Das Lichtenstein

Modehaus der Träume, Roman
 
 
dtv (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 21. August 2020
  • |
  • 480 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-423-43763-9 (ISBN)
 
Wo Träume zu Hause sind

1913 im Herzen Berlins: Hier lässt >Das Lichtenstein< kaum einen Wunsch offen und bietet seinen Kunden ein breites Sortiment - vor allem aber Damenkleidung mit besonderem Chic. Das Warenhaus ist ein vielfältiger Mikrokosmos, in dem unterschiedlichste Menschen und Schicksale aufeinandertreffen. Das Ladenmädchen Hedi taucht fasziniert in die Welt der Mode ein, während die Näherin Thea nur Augen für Ludwig hat. Er, der jüngere Sohn des Hauses, will mit aller Macht den Status Quo wahren. Sein Bruder Jacob wiederum hat ehrgeizige Pläne für die Zukunft des >Lichtenstein<. Gegen alle Widerstände beginnt er, seine Ideen umzusetzen. Doch dann geht das Haus in Flammen auf - und damit die Existenz der Angestellten wie auch der Inhaber.
weitere Ausgaben werden ermittelt
Marlene Averbeck studierte Germanistik, Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft. Sie arbeitet als freie Autorin und Rechercheurin für Film und Fernsehen und lebt mit ihrer Familie in Berlin.

Hedi


Aber sag's um Himmels willen den Nachbarn nicht.«

Erstaunt betrachtete Hedi ihre Mutter, deren miteinander ringende Hände und den umherspringenden Blick. »Ja, das haben wir doch schon besprochen. Wenn dir das wichtig ist, werde ich es mit keiner Silbe erwähnen.«

Die Mutter verzog das Gesicht. »Ich werde die Unruhe nicht los! Ich hätte mich nicht darauf einlassen sollen. Ich habe gleich gesagt, es wäre besser, wenn du in einem Kontor arbeiten würdest.«

Ja, in einem dunklen Kabuff, fernab irgendwelcher Menschen den lieben langen Tag auf der Schreibmaschine herumhacken, damit mich nur niemand sieht. Das fändest du gut, dachte Hedi und zog das Messer konzentriert über die Butter, darum bemüht, sich ihren Unwillen nicht anmerken zu lassen. »Du hast selbst dafür gesorgt«, fuhr sie fort, »dass ich die Arbeit aufnehmen kann. Du hast mit deiner Freundin gesprochen, die dann wiederum .« Ein wenig Salz auf die Butter, dann biss Hedi lustlos ins Brot. Nur Hilde nicht anschauen, dachte sie, sonst schreie ich sie an.

»Es war ja auch dein Wunsch. Vielleicht wäre mir noch irgendwer anders eingefallen. Und so eine richtige Freundin ist Marianne Lichtenstein nicht. Nur weil wir beide uns im Sozialverein betätigen, kann ich mich nicht zwangsläufig auf ihre Verschwiegenheit verlassen.« Die eben noch ringenden Hände flogen nun durch die Luft, als wollten sie jedes Argument zerpflücken.

Wer ist diese Frau?, fragte Hedi sich. Ja, Hilde hatte ihren Mann verloren, aber sah sie auch den viel zu früh entrissenen Vater? Weit über ein Jahr lag der Verlust zurück. Niemand konnte Hilde vorschreiben, wie sie mit ihrer Trauer umging, wie lange sie für ihren Abschied brauchte, ob er überhaupt gelang. Ein seltsamer Pragmatismus hatte sie erfasst, es war, als versuchte sie, der Tochter den Vater zu ersetzen und ein ebenso strenges Regiment zu führen. Eines, das sich unerbittlich auch gegen sie selbst richtete. Genau wie der Vater es getan hatte, sprach auch Hilde nicht über Geld, aber die finanzielle Situation schien schwierig zu sein.

»Maman«, sagte Hedi in versöhnlichem Ton und hoffte, Hilde mit der französischen Anrede, die sie so liebte, zu besänftigen. »Das Fräulein aus dem Hinterhaus, im zweiten Stock rechts, ist Stenotypistin. Die mit den drei Kindern aus dem Erdgeschoss näht regelmäßig, und Frau Szymanek unter uns hilft ihrem Mann immer wieder in der Apotheke. Den Nachbarn ist es egal, was ich mache. Es interessiert niemanden.«

»Doch, meine Freundinnen. Ich habe ihnen erzählt, du würdest mir seit dem Abschluss des Lyzeums im Haushalt zur Hand gehen, vermutlich aber bald heiraten.«

Eins, zwei, drei, vier - einatmen, ausatmen. Zum Fenster schauen, befahl Hedi sich. »Wir haben die Wahl«, sagte sie nach einer Weile, »entweder wir vermieten eines der Zimmer unter, oder wir ziehen in eine kleinere Wohnung um. Wenn beides nicht in Betracht kommt, bessere ich einfach unsere Haushaltskasse auf.«

»Ein Zimmer vermieten? Umziehen? Auf was für Ideen kommst du denn? Gott bewahre!«

»Das sage ich doch: Es kann nicht schaden, wenn ich etwas Geld hinzuverdiene.«

»Aber nur so lange, bis ich wieder unter der Haube bin.« Energisch zog Hilde den seidenen Morgenmantel über ihre Schultern. »Oder du. Aber ich befürchte, dich will kein Mann, wenn du . du weißt schon .«

»Arbeitest? Ein ganz einfaches Wort, Maman.«

»Da siehst du es: Du bist ein Querkopf durch und durch.«

»Nein, das bin ich nicht, ich arbeite nur. Das machen viele Frauen.«

»Ja, aber auch nur bis zur Hochzeit. Weil ihre Eltern nicht in der Lage sind, für sie zu sorgen. Und ich möchte nicht, irgendwer könnte denken, dein Vater hätte uns nicht genug Geld hinterlassen. Er hat sein Leben lang gearbeitet .«

Hedi schob den Teller beiseite. »Du weißt, wie sehr ich Vater vermisse, und du hast recht, er wäre nicht begeistert. Aber nun muss ich los.« Während sie sich erhob, schwor sie sich, in die Unterlagen des Vaters zu schauen. Sobald ihre Mutter mal wieder außer Haus war, zu einem Tanztee mit ihren Freundinnen, beim Sozialverein oder anderen Zerstreuungen. Sie musste Gewissheit haben, wie es finanziell um sie beide stand. Auch wenn Hilde und sie nicht in der Beletage lebten, sondern nur im zweiten Stockwerk eines geschmackvollen Großstadthauses, wollten die geräumigen Zimmer doch bezahlt werden.

Es klopfte.

Hedi eilte zur Wohnungstür und konnte durch die milchige Glasscheibe bereits Ellas Silhouette erkennen. Das Zugehmädchen, dachte sie und lächelte. Auf niemanden traf diese Bezeichnung weniger zu. Sie öffnete die Tür, und die Haltung der Freundin ließ keinen Zweifel: Ella kam hierher, weil sie sich dazu herabließ! Sie beehrte Schöneberg mit ihrer Gegenwart.

Wenn auch nicht ganz freiwillig.

Wie immer war ihr Anblick atemberaubend. Und das, obwohl sie eher klein, fast gedrungen aussah, die Augenbrauen zu markant, die Lippen voll, nahezu schmollend. Trotzdem war sie ein Gesamtkunstwerk, an dem nichts dem Zufall überlassen war. Niemals. Auch wenn das Geld, das sie als Schauspielerin verdiente, längst nicht ausreichte, ein würdiges Leben zu führen, kündeten ihre Garderobe, die Haltung der Hände, jede der dunklen Locken, die Kunstblüte am ausladenden Hut von ihrer Überzeugung: Sie, Ella Winkler, würde die nächste große Muse der Berliner Theaterwelt werden.

Hedi schluckte. Wie lange konnte Hilde diesen Zuverdienst für die Freundin noch aufbringen? Sie schob den Gedanken an Vaters Schreibtisch beiseite und damit die Bilder der Schubladen voller Unterlagen und Papiere, die alle Fragen beantworten würden. »So wie du aussiehst, hast du die Nacht nicht für den Schlaf genutzt«, sagte sie, nahm Ella den Umhang ab und hängte ihn im Garderobenschrank auf.

»Ja, so ist es. Aber das musst du nicht betonen, was soll ich machen? Ich lerne und lerne und lerne. Die Premiere für Frau Inger auf Östrot steht bald an, und ich nähe noch immer an meinem Kostüm.«

»Bringe es doch heute Abend vorbei, dann können wir es zusammen fertig machen.«

»Mir fehlen Spitzen und Borte, es ist so gewöhnlich.« Sie trat einen Schritt näher an Hedi heran und senkte die Stimme. »Dieses Stück wird ein Erfolg, sagt mir mein Gefühl. Ich weiß nicht, ob ich es dann noch schaffe, bei deiner Mutter hier . na, eben vorbeizukommen.«

»Du bist unentbehrlich, das weißt du. Wenn du erfolgreich wirst und sie in jedem Zeitungsartikel erwähnst, dann wird sie dir verzeihen.«

»Da hat Hedi recht«, erklang es aus der Wohnstube. Hilde öffnete die Flügeltür und lehnte sich mit verschränkten Armen in den Rahmen. »Da ich euch ohnehin hören kann, dachte ich, ich mische mich mal ein. Wir können in meinem Schrank schauen. Irgendwo habe ich Kleinigkeiten liegen, die als Besatz infrage kämen, und ihr könnt gern die Nähmaschine nutzen.«

»Ja, welch Glück, dass Sie diese wundervolle Maschine Ihr Eigen nennen.«

»Frage nicht, wie lange es gebraucht hat, meinen Mann davon zu überzeugen. Monatelang habe ich erklärt, wie viel günstiger es wäre, wenn ich die Kleider selbst nähe, anstatt sie bei der Schneiderin anfertigen zu lassen. Das merkt euch: Sparsamkeit ist eine Tugend! Was wollte ich sagen? Ach ja: Er war so gutherzig! Ihm war es wichtig, mir nicht unnötige Arbeit aufzubürden.« Ein Lächeln zog über ihr Gesicht. »Wenn ich ehrlich bin, denke ich, er misstraute meinen Nähkünsten, und - das weiß ich sicher - der Preis dieses Wunderwerks schreckte ihn ab.«

Hedi ging das Herz auf. Manchmal schimmerte all das durch, was ihre Mutter ausgemacht hatte: die Wärme und die Fähigkeit, über sich selbst zu lachen.

»Aber nun haben Sie eines der schönsten Modelle«, sagte Ella.

»Rate mal, warum? Eines Tages kam unsere Tochter in die Wohnstube, verzog ihre zuckersüße Schnute und sagte, sie wolle gern nähen lernen. So schnell konnte ich nicht Luft holen, da stand das Prachtstück bei uns.«

»Er fehlt .«, sagte Hedi, während sie den Hut aufsetzte.

»Und er wäre stolz, wie zauberhaft du in deinem neuen Kleid aussiehst!« Ellas Hand strich sanft über Hedis Arm. »Aber nun mach nicht so ein Gesicht, das gibt Falten. Erzähl mir lieber, wie deine ersten Tage im Lichtenstein waren, was du den lieben langen Tag da machst.«

»Ich bin als Ladenmädchen tätig. Mal schauen, was mir mehr liegt. Verkauf, Kasse, Kontor. Im Lichtenstein ist der Einsatz des Personals recht flexibel. So kann ich einen Eindruck bekommen.«

»Um Himmels willen, du sollst Konfektioneuse werden! Deine Mutter kennt die Chefin, also nutze deine Kontakte. Irgendwer muss ja meine Kostüme entwerfen, wenn ich die Bühnen der Stadt erobere«, rief Ella aus und stemmte die Hände in die Hüften.

Hedi lachte laut auf. »Danke, Großgütigste, dann werde ich das genau so befolgen.«

Ella grinste. »Ja, hör auf mich: Du kannst wunderbar nähen, du kannst zeichnen und hast ein fabelhaftes Gedächtnis. Und du hast Geschmack. Oder du wirst Moderedakteurin und betonst in deinen Artikeln meinen guten Geschmack. Du könntest auch Modeschöpferin werden. Diese Madame Lanvin aus Paris, die hat als Laufmädchen in einem Schneidersalon angefangen - und heute? Sie ist reich und weit über die Grenzen ihres Landes hinaus bekannt!«

»Moderedakteurin, Modeschöpferin - du bist noch schlimmer als meine Tochter«, fuhr Hilde dazwischen und schob Hedi zur Tür. »Sie hat schon genug Flausen im Kopf mit ihrem Warenhaus.«

»Maman, es ist ein Kaufhaus, wir bieten keine Lebensmittel an.«

»Schnickschnack, Kaufhaus oder Warenhaus - das sind Wortklaubereien. Lenk...

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