DDR-Erbe in der Seele

Erfahrungen, die bis heute nachwirken
 
 
Beltz (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 16. September 2020
  • |
  • 235 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-407-86637-0 (ISBN)
 
Zukunft braucht Herkunft: Eine kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, mit dem, was gut war, und mit dem, was nicht gut war. Doch auch dreißig Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung wird darüber geschwiegen, welche seelischen Folgen die DDR durch autoritäre Erziehung, den Rückzug ins Private, das Leben in Scheinwelten, Überwachung, Flucht und Verlust der Heimat für Millionen Deutsche bis heute hat. Aber die Seele kennt keinen Schlussstrich! Der Therapeut Udo Baer, selbst in der DDR aufgewachsen, begibt sich anhand vieler Gespräche auf die Suche nach diesem DDR-Erbe in der Seele. Er findet nicht nur ein selbstverständliches Selbstbewusstsein vor allem bei Frauen, sondern tabuisierte Ängste, Trauerverbot und Traumata bei vielen Menschen. Diese Erfahrungen müssen endlich gewürdigt werden. Nur wenn in den Familien und in unserer Gesellschaft über die inneren Spuren gesprochen wird, wird deren Weitergabe an die nächste Generation unterbunden. Nur dann können alle Deutschen in eine gemeinsame Zukunft gehen.
weitere Ausgaben werden ermittelt
Udo Baer (Berlin, Jg. 1949): Dr. phil. (Gesundheitswissenschaften), Diplom-Pädagoge, Kreativer Leibtherapeut AKL, Mitbegründer der Zukunftswerkstatt therapie kreativ, wissenschaftlicher Leiter des Instituts für soziale Innovationen (ISI), Vorsitzender der Stiftung Würde und Mitinhaber des Pädagogischen Instituts Berlin (PIB), Autor u.a. von »Das große Buch der Gefühle«.

Vorwort

Warum dieses Buch?


Im Februar 1960 - ich war damals zehn Jahre alt - gingen meine Eltern, mein jüngerer Bruder und ich nachts durch den Schnee in Spremberg zum Bahnhof. Meine Eltern wussten, dass wir im Schnee Spuren hinterließen, und schlugen deshalb nicht den direkten Weg zum Bahnhof ein, sondern gingen erst in Richtung der Wohnung meiner Tante und meiner Urgroßmutter. Die »Auskunftsperson« in dem Haus, in dem wir wohnten, sollte nicht mitbekommen, dass wir uns abends Richtung Bahnhof aufmachten. Damals flohen viele Menschen aus der DDR in den »Westen«, und alle, die die SED unterstützten, waren angehalten, verdächtige Bewegungen zu melden.

Auch wir wollten fliehen. Doch damals wusste ich das nicht. Meine Eltern hatten es uns Kindern nicht erzählen dürfen. Zu leicht hätte uns an der falschen Stelle ein falsches Wort entschlüpfen und dazu führen können, dass unsere Eltern ins Gefängnis und wir in ein Kinderheim gekommen wären. Wir liefen also über Umwege zum Bahnhof, setzten uns in den Zug nach Berlin und stiegen dort in die S-Bahn um. Die S-Bahn fuhr quer durch die Berliner Mitte. Noch gab es keine Mauer. Noch hielt die S-Bahn auch in einigen Bahnhöfen in West-Berlin. Dort war Aussteigen verboten. Wir fuhren mit leichtem Gepäck und einem Kuchen als »Geschenk« in der Hand meiner Mutter unter dem Vorwand, Bekannte in Ost-Berlin zu besuchen. Nichts sollte Verdacht erregen. An dem Bahnhof öffneten sich die Türen und schlossen gleich wieder, doch wir schlüpften schnell hindurch und rannten in das Bahnhofsgebäude. Für meinen Bruder und mich war dies alles unverständlich und verwirrend. Schließlich setzten wir uns - es war mittlerweile später Abend - in den Wartesaal. Hier erzählten uns unsere Eltern, dass wir nie mehr zurückkehren könnten. Wir würden jetzt in den Westen gehen, erst in ein Flüchtlingslager, und dann würden wir eine neue Heimat finden. Als meinem Bruder und mir die Tränen kamen, sagte meine Mutter. »Hier wird nicht geweint. Das ist nicht so schlimm. Dafür gibt es hier im Westen Bananen!«

Würde ich diese Geschichte nicht selbst erlebt und insbesondere die letzten Sätze nicht selbst gehört haben, sondern in einem Roman lesen, würde ich denken, dass diese Reaktion doch arg übertrieben wäre. Doch solche Aussagen, die weder Schmerz noch Erschütterung zuließen, habe ich in vielen Gesprächen nach meinen Vorträgen von Menschen mit einer ähnlichen Geschichte gehört. Trauer durften weder die Kinder noch die Eltern spüren, Trost zu spenden war nicht Bestandteil ihres Repertoires. Auch wenn dies nun schon Jahrzehnte her ist, wirkt diese Szene zusammen mit vielen anderen immer noch in mir nach. Zum Beispiel so:

*

Viele Jahre lang hatte ich, wenn ich auf Bahnhöfen war, immer das Bedürfnis, mir etwas zu essen zu kaufen. Damals im Wartesaal gab es Bockwurst mit Brötchen. Die Fluchterfahrung wirkte so nach, dass mich in Bahnhöfen immer das Verlangen überkam, etwas zu essen, egal ob ich Hunger hatte oder nicht.

*

Heimat war für mich bis vor zehn oder 15 Jahren nie ein Thema. Ich wusste nicht, wo meine Heimat war. Heimat hatte keinerlei Bedeutung, bis ich vor allem im Austausch und bei der Begleitung von Flüchtlingen aus Syrien, Irak und Afghanistan spürte, dass die Frage nach der Heimat nicht nur für diese Menschen, sondern auch für mich eine große, ja existenzielle Frage war und ist.

*

Gefühle wie Trauer nicht zu zeigen und stattdessen mit Bananen getröstet zu werden beeinflusste mich lange. Es ging nur vordergründig um Bananen. Tief in mir lernte ich, Gefühle nicht spüren und erst recht nicht zeigen zu dürfen. Wie Trost und Trösten geht, habe ich erst später in der Beziehung mit meinen Kindern erfahren dürfen.

*

Meine Eltern hatten vor der Flucht Kleidungsstücke, Bettwäsche, Bücher und anderes an Freunde und Bekannte im Westen geschickt, die zuvor in unserer Heimatstadt gelebt hatten. Meine beste Hose und vor allem mein Lieblingsbuch Die Söhne der großen Bärin waren verschwunden, von der Stasi wie rund die Hälfte aller Päckchen von Ost nach West und West nach Ost gestohlen, wie ich später erfuhr. Ich suchte und suchte und wurde fast verrückt, weil ich dachte, ich hätte es verbummelt. Auf die Idee, mich bei meinen Eltern zu beklagen oder sie wenigstens zu fragen, kam ich nicht. Die Schuld konnte nur bei mir liegen. Das blieb, lange.

Noch viele andere Phänomene konnte ich später als Erbe dieser Fluchterfahrung und der Jahre in der DDR identifizieren. Und wie mir ging es vielen anderen auch. In der therapeutischen und pädagogischen Begleitung anderer Menschen merkte ich, dass das DDR-Erbe sowohl in der Seele als auch im Verhalten vieler nachwirkt. Dem näher zu kommen interessierte mich und ich möchte diese Erfahrungen und Einsichten in diesem Buch vorstellen.

Wer kann ein DDR-Erbe in der Seele tragen? Das sind die Menschen, die in der DDR groß geworden sind, und diejenigen, die in den Achtzigerjahren, also kurz vor dem Untergang der DDR, dort geboren und in der BRD erwachsen wurden. Ich wende mich auch und insbesondere an deren Kinder und Enkel, weil mir und anderen auffiel, dass dieses Erbe der DDR in die nächsten Generationen hineinwirkte und sich dort zeigte. Auch Kinder derjenigen, die die DDR verlassen haben, tragen das DDR-Erbe in sich, ganz gleich, ob sie vor dem Bau der Mauer oder danach geflohen oder erst nach 1989 in die alten Bundesländer gezogen sind. Das gilt ebenso für die Kinder derjenigen, die in der DDR zufrieden lebten, wie für die Kinder der oppositionellen und politisch verfolgten Menschen.

Einiges, was sie als DDR-Erbe in sich tragen, wird dem ähneln, was Menschen fühlen und denken, die in der alten BRD aufgewachsen sind. In beiden Teilen Deutschlands beruhen die Erfahrungen der Menschen auf den Erfahrungen der Schrecken des Zweiten Weltkriegs und des Nationalsozialismus. Dazu kommen die Jahrzehnte des Kalten Kriegs. Es gibt Gemeinsamkeiten und es existieren Unterschiede und Besonderheiten. Mir geht es in diesem Buch nicht darum, das DDR-Erbe »sauber« von dem seelischen Erbe der Menschen in der BRD zu trennen. Die DDR existierte 40 Jahre lang und hat in all ihren Besonderheiten Spuren hinterlassen. Um diese Spuren zu verstehen und damit angemessen umzugehen, gilt es, zu würdigen, was war und was ist.

Dieses Buch ist keine politische oder soziologische Analyse, aber es kann die vorhandenen Analysen ergänzen und, so hoffe ich, erweitern. Ich werfe den Blick nicht vorrangig auf die Gesellschaft, sondern zunächst und hauptsächlich auf die einzelnen Menschen. Ich möchte beschreiben, wie das DDR-Erbe in ihnen nachwirkt. Dies wiederum kann den Blick auf gesellschaftliche Entwicklungen schärfen.

Wenn ich in meinem Eingangsbeispiel beschrieben habe, dass zumindest in unserer Familie ein DDR-Erbe darin bestand, den Ausdruck und den Austausch von Gefühlen zu tabuisieren, so kann das für andere ebenfalls zutreffen. Manche Menschen können aber auch das Gegenteil erlebt haben. Was ich beschreibe, gilt nicht für alle. Immer existiert auch das Gegenteil: Neben der Angst lebt der Mut, neben der Anpassung der Widerstand usw. Ich werde in diesem Buch Phänomene des DDR-Erbes beschreiben, denen ich häufig begegnet bin. Anschließend werde ich erklären, wie das seelische Erbe der DDR auch über Generationen weiterwirken kann. Jeder Aspekt des DDR-Erbes in der Seele könnte umfangreicher und differenzierter betrachtet werden, doch das würde die Absicht und den Rahmen dieses Buches sprengen. Mir geht es hier um eine Gesamtschau der vielfältigen Facetten des seelischen DDR-Erbes, durch die seine Bedeutung und sein Gewicht deutlich werden und die Ihnen Anregungen geben kann, eigene oder familiäre Erfahrungen tiefer oder gar in neuem Licht zu betrachten.

Wenn ich hier von »Opfern« spreche, ist mir bewusst, dass in dieser Bezeichnung Unterschiedliches anklingt: Menschen, die Gewalt, Erniedrigung, Beschämung und anderes Leid erfahren haben, sind Opfer. Und gleichzeitig sind sie nie nur Opfer, sondern auch kraftvolle und kompetente Menschen, die nicht auf ihre Erfahrungen als Opfer reduziert werden wollen und sollen.

Das Buch schließt mit Hinweisen und Empfehlungen, wie dem DDR-Erbe in der Seele produktiv begegnet werden kann. Viele Menschen bemühen sich, die seelischen Folgen ihrer Erfahrungen in der DDR zu ignorieren oder gar auszuradieren. Letzteres kann nicht gelingen, und der Versuch...

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