwachsene ("Schreckmümpfeli", SRF).
Christian Bartel lebt mal auf dieser, mal auf jener Rheinseite, aber noch immer häufig in Bonn.

Sport hilft


Der Arzt sagt, ich soll Sport treiben.

»Aber ich treibe doch Sport«, antworte ich.

»Na sicher«, sagt der Arzt. »Das sieht man.«

Mein Arzt ist um die fünfzig, auch im Winter braun gebrannt und hat kein Gramm Fett am Körper, dafür unzählige Marathontrophäen in einer Vitrine im Behandlungszimmer, mit denen er uns Todgeweihte verhöhnt. Und so ein Genlotteriegewinner will nun Ahnung von Siechtum und Verfall haben?

Sport soll ich also treiben, findet der Medikus.

Ich schaue ihn traurig an, greife dann in das Glas mit den Bonbons für die ganz tapferen Kinder, das auf seinem Schreibtisch steht, und stopfe mir demonstrativ eine ganze Handvoll in den Mund, ohne den Blick von ihm abzuwenden. Er schüttelt den Kopf.

»Das sind keine Bonbons«, sagt er. »Wir sind hier nicht beim Kinderarzt.«

Ich spucke die Kieselsteine aus. Ich hatte mich gleich gewundert, dass da ein Kaktus im Bonbonglas wächst.

»Wenn Sie sagen, dass Sie Sport treiben, dann glaub ich Ihnen das natürlich«, sagt er, dann schaut er skeptisch auf meine Körpermitte. »Gibt ja auch Trinksport, ne?«, kichert er.

Mein Arzt findet so was lustig.

Er ist nämlich nicht bloß unsensibel, er hat auch ein Ironieproblem. Er versteht einfach nicht, dass dieses Stilmittel in seinem Beruf vollkommen fehl am Platz ist. Ich zeige auf meinen Bauch. Nicht der Plauze wegen, die einer verschärften Leibesertüchtigung in die Bresche wächst, sondern weil ich dort wichtige Informationen für meinen Arzt notiert habe.

»Empathie statt Ironie!« steht auf meinem T-Shirt, darunter habe ich noch eins an, auf dem »Der Patient hat immer recht« steht, und auf meinen Rücken ist sicherheitshalber der hippokratische Eid tätowiert, falls ich mich obenrum frei machen muss.

Dabei bin ich gar nicht richtig krank, sondern bloß alt. Und zwar so scheißalt, dass mir mein Arzt einen Gesundheitscheck empfohlen hatte.

Das sei ratsam in meinem Alter, hatte er gemeint.

»Ich bin nicht in meinem Alter!«, hatte ich schnell geantwortet. Und was sollte da überhaupt gecheckt werden? Ob ich krank oder gesund war, hatte ich bislang ganz gut allein herausbekommen, aber offenbar bin ich mittlerweile so hinfällig, dass man dazu einen Fachmann braucht.

Nach drei sehr langen Wochen will mein Arzt mir jedenfalls heute die Ergebnisse der Versorgeuntersuchung mitteilen. Ich möchte die Wartezeit im Rückblick euphemistisch mal als »intensiv« bezeichnen, weil ich sie hauptsächlich damit verbracht habe, nicht an Lungenkrebs zu denken, und dabei vor Nervosität eine nach der anderen zu rauchen.

In diesen drei Wochen habe ich mich nicht nur in allen wichtigen Hypochonderforen des Internets habilitiert, sondern auch mehrmals zu Jesus und wieder zurückgefunden, mich prophylaktisch selbst enterbt und im Möbelhaus nach einem gemütlichen Sterbebett gesucht. Servicemäßig hat der Einzelhandel im Terminal-Illness-Segment übrigens noch einiges aufzuholen, jedenfalls muss man nicht glauben, dass man bei IKEA an geschultes Fachpersonal gerät, wenn man dort im letzten Hemd und mit einem Tross Klageweiber zum Probeliegen aufkreuzt.

Beinahe hätte ich einen langweiligen Job angenommen, um ihn sofort wieder kündigen zu können, damit ich in den letzten drei Wochen meines Lebens das machen kann, was ich schon immer tun wollte. Dabei mache ich doch ohnehin schon, was ich immer machen wollte, nämlich keinen Sport, und das sogar täglich.

Kein Wunder, dass ich jetzt ein bisschen aufgeregt bin, immerhin erfahre ich gleich, wie lange ich noch zu leben habe. Ich tippe auf drei Wochen. Was nicht mal schlecht wäre, denn drei Wochen können sich verdammt lang anfühlen, wie ich mittlerweile weiß.

Der Arzt schaut mich erwartungsvoll an, zückt einen Briefumschlag, nimmt einen Zettel raus und sagt dann: »Wollen Sie nicht doch lieber raten?«

Ich zeige warnend auf mein T-Shirt. Der Arzt zuckt genervt mit den Achseln.

Ich muss ja auch gar nicht raten. Denn ich weiß ja längst, dass ich unheilbar erkrankt bin. Ein mündiger Patient spürt so etwas.

»Na gut, ich sag's Ihnen«, meint der Arzt endlich und klingt enttäuscht. »Sie sind vollkommen gesund. Lungenfunktion ist absolut im grünen Bereich, im Blut haben wir nichts gefunden, was uns Sorgen machen müsste, und Ihre Leberwerte sind top.«

Der Doktor schaut mich sauertöpfisch an, wahrscheinlich, weil ich ausgelassen auf seinem Schreibtisch herumhüpfe. Außerdem hört er genau, was ich gerade denke. Dabei denke ich extra in Bildern. Ich denke nämlich einen Triumphzug, bei dem eine jubelnde Menge meine Leberwerte chantet, während ich auf einem Streitwagen aus Schweinemett stehe und mit einer riesigen Zigarette herumwedele, während mein Arzt in einem Brokkolikostüm hinter mir stehen und »Bedenke, dass du unsterblich bist« in mein Ohr flüstern muss.

Der Arzt räuspert sich ungehalten.

»Das heißt aber nicht, dass ich Ihnen jetzt einen Freibrief ausgestellt habe«, mahnt er.

»Oh doch«, triumphiere ich. »Sie haben mir gerade den Keith-Richards-Kaperbrief unterschrieben, die niemals auslaufende Schürflizenz für gesundheitlichen Raubbau. Bisher war es nur ein Gefühl, aber nun ist es endlich wissenschaftlich erwiesen: Ich bin unkaputtbar.«

Jetzt starrt der Arzt mich geradezu feindselig an. Mediziner hassen es, wenn ihre Patienten gesund sind, ohne dass sie ihr Lebenswandel dazu berechtigt.

Er blättert in meiner Krankenakte.

Verdammt, dieser Gesundheits-Tschekist hat jahrelang belastendes Material über mich gesammelt, und jetzt will er mich damit erpressen. Nach einer Weile erhellen sich seine Gesichtszüge tatsächlich.

»Sie haben zu viel Körperfett«, quäkt der Querulant.

Mehr hat dieser Quacksalber nicht zu bieten? Das ist ja lächerlich. Ich bin offenbar noch viel gesünder, als ich dachte.

»Oho, Körperfett. Da habe ich aber Angst«, mache ich mich lustig.

»Diabetes, Arteriosklerose, Herzinfarkt«, zählt er die beliebtesten Todesarten in meiner Gewichtsklasse auf. »Das geht schneller, als Sie glauben.«

»Aber ich treibe doch Sport«, lüge ich zum wiederholten Mal.

»Ich stelle nur fest. Sie müssen sich nicht rechtfertigen«, behauptet mein Arzt, aber das ist natürlich Quatsch. Was soll ich denn sonst beim Arzt?

Ich werfe zum Beweis meinen Mitgliedsausweis vom Tischtennisverein auf den Tisch. »Der ist seit 1982 abgelaufen«, rügt er. »Außerdem steht auf der Rückseite, dass Sie sich der Platte nicht mal mehr auf Rufweite nähern dürfen.«

»Ein Missverständnis«, wende ich ein. »Ich hatte angenommen, Tischtennis sei eine Vollkontaktsportart, so wie Rugby. Nur mit einem kleineren Ball. Sehe ich aus, als würde ich lügen«, empöre ich mich.

Der Arzt nickt.

»Wie viele Zigaretten, sagten Sie, rauchen Sie noch mal am Tag?«, fragt er listig.

»Drei«, antworte ich.

»Sag ich doch«, meint er. »Sie lügen.«

»Aber ich treibe wirklich Sport«, beharre ich. »Ich war neulich erst schwimmen, zum Beispiel.«

»Neulich?«, fragt der Arzt.

»Letzten Sommer«, sage ich. »Zweimal. Einmal sogar ohne Freibadpommes danach.«

»Zweimal in der Woche wäre gut«, sagt der Arzt, und dann schaut er mich herausfordernd an: »Aber das schaffen Sie eh nicht. Weil Sie dafür viel zu faul sind.«

»Ich bin also faul?«, frage ich. Der Arzt nickt, und ohne ihn noch eines Blickes zu würdigen, verlasse ich empört seine Praxis. Jedenfalls versuche ich es, aber weil ich mein Kinn so stolz hochgereckt trage, lande ich in der Vitrine mit den Pokalen und muss anschließend genäht werden.

Seitdem habe ich mein Leben radikal geändert, weil ich jetzt zweimal in der Woche Sport mache. Aber damit so viel Sport überhaupt in eine einzige Woche passt, habe ich eine eigene Zeitrechnung entwickeln müssen.

Das Prinzip ist sehr einfach: So wie sich andere Kalender an den Bewegungen träger Himmelskörper orientieren, richtet sich meine Zeitrechnung nach meinen Bewegungseinheiten aus. Und da ich - den Empfehlungen meines Arztes folgend - zweimal in der Woche Sport treibe, kann die Woche logischerweise erst um sein, wenn ich Sport getrieben habe. Das bedeutet wiederum, dass seit meinem Arztbesuch für mich nicht einmal eine einzige Woche vergangen ist, während alle...

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