Die Hexe und der Winterzauber

Roman
 
 
Heyne (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 9. November 2021
  • |
  • 528 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-27848-9 (ISBN)
 
Moskau ist zerstört, seine Bewohner sind Hunger und Kälte preisgegeben. Eine Schuldige ist schnell gefunden: Wasilisa Petrowna, das Mädchen mit den wilden schwarzen Haaren und den smaragdgrünen Augen. Während Wasja sich der Angriffe der Moskowiter erwehren muss, lässt sich der Großfürst in seinem Rachedurst auf die falschen Verbündeten ein und droht, sein Reich geradewegs in den Untergang zu führen. Doch damit nicht genug: Eine uralte Kreatur kehrt nach Moskau zurück und bringt die Welt der magischen Wesen in Gefahr. Um sie und ihre Heimat zu retten, braucht Wasja erneut die Hilfe des Winterdämons Morosko. Aber diesmal kommen die beiden zu spät ...
  • Deutsch
  • München
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  • Deutschland
Heyne
  • 1,48 MB
978-3-641-27848-9 (9783641278489)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Katherine Arden, geboren in Austin, Texas, studierte Französische und Russische Literatur am Middlebury College in Vermont und verbrachte ein Auslandssemester in Moskau. Nach ihrem Abschluss lebte sie in Maui auf Hawaii und in Briançon in Frankreich. Während dieser Zeit nahm sie alle möglichen Jobs an, arbeitete auf einer Farm, unterrichtete , und begann ihren ersten Roman »Der Bär und die Nachtigall« zu schreiben. Zurzeit lebt sie in Vermont.

1

Maria Morewna

Abenddämmerung am Ende des Winters, zwei Männer überquerten den Innenhof eines von Feuer gezeichneten Palastes. Der Hof war eine schneelose Ödnis aus Wasser und aufgewühlter Erde; die beiden Männer versanken bis zu den Knöcheln im Schlamm. Doch sie sprachen konzentriert miteinander, die Köpfe zusammengesteckt, kümmerten sich nicht um die Nässe. Hinter ihnen erhob sich ein Palast voller zerbrochener Möbel, von Rauch geschwärzt, die Baldachine lagen zerfetzt auf den Treppen. Vor ihnen stand eine ausgebrannte Ruine, die einmal ein Stall gewesen war.

»Tschelubej ist in dem Chaos verschwunden«, sagte der erste Mann verbittert. »Wir hatten alle Hände voll damit zu tun, unsere Haut zu retten.« Seine Wangen waren mit Ruß beschmiert, sein Bart von Blut verkrustet. Tiefe Höhlen, blau wie Tintenkleckse, gähnten unter seinen grauen Augen. Er hatte einen mächtigen Brustkorb, war jung und von der feurigen Energie eines Mannes erfüllt, der sich über jede Erschöpfung hinaus bis in einen Zustand unwirklicher, nie mehr enden wollender Wachheit getrieben hatte. Alle Blicke folgten ihm. Er war der Großfürst von Moskau.

»Unsere Haut und noch ein bisschen mehr«, erwiderte der andere - ein Mönch - mit einem Hauch grimmigen Humors. Denn so unglaublich es auch schien, die Stadt war größtenteils intakt und gehörte immer noch ihnen. In der Nacht zuvor war der Großfürst nahe daran gewesen, gestürzt und ermordet zu werden, doch das wussten nur wenige. Seine Stadt wäre um ein Haar abgebrannt, doch ein Schneesturm, der wie aus dem Nichts gekommen war, hatte sie gerettet. Das wussten alle. Im Herzen der Stadt klaffte eine schwarze Kerbe, als wäre Gottes Hand in der Nacht vom Himmel herabgekommen, um Feuer auf die Stadt regnen zu lassen.

»Aber nicht genug«, erwiderte der Großfürst. »Unser Leben konnten wir retten, doch den Verrat konnten wir nicht vergelten.« Den ganzen bitteren Tag lang hatte er aufmunternde Worte für alle gehabt, denen er begegnet war - ruhige Anweisungen für die Männer, die sich um die überlebenden Pferde kümmerten und verkohlte Balken fortschleppten. Doch der Mönch kannte ihn gut, er sah die Erschöpfung und die Wut, die unter der Oberfläche gärten. »Ich werde selbst losreiten, morgen, mit so vielen Männern, wie wir erübrigen können«, sagte der Fürst. »Wir werden diese Tataren finden und töten.«

»Moskau verlassen, jetzt, Dmitri Iwanowitsch?«, fragte der Mönch mit einem Hauch von Beunruhigung in der Stimme.

Eine Nacht und ein ganzer Tag ohne Schlaf waren Dmitris Gemüt nicht gut bekommen. »Willst du mir etwas anderes vorschreiben, Bruder Alexander?«, sagte er in einem Tonfall, der seine Diener zusammenzucken ließ.

»Die Stadt braucht dich«, erwiderte der Mönch. »Es sind Tote zu betrauern, Kornspeicher und Lagerhäuser wurden zerstört, Tiere getötet. Rache können die Kinder nicht essen, Dmitri Iwanowitsch.« Der Mönch hatte nicht mehr Schlaf bekommen als der Großfürst, auch er konnte die Schärfe in seiner Stimme nicht ganz unterdrücken. Sein linker Arm war mit einem Leinentuch umwickelt - ein Pfeil hatte sich unterhalb der Schulter in den Muskel gebohrt und war auf der anderen Seite wieder herausgezogen worden.

»Die Tataren haben mich in meinem Palast überfallen, nachdem ich sie in gutem Glauben willkommen geheißen hatte«, blaffte Dmitri und ließ seinem Zorn freien Lauf. »Sie haben mit einem Thronräuber gemeinsame Sache gemacht und meine Stadt angezündet. Soll all das ungesühnt bleiben, Bruder?«

In Wahrheit waren es nicht die Tataren gewesen, die die Stadt angezündet hatten. Doch das sagte Bruder Alexander nicht. Besser, wenn dieser . Fehler in Vergessenheit geriet. Er war nicht wiedergutzumachen.

Kalt fügte der Großfürst hinzu: »Hatte nicht deine eigene Schwester eine Totgeburt in all dem Chaos? Ein adliges Kind, tot, ein Teil der Stadt in Schutt und Asche - das Volk wird aufschreien, wenn es keine Gerechtigkeit gibt.«

»Kein Blutvergießen kann das Kind meiner Schwester wieder lebendig machen«, erwiderte Sascha schärfer, als er beabsichtigt hatte. Vor seinem inneren Auge sah er klar und deutlich die tränenlose Trauer seiner Schwester, die schlimmer gewesen war als jedes Weinen.

Dmitris Hand wanderte zu seinem Schwertgriff. »Willst du mich belehren, Priester?«

Sascha hörte die Kluft zwischen ihnen, verschorft, aber noch nicht verheilt. »Nein«, sagte er.

Dmitri ließ mit einiger Anstrengung das wie eine Schlange geformte Heft los.

»Wie willst du Tschelubejs Tataren aufspüren?«, fragte Sascha um Vernunft bemüht. »Wir haben sie schon einmal verfolgt, vierzehn Tage lang, ohne die geringste Spur zu entdecken. Auch wenn das im tiefsten Winter war, wo der Schnee jede Fährte verwischt.«

»Und doch haben wir sie schließlich gefunden«, entgegnete Dmitri. Er kniff die grauen Augen zusammen. »Hat deine jüngere Schwester die letzte Nacht überlebt?«

»Ja«, antwortete Sascha vorsichtig. »Verbrennungen im Gesicht und eine gebrochene Rippe, sagt Olga. Aber sie lebt.«

Dmitri wirkte aufgewühlt. Hinter ihm ließ einer der Männer, die mit Aufräumarbeiten beschäftigt waren, sein Ende eines geborstenen Dachbalkens fallen und fluchte.

»Wäre sie nicht gewesen, wäre ich niemals rechtzeitig zu dir gestoßen«, sagte Sascha zu seinem grimmig in die Ferne blickenden Vetter. »Ihr Blut hat deinen Thron gerettet.«

»Das Blut vieler Männer hat meinen Thron gerettet«, bellte Dmitri, ohne Sascha anzusehen. »Sie ist eine Lügnerin, und sie hat dich zum Lügner gemacht, den aufrechtesten aller Männer.«

Sascha erwiderte nichts.

»Frag sie«, sagte Dmitri und wandte sich dem Mönch zu. »Frag sie, wie sie es gemacht hat - wie sie die Tataren gefunden hat. Es kann nicht nur an ihren scharfen Augen liegen. Ich habe Dutzende Männer mit guten Augen. Frag sie, wie sie es gemacht hat, dann lasse ich sie belohnen. Ich glaube nicht, dass irgendein Mann in Moskau sie heiraten würde, aber vielleicht lässt sich ein Bojar vom Land überzeugen, oder ein Kloster mit genügend Gold dazu bestechen, sie aufzunehmen.« Dmitri sprach immer schneller, sein Gesicht war unruhig, die Worte quollen aus ihm heraus. »Oder sie wird nach Hause geschickt, wo sie in Sicherheit ist . oder sie bleibt im Terem bei ihrer Schwester. Ich sorge dafür, dass sie genug Gold für ein gutes Auskommen hat. Frag sie, wie sie es gemacht hat, dann bringe ich alles für sie in Ordnung.«

Sascha starrte ins Leere, sein Geist voller Worte, die er nicht aussprechen konnte. Gestern hat sie dein Leben gerettet, einen bösen Zauberer getötet, Moskau angezündet und die Stadt dann gerettet, all das in einer einzigen Nacht. Glaubst du, sie wird einfach so verschwinden, um den Preis einer Mitgift . um irgendeinen Preis? Ich dachte, du kennst meine Schwester?

Er kannte sie nicht, natürlich nicht. Dmitri kannte nur Wasili Petrowitsch, den Jungen, als der sie sich ausgegeben hatte. Sie sind ein und dieselbe Person. Und das wusste Dmitri, trotz all seines Getues. Seine Unruhe verriet es. Ein Ruf von einem der Stallknechte ersparte Sascha eine Antwort.

Dmitri drehte sich erleichtert um. »Hier«, sagte er und ging zu ihm. Sascha trottete mit grimmiger Miene hintendrein. Eine kleine Menschenmenge war an der Stelle zusammengekommen, an der zwei verkohlte Dachbalken sich kreuzten. »Macht Platz . Bei der Muttergottes, ihr steht da wie Schafe vor dem Futtertrog. Was ist dort?« Die Schärfe in seiner Stimme ließ die Männer zurückweichen. »Nun?«, fragte Dmitri.

Einer der Knechte fand seine Sprache wieder. »Da, Gosudar«, sagte er und deutete auf ein Loch zwischen zwei umgestürzten Holzpfosten. Jemand warf eine Fackel hinein. Ein Schimmern kam von unten, etwas Glänzendes reflektierte den Feuerschein. Der Großfürst und sein Vetter schauten verwirrt, ungläubig.

»Gold?«, fragte Dmitri. »Hier?«

»Bestimmt nicht«, antwortete Sascha. »Es wäre geschmolzen.«

Drei Männer waren bereits damit beschäftigt, die quer über dem Loch liegenden Balken zur Seite zu schieben. Ein vierter holte den Gegenstand daraus hervor und gab ihn dem Großfürsten.

Es war tatsächlich Gold: von hoher Güte und nicht geschmolzen. Es war zu schweren Kettengliedern und steifen Stäben geschmiedet, die in einer seltsamen Anordnung miteinander verbunden waren. Das Metall hatte einen matten Glanz, der die glotzenden Gesichter ringsum in einen weißlich-scharlachroten Schimmer tauchte und Sascha unbehaglich werden ließ.

Dmitri drehte das Ding mehrmals herum, sagte »Ah« und fasste es schließlich am Genickstück, die Zügel über sein Handgelenk gelegt. Es war ein Zaumzeug. »Das hier habe ich schon einmal gesehen«, sagte er mit leuchtenden Augen. Ein Arm voller Gold war einem Fürsten, dessen Reichtum gerade erst von Feuer und Banditen geschröpft worden war,...

»Magisch schön geschrieben - das perfekte Buch, wenn draußen die Flocken fallen.«

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