Staatsoper

Die bewegte Geschichte der Berliner Lindenoper im 20. Jahrhundert
 
 
Siedler Verlag
  • 1. Auflage
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  • erschienen am 2. Oktober 2017
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  • 544 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-21531-6 (ISBN)
 
Ein deutsches Opernhaus - Von der Weimarer Republik bis zur Wiedervereinigung

Am 3. Oktober 2017 kehrt die Berliner Staatsoper nach einer siebenjährigen Zwangspause wieder an ihren ureigenen Ort zurück - ein Ereignis von internationaler Bedeutung. Misha Aster, Autor des viel beachteten und verfilmten Buchs »Das Reichsorchester«, erzählt die Geschichte der Staatsoper Unter den Linden vom Kaiserreich bis in unsere Tage und lässt damit ein farbenreiches Bild des stürmischen 20. Jahrhunderts entstehen, in dem die Musik immer wieder vor den Karren der wechselnden politischen Systeme gespannt wurde.

  • Deutsch
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  • Deutschland
Siedler
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  • 12,00 MB
978-3-641-21531-6 (9783641215316)
3641215315 (3641215315)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Misha Aster, geboren 1978 in Canada, studierte Politikwissenschaft, Geschichte und Dramaturgie an der London School of Economics, in Harvard und in Montreal. Er unterrichtete Philosophie und Musikwissenschaft, er komponiert und arbeitet als Opernregisseur, zuletzt am Tiroler Landestheater Innsbruck.

EINLEITUNG

Ein deutsches Opernhaus, ein deutsches Jahrhundert

Deutschland hat seit den politischen Stürmen im 19. Jahrhundert in einem unaufhörlichen Prozess um Selbstdefinition und kulturellen Selbstausdruck gerungen. Vor diesem Hintergrund liest sich die Geschichte der Staatsoper Unter den Linden wie eine Chronik des deutschen 20. Jahrhunderts. Die Reise beginnt in einer Periode der Umwälzungen und endet mit dem Ausblick auf eine ebenso ungewisse Zukunft. Vom Kaiserreich bis zur Bundesrepublik haben viele der größten Künstler Deutschlands auf der Bühne des königlichen Opernhauses am Bebelplatz gestanden; viele wichtige Augenblicke in der jüngeren Vergangenheit des Landes ließen sich aus seinen Reihen, Logen und Foyers miterleben. Die Geschichte der Berliner Staatsoper verzeichnet Tradition und Schmerz, Tragödie und Mut, große Erfolge und tiefes Scheitern - Begleitung und Taktschlag für die unermüdliche Suche des Landes nach seiner Identität.

Im Namen »Staatsoper« treffen zwei Konzepte zusammen. Es ist nicht »die« Staatsoper, sondern »eine« Staatsoper - ein lokaler Bezug, der durch einen Artikel näher gefasst wird. Dieses Buch ist eine Fallstudie, konzentriert sich aber nicht auf die künstlerischen Erfolge oder Misserfolge eines einzelnen Opernhauses; es möchte vielmehr erhellen, wie die Konzepte von »Staat« und »Oper« am Beispiel des ältesten Opernhauses der deutschen Hauptstadt einander während des so passend benannten »Zeitalters der Extreme« definierten und bereicherten.

Der Begriff »Staatsoper« wird natürlich ständig gebraucht, aber die Erfahrung der Lindenoper im 20. Jahrhundert zeigt, dass dieser Anspruch keineswegs selbstverständlich ist. Das 1742 von Friedrich II. gegründete Opernhaus war immer eine »Staats-Oper«, die fest mit dem Sitz der politischen Macht in Berlin verbunden war. Zunächst als Hofoper der Hohenzollern, dann als Preußische Staatsoper, später als Deutsche Staatsoper und schließlich als Staatsoper Unter den Linden waren das Haus und sein Ensemble nie finanziell, administrativ oder künstlerisch unabhängig von dem Staat, der es gegründet hatte und den sein Name repräsentieren sollte. »Als Staatstheater der Hauptstadt Deutschlands war diese Oper seit ihrer Gründung durch Friedrich II. immer besonders mit der offiziellen Ideologie der jeweiligen Träger des preußischen Staatsgedankens und darüber hinaus auch mit den Geschicken des jeweiligen deutschen Staates verbunden«, schrieb 1965 Hans Pischner, der Intendant des damals »Deutsche Staatsoper« genannten Hauses.1

In den ersten 175 Jahren ihrer Existenz war die Berliner Hofoper das kulturelle Vorzeigestück des preußischen und später deutschen Hofes - architektonisch, administrativ, künstlerisch und für die Öffentlichkeit repräsentierte es die Werte eines immer selbstbewussteren Adels. Dann änderte sich 1918 alles. Binnen weniger Stunden verlor die Hofoper im revolutionären November 1918, der die Abdankung des Kaisers und die Geburt einer zerbrechlichen Republik brachte, ihren königlichen Namen, ihren kaiserlichen Schirmherrn, ihr adliges Stammpublikum und in gewissem Maß ihr Existenzrecht. In Übereinstimmung mit den radikalen Strömungen um sie herum musste die Oper ihre politischen, finanziellen, organisatorischen und letztlich auch künstlerischen Grundlagen reformieren oder untergehen.

Der Übergang vom Kaiserreich zur frühen Weimarer Republik 1918 war nur die erste einer Reihe von Umgestaltungen, welche die Lindenoper in den folgenden Jahrzehnten erlebte und bewältigte. Neben seiner »Demokratisierung« 1918 ist das Haus auch einzigartig, weil es ununterbrochen in zwei deutschen Diktaturen arbeitete und sie repräsentierte: Hitlers »Drittes Reich« und die DDR. Dann, 71 Jahre nach der ersten Novemberrevolution, durchfegte eine andere Art von Revolution Berlin und zwang das Haus erneut zu Selbstreflexion und Wandel. Innerhalb einer Lebenszeit diente das Opernhaus Unter den Linden also fünf verschiedenen Inkarnationen Deutschlands als repräsentative »Staats«-Oper. Das Buch folgt diesen Veränderungen von der Umwälzung im November 1918 bis zu den Nachwirkungen der Wende von 1989. Dabei betrachtet es besonders die vier Übergangsperioden zwischen politischen Systemen, die die Staatsoper erlebte - vom Kaiserreich zur Weimarer Republik, von der Republik zur nationalsozialistischen Diktatur, von der NS-Zeit zur DDR und von der DDR zur Bundesrepublik.

Außenansicht der Berliner Staatsoper

Konkret drückten sich diese Entwicklungen in der Kunst, aber auch im und durch das Ensemble der Lindenoper aus. Ein Opernhaus ist nicht nur ein Theater, sondern ein dynamischer sozialer Organismus. Im Lauf des 20. Jahrhunderts standen die Musiker (Instrumentalisten, Sänger und Dirigenten), Verwaltungsmitarbeiter, Politiker, Techniker, Tänzer, Ankleiderinnen, Perückenmacher und Handwerker der Staatsoper, um nur wenige Gruppen des Ensembles zu nennen, nicht nur direkt mit den politischen Systemen um sie herum in Beziehung, sondern häufig auch direkt mit der herrschenden Klasse des Landes. In dieser Hinsicht war (und ist) der Begriff »Staatsoper« für jedes Ensemblemitglied etwas Persönliches - ihr Mandat und ihre Identität liegen in einer ständigen Neubewertung ihres Erbes begründet, um zugleich ihrer gemeinsamen Kunstform, ihrer Gesellschaft und der politischen Ordnung zu dienen. Die Geschichte in diesem Buch handelt von der intensiven Anstrengung, repräsentative Bindungen im Gleichgewicht zu halten, und von der Erfahrung der Operngemeinschaft, den Namen »Staatsoper« zu definieren und zu tragen.

Die Geschichte der Staatsoper kann aber nicht isoliert erzählt werden. Persönlich wie institutionell sind mit ihr auch Motive verwoben, welche die so unterschiedlichen politischen Perioden übersteigen. Diese Motive haben mit Beziehungen zu tun, und drei davon tauchen in fast jedem Kapitel als wichtige und prägende Einflüsse auf die Entwicklung der Staatsoper auf. Das erste ist die Entwicklung der Beziehungen zwischen der Führung der Staatsoper und der des Staates. Das meint nicht bloß ein feudales Verhältnis von Besitzer und Untergebenem, sondern einmal sowohl auf intime Art den komplexen und sich verändernden Wert der Kultur für und innerhalb verschiedener politischer Systeme, und es bietet zudem sehr lehrreiche Beispiele für Methoden des gehobenen Kulturmanagements, manche erfolgreich, andere weniger. Im Grunde verfolgt das Motiv, wie die Führungsfiguren des Opernhauses praktische Politik betrieben und wie stark Politiker Existenz und Kunst der Staatsoper beeinflussten.

Das zweite Motiv betrifft die Beziehungen zwischen der Staatsoper und ihren Schwesterinstitutionen in der Berliner Musik-, Opern- und Theaterlandschaft. Institutionen wie die Städtische oder Deutsche Oper, die Krolloper, die Komische Oper, die Berliner Philharmoniker, das Berliner Sinfonie-Orchester, das Berliner Ensemble und das Deutsche Theater spielten alle eine wichtige Rolle in der künstlerischen und organisatorischen Entwicklung der Staatsoper. Konkurrenz fördert Innovation, aber durch Spannungen, Rivalitäten und Überschneidungen, wie auch durch gegenseitige Unterstützung ist das persönliche, künstlerische, wirtschaftliche und politische Schicksal dieser Institutionen im Lauf des 20. Jahrhunderts unauflöslich verbunden gewesen. In ihrer Vielfalt und ihrem Ehrgeiz haben sie gemeinsam den unternehmungslustigen, pluralistischen und kosmopolitischen Charakter der deutschen Hauptstadt ausgedrückt. Durch ihre Konzentration, Kontraste und Gemeinsamkeiten haben sie aber nicht nur ihre Gesellschaft gespiegelt, sondern in ihrer Selbstdefinition und ihren Beziehungen untereinander auch ihre soziale und politische Umgebung geprägt. So hat jede sich in das einzigartige Gewebe der Stadt eingeschrieben - und in die Geschichte der anderen.

Das dritte Motiv ist die enge Beziehung zwischen der Berliner Staatsoper und den Wagner-Festspielen in Bayreuth. Diese preußisch-fränkische Verbindung ist nicht nur eine historische Tradition von enormer künstlerischer Bereicherung, sondern auch politisch und kulturpolitisch folgenschwer auf beiden Seiten. Zu manchen Zeiten gab die Brücke zwischen den beiden Institutionen ihnen einen prägenden Einfluss aufeinander - nicht nur ihre Leistungen, sondern ihr Überleben im 20. Jahrhundert schulden viel dem jeweils anderen. Diese Verbindungen werden im Lauf des Buches detailliert aufgezeigt. Diese drei Motive sind in der Struktur des Buches miteinander verwoben, und Personen, die mit diesen institutionellen Beziehungen verbunden sind, treten immer wieder auf.

Diese Studie beruht vor allem auf Dokumenten aus Staats-, Opern- und Privatarchiven, die thematisch und chronologisch den Knochenbau des Buches bilden. Das Landesarchiv Berlin, das Bundesarchiv (einschließlich des früheren Berlin Document Center), das Preußische Geheime Staatsarchiv und das Archiv der Akademie der Künste, dazu die Bibliothek der Staatsoper enthalten den größten Teil der offiziellen Briefwechsel, Rundschreiben, Hausmitteilungen, persönlichen Listen, Berichte und Reisepläne, aus denen das innere Leben des Opernhauses rekonstruiert wurde. Für Charakterdarstellung und Konkretisierung wurden in den späteren Kapiteln auch persönliche Aussagen von Zeitzeugen verwendet. Das Buch gliedert sich in neun Kapitel sowie einen Epilog in drei chronologischen Abschnitten. Wie schon gesagt, versucht diese Studie die Aktivitäten der Staatsoper innerhalb verschiedener politischer Systeme zu vergleichen und zu kontrastieren. Darum wird trotz ihrer unterschiedlichen Dauer jede der drei Hauptperioden (Weimarer Republik, NS-Zeit und...

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