Schlemm

Roman
 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 17. Juni 2015
  • |
  • 224 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-98507-9 (ISBN)
 

Die außergewöhnliche Geschichte eines angekündigten Todes

»Elf Tage lang wird Luca noch Sohn sein, Kind seiner Eltern, mit Vater und Mutter, die man jederzeit anrufen kann. Dann werden sie sterben.«

So beginnt »Schlemm«, der beeindruckende Debütroman von Nicola Bardola. Er erzählt die Geschichte von Paul und Franca Salamun, die sich für den gemeinsamen Freitod entschieden haben. Für die ganze Familie ein Schock, hat vor allem Sohn Luca mit der Aussicht auf den abrupten Verlust der Eltern zu kämpfen.

Nicola Bardola verarbeitet auf einzigartige Weise die Entscheidung seiner Eltern, Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen, und hat dabei ein fesselndes Familienporträt im Spannungsfeld von Liebe und Tod geschaffen.

Mit 16 Seiten Zusatzmaterial. Erstmalig als E-Book erhältlich

  • Deutsch
  • München
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  • Deutschland
Piper ebooks in Piper Verlag
  • 2,25 MB
978-3-492-98507-9 (9783492985079)
Nicola Bardola wurde 1959 in Zürich geboren. Er studierte Germanistik und lebt heute als freier Journalist, Autor und Übersetzer in München. Seine Texte erschienen u.a. in der Süddeutschen Zeitung, der Neuen Zürcher Zeitung und in der Zeit. Zuletzt veröffentlichte er »Utopien - Ein Lesebuch« im S. Fischer Verlag.

Zwei

Paul Salamun zieht beim Verlassen des Hauses, das früher das Postamt des Dorfes war, die Tür hinter sich zu.

Er ist fünfundsiebzig Jahre alt.

Er zieht die Tür so zu, wie er es schon in der Kindheit in den Sommermonaten tat, in denen er mit seinen Eltern aus der Hitze Neapels flüchtete, um hier auf 1.550 Meter die Ferien zu verbringen: die Haustür im Rücken und seine rechte Hand an der Klinke, während sein Blick über den Platz schweift. In der Linken hätte er früher ein Butterbrot gehalten. Er ist ein randulin, so nennen die Einheimischen hier ihre Landsleute, die ausgewandert sind, um in der Fremde zu arbeiten.

Die Sonne steht jetzt hoch über dem Piz Larisch. Franca setzt die Sonnenbrille auf. Sie wollen ein letztes Mal nach Stuvar hinauf, wo das alte Kartenhaus steht.

Paul dreht sich um, schließt die Tür ab und wundert sich wieder, dass Franca und er so ruhig sind. Es ist ihr vorletzter Tag.

Helle Schatten auf Pauls unebener und leicht gekrümmter weißer Hausfassade, aber keine Sprüche und Bilder wie auf vielen anderen Wänden. Kälte, Schnee, Regen, Stürme, Sonne und Hitze radieren mit den Jahren die Bilder auf den Mauern aus. Deshalb wechselte man im Engadin zu der aus Italien kommenden Sgraffito-Technik, den Ritzzeichnungen. Der Unterputz wird mit Kalkmilch überstrichen. Mit Hilfe eines Nagels oder Stahlstifts werden aus der darüber aufgebrachten, noch feuchten Mörtelschicht graphische Dekors herausgekratzt. Nichts davon auf Pauls Hauswand. Weder Verse und Zeichnungen, die den menschlichen Übermut bändigen oder den Betrachter das Fürchten lehren sollen, noch Ornamente, Kreise, Kreuze, Quadrate, Dreiecke mit verschlüsselten Botschaften oder Mustern, absichtslose Meditationsbilder für Passanten. Nicht einmal die Welle, die sich unter dem Dachvorsprung an der Giebelfront vieler Häuser befindet und von dort als Symbol des Kreislaufs des Lebens wie fließendes Wasser beiderseitig unter der Rinne als Doppelband hinabrollt.

Kein Tod ohne Wasser. Engadiner müssen nach altem Brauch ihre Seele säubern, bevor diese in den Himmel steigt. Weil beim Reinigen das Wasser im Haus vergiftet werden könnte, werden alle Gefäße geleert. Aber den Sterbenden bleibt zur Säuberung das geritzte Wellenband auf der Fassade unter dem Dachvorsprung. Keine Wellen auf Pauls Hauswand, dafür weiße Schatten. Über der Tür nur die eingravierten Initialen seines Großvaters, seines Vaters und seine eigenen. JS 1897, GS 1936, PS 1986.

Paul, der hier Polín und in Italien Paolo heißt, hasst seine Initialen: Postskriptum oder Pferdestärke. Aber in Sins erträgt er die Spötteleien.

1986 hatten Franca und er mit dem Architekten Andri Fontana das Haus renoviert. Wunderbare Einfälle: die runde, drei Zentimeter dicke Glasplatte auf einem riesigen, flachgelegten Heurad als Tisch; Badezimmerspiegel in Engadiner Fensterrahmen; die Bibliothek hinter der Tür zum tabla, der früheren Scheune; eine Holzwiege aus dem 17. Jahrhundert als Bar. Planung und Durchführung: eine der schönsten Zeiten in ihrer Ehe.

Políns Muttersprache stirbt. Uonda - Wörter und Sätze werden vom rhythmischen Knirschen ihrer Schritte im harten Schnee unterbrochen - profuonda. Tiefschnee links und rechts.

Políns ruhiges, nicht militärisches, eher jazziges Zählen mit kehliger Stimme: duos, trais, zwei, drei, zaz-zuh-zaz-zuh-zaz. Das Aufsetzen der Schuhe für die Dauer einiger Takte bei jedem Zaz. Two, three - tiefe Welle unten im Inn. Einatmen - ausatmen.

Der Anstieg nach Stuvar lässt in der Kälte wenig Luft für Wortwechsel. Bedächtig fließt unten der Inn und schimmert grün. Rettung, Wende und Weiterleben bleiben für immer im tief durchschatteten Gewühl dichter Baumwipfel versunken. Franca und er hätten vor drei Jahren stärker für ihren letzten Traum, das Haus Sfuondraz, kämpfen können.

Due, tre - hier mäandert der Weg zum Hof Stuvar, zu Pauls Kartenhaus, hinauf und oben strahlt der Himmel blau. Seitlich blendet weiß der Schnee an den Berghängen.

Als Mathematiker hat sich Paul ein Leben lang mit Zahlen beschäftigt. Beim letzten Spaziergang hinauf nach Stuvar fragt er sich, ob er in den sechsundvierzig Ehejahren seiner Frau genug Aufmerksamkeit geschenkt hat.

Gegenseitig haben sie sich ein Leben lang auf Podeste gestellt. Franca hat Paul nie vom Denker-Podest herabsteigen lassen, dessen Fundament seine Bridge-Erfolge und später seine Beförderungen an Gymnasien und seine Lehraufträge an Universitäten bildeten.

Paul hat sie auf das Schönheitspodest gestellt und ihr all die Kompetenzen zugeschrieben, die ihm fehlen: Manieren, Kleidung, Erziehung, Inneneinrichtung. Franca verkörpert den guten Geschmack, den er nicht hat.

Vom ersten Augenblick an ist Paul verliebt und eifersüchtig zugleich gewesen.

Er unterbricht das Studium, was seine Eltern - weil sie in Neapel leben - bis zu ihrem Tod nicht bemerken.

Paul wird Profi-Spieler und mietet eine Vierzimmerwohnung, drei Zimmer davon dienen dem von ihm gegründeten Bridge Circle. Die Bridge-Spieler beizen speziell angefertigte, zu Quadraten gekürzte Küchentische und überziehen sie mit grünem Filzstoff. Das Tischgeld beträgt fünfzig Rappen. Im vierten Zimmer befinden sich Pauls Herdplatte, Wasserkocher und Matratze.

Franca Sillage ist ein paar Nummern zu schön und zu vornehm für Polín. Er wird nie ganz verstehen, was sie an ihm findet. Er ist lang, hager und erfolgreich mit den Karten. Reicht das einer solchen Frau? Ein Paar, das entfernt an Ingrid und Bogey erinnert - so entfernt wie die Filmkulisse Casablancas an Pauls Traumstadt Santiago.

Als Alex seine ersten Aktien kauft und sie durch den Konkurs einer Konkurrenzfirma wenig später in die Höhe schnellen, sagt er jenen Satz, den Paul bis zuletzt nicht ertragen kann: »Jetzt können wir aber die Butter dick aufs Brot streichen.« Es ist nicht der Satz selbst, sondern die Bewunderung Francas, ihr überraschtes Lächeln, als Alex die Worte selbstzufrieden ausspricht. Der Satz und Francas Gesicht damals und die Tatsache, dass sie ihn in den sechsundvierzig Jahren ihrer Ehe noch einige Male ausspricht, wieder genauso lächelnd, weil Franca und Paul inzwischen auch die Butter dick aufs Brot streichen können, die Verknüpfung also dieses Satzes und ihres Lächelns, ihrer Gedanken an Alex, das ärgert Paul.

Rechenschaft: Alexanders Zeilen gehören dazu. Bei Alexanders Begräbnis gaben seine Eltern Paul einen Brief, den Alex gemeinsam mit einem Testament und einigen anderen Unterlagen in seinem Kinderzimmer im Haus seiner Eltern verwahrt hatte. »Falls mir etwas zustoßen sollte«, hatte Alex eine Klarsichthülle beschriftet. Darin befand sich auch der Brief an Paul. Zugeklebt.

Alexanders Eltern kannten den Inhalt nicht. Der Leichenschmaus fand im Saal eines Hotels direkt am Rhein statt. Es war eine Art Party. Viele waren betrunken und sagten die Wahrheit oder zumindest das, was sie für wahr hielten. Sie sagten einfach, was sie dachten. Erstaunliches manchmal. Fremdenfeindliches von progressiven, eher links denkenden Freunden.

Paul ging auf die Toilette, schloss sich in eine Kabine ein, riss den Briefumschlag auf:

Paul, langer Schlemi: Franca passt nicht zu dir. Ihr passt nicht zusammen.

Adieu, Alex.

Paul zerriss den Brief in kleine Schnipsel und stopfte sie in die Hosentasche. Erschrocken sah er sein hageres Gesicht im Spiegel. Er wartete, auf den Waschbeckenrand gestützt, noch einige Minuten. Als ein angeheiterter Offizierskamerad von Alex hereinkam, ging er hinaus, ohne die Klinke zu berühren. Er hasste Soldaten. Er musste selber nach dem Krieg einer sein. Ein miserabler Rekrut.

»Paul, was ist denn mit dir los?«, sagte Franca, hielt seinen Arm, blickte ihm in die Augen. Den Grund für seine Panik ahnte sie nicht. Sie dachte, dass Alex' Tod ihn plötzlich doch mitgenommen hätte.

»Geh ein bisschen an die frische Luft, ja?« Sie küsste ihn.

»Ja«, antwortete er, ging zur Terrassentür hinaus in den kleinen Steingarten, der ohne Geländer an den Rhein grenzt. Er ging bis ans Ufer, vergewisserte sich, dass er allein war, kniete sich hin und ließ den Brief wie Schneeflocken ins Wasser fallen.

»Schlacksi Schlemi schlägt wieder zu«, rief Alex manchmal laut im Circle, wenn Paul mit einem Schlemm ein Turnier gewann. Adiable, Alex.

Diese Landschaft erinnert nicht an eine andere Landschaft. Sie erinnert Paul und Franca an sich selbst. Sie erinnert das alte Ehepaar daran, wie es sich die letzten Jahre in dieser Landschaft bewegte.

Jazziges Zählen: Franca stapft neben Paul durch den Neuschnee unter dem strahlend blauen Himmel, den es so angeblich nur in Norwegen und hier gibt. Es ist so klar, dass man das Gefühl hat, nur den Arm ausstrecken zu müssen, um den Piz Pazlin oder den Piz Larisch zu berühren.

Ihre Hose, ihren Mantel, ihre Sonnenbrille, die Stiefel mit den Metallplättchen, die man bei Eis ausklappen kann, all dies hatte sie schon letztes Jahr vor dem Befund hier auf demselben Weg an.

Sie trägt den Mantel offen, die Arme manchmal in die Hüften gestemmt. Sie ist schlank wie eine junge Frau und lacht immer noch hell wie ein Mädchen.

Der Wanderweg nach Stuvar ist schöne Gewohnheit. Paul trägt auch dieselben Kleider wie in den vorhergehenden Jahren. Zunächst schlängelt sich die Straße in einer Schleife durch Sins hoch, verlässt die letzten Häuser an der Stelle, an der früher ein Skilift stand. Sie montierten ihn ab: Südhang. Der Schnee schmolz zu schnell. Jetzt läge mehr als genug: frischer Pulverschnee. Der Schnee strahlt. Manche Schneeflächen...

»Nicola Bardola hat mit >Schlemm< ein trauriges Buch geschrieben, das den Mut hat, den Tod wieder zurück ins Leben zu führen, dorthin wo gelacht wird und manche Würfel noch nicht gefallen sind...«, Süddeutsche Zeitung
 
»Dieser Roman ist wichtiger Zündstoff für eine mündige Gesellschaft, die Ethik und Menschenwürde äußerst ernst nimmt...«, Südwest Fernsehen »Nachtkultur«
 
»Bardola beschreibt authentisch die Verwerfungen, die mit der Entscheidung für einen geplanten Tod in einer Familie ausgelöst werden...«, Der Spiegel
 
»Das Buch passt genau in die aktuelle Diskussion um Sterbehilfe. Aber es ist kein Ratgeber, kein Sachbuch, sondern ein Roman, der mich sehr gefesselt hat, aufgeregt und angeregt.«, NDR 1 Radio
 
»In zum Teil - man kann es kaum anders sagen - >sterbensschönen< Szenen schildert er dieses Lebewohl [seiner Eltern], entwickelt es für den Außenstehenden aber auch als logisch nachvollziehbaren, praktischen Prozess... Ein großartiges Buch um das Tabuthema Tod...«, Starnberger Merkur
 
»Knapp, nüchtern, lakonisch erzählt Nicola Bardola das Drama dieses angekündigten Todes.«, Focus
 
»Der Roman entfaltet einen unwiderstehlichen Sog des Hinein- und Mitgezogenwerdens. (...) Das Leben und das Sterben werden uns in größter Unmittelbarkeit vor Augen geführt. Bardola, der Meister (wenn nicht Erfinder) des epischen Präsens...«, Stuttgarter Nachrichten
 
»Nicola Bardola schafft in seinem Roman ein Geflecht aus unterschiedlichen Ansichten und Gefühlen - aus Vergangenheit und Gegenwart. (...) Vorsichtig reißt der Autor die Tabuthemen Sterbehilfe und Freitod an und hinterlässt die Leser nachdenklich...«, dpa

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