Legitimationsstrategien in schwieriger Zeit

Die Sentenzen der Mailänder Kommunalgerichte im 12. und 13. Jahrhundert
 
 
UVK (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 13. Juni 2016
  • |
  • 150 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Adobe DRM | Systemvoraussetzungen
E-Book | ePUB mit Adobe DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7398-0085-1 (ISBN)
 
Durch Kaiser Barbarossa erobert, anschließend trotzdem weitgehend autonome Kommune, schließlich durch innere Parteiungen äußerst zerrissen: Die lombardische Metropole Mailand durchlief im 12. und 13. Jahrhundert eine Zeit dramatischer Veränderungen. Das Buch fragt nach den Folgen dieser Umbrüche für die Legitimationsstrategien der Gerichte dieser Stadt.

In der Verknüpfung aus datenbankgestützter, quantitativer Analyse und qualitativer Quelleninterpretation werden vier unterschiedliche Phasen und Formen der Legitimationsstiftung identifiziert. Aufgrund des zunehmenden Fehlens unangefochtener >externer< Legitimationsquellen (Kaiser, Kommune), so die These, stellen die Gerichte Legitimation mehr und mehr selbst her, indem sie die Abarbeitung des Konflikts auf verschiedene, erst während des Verfahrens etablierte >Gremien< (iurisperiti, iudici delegati,) verteilten. Um als >legitimitätsstiftend< fungieren zu können, mussten diese >Gremien< jedoch als weitgehend unabhängig voneinander auftreten. Neben der Partizipation der Parteien an den Beauftragungen spielten die Schrift sowie die Figur des Notars dabei eine entscheidende Rolle. Denn trotz gegebener administrativer und räumlicher Nähe gelang es, gestützt auf Schrift und Notar die Autonomie der einzelnen >Gremien< zu evozieren.
1. Auflage
  • Deutsch
  • Deutschland
  • 1,76 MB
978-3-7398-0085-1 (9783739800851)
3739800852 (3739800852)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Franz-Josef Arlinghaus ist Professor für mittelalterliche Geschichte in Bielefeld. Zu seinen Forschungsgebieten gehören die Geschichte der mittelalterlichen Stadt und der Verwendung der Schrift im Mittelalter sowie die Rechtsgeschichte.

2 Einleitung


Das 12. und vor allem das 13. Jahrhundert können in Norditalien als der Zeitraum gelten, in dem die Rezeption des römischen Rechts einen ersten Höhepunkt erreichte. Nicht nur auf der Ebene der Rechtslehre, sondern auch in der juristischen Praxis - ob es sich um die Gestaltung von Verkaufs- oder Darlehnsurkunden oder um die Ausformung des Gerichtsverfahrens handelte -, lassen sich nun Formeln und Elemente nachweisen, die auf römischrechtliche Wurzeln zurückgeführt werden können. Allerdings hat man, wie nicht anders zu erwarten, mit zeittypischen, mehr oder weniger starken Um- und Überformungen zu rechnen3. Generell läßt sich sagen, daß insbesondere vor Gericht zeitgleich mit der Rezeption antiker Rechtsvorstellungen eine stärker auf rationale Beweisführung und diskursivargumentative Erörterung des Sachverhalts gründende Verhandlungsführung in das Verfahren Einzug hielt.

Diese Form der Gestaltung des Rechts trifft zusammen mit einer bestimmten mentalen Verfaßtheit der Menschen jener Zeit und jener Region. Mehr und mehr bemühte man sich darum, Handlungen nach Maßgaben zu organisieren, welche heute als 'zweckrational' bezeichnet würden4. So zeichnete sich etwa auch die Handelstätigkeit italienischer Kaufleute durch ein hohes Maß an Zielgerichtetheit und Gewinnorientierung aus, deren Basis die 'vernünftige' Kosten-Nutzen-Abwägung bildeten5. Insbesondere im fortgesetzten Bemühen um eine effektivere Administration der städtischen Gemeinwesen läßt sich dieses Prinzip erkennen. Man versuchte durch Einführung von z. T. sehr komplexen Mechanismen - von der befristeten Amtsdauer über die Kontrolle der Verwaltung durch Verschriftlichung und öffentliches Ausrufen von Einzelvorgängen bis hin zu fein austarierten, elaborierten Wahlmechanismen zur Benennung der Amtsträger6 - eine 'vernünftige' Ordnung zu errichten, deren Regelungen in Statutenbüchern niedergeschrieben wurden7.

Kann man die bisher genannten Faktoren als grundlegend für die Ausformung der kommunalen Gesellschaften annehmen, so lassen sich doch - neben diesen und mit diesen verwoben - auch andere Momente nennen, auf die sich spezifische Erscheinungen und Entwicklungen, wie sie in den städtischen Gemeinschaften jener Zeit beobachtbar sind, zurückführen lassen. Speziell für die konkrete Ausgestaltung des Gerichtsverfahrens in Mailand soll hier untersucht werden, inwieweit sich Verbindungen zwischen den Wandlungen auf politisch-gesellschaftlicher Ebene und den Veränderungen im konkreten Ablauf eines typischen Gerichtsverfahrens herstellen lassen. Um solche Verbindungen herzustellen, wird hier die Frage nach der Legitimation des Gerichts in den Vordergrund gerückt. Ein Gericht mag dann als 'legitimiert' gelten, wenn es von den Prozeßgegnern, aber auch von der Gesellschaft insgesamt, als Entscheidungsinstanz in einem Konfliktfall anerkannt wird - was nicht ausschließt, daß Einzelentscheidungen durchaus kritisiert werden können. Um sich als Institution zu legitimieren, reicht der Verweis auf eine gerechte Urteilsfindung allein jedoch nicht aus. Im konkreten Fall dürfte 'Gerechtigkeit' jeweils sehr ambivalent gesehen werden. Unabhängig von einem möglicherweise als nicht gerecht bewerteten Urteil muß sich das Gericht darum bemühen, kontinuierlich und über den Einzelfall hinaus als legitime Entscheidungsinstanz akzeptiert zu werden. Es kann sich beispielsweise dadurch legitimieren, daß es - und damit ist bereits eine Strategie benannt, die unten noch weiter zu erläutern sein wird - auf andere 'Institutionen' verweist und auf sie Bezug nimmt, die sich innerhalb der Gesellschaft eines allgemeinen Ansehens und einer hohen Wertschätzung erfreuen - im 12. Jahrhundert etwa durch Bezugnahme auf die kaiserliche Zentralgewalt8.

Auf der Basis dieser Vorüberlegungen ist klar, daß bei der aufgeworfenen Frage das Umfeld, in dem das Gericht agiert, mit auszuleuchten ist, will man noch aufzuzeigende Änderungen im Verfahrensablauf hierauf zurückführen. Von Bedeutung ist dies insofern, als das gesellschaftliche Gefüge, in welches die Gerichte der lombardischen Metropole eingebettet waren, während des 12. und 13. Jahrhunderts starken Veränderungen und Belastungen ausgesetzt war. Es stellt sich die Frage, wie angesichts der zahlreichen Kriege gegen den obersten Gerichtsherrn - den Kaiser9 - und angesichts der zunehmenden Spaltung der Kommune, die ja die Richter für die jeweilige Amtszeit zu bestellen hatte, das Justizwesen in der Gesellschaft und konkret bei Kläger und Beklagtem überhaupt auf Akzeptanz hoffen konnte. Zu fragen ist also, wie ein Gerichtswesen beschaffen sein mußte, welcher Mechanismen es sich zu bedienen hatte, um trotz einer tiefgreifenden Umstrukturierung des gesellschaftlich-politischen Umfeldes weiterhin als legitime Instanz für die Entscheidung von Konflikten gelten zu können.

Zunächst wird daher ein kurzer Abriß der historischen Entwicklung zu geben sein, deren entscheidende Momente dann an gegebener Stelle wieder aufzugreifen sind. Ist so der Hintergrund ausgeleuchtet, gilt es, anhand der überlieferten Urteile der Mailänder Kommunalgerichte - der Sentenzen - Veränderungen in der Zusammensetzung des Personals des Zivilgerichts und seinem strukturellen Aufbau aufzuspüren. Hier wird zunächst ein quantitativ-formaler Zugang gewählt, der nach der Anzahl der zu verschiedenen Zeiten im Dokument genannten Amtsträger und nach den Titulaturen, die ihnen beigegeben werden, fragt. Es wird sich zeigen, daß man auf der Basis statistischer Methoden insgesamt fünf verschiedene Intervalle oder Phasen herausarbeiten kann, in denen die Sentenzen jeweils typische Gemeinsamkeiten aufweisen und die sich klar von dem vorausgehenden bzw. folgenden Intervall abgrenzen lassen. Hier ist eine erste, vorläufige Verbindung zwischen den für die einzelnen Phasen charakteristischen Ausformungen des Kommunalgerichts und dem historischen Umfeld herzustellen.

Dies muß aber unvollständig bleiben, solange nicht die durch die quantitative Analyse ermittelten Strukturänderungen auch einer qualitativen Untersuchung unterzogen wurden. Es gilt, die gesteigerte Bedeutung der Notare im Verfahren sowie das Auftauchen neuer Funktionsträger wie delegierter Richter und 'Gutachter' zu beleuchten. Vor dem Hintergrund unserer Fragestellung - wie ein Verfahren strukturiert sein muß, um trotz der tiefgreifenden Umbrüche noch als legitim gelten zu können - wird dem genannten 'Justizpersonal' und vor allem der Art und Weise, wie es in das Verfahren eingebunden wird, eine neue, über die enge juristische Aufgabenstellung hinausreichende Funktion zuzuweisen sein. Im Ergebnis können so - dies sei hier vorweggenommen - zwei grundlegende, einander ablösende Strategien für die Legitimation und Akzeptanz der Zivilgerichtsbarkeit in Mailand festgestellt werden, die als Antwort auf eine jeweils spezifische historische Situation verstanden werden können. Zum einen eine 'externe' Legitimation. Diese vertraute stark auf die Akzeptanz der durch Kaiser und Kommune ernannten Amtsträger. Je mehr aber die ernennenden Einrichtungen selbst aufgrund der politischen Situation an Autorität verloren, umso mehr entwickelte das Gerichtswesen 'interne' Legitimationsstrategien. Sie bestanden im Kern darin, den Prozessverlauf stärker zu zergliedern, indem man während des Verfahrens, zum Teil mit Zustimmung der Parteien, Gremien ins Leben rief, die Teile des Streits bearbeiteten und dann wieder ins Hauptverfahren zurückspeisten. Diese Umstrukturierung von externer zu interner Legitimation lässt sich durch die quantitative Auswertung der Quellen zeitlich recht gut verorten.

Ein wichtiger Aspekt des Gerichtsverfahrens, der im Verlauf des 13. Jahrhunderts immer stärker hervortritt, ist dessen zunehmende Verschriftlichung. Nicht mehr nur das Urteil wird schriftlich fixiert, wie schon im 12. Jahrhundert, nun werden auch die Klage und die Beantwortung der Klage, die Zeugeneinvernahmen, die Beauftragungen von delegierten Richtern und die Rechtsgutachten niedergeschrieben und aufbewahrt. Da hier der Versuch unternommen wird, einige Elemente des Verfahrens anders als nur in einem juristisch-praktischen Sinne zu interpretieren, so erscheint zugleich das Umfeld, in dem die Verschriftlichung einzelner Verfahrensschritte stattfindet, in einem anderen Licht. Es sei daher vor der Zusammenfassung unserer Ergebnisse eine neue Positionsbestimmung für einige der im Prozeß ausgebildeten Schriftstücke versucht.

3 Literatur in Anm. 161 und 162.

4 Zusammenfassend, mit weiterer Literatur, KELLER, Vorschrift, Mitschrift, Nachschrift, S. 25-42.

5 Vor allem in Verbindung mit den hoch entwickelten Buchführungstechniken ist auf eine besondere Mentalität der italienischen Kaufleute verwiesen worden, MELIS, Aspetti della vita economica medievale; einen eher eigendynamisch-evolutionären Ansatz vertritt dagegen ARLINGHAUS, Zwischen Notiz und Bilanz, S....

Dateiformat: EPUB
Kopierschutz: Adobe-DRM (Digital Rights Management)

Systemvoraussetzungen:

Computer (Windows; MacOS X; Linux): Installieren Sie bereits vor dem Download die kostenlose Software Adobe Digital Editions (siehe E-Book Hilfe).

Tablet/Smartphone (Android; iOS): Installieren Sie bereits vor dem Download die kostenlose App Adobe Digital Editions (siehe E-Book Hilfe).

E-Book-Reader: Bookeen, Kobo, Pocketbook, Sony, Tolino u.v.a.m. (nicht Kindle)

Das Dateiformat EPUB ist sehr gut für Romane und Sachbücher geeignet - also für "fließenden" Text ohne komplexes Layout. Bei E-Readern oder Smartphones passt sich der Zeilen- und Seitenumbruch automatisch den kleinen Displays an. Mit Adobe-DRM wird hier ein "harter" Kopierschutz verwendet. Wenn die notwendigen Voraussetzungen nicht vorliegen, können Sie das E-Book leider nicht öffnen. Daher müssen Sie bereits vor dem Download Ihre Lese-Hardware vorbereiten.

Weitere Informationen finden Sie in unserer E-Book Hilfe.


Download (sofort verfügbar)

28,99 €
inkl. 19% MwSt.
Download / Einzel-Lizenz
ePUB mit Adobe DRM
siehe Systemvoraussetzungen
E-Book bestellen

Unsere Web-Seiten verwenden Cookies. Mit der Nutzung dieser Web-Seiten erklären Sie sich damit einverstanden. Mehr Informationen finden Sie in unserem Datenschutzhinweis. Ok