Northanger Abbey

Roman
 
 
dtv (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 1. Juli 2011
  • |
  • 288 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-423-40782-3 (ISBN)
 

Ein finsteres Familiengeheimnis oder doch nur blühende Phantasie?

Catherine Morland liest gerne Schauerromane. Als ihr gebildeter Verehrer sie seiner Familie vorstellt, ist diese not amused. Die Aura des alten Landsitzes >Northanger Abbey< beflügelt Catherines Phantasie so sehr, dass sie bald glaubt, einem Familiengeheimnis auf der Spur zu sein.
  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
  • Format: EPUB
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  • Format: EPUB
  • 1,63 MB
978-3-423-40782-3 (9783423407823)
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Jane Austen (1775-1817) gilt als die große Dame der englischen Literatur, der es als erster gelang, die Komik des Alltäglichen zu gestalten. Nach außen hin führte sie ein ereignisloses Leben im elterlichen Pfarrhaus. Ihre Romane jedoch - neben ›Mansfield Park‹ (1814) sind dies vor allem ›Verstand und Gefühl‹ (1811), ›Stolz und Vorurteil‹ (1813), ›Emma‹ (1816), ›Northanger Abbey‹ (1817) und ›Anne Elliot oder Die Kraft der Überredung‹ (1817) - erfreuen sich heute weltweit einer millionenfachen Leserschaft. Fast alle sind mehrfach erfolgreich verfilmt worden.

II. KAPITEL


Zusätzlich zu dem, was bereits über Catherine Morlands äußerliche und innere Qualitäten gesagt wurde, ehe nun all die Schwierigkeiten und Gefahren von sechs Wochen Bath auf sie einstürmen, sei - falls die folgenden Seiten dem Leser nicht den nötigen Aufschluß über ihren Charakter verschaffen - sicherheitshalber noch dies vermerkt: daß sie ein liebevolles Herz hatte, ein fröhliches, offenes Naturell ohne alle Dünkel oder Affektiertheit, ein Auftreten, dem noch die Unbeholfenheit und Schüchternheit des Schulmädchens anhaftete, ein gefälliges und, wenn sie guter Dinge war, auch hübsches Äußeres - und einen so unbedarften, naiven Geist, wie ihn weibliche Wesen im Alter von siebzehn gemeinhin haben.

Als die Stunde des Aufbruchs heranrückte, mußten erwartungsgemäß auch Mrs. Morlands Mutterängste sich zuspitzen. Tausend bange Visionen von den Übeln, die ihrer geliebten Catherine aus dieser Trennung erwachsen würden, mußten ihr das Herz abdrücken und den Born ihrer Tränen für die letzten ein, zwei Tage nimmermehr versiegen lassen; und Ratschläge der bedeutsamsten und probatesten Art mußten bei der Abschiedsunterredung in ihrem Gemach von ihren weisen Lippen fließen. Warnungen vor der Zügellosigkeit jener Edelmänner und Baronets, die nichts lieber tun, als junge Damen in abgelegene Gehöfte zu verschleppen, mußten in einem solchen Moment ihrem übervollen Herzen entströmen. Wer könnte etwas anderes glauben? Aber Mrs. Morland wußte so wenig von Lords und Baronets, daß sie sich gar keinen Begriff von ihrer grundsätzlichen Niedertracht machte und nichts ahnte von den Fährnissen, die ihrer Tochter von den Umtrieben dieser Herren drohten. Ihre Ermahnungen beschränkten sich auf folgende Punkte: »Ich bitte dich, Catherine, pack dich schön warm am Hals ein, wenn du abends vom Tanzen kommst; und versuch doch unbedingt, dir zu notieren, was du ausgibst - hier hast du ein kleines Büchlein dafür.«

Sally oder vielmehr Sarah (denn welche junge Dame, die auf sich hält, wird sechzehn, ohne ihren Namen soweit wie möglich zu verfremden?) war schon aufgrund ihres Alters zur Busenfreundin und Vertrauten ihrer Schwester prädestiniert. Um so bemerkenswerter darum, daß sie weder darauf drang, Catherine möge ihr mit jeder Post schreiben, noch ihr das Versprechen abnahm, genaueste Charakterstudien sämtlicher neuer Bekannten abzufassen und jede interessante Unterhaltung, zu der es in Bath kommen mochte, in allen Einzelheiten zu schildern. Überhaupt wurde alles rund um diese bedeutungsschwere Reise von den Morlands so maßvoll und gelassen betrieben, als ginge es um banale Alltagsgefühle und nicht um die zarten Regungen und überfeinerten Empfindungen, die der erste Abschied einer Romanheldin von ihrer Familie von Rechts wegen auslösen sollte. Ihr Vater, weit davon entfernt, ihr eine unbeschränkte Vollmacht für seinen Bankier zu erteilen oder ihr wenigstens einen Hundertpfundschein in die Hand zu drücken, gab ihr nur zehn Guineen und versprach ihr mehr, falls sie mehr brauchte.

Unter solch widrigen Vorzeichen also trennte man sich, und die Fahrt begann. Sie verlief so geruhsam, wie es sich ziemte, in ereignisloser Sicherheit. Weder Räuber noch Unwetter hatten ein Einsehen mit ihnen, kein glückhafter Achsbruch rief den Helden auf den Plan. Das Beunruhigendste war, daß Mrs. Allen fürchtete, ihre Galoschen in einem Gasthof vergessen zu haben, und auch diese Sorge erwies sich gottlob als grundlos.

Sie langten in Bath an. Catherine wußte sich kaum zu lassen vor Eifer und Freude, ihre Augen waren hier, dort, überall, während sie durch das schöne und prächtige Umland der Stadt fuhren und dann durch die Straßen, die zum Hotel führten. Sie war ausgezogen, glücklich zu sein, und sie war es jetzt schon.

Nicht lange, und sie waren in einem komfortablen Quartier in der Pulteney Street untergebracht.

Es wird nun Zeit für eine nähere Beschreibung Mrs. Allens, damit sich der Leser ein Bild davon machen kann, in welcher Weise ihr Vorgehen im weiteren Verlauf dazu angetan ist, das allgemeine Unglück in diesem Buch zu befördern, und wodurch sie am ehesten mithelfen wird, die arme Catherine in all den Jammer und all die Verzweiflung zu stürzen, die ein letzter Band hergibt - ob durch ihre Kopflosigkeit, Vulgarität oder Eifersucht - ob dadurch, daß sie ihre Briefe abfängt, ihren Ruf ruiniert oder sie vor die Tür setzt.

Mrs. Allen gehörte zu jener zahlreich vertretenen Kategorie weiblicher Wesen, deren Gesellschaft nur zu einem Gefühl Anlaß gibt: Verwunderung darüber, wie irgendein Mann auf der Welt sie lieb genug gewinnen konnte, um sie zu heiraten. Sie besaß weder Schönheit noch Geist, Lebensart oder Schliff. Ein damenhaftes Benehmen, viel freundliches Phlegma und ein kindisches Gemüt mußten ausreichen als Erklärung dafür, daß die Wahl eines vernünftigen, intelligenten Mannes wie Mr. Allen auf sie gefallen war. In einer Hinsicht jedenfalls eignete sie sich ganz eminent dazu, eine junge Dame in die Gesellschaft einzuführen, insofern nämlich, als sie vom selben Verlangen beseelt war, überall hinzugehen und alles zu sehen, wie nur irgendeine Debütantin. Kleider waren ihre Passion. Sie hatte eine unschuldige Freude daran, sich feinzumachen; und der Eintritt unserer Heldin ins Leben mußte warten, bis drei oder vier Tage damit verbracht worden waren, sich umzutun, was man derzeit so trug, und Catherines Beschützerin ein Kleid ihr eigen nannte, das dem neuesten Schick entsprach. Auch Catherine tätigte einige Einkäufe, und als alles fertig und bereit war, kam der große Abend, da sie erstmals die Upper Rooms betreten sollte. Ihre Haare wurden kunstgerecht geschnitten und frisiert, ihre Kleider von kundiger Hand angelegt, und sowohl Mrs. Allen als auch ihre Zofe versicherten ihr, daß alles an ihr so war, wie es sein sollte. Solcherart ermutigt hoffte Catherine, in der Menge zumindest nicht negativ aufzufallen. Bewunderung - nun, die würde ihr selbstredend willkommen sein, aber sie setzte nicht darauf.

Mrs. Allen verwandte so viel Zeit auf ihre Toilette, daß sie erst spät in den Ballsaal kamen. Die Saison war in vollem Gange, der Saal gut gefüllt, und die beiden Damen zwängten sich hinein, so gut sie konnten. Mr. Allen für seinen Teil begab sich unverzüglich ins Kartenzimmer, und so waren sie in dem Gedränge ganz auf sich gestellt. Mit mehr Rücksicht auf die Unversehrtheit ihres neuen Gewands als auf das Wohlergehen ihres Schützlings bahnte sich Mrs. Allen ihren Weg durch den Pulk von Männern am Eingang, so rasch, wie die gebotene Vorsicht es zuließ; Catherine aber hielt sich dicht an ihrer Seite und hakte die Freundin so entschlossen unter, daß selbst die vereinten Kräfte einer schiebenden und stoßenden Menge sie nicht auseinanderzureißen vermochten. Sehr zu ihrer Verblüffung mußte sie jedoch feststellen, daß tiefer in den Saal vorzudringen keineswegs hieß, sich aus dem Gewühl zu befreien; es schien weiter drin eher noch zuzunehmen, während sie doch geglaubt hatte, wenn sie erst ein Stück von der Tür entfernt wären, müßten sie leicht Plätze finden und bequem den Tänzen zuschauen können. Aber dem war keineswegs so, und obgleich sie sich mit nicht erlahmendem Einsatz bis ans andere Ende des Saals durchkämpften, blieb ihre Lage auch dort die gleiche; sie sahen von den Tanzenden nichts außer dem hohen Federputz einzelner Damen. Dennoch gaben sie nicht auf - eine Hoffnung blieb ihnen noch; und dank eines unverminderten Aufgebots von Kraft und Findigkeit gelangten sie endlich in den Durchgang hinter der obersten Bankreihe. Hier war deutlich mehr Platz als unten, und so hatte Miss Morland freie Sicht auf die Gesellschaft, durch die sie sich unter solchen Gefahren einen Weg gesucht hatten. Es war ein prachtvoller Anblick, und zum ersten Mal an diesem Abend bekam sie das Gefühl, auf einem Ball zu sein; sie sehnte sich danach, zu tanzen, aber sie kannte keinen Menschen im ganzen Saal. Mrs. Allen tat alles, was sie in so einem Fall tun konnte, indem sie von Zeit zu Zeit behaglich sagte: »Ich wollte, du könntest mittanzen, meine Liebe - ich wollte, du fändest einen Partner.« Eine Weile fühlte ihre junge Freundin sich verpflichtet, ihr für diese Wünsche zu danken; aber sie wurden so oft wiederholt und blieben so völlig ohne Wirkung, daß Catherine es schließlich müde wurde und mit dem Danken aufhörte.

Lange durften sie sich jedoch nicht an dieser so hart erkämpften Ruhe in luftiger Höhe freuen. - Schon bald brach alles zum Teetrinken auf, und sie mußten sich mit den anderen wieder hinauszwängen. In Catherine regte sich langsam doch leise Enttäuschung - sie war es leid, immerzu von Leuten angerempelt zu werden, deren Gesichter so gar nichts hatten, was sie interessierte, und die ihr alle so völlig fremd waren, daß sie die Verdrießlichkeit des Gefangenseins durch keine Silbe zu einem ihrer Mitgefangenen abmildern konnte; und als sie schließlich im Teesalon ankamen, störte es sie noch empfindlicher, keine Gruppe zu haben, zu der sie stoßen, keine Bekanntschaft, die sie geltend machen durften, keinen Herrn, der ihnen beisprang. - Von Mr. Allen war nichts zu sehen, und nachdem sie vergebens nach einer brauchbareren Lösung ausgeschaut hatten, blieb ihnen nichts übrig, als am Ende eines Tisches Platz zu nehmen, der bereits von einer großen Gesellschaft besetzt war, ohne daß sie irgend etwas dort zu tun gehabt hätten oder mit irgendwem hätten sprechen können als miteinander.

Kaum saßen sie, beglückwünschte Mrs. Allen sich...

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