Die Abtei von Northanger

Roman
 
 
Insel (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 20. Mai 2013
  • |
  • 232 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-458-73023-1 (ISBN)
 
Die lebhafte Catherine führt ein zurückgezogenes und bescheidenes Leben auf dem Land. Weder besonders schön noch vermögend, halten sich auch ihre Aussichten auf eine aufregende Zukunft in Grenzen. Um der Langeweile ihres Alltags zu entfliehen, beflügelt sie ihre Fantasie mit Hilfe von Schauerromanen. Ihr Leben nimmt eine ungeahnte Wende, als sie eines Tages den jungen Henry kennenlernt und auf dessen Familienanwesen in Northanger eingeladen wird. Dort meint Catherine nicht nur düsteren Familiengeheimnissen auf der Spur zu sein, sondern sieht sich schnell auch in ein heilloses Gefühlschaos verstrickt .
1. Auflage
  • Deutsch
  • Berlin
  • |
  • Deutschland
  • 1,42 MB
978-3-458-73023-1 (9783458730231)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Jane Austen wurde am 16. Dezember 1775 in Steventon, Hampshire, als Tochter des Pfarrers George Austen geboren. Dank der umfangreichen Bibliothek ihres Vaters fand sie früh Zugang zur Literatur und begann bereits im Alter von zwölf Jahren mit dem Schreiben. 1801 zog die Familie in den Kurort Bath, den Austen später häufig zum Schauplatz ihrer Romane machte. Der Tod des Vaters zwang die Familie 1805 zum erneuten Ortswechsel. Zusammen mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern zog die junge Jane Austen zunächst nach Southhampton, vier Jahre später dann in das Landhaus eines wohlhabenden Onkels. Sein Anwesen in Chawton, Hampshire, sollte bis kurz vor ihrem Tod (1817) die Heimat der Schriftstellerin bleiben. Sie widmete sich fortan dem Schreiben und veröffentlicht 1811 den Roman Sense and Sensibility (Verstand und Gefühl), gefolgt von Pride and Prejudice (Stolz und Vorurteil, 1813), Mansfield Park (1814) und Emma (1816). Die Werke erschienen anonym und auf ihr eigenes finanzielles Risiko. Als Autorenangabe fand sich darin nur der Hinweis: »By a Lady«. Den bis heute währenden großen Erfolg ihrer Werke erlebte Jane Austen nicht lange. Am 18. Juli 1817 verstarb sie nach kurzer, schwerer Krankheit in Winchester.

ZWEITES KAPITEL


Zur Ergänzung dessen, was bereits über Catherine Morlands persönliche und geistige Gaben zu Beginn ihres sechswöchigen Aufenthalts in Bath und seinen Schwierigkeiten und Gefahren gesagt wurde, soll zur genaueren Unterrichtung des Lesers noch erwähnt werden, daß sie ein liebevolles Herz besaß. Ihr Wesen war heiter und offen, ohne Überheblichkeit und Geziertheit und hatte soeben erst die Unbeholfenheit und Schüchternheit des Schulmädchens abgestreift. Ihr Äußeres war gefällig und an guten Tagen sogar niedlich. Sie war ebenso unwissend und unberührt, wie die weibliche Seele mit siebzehn Jahren zu sein pflegt.

Als die Stunde der Abreise näherrückte, hätte nach herkömmlicher Gepflogenheit die mütterliche Besorgnis bei Mrs. Morland ins Ungemessene wachsen müssen. Tausend beängstigende Vorahnungen von Übeln, welche ihrer geliebten Catherine während einer solch langen Trennung zustoßen mochten, hätten ihr Herz mit Traurigkeit erfüllen und die letzten beiden Tage ihres Beisammenseins in ein Meer von Tränen tauchen müssen, nicht zu vergessen die wichtigen und nützlichen Ratschläge, von denen ihre erfahrenen Lippen beim Abschied in ihrem Boudoir hätten überströmen müssen, und die Hinweise auf Vorsichtsmaßregeln gegen die Gewalt von Edelleuten und Baronen, die junge Damen in abgelegene Bauernhäuser locken. Aber Mrs. Morland wußte so wenig von Lords und Baronen, daß sie keine Ahnung von ihrer üblichen Niedertracht hatte, sie war völlig arglos gegenüber der Gefahr, die ihrer Tochter von den Machenschaften jener Männer drohte. Ihre ganzen Warnungen beschränkten sich auf die folgenden Punkte: »Ich bitte dich, Catherine, wickle deinen Hals immer recht schön warm ein, wenn du des Abends einen Ballsaal verläßt. Und dann versuche, über deine Ausgaben ein wenig Buch zu führen. Zu dem Zweck gebe ich dir dieses Büchlein.«

Sally – oder vielmehr Sarah, denn welche junge Dame aus gutem Hause erreicht wohl ihr sechzehntes Lebensjahr, ohne ihren Namen soweit wie nur eben möglich zu verändern? – mußte nach Lage der Dinge zu diesem Zeitpunkt die Busenfreundin und Vertraute ihrer Schwester sein. Es ist jedoch beachtenswert, daß sie von Catherine weder verlangte, ihr mit jeder Post einen Brief zu schreiben, noch ihr das Versprechen abrang, sich ausführlich über jede neue Bekanntschaft zu ergehen oder die Einzelheiten jeder aufregenden Unterhaltung in Bath wiederzugeben. Alles, was sich auf diese wichtige Reise bezog, wurde von den Morlands mit Mäßigung und Haltung erledigt und schien eher dem nüchternen Empfinden des alltäglichen Lebens anzugehören als den verfeinerten Regungen, den zärtlichen Gefühlen, die eine erste Trennung der Heldin von ihrer Familie eigentlich immer verursachen sollte. Statt eines Blankoschecks oder einer Hundertpfundnote gab ihr der Vater nur zehn Guineen und versprach ihr mehr, wenn sie es benötige.



Unter diesen nicht sehr viel versprechenden Auspizien vollzog sich der Abschied, und die Reise nahm ihren Anfang. Sie ging mit der erforderlichen Ruhe und ereignisloser Sicherheit vonstatten. Weder Räuber noch Stürme traten ihnen zu nahe, und kein glücklicher Unfall warf sie in die Arme des Helden. Nichts Aufregendes ereignete sich außer Mrs. Allens Furcht, sie habe ihre Galoschen im Gasthaus zurückgelassen, und selbst das erwies sich glücklicherweise als blinder Alarm.

Sie erreichten Bath. Catherine war entzückt, und ihre Augen wanderten hierhin und dorthin, als man sich der auffallend schönen Umgebung näherte und später durch die Straßen fuhr, die sie zu ihrem Hotel führten. Sie war hierhergekommen, um glücklich zu werden, und fühlte sich bereits glücklich.

Man lebte sich in der behaglichen Wohnung in der Pulteney Street ein.

Mrs. Allen gehörte zu der weitverbreiteten Gattung von Frauen, deren Gesellschaft keine andere Empfindung erregt als Erstaunen darüber, daß es auf der Welt Männer gibt, die sie hoch genug schätzen, um sie zu heiraten. Sie besaß weder Schönheit oder Geist noch Talente oder Lebensart. Gute Herkunft, ruhige, untätige Gutmütigkeit und ein Hang zum Spielerischen konnten allein die Tatsache erklären, warum ein vernünftiger, kluger Mann wie Mr. Allen sie erwählt hatte. In einer Hinsicht war sie durchaus geeignet, eine junge Dame in die Öffentlichkeit einzuführen, denn sie war nicht weniger begeistert, überall hinzugehen und alles zu sehen, als ein junges Mädchen. Kleider waren ihre Leidenschaft. Sie liebte es über alles, sich zu putzen; deshalb konnte unsere Heldin erst einige Tage später ins Leben treten, nachdem man sich über die neueste Mode unterrichtet und ihre Anstandsdame sich mit einer entsprechenden Toilette versehen hatte. Catherine selbst machte auch einige Einkäufe; und als all diese Angelegenheiten zur Zufriedenheit erledigt waren, kam der große Abend, der Catherine die Pforten der großen Gesellschaftsräume öffnen sollte. Ihr Haar wurde von dem ersten Künstler gestutzt und gekräuselt, ihr Kleid mit besonderer Sorgfalt angelegt, und Mrs. Allen und ihre Zofe versicherten, sie sehe gerade so aus, wie es sein solle. Solcherart ermutigt, hoffte Catherine sich wenigstens nicht unangenehm abzuheben. Bewunderung wäre zwar sehr willkommen, aber sie erwartete sie nicht.

Mrs. Allen machte so ausgiebig Toilette, daß sie den Ballsaal erst spät betraten. Wegen der Hochsaison war der Saal überfüllt, und man drängte sich hinein, so gut es eben ging. Mr. Allen zog sich sogleich in die Spielräume zurück und überließ es den Damen, sich an der Volksmenge zu ergötzen. Mrs. Allen war mehr um ihr neues Kleid als um ihren Schützling besorgt, als sie sich ihren Weg durch die Gruppe von Männern bahnte, die an der Tür herumstanden. Sie tat dies so schnell, wie es die notwendige Vorsicht gestattete, aber Catherine blieb dicht an ihrer Seite, denn sie hatte sich fest in den Arm der Freundin gehängt. Zu ihrem großen Erstaunen aber gelang es ihnen auf ihrem Weg durch den Saal keineswegs, sich von der wogenden Menge zu lösen; im Gegenteil, das Gewühl wurde immer dichter. Sie hatte erwartet, man könne mit Leichtigkeit Plätze finden und dem Tanze zuschauen. Aber dem war nicht so, selbst nicht, als sie mit größter Mühe das obere Ende des Saales erreicht hatten. Außer den hohen Federgestecken einiger Damen war von den tanzenden Paaren nichts zu erspähen. Sie bahnten sich weiter ihren Weg und befanden sich schließlich nach ausdauernder Kraftanstrengung und Erfindungsgabe hinter der obersten Zuschauerreihe. Hier herrschte weniger Gedränge als unten, und es bot sich ein schöner Überblick über die Menge und die Gefahren des eben zurückgelegten Weges. Ein wundervoller Anblick! Miß Morland empfand ganz den Eindruck, sich auf einem Ball zu befinden. Sie hätte zu gern getanzt, aber sie kannte niemand im ganzen Saal. Mrs. Allen tat das in einem solchen Fall Mögliche. Sie sagte immer wieder: »Ich wünschte, du könntest auch tanzen, liebes Kind – ich wünschte, du fändest einen Partner!« Eine Zeitlang war ihre junge Freundin für diese Anteilnahme dankbar, aber als diese Wünsche immer wiederholt wurden und sich doch als so völlig wirkungslos erwiesen, wurde Catherine ihrer schließlich müde und schwieg.

Sie konnten sich jedoch nicht lange des so mühsam errungenen Platzes erfreuen, denn plötzlich geriet alles in Bewegung; man suchte irgendwo den Tee einzunehmen, und es hieß, sich mit den anderen wieder hinauszuquetschen. Enttäuschung bemächtigte sich Catherines. Sie war es müde, ständig zwischen fremden Menschen erdrückt zu werden, deren meist nicht einmal anziehende Gesichter ihr alle so fremd waren. Als sie schließlich den Teeraum erreichten, empfand sie es noch peinlicher, zu keiner Gesellschaft zu gehören, keine Bekannten zu begrüßen und von keinem Herrn beschützt zu werden. Mr. Allen war nirgends zu erblicken; und nachdem sie vergeblich nach einem besseren Platz Ausschau gehalten hatten, mußten sie sich wohl oder übel am Ende eines sehr besetzten Tisches niederlassen, obwohl sie dort nichts zu suchen hatten und nur miteinander sprechen konnten.

Sobald sie Platz genommen hatte, beglückwünschte Mrs. Allen sich, ihr Kleid vor Schaden bewahrt zu haben. »Andernfalls wäre es wirklich eine Schande gewesen, nicht wahr? Es ist solch empfindlicher Musselin. Ich habe im ganzen Saal nicht noch ein zweites ebenso hübsches Kleid gesehen.«

»Wie unangenehm ist es doch«, flüsterte Catherine, »hier nicht einen einzigen Bekannten zu haben.«

»Ja, liebes Kind«, erwiderte Mrs. Allen abgeklärt, »das ist wirklich sehr unangenehm.«

»Was sollen wir nur tun? An diesem Tisch scheint man sich über unsere Anwesenheit zu wundern. Es wirkt auch, als drängten wir uns auf.«

»Das ist sehr peinlich. Ich wünschte auch, wir wären in Gesellschaft.«

»Schade, daß wir niemanden kennen.«

»Das ist wahr, mein liebes Kind. Die Skinners waren im vergangenen Jahr hier. Wenn ich sie doch jetzt hier träfe!«

»Sollten wir nicht lieber wieder gehen? Hier ist ohnehin kein Gedeck für uns, sehen Sie.«

»Wirklich, es ist kein Gedeck mehr übrig. Wie entsetzlich! Aber wir bleiben doch besser hier, man wird in solchem Gedränge nur umhergestoßen. Wie sehe ich am Kopf aus, liebes Kind? Gewiß ist meine Frisur ganz durcheinandergebracht.«

»Nein, sie sieht sehr hübsch aus. Aber, liebe Mrs. Allen, sind Sie ganz sicher, in dieser Menschenmenge keine Seele zu kennen? Ich meine, Sie müßten doch einen Menschen kennen.«

»Nein, auf mein Wort, niemanden! Ich wünsche mir von ganzem Herzen einen großen Bekanntenkreis hier, dann würde ich dir einen...

Dateiformat: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen-DRM (Digital Rights Management)

Systemvoraussetzungen:

Computer (Windows; MacOS X; Linux): Verwenden Sie eine Lese-Software, die das Dateiformat EPUB verarbeiten kann: z.B. Adobe Digital Editions oder FBReader - beide kostenlos (siehe E-Book Hilfe).

Tablet/Smartphone (Android; iOS): Installieren Sie bereits vor dem Download die kostenlose App Adobe Digital Editions (siehe E-Book Hilfe).

E-Book-Reader: Bookeen, Kobo, Pocketbook, Sony, Tolino u.v.a.m. (nicht Kindle)

Das Dateiformat EPUB ist sehr gut für Romane und Sachbücher geeignet - also für "fließenden" Text ohne komplexes Layout. Bei E-Readern oder Smartphones passt sich der Zeilen- und Seitenumbruch automatisch den kleinen Displays an. Mit Wasserzeichen-DRM wird hier ein "weicher" Kopierschutz verwendet. Daher ist technisch zwar alles möglich - sogar eine unzulässige Weitergabe. Aber an sichtbaren und unsichtbaren Stellen wird der Käufer des E-Books als Wasserzeichen hinterlegt, sodass im Falle eines Missbrauchs die Spur zurückverfolgt werden kann.

Weitere Informationen finden Sie in unserer E-Book Hilfe.


Download (sofort verfügbar)

7,99 €
inkl. 19% MwSt.
Download / Einzel-Lizenz
ePUB mit Wasserzeichen-DRM
siehe Systemvoraussetzungen
E-Book bestellen