Ich schreib dir sieben Jahre

Roman
 
 
Random House ebook (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 9. November 2011
  • |
  • 416 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-06431-0 (ISBN)
 
Ein dunkles Geheimnis vor der stürmischen Kulisse Irlands
Wer ist der mysteriöse Fremde, der ihrer Mutter sieben Jahre schrieb? Als die knapp dreißigjährige Ally Briefe eines M. an ihre Mutter findet, ist ihre Welt aus den Angeln gehoben: Hatte ihre Mutter ein Leben, das sie vor jedem geheim hielt? Dabei ist Ally schon genug damit beschäftigt, ihr erfolgreiches, scheinbar perfektes Leben weiterzuführen. Als sie die Briefe liest, kommt ihr ein schlimmer Verdacht: Der Mann, den sie nicht wagt zu lieben, könnte ihr Halbbruder sein.


Liz Balfour, geboren 1968, studierte Theaterwissenschaften und ist als Dramaturgin in Deutschland sowie im englischsprachigen Raum tätig. Schon von früher Jugend an war sie fasziniert von Irland, der grünen Insel, und verbringt ihre freie Zeit am liebsten im County Cork.
  • Deutsch
  • 1,70 MB
978-3-641-06431-0 (9783641064310)
3641064317 (3641064317)
weitere Ausgaben werden ermittelt

1.


»Tee ist gerade aus«, sagte der Wirt der Pine Lodge.

»Tee ist aus?«

»Lieferantenengpass. Lange Geschichte.« Er lachte. »Morgen ist wieder welcher da.«

»Dann nehm ich.«

»Ein Bier?«

»Nicht sonntagmittags um zwölf, danke.«

»Ich sag's auch keinem weiter.« Er grinste und hielt ein Pintglas hoch.

Ich musste lachen, schüttelte aber den Kopf. »Versuchen wir es mit Orangensaft.«

»Tja .«

»Was ist? Ist Orangensaft auch aus?«

»Ich weiß nicht, ob ich das verantworten kann, am Sonntagmittag.«

Mittlerweile lachte das halbe Pub über uns. Der Wirt schob mir augenzwinkernd den Saft herüber, und ich musste ihm beichten, dass ich vergessen hatte, Pfund in Euro zu wechseln. An alles hatte ich gedacht. Wie üblich, wenn ich irgendwohin flog, war ich perfekt ausgerüstet, ganz so als befürchtete ich, drei Wochen lang auf einer einsamen Insel zu stranden. Ich hatte auch alle Akten mitgenommen, die ich bis nächste Woche durcharbeiten wollte. Sogar Handtücher hatte ich eingepackt, obwohl ich bei meiner Mutter wohnen und nur zwei Nächte bleiben würde. Von einer überraschenden Handtuchknappheit im County Cork war mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht auszugehen. Aber so war ich nun mal: für jeden Notfall ausgerüstet. Nur diesmal hatte ich vergessen, Geld zu wechseln. Das war mir noch nie passiert.

Der Wirt zog das volle Glas zurück und sagte streng: »Für britische Pfund gibt's nur Bier.«

Für einen Moment glaubte ich wirklich, er meinte es ernst, aber dann sah ich, wie seine Mundwinkel zuckten.

»Ich besuche meine Mutter«, erklärte ich. »Sie sollte schon längst hier sein, um mich abzuholen. Bestimmt kommt sie jeden Moment. Dann gibt sie Ihnen das Geld.«

»Wer ist denn Ihre Mutter?«, fragte er, doch ein wenig misstrauisch. »So viele Engländerinnen gibt es in unserem schönen Myrtleville nicht.«

»Deirdre Sullivan.«

Er riss staunend die Augen auf. »Dann musst du die kleine Alannah sein! Das kann ich kaum glauben! Was für eine Überraschung! Ich bin Gerry. Bestimmt erinnerst du dich kein Stück mehr an den alten Gerry . «

Seit Jahren hatte mich niemand mehr Alannah genannt. »Ally Russell, wenn's recht ist. So heiß ich jetzt. Freut mich sehr.«

Wir schüttelten uns die Hand, und er strahlte immer noch. Von sich selbst als dem alten Gerry zu sprechen, war völlig übertrieben. Er war noch keine fünfzig, hatte volles schwarzes Haar und eine beachtlich sportliche Figur. »Ganz die Mutter«, behauptete er. »Bis auf den Akzent. Dass ich da nicht gleich draufgekommen bin, so ähnlich, wie ihr euch seht. Du klingst gar nicht mehr nach Myrtleville. Wie lange bist du schon in England? Zehn Jahre?«

»Zwanzig.«

»Niemals! Du bist doch erst .« Er schien nachzurechnen. »Was denn, so lange ist das schon her? Verdammt, wir werden nicht jünger. Das gilt für uns beide! Also, der Orangensaft geht auf mich.« Er lächelte versonnen. »Die kleine Alannah Sullivan«, hörte ich ihn murmeln, während ich mir mit dem Glas in der Hand einen Platz suchte und ihn den anderen Gästen überließ.

Ich zog mein Handy aus der Tasche und rief bei meiner Mutter an, aber sie ging nicht ans Telefon. Sicher war sie schon unterwegs. Ich wollte hier auf sie warten.

 

Heute Morgen war ich in London bei schönstem Frühlingswetter ins Flugzeug gestiegen und hatte mich auf die satten grünen Hügel des County Cork gefreut. Besonders der Anblick von Cork Harbour, einem der größten Naturhäfen der Welt, war aus der Luft atemberaubend. Doch als wir über Bristol flogen, war die Wolkendecke zu dicht, um etwas zu sehen, und kurz vor dem Landeanflug auf Cork informierte uns der Pilot, dass es an unserem Zielflughafen regnete und ein paar Grad kühler war als in London. Er hatte schamlos gelogen: Es schüttete, und der Wind fühlte sich eiskalt an. Trotzdem hatte ich versucht, der Busfahrt nach Myrtleville etwas abzugewinnen. Die Landschaft ist zunächst einfach nur schön. Die weite Fläche und der freie Horizont beruhigen das Auge und den Geist, bis man an die Küste kommt. Dann wird es spektakulär, der Anblick ist einzigartig, besonders, wenn die Sonne die Farben leuchten lässt: grünes Land, blaues Meer, schwarze Felsen, gelber Sand. Aber das Wetter wollte heute nicht mitspielen. Es regnete oft im County Cork, es gehörte einfach dazu, und ich hatte es wohl vergessen, weil ich schon so lange nicht mehr hier gewesen war. Bei meinem letzten Kurzbesuch vor sieben Jahren hatte ununterbrochen die Sonne geschienen. Jedenfalls kam es mir in der Erinnerung so vor.

 

In den vergangenen Wochen hatte meine Mutter so oft angerufen wie noch nie und mich geradezu angefleht, sie endlich wieder mal zu besuchen. Zuerst hatte es mir zeitlich gar nicht gepasst. Im Büro gab es extrem viel zu tun, und wir waren am Wochenende mit Freunden verabredet, die wir schon lange nicht mehr gesehen hatten. Ich versprach ihr, im Sommer zu kommen, aber davon wollte sie nichts hören. Dann sprach Benjamin das entscheidende Wort: »Deirdre hast du noch viel länger nicht gesehen. Fahr doch hin, Ally. Du musst ja nicht lange bleiben, und die Akten durchgehen kannst du dort auch.«

Zwei Nächte sollte ich bleiben. Warum sie mich so dringend sehen wollte, war am Telefon nicht aus ihr herauszukriegen. Nur, dass es sehr wichtig wäre.

Und jetzt konnte ich sie nicht erreichen. Ich nippte an meinem Orangensaft, blätterte in einer Zeitung vom Vortag und wartete. Ein alter, kahlköpfiger Mann mit fadenscheiniger, schmuddeliger Kleidung kam herein und begann, Flöte zu spielen. Ein jüngerer, gepflegt wirkender Mann begleitete ihn auf der Fiddle. Der Wirt wiegte den Kopf im Takt, und ein paar frühe Trinker hörten andächtig zu. Jetzt, da sie wussten, wer ich war, nickten mir die Leute freundlich zu, wenn sich unsere Blicke trafen.

Der alte Mann legte die Flöte zur Seite und stimmte ein Lied an. Es war ein altes irisches Volkslied, »The Wind that Shakes the Barley«: Es erzählt von einem jungen irischen Rebellen, der seine Liebste verlässt, um für sein geliebtes Irland zu kämpfen. Ich hörte zu, wie er Strophe für Strophe zum Besten gab und von Blut, Tod und gebrochenen Herzen sang. Die traurige Grundstimmung ließ mich wieder an meine Mutter denken, und ich machte mir Sorgen. Zu spät zu kommen war eine Sache, aber dass ich Deirdre seit der Landung weder auf dem Handy noch am Festnetz im Cottage erwischt hatte, ließ mich unruhig werden. Vielleicht hatte sie bei dem Regen einen Autounfall gehabt?

Als der Mann verstummte, drückte ich ohne Hoffnung die Wahlwiederholung. Nichts. Ich fragte den Wirt nach einem Taxi, aber der lachte.

»Heute ist ein verrückter Tag. Kein Tee, keine Taxis. Cal hilft aus, er hat gerade eine Fahrt nach Limerick. Ryan bringt seine Frau ins Krankenhaus. Sie ist schwanger, und bis das Kind da ist, macht der keine Fahrten, das kannst du mir glauben. Na ja, und dann ist da noch Steve .«

»Ja?«

». aber der hat eben angerufen, weil er mit dem Wagen liegen geblieben ist.«

»Einen Bus gibt's wohl immer noch nicht?«

»Nicht zu deiner Mutter, nein.«

»Und hier fährt auch zufällig keiner in diese Richtung ?« Ich sah mich im Pub um.

Gerry schüttelte den Kopf. »Wenn hier einer von denen mit dem Wagen gekommen wäre, würde ich ihm persönlich den Schlüssel abnehmen.« Er sah mich ernst an. »Da kannst du dich drauf verlassen.«

Ich wusste, was er meinte: Mein Vater war vor zehn Jahren von einem Betrunkenen überfahren worden.

»Dann muss ich wohl laufen«, sagte ich und stand seufzend auf.

»Warte doch noch hier«, schlug Gerry vor, »vielleicht hat sie die Uhrzeit verwechselt.«

Aber ich hatte keine Geduld mehr. Ich wollte wissen, warum mich meine Mutter so lange warten ließ und warum sie nicht ans Telefon ging. Ob sie krank war? Ich verwarf diesen Gedanken gleich wieder. Deirdre war erst sechzig und hatte nie in ihrem Leben gesundheitliche Probleme gehabt. Aber vielleicht hatte sie mit dem Wagen eine Panne gehabt?

Ich erzählte Gerry von meinen Befürchtungen, und er rief seinen Kumpel Dan an, der in der Gegend die einzige Werkstatt mit Abschleppdienst hatte. Dan wusste von keinem Unfall, und die Nachricht beruhigte mich etwas.

Dennoch beschloss ich aufzubrechen. Ich schlug den Kragen hoch und machte mich am vermutlich kältesten, nassesten Tag im irischen Mai seit Einführung des Gregorianischen Kalenders auf den Weg. Es war nicht sehr weit bis Emerald Cottage, und der Blick über die Steilküste auf die Keltische See und Ringabella Bay war bei jedem Wetter atemberaubend. Aber anderthalb Meilen im strömenden, windgepeitschten Regen in nicht wirklich funktionaler Kleidung - es gab so einige Dinge, die ich lieber tat.

Nach zwei Minuten konnte ich das Regenwasser überall auf der Haut spüren, und ich fragte mich, ob mein Rollkoffer gerade genauso volllief wie meine Stiefel. Dabei machte ich mir weniger Sorgen um die Kleidung, die ich sorgfältig zusammengefaltet hatte. Vielmehr quälte mich der Gedanke, meine Unterlagen und mein Laptop könnten Schaden nehmen. Schon hatte ich Albtraumvisionen, wie ich in dem winzigen Cottage meiner Mutter hockte, der Laptop ruiniert, die Dokumente durchweicht und unleserlich, das Handy abgesoffen. Wie Mutter und ich uns anschwiegen, weil wir uns wie so oft schon gestritten hatten, und auf die Uhr starrten, bis es endlich Zeit war, dass ich den...

Dateiformat: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen-DRM (Digital Rights Management)

Systemvoraussetzungen:

Computer (Windows; MacOS X; Linux): Verwenden Sie eine Lese-Software, die das Dateiformat EPUB verarbeiten kann: z.B. Adobe Digital Editions oder FBReader - beide kostenlos (siehe E-Book Hilfe).

Tablet/Smartphone (Android; iOS): Installieren Sie bereits vor dem Download die kostenlose App Adobe Digital Editions (siehe E-Book Hilfe).

E-Book-Reader: Bookeen, Kobo, Pocketbook, Sony, Tolino u.v.a.m. (nicht Kindle)

Das Dateiformat EPUB ist sehr gut für Romane und Sachbücher geeignet - also für "fließenden" Text ohne komplexes Layout. Bei E-Readern oder Smartphones passt sich der Zeilen- und Seitenumbruch automatisch den kleinen Displays an. Mit Wasserzeichen-DRM wird hier ein "weicher" Kopierschutz verwendet. Daher ist technisch zwar alles möglich - sogar eine unzulässige Weitergabe. Aber an sichtbaren und unsichtbaren Stellen wird der Käufer des E-Books als Wasserzeichen hinterlegt, sodass im Falle eines Missbrauchs die Spur zurückverfolgt werden kann.

Weitere Informationen finden Sie in unserer E-Book Hilfe.


Download (sofort verfügbar)

7,99 €
inkl. 19% MwSt.
Download / Einzel-Lizenz
ePUB mit Wasserzeichen-DRM
siehe Systemvoraussetzungen
E-Book bestellen