Wachstumswahn

Was uns in die Krise führt - und wie wir wieder herauskommen
 
 
Ludwig Buchverlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 25. November 2013
  • |
  • 368 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-11759-7 (ISBN)
 
Gibt es das: endloses Wachstum?

In Europa herrscht Alarmstimmung - wir bangen um unseren hart erarbeiteten Wohlstand. Ungebremstes Wachstum hat uns in eine tiefe Krise geführt, doch wenn man den Politikern glaubt, ist der einzige Ausweg daraus wiederum Wachstum.

Christine Ax und Friedrich Hinterberger haben starke Zweifel daran, dass »immer mehr« auch »immer besser« ist. Sie erklären, woher die Wachstumsbegeisterung in der Vergangenheit rührte, widerlegen schlüssig das gängige Credo, dass es ohne endloses Wachstum nicht geht, und zeigen, warum Wachstum keine zeitgemäße Antwort auf die aktuellen Probleme mehr ist. In einer zukunftsfähigen Gesellschaft können wir auf anderen Wegen Arbeitsplätze schaffen, Bildung und Pflege organisieren, Armut bekämpfen und den Klimawandel stoppen - das machen die beiden Wirtschaftsexperten anhand von Beispielen und durchaus unterhaltsam auch ökonomischen Laien verständlich. Ihr Buch ist vor allem eine große Ermutigung: Wir brauchen vor der Zukunft keine Angst zu haben. Wir werden nicht mehr haben, aber besser leben!

  • Deutsch
  • München
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  • Deutschland
Ludwig bei Heyne
  • 1,68 MB
978-3-641-11759-7 (9783641117597)
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Vorwort

Ein schöner, sonniger Frühsommertag in Hamburg. Es ist halb zwölf, wir sitzen erschöpft bei einem Cappuccino draußen in einem Café auf dem Goldbekmarkt, froh, den Massen, die sich ihren Weg über den Markt bahnen, entronnen zu sein. Ganz Hamburg scheint an diesem Vormittag den gleichen Gedanken gehabt zu haben – in Ruhe (!) über den Markt zu bummeln. Die Stände locken mit einer unglaublichen Vielfalt und Fülle an guten Dingen: Blumen, Früchte aus aller Welt, Käsestände, Frischnudeln, Antipasti und Gemüse, fast alles inzwischen auch in Bioqualität und/oder mit dem Etikett »regional« versehen. Die Einkaufstüten der Vorbeieilenden quellen schier über, auch unsere sind gut gefüllt.

Für Fritz Anlass genug, zu einem Monolog über Dinge, die man braucht (oder eher nicht braucht), anzuheben. Er beklagt sich darüber, dass seine Wohnung vollgestopft sei mit Sachen, die sich in den letzten dreißig Jahren angesammelt hätten, und wie schwer es sei, sich mit seiner Familie darüber zu einigen, was wegkönne und was nicht. Am liebsten immer die Sachen der jeweils andern. Am Ende bleibe alles da, wo es gewesen war.

Wir warten auf Bert Beyers, in dessen Studio in Eimsbüttel wir gerade an diesem Buch arbeiten. Als er kommt – ebenfalls mit Tüten vom Markt bepackt –, diskutieren wir über die Qualität des italienischen Käses, der hier im Café serviert wird, und über das Geschäft auf der anderen Seite des Marktes, das Hosen anbietet, die in »Designerkleider« verwandelt wurden. Die Hosenbeine waren aufgetrennt, die vier Stoffbahnen zu einem Rock zusammengenäht worden. Eines der vielen schönen Beispiele für Up-Cycling, die uns neuerdings begegnen. Aus dem Radio, das uns eben noch mit Eros Ramazzotti in Stimmung gebracht hat, schnarrt jetzt die Stimme des Nachrichtensprechers. Die wenigen Wortfetzen, die wir hören können, reichen völlig aus, um uns die Laune zu verhageln. Seit Wochen die gleichen Geschichten. Die Investoren würden aus dem Euro fliehen, die Wirtschaftskrise in Südeuropa und die hohe Arbeitslosigkeit dort gäben Anlass zur Sorge, ein Experte habe erklärt, man brauche dringend ein Konjunkturprogramm, weil nur Wachstum jetzt noch helfen könne. Dann die nächsten Meldungen: bürgerkriegsähnliche Zustände hier, Armut dort, Klimawandel, Ressourcenknappheit usw., eine Spirale, die sich immer schneller dreht, eine allumfassende Krise, die sich immer weiter zuspitzt.

Und was tun wir? Geben uns Kaufrausch und Genuss hin, tun so, als ob uns das alles nichts anginge, und diskutieren lieber den Fernsehfilm vom Vorabend oder mokieren uns über die Qualität von Tiefkühlpizza. Weil wir ignorant sind? Weil es uns noch »zu gut geht« im Vergleich zu den anderen in Europa – vom Rest der Welt gar nicht zu reden? Weil wir uns den Luxus noch leisten können, über die vom-Falschen-zu-viel-und-vom-Richtigen-zu-wenig-Krankheit zu diskutieren? Zu viele Klamotten, zu viel Stress, zu viel Verantwortung, zu viel Angst vor der Zukunft, zu wenig Muße, zu wenig Zeit für unsere Lieben, zu wenig Sicherheit und Vertrauen in die Zukunft … Eine Reihe, die sich endlos fortsetzen ließe. Aber während wir an jenem sonnigen Sommertag hier noch im Café sitzen und auf hohem Niveau jammern können, hat es andere – auch in unserer Gesellschaft – längst aus der Kurve getragen. Und wir könnten die Nächsten sein.

Der tägliche Blick in die Zeitung verrät: Die Wirtschafts- und Finanzkrise, die im Jahr 2008/2009 begonnen hat, ist noch längst nicht überwunden; doch schon sagen Experten die nächsten Krisen voraus. Um da nicht sehenden Auges hineinzuschlittern, fordern manche einen radikalen Sparkurs, um wieder wettbewerbsfähig zu werden (unpopulär, wie man z.B. an Griechenland sehen kann), andere setzen auf Konjunkturprogramme und kräftige Finanzspritzen, um Wirtschaft und Wachstum wieder anzukurbeln. Eine Investition für und in die Zukunft sei das, sagen Fachleute. Dumm nur, dass keiner weiß, wie das ohne weiter steigende Staatsverschuldung gehen soll. Und da erheben sich schon die nächsten Stimmen, die davor warnen, dass wir damit den nachfolgenden Generationen eine zu große Belastung aufbürden würden. Wir hinterlassen ihnen nichts als Schulden, eine kaputte Umwelt, legen einen Mühlstein um den Hals unserer Kinder und Enkel, der das ganze System dereinst zum Kippen bringen wird. Es gibt Fatalisten, die sagen: Nach mir die Sintflut. Aber auch Realisten, die sagen: Die Vorboten des Kollaps werden auch uns noch erfassen. Und dann sei Schluss mit Wohlstand und sozialem Frieden.

Aber was ist das eigentlich für ein System, das droht, ins Wanken zu geraten? Worauf gründet sich unser (relativer) Wohlstand, unser vergleichsweise hoher Lebensstandard?

Vereinfacht gesagt: Er gründet auf Wachstum. Und zwar auf einem permanenten, man könnte auch sagen einem grenzenlosen Wachstum. Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts war, was das Wirtschaftswachstum betrifft, einzigartig. Nie gab es eine so lange anhaltende Phase solch schnellen Wachstums, eine Zeit, in der man glaubte, keine Angst vor der Zukunft haben zu müssen. 150 Jahre hat Europa gebraucht, um sich von einem Kontinent der Bauern und Handwerker in eine Region zu verwandeln, die global vernetzt und hochproduktiv ist. Automatisierung, weltumspannende Datenautobahnen und ein extrem leistungsstarkes Transportwesen haben den weltweiten Austausch von Waren und Dienstleistungen ermöglicht und immer schneller und billiger gemacht und eine hocharbeitsteilige, grenzüberschreitende, internationalisierte Wirtschaft entstehen lassen.

Diese Entwicklung begann mit der Industrialisierung und erreichte um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert einen ersten Höhepunkt, der auch mit einer ersten »Globalisierung« der Wirtschaft verbunden war. Eine unglaubliche Flut an technischen Innovationen nährte die Hoffnung, dass es immer nur vorangehen würde. Der Erste Weltkrieg versetzte diesem Glauben einen ersten schweren Dämpfer, es folgten politisch schwierige Jahre, am Ende der »Goldenen Zwanziger« riss der Schwarze Freitag die Börsen diesseits und jenseits des Atlantik in eine Abwärtsspirale. Massenarbeitslosigkeit und Armut waren die Folge. In Deutschland und Österreich erstarkten nationale Bewegungen, mit den bekannten Konsequenzen. Der Zweite Weltkrieg mit seinen verheerenden Auswirkungen auf menschlicher Seite war wirtschaftlich gesehen die Grundlage für das, was nun entstehen konnte – wenn Altes kaputtgeht, ist Raum für Neues. In den Jahrzehnten nach 1945 wuchs die Wirtschaft in ungeahnten Dimensionen. Die zweite Hälfte des vergangenen Jahrhunderts hat dem industrialisierten Fünftel der Welt ein unglaubliches »Wirtschaftswunder« beschert. Im Deutschland der 1950er-Jahre hatte Ludwig Erhard, der Vater der sozialen Marktwirtschaft, »Wohlstand für alle« versprochen. Wohlstand durch Wirtschaftswachstum. Ein Versprechen, das tatsächlich eingelöst wurde. Die Wirtschaftsleistung in Deutschland und Österreich vervielfachte sich in wenigen Jahrzehnten und mit ihr der materielle Wohlstand, der langsam, aber sicher in das Credo »Konsum für alle und auf immer und ewig« mündete. Nach wie vor galt: Es gibt keine Grenzen, es geht immer weiter aufwärts.

In den 1970er-Jahren erschien der erste Bericht des Club of Rome. Er beschäftigte sich mit der Frage, ob unendliches Wachstum in einer endlichen Welt überhaupt möglich ist. In der Natur kommen alle Wachstumsprozesse irgendwann zu einem natürlichen Ende. Menschen, Tiere, Pflanzen wachsen erst langsam, dann für kurze Zeit immer schneller, bis sie irgendwann ihre Grenzen erreicht haben und »ausgewachsen« sind. Ein Mechanismus, der sicherstellt, dass das Ökosystem, das sie umgibt, nicht kippt. Wenn zum Beispiel in dem am höchsten entwickelten Ökosystem unserer Erde – dem tropischen Regenwald – bestimmte Pflanzen plötzlich »schneller, höher, weiter« wollten, würde alles aus den Fugen geraten. Solange das nicht geschieht, befindet sich dieses System in einem dynamischen Fließgleichgewicht. Es entwickelt sich, aber es wächst nicht.

Auch »die Wirtschaft« hat einmal klein angefangen; ihr Wachstum hat (befeuert zuerst von Kohle und dann von Öl und vom sozialen Wandel) innerhalb des vergangenen Jahrhunderts außergewöhnliche Größenordnungen erreicht. Die Frage ist nur, ob der Peak nicht bereits überschritten wurde. Denn seit rund zwanzig Jahren hat sich das Wachstum der früh industrialisierten Volkswirtschaften wie Deutschland, Österreich oder Japan (gemessen am Bruttoinlandsprodukt BIP) stetig verlangsamt, in anderen Ländern ist es rückläufig.

Ist das eine natürliche Entwicklung, oder müssen wir mit aller Macht dagegen ansteuern? »Ja, natürlich müssen wir das«, sagen die einen. Um Arbeitsplätze zu schaffen, um die Inflation auszugleichen, um die Renten zu sichern, die Staatsschulden abzutragen, wegen des demografischen Wandels, um uns weiterzuentwickeln, damit wir konkurrenzfähig bleiben usw. Beständiges Wachstum sei, sagen sie, letztlich der Garant nicht nur für die Wahrung unseres Besitzstandes, sondern für den sozialen Frieden allgemein.

»Ja, aber«, sagen die anderen und verweisen darauf, dass Wachstum seinen Preis hat. Dass wir unseren Wohlstand auf dem Rücken anderer erzeugen, dass Einkommen und Bildung weltweit sehr ungleich verteilt sind, dass wir angesichts von Ressourcenknappheit und überbordender Staats- und Privatverschuldung nicht allein auf Wachstum setzen dürfen.

Menschen wie die Schriftstellerin Elisabeth Schrattenholzer fragen: »Wann wird die Wirtschaft erwachsen?« Sie hätte eigentlich fragen müssen: »Wann werden wir erwachsen?« Wann fangen wir an, umzudenken und nach neuen Wegen zu suchen?...

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