Der Sommer der Islandtöchter

Roman
 
 
Ullstein (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 15. April 2020
  • |
  • 368 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8437-2228-5 (ISBN)
 
Zwei Herzen, die in der Weite der isländischen Fjorde schlagenSommer 2018: Hannah Leopold braucht Abstand zu ihrem Leben. Ihren Traumberuf kann sie nicht mehr ausüben, ihre Ehe ist am Ende. Hannahs Tage sind so leer wie ihr Herz. Sie reist nach Island, wo sie ein kleines, baufälliges Haus mietet. Auf dem Dachboden stößt sie auf eine alte Truhe mit Zeichnungen einer Küstenseeschwalbe darauf, die sie an Bilder erinnern, die ihre Mutter gemalt hat.Sommer 1978: Monika ist eine eigensinnige junge Frau aus gutem Hause. Mit ihren Eltern, reichen Kaufmannsleuten aus Lüneburg, verbringt sie den Sommer in Island. Sie träumt von einer Zukunft als Malerin, doch ihre Eltern haben andere Pläne für sie: Monika soll die Geschäfte in Lüneburg übernehmen. Unter der Mitternachtssonne entdeckt die wilde, freiheitsliebende Monika, dass ihr Herz nicht nur für die Malerei schlägt .
weitere Ausgaben werden ermittelt

Karin Baldvinsson wurde 1979 in Erlenbach am Main geboren. Während ihrer mehrjährigen Tätigkeit für ein Isländisches Unternehmen lernte sie ihre große Liebe und heutigen isländischen Ehemann kennen. Die Kultur und Sprache Islands sind ihr durch ihre Erfahrungen in Familie und Berufsleben sehr vertraut. Heute lebt sie mit ihrer Familie in der Nähe von Hamburg, doch die raue Insel wird immer ihre zweite Heimat bleiben.

 


Húsavík 2018

Der Himmel über dem beschaulichen isländischen Küstenort strahlte in einem reinen Eisblau. Es hatte vor einer Weile aufgehört zu regnen, und Wind zerrte die Wolken wie mit einem Reißverschluss auseinander. Immer mehr Sonnenstrahlen bahnten sich ihren Weg und ließen das satte Grün der Wiese vor dem Haus noch intensiver leuchten. Hannah fröstelte, schlang die Arme um den Körper und drehte sich, um nach dem Quell der Zugluft zu sehen. Die Haustür stand weit offen, während die Mitarbeiter der Speditionsfirma die restlichen Umzugskisten hereintrugen. Mit einem Mal war der Raum erfüllt von hellem Sonnenlicht, glitzernde Staubkörnchen wirbelten umher, bis sie sich wie herabsinkende Federn auf den Möbelstücken der Vermieterin niederließen. Das Haus hatte große Sprossenfenster, die alle Räume hell und freundlich wirken ließen. Sie war froh, dass sie nicht alles aus Deutschland hatte mitbringen müssen, auch wenn die Einrichtung vielleicht nicht ganz ihrem Geschmack entsprach. Die Wände waren kürzlich in einem Eierschalenton gestrichen worden, den sie selbst nie gewählt hätte. Aber sie freute sich darauf, ihre eigenen Familienbilder, die noch sicher verstaut waren, dort aufzuhängen. Danach würde sie sich hoffentlich ein wenig heimischer fühlen. Das Erdgeschoss war mit hellem Stäbchenparkett ausgelegt, im Flur lag ein Läufer, dessen Farbe über die Jahre verblasst war. An der Wand war eine Eichengarderobe mit einem bodentiefen Spiegel angeschraubt, an der nur ihre Jacke hing. Aber das würde sich bald ändern, wenn Nils mit ihrem gemeinsamen Sohn Max ankam. Sie waren getrennt gereist, damit Hannah sich schon einmal um die Einrichtung kümmern konnte, ehe der kleine Wirbelwind über sein neues Zuhause herfallen würde. Der Gedanke an ihren Sohn ließ sie lächeln.

Gerade kam wieder ein Mann mit zwei übereinandergestapelten Umzugskisten an ihr vorbei und sprach sie auf Isländisch an. »Hvert á þetta að fara?«

Sie runzelte die Stirn und überlegte, was das heißen könnte. Fara. Das Wort kannte sie, was bedeutete es noch mal? Hannah kniff die Augen zusammen und biss sich in die Innenseite ihrer Wange. Ach ja, fara bedeutete >gehen<.

Sie hatte trotzdem keine Ahnung, was er von ihr wollte, und zuckte hilflos mit den Schultern. Der Mann starrte sie einen Moment an und ging dann einfach an ihr vorbei. Offenbar hatte er entschieden, selbst eine Antwort auf seine Frage zu finden. Eigentlich hatte sie geglaubt, dass sie nach dem dreimonatigen Intensiv-Sprachkurs Isländisch der VHS gut vorbereitet wäre - tja, sie hatte sich getäuscht.

Sie war müde, die letzten Tage waren nervenaufreibend und mit Reisestress verbunden gewesen. Erste Zweifel überkamen sie, alles war fremd. Sogar die kühle isländische Luft roch anders, salzig und so rein, dass ihr beinahe schwindelig wurde. Hannah schloss für einen Moment die Lider und ließ den Atem in ihre Lungen strömen. Es würde alles gut werden, sie sehnte sich nach Freiheit und Abstand, deswegen war sie hergekommen.

Fast alle ihre Freunde und Bekannten hatten ihr davon abgeraten, ein Sabbatical in Island zu verbringen.

Zu einsam. Zu weit weg. Zu kalt.

Hannah hatte stets mit einer wegwerfenden Handbewegung und einem Zungenschnalzen reagiert. Es war genau das, was sie wollte. Fort aus Lüneburg, fort von all den Menschen, die ihr immer wieder die gleichen nervtötenden Fragen stellten.

Wann spielst du wieder im Orchester?

Wann stehst du wieder auf der Bühne?

Wie geht es weiter?

Sie hasste diese Fragen, die sie nicht beantworten wollte. Sie würde nie mehr die erste Geige spielen, nie mehr dem Applaus lauschen, der für sie bestimmt war. Hannah schluckte schwer und versuchte, die zermürbenden Tatsachen zu verdrängen. Nicht hier. Nicht jetzt.

Mit Island schlug sie ein neues Kapitel auf, ob ihre Freunde und Familie ihr von dem Abenteuer abrieten oder nicht. Ihr war es einerlei.

Und für das Wetter gab es schließlich gute Bekleidung - damit hatten sie sich zur Genüge eingedeckt, sie waren auf alles vorbereitet.

Gut, vielleicht nicht auf alles, aber zumindest würden sie den Witterungsbedingungen trotzen können. Aber es gehörte mehr dazu, in einem fremden Land Fuß zu fassen, als nur das richtige Outfit. Hannah war sich dessen bewusst, aber bislang war sie noch überall klargekommen. Bisher war sie allerdings auch noch nie ausgewandert, sondern immer nur für ein paar Tage, maximal Wochen, verreist.

»Was habe ich mir nur dabei gedacht«, murmelte sie und schob sich eine Strähne ihrer kupferroten Locken hinters Ohr. Für ein Zurück war es jetzt zu spät. Sicher würden die Zweifel verschwinden, wenn sie sich im neuen Heim häuslich eingerichtet hatte.

»Es ist ja nur für ein Jahr«, schob sie mit fester Stimme hinterher und versuchte sich selbst Mut zu machen, bis sie bemerkte, dass sie schon wieder Selbstgespräche führte.

Kopfschüttelnd ging sie in die Küche der gemieteten Bleibe. Obwohl sie das Häuschen nur anhand von Bildern im Internet ausgewählt hatte, war die Aussicht der ausschlaggebende Punkt für ihre Entscheidung gewesen. Aus den Küchen- und Wohnzimmerfenstern hatte man einen ganz hervorragenden Blick auf den Hafen des malerischen Fischerorts an der Nordküste Islands. Es schien, als ob kein Haus in der gleichen Farbe gestrichen war, Rot, Gelb, Grün oder Blau wechselten sich ab. Die Vorgärten waren sehr gepflegt, auch wenn sie nicht so üppig bepflanzt waren, wie sie es von zu Hause kannte. Isländer schienen, was das anging, praktisch veranlagt zu sein, oder es war wegen der Witterung nicht so einfach, eine Blütenpracht am Leben zu halten. Hier und da wuchs ein vereinzelter Baum, die Nachbarn gegenüber hatten Blumenkästen mit roten Geranien vor ihren Fenstern, darunter war ein kleines Beet angelegt worden, auf dem noch nichts wuchs. Ein Entenpärchen watschelte schnatternd über die Wiese. Wonach sucht ihr beiden denn?, dachte Hannah und lächelte, während sie ausatmete. Ja, sie würde es sich hier schon gemütlich machen. Dadurch, dass das Häuschen am Hang gebaut war und darunter die Straße verlief, hatte sie nicht nur einen wunderbaren Ausblick über das Örtchen, sondern auch auf die Fischerboote im Hafen und den rauen, blauen Atlantik. Die Fischerboote wogten auf dem Wasser, die Wolken und der eisblaue Horizont spiegelten sich darin. Auf den ersten Blick wirkte ihre neue Bleibe mit dem grünen Dach und der mintgrünen Fassade unscheinbar und altmodisch und gleichzeitig seltsam fremd. Von Lüneburg war sie rote Klinkersteine und Ziegeldächer gewohnt. Aber ihr gefiel es, dass auf Island viele Häuser bunt waren, kleine Farbtupfer auf sattgrünen Hügeln über dem dunkelblauen Nordatlantik. Wie musste das alles erst im Winter wirken, wenn die Landschaft unter einer dicken, weißen Schneedecke verschwand?

Sogar die örtliche Kirche - ihr Nachbarhaus - wirkte wie aus einer anderen Welt. Ein grüner Kirchturm mit einer weißen Holzfront und roten Balken. Die hatte sie bei ihrem ersten Spaziergang im Ort entdeckt. Sie war überrascht gewesen, dass die Kirche innen auch so urig eingerichtet war mit harten Bänken, Dielenboden und goldenen Lüstern. Warum evangelische Kirchen in Island so prunkvoll gestaltet waren, wie sie es in Deutschland von katholischen Gotteshäusern kannte, hatte sie noch nicht verstanden, aber das würde sie noch herausfinden, dafür hatte sie ja jetzt eine Menge Zeit. Ein weiteres Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht. Ja, es gab viel zu entdecken, und sie freute sich darauf. Das immerhin würden ihr ihre Rücklagen ermöglichen, sie musste sich nicht sofort eine Arbeit suchen. Max war bereits beim örtlichen Kindergarten angemeldet. Mit seinen drei Jahren verstand er noch nicht so recht, wie groß dieser Schritt, nach Island zu gehen, für sie beide war. Aber Hannah hatte ihm von der grünen Insel erzählt, dem blauen Meer, den kleinen Pferdchen und bunten Häusern, und inzwischen freute er sich sogar darauf, die neuen Kinder zu treffen. Vielleicht war der Kindergarten auch eine Möglichkeit für sie, andere Mütter kennenzulernen. Hannah wusste, eine Schwierigkeit an einem neuen Lebensort war immer das Kontakteknüpfen. Sie hatte überlegt, sich bald einen Nebenjob oder eine Beschäftigung zu suchen, damit sich keine Einsamkeit breitmachen konnte und sie nicht untätig herumsitzen würde. Das waren die zwei großen Punkte ihres Plans für ihre Zeit in Island: Nicht herumsitzen und trauern, nicht immer allein sein. Denn zu Hause hatte sie einfach nicht gewusst, wie sie die langen Stunden sinnvoll nutzen konnte, die sie früher mit Üben und im Orchester verbracht hatte. Sie kannte nichts außer der Musik - und eigentlich wollte sie auch nichts anderes. Aber das Schicksal hatte etwas anderes mit ihr vor. Sie wusste nur noch nicht, was.

Ein Krachen ließ Hannah zusammenfahren. Sie atmete aus, als sie verstand, dass es nur eine Kiste mit Küchenutensilien war, die heruntergepurzelt war und jetzt auf dem Boden lag.

»Ich sollte besser mal anfangen, als den ganzen Tag zu...

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