Paris Requiem

Roman
 
 
Aufbau (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 8. Februar 2019
  • |
  • 470 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8412-1755-4 (ISBN)
 
Paris, die Liebe und der Tod. Ein Jahr vor der Weltausstellung 1900: Aus dem beschaulichen Boston wird der Anwalt James Norton von seiner Familie nach Frankreich geschickt. Er soll seinen Bruder Rafael, einen Journalisten, und seine kranke Schwester nach Amerika zurückholen. Kaum in Paris angekommen, muss er seinen Bruder zur Seine begleiten: Olympe, die Geliebte Rafaels, wird tot aus dem Fluss geborgen. Während die Polizei den Fall nur nachlässig untersucht, erkennt James, dass er seinen Bruder erst zur Heimkehr überreden kann, wenn er ihm beweist, dass Olympe nicht ermordet worden ist - oder ihren Mörder findet ... Paris um die Jahrhundertwende: die dunkle, pulsierende, geheimnisvolle Stadt als Schauplatz von Intrigen, Eifersuchtsdramen, Mordgelüsten und erotischen Phantasien.
1. Auflage
  • Deutsch
  • Berlin
  • |
  • Deutschland
  • 2,55 MB
978-3-8412-1755-4 (9783841217554)
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Lisa Appignanesi wurde in Polen geboren, wuchs aber in Frankreich und Kanada auf. Sie war stellvertretende Direktorin am Londoner Institute of Contemporary Arts, bevor sie freie Autorin wurde. Neben Romanen und Kriminalromanen hat sie u.a. Bücher über Marcel Proust, Simone de Beauvoir und die Frauen Sigmund Freuds geschrieben.

1. Kapitel


Paris brodelte. Die Luft kochte. Maschinen zischten. Rauchschwaden waberten. Pfeifen schrillten. Züge ratterten und dröhnten wie gereizte mechanische Bestien. Überall herrschten Hitze und Lärm.

James Alexander Norton blieb zögernd an der offenen Tür seines Abteils stehen. Er hatte eigentlich gar nicht hierher reisen wollen. Er mochte den Anblick der vielen Frauen nicht, die sich mit Taschentüchern Stirn und Busen in ihren tiefausgeschnittenen Kleidern abtupften. Er wollte nicht hören, wie ihre schwitzenden Männer herumkommandierten, nicht, wie die Gepäckträger heftig mit den Schrankkoffern klapperten, und auch nicht, wie die Kinder schrien, die von streng gekleideten Gouvernanten vorangetrieben wurden.

Höchst widerstrebend hatte er die friedliche Stille seines Arbeitszimmers an der Harvard Law School verlassen und die Fahrt über den Charles River nach Boston auf sich genommen. Noch weniger hatte es ihm behagt, in New York einen Luxusliner zu besteigen und seine Tage damit zu verbringen, auf die unendliche See zu starren.

Er war mittlerweile in einem Alter, in dem man die Gewohnheit der Abwechslung vorzog, dazu noch einer so strapaziösen wie einer Reise über den Ozean. Zudem setzte ihm eine gewisse Vorahnung zu, auch wenn er sich ansonsten fest auf die Prinzipien der Vernunft verließ. Doch diese Ahnung flüsterte ihm ein, dass seine Rückkehr in diese Stadt nichts Gutes nach sich ziehen würde.

Er verstand es allerdings geschickt, sein Zögern zu verbergen. Als er aus dem Zug auf den Bahnsteig sprang, machte er keineswegs den Eindruck eines Mannes, dessen beste Jahre bereits hinter ihm lagen. Er streckte das Kinn entschlossen vor und schritt zügig aus. Seine Wangen waren noch vom Seewind gerötet, und seine tiefliegenden Augen schimmerten eisblau. In dem gut gebürsteten Leinenanzug, dem makellos weißen Hemd und der sorgfältig geknoteten Krawatte wirkte er wie das, was er war: ein Mann in der Blüte seiner Jahre, ein fünfunddreißigjähriger Amerikaner auf einer Mission. Und ein gradliniger, verschlossener Mensch, der gelernt hatte, seine Gefühle unter Kontrolle zu halten.

James ließ seinen Blick über den Bahnsteig gleiten und suchte das Gesicht, das zweifellos gleich in der Menge auftauchen musste. Nach einer Weile zog er mit leichter Ungeduld seine Taschenuhr hervor.

Als er schließlich seinen Namen hörte, den der fremde Akzent stark entstellte, drehte er sich um. Der Zugschaffner deutete in seine Richtung. Ein schmächtiger Junge mit einer großen Leinenmütze wand sich durch das Gewühl auf dem Bahnsteig und blieb vor ihm stehen. Große Augen mit langen dunklen Wimpern in einem schmutzigen Gesicht musterten ihn aufmerksam.

»Monsieur Norton?«

James nickte. Ein Strom von Worten sprudelte über die Lippen des Jungen. In dem Lärm konnte James sie nicht verstehen, doch der Name auf dem Umschlag, der ihm in die Hand gedrückt wurde, war trotz des Abdrucks eines schmutzigen Fingers darüber deutlich zu entziffern.

Er riss ihn auf und erkannte die Handschrift seines Bruders.

»Vergib mir. Etwas Dringendes ist mir dazwischengekommen. Im Grand Hotel ist eine Suite für Dich reserviert. Die Kutsche eines Freundes steht für Dich bereit. Antoine wird Dich dorthin führen. Bis morgen, hoffe ich. R.W.N.«

Als James von dem Zettel aufblickte, dirigierte der Junge, bei dem es sich wohl um Antoine handeln musste, bereits einen Gepäckträger zu James' Schrankkoffer und steuerte ihn anschließend ungeduldig über den Bahnsteig.

James versuchte seine Gereiztheit zu unterdrücken. Es war typisch für seinen unberechenbaren kleinen Bruder, dringende Geschäfte vorzuschützen, damit er ihn nicht abholen musste. Dabei war James nur seinetwegen hier.

Rafael William Norton, so der vollständige Name des jüngeren der Norton-Brüder, hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, das Telegramm zu beantworten, in dem James seine Ankunft angekündigt hatte. Zudem hatte er seit Monaten nur sehr kurze Briefe nach Hause geschickt. Wollten sie etwas von Rafael lesen, waren sie darauf angewiesen, die Seiten der New York Times durchzublättern, wo über den lärmenden Fortgang der französischen Politik und die schmutzigen Einzelheiten der nicht enden wollenden Dreyfus-Affäre berichtet wurde. Diese Affäre hatte Rafael erst veranlasst, seinen Urlaub zu einem längeren Aufenthalt in Paris auszudehnen, und schließlich war er vor etwa zehn Monaten zusammen mit ihrer Schwester Elinor noch einmal nach Frankreich aufgebrochen.

Ein leichtes Tippen auf seiner Schulter veranlasste James, sich herumzudrehen. Vor ihm stand einer seiner Dinnergenossen vor der »La Bretagne«.

»Hotel Mercure. Vergessen Sie es nicht, Mr. Norton. Charlotte und ich rechnen mit Ihnen.«

James nickte, entzog sich mit einer Verbeugung den sehnsüchtigen Seitenblicken der jungen Miss Elliott und ließ die beiden Damen vorübergehen. Die Tochter war so groß und grobknochig, wie ihre Mutter klein und korpulent war. Er wartete, bis sie in dem Gewimmel der Bahnhofshalle verschwunden waren, und kämpfte sich dann durch die lärmende Menge. Am Portal des Haupteinganges holte er Antoine ein.

Der Gestank von Pferdedung stieg ihm entgegen. Hunderte von Hufen klapperten über das Kopfsteinpflaster. Kutschen knarrten und rumpelten vorüber. Peitschen knallten. Die Luft selbst schien von Elektrizität zu knistern und alle zu hektischer Betriebsamkeit anzutreiben. James blieb stehen, um einen ersten Eindruck von der Stadt zu bekommen. In Paris herrschte zum nahenden Ausklang des neunzehnten Jahrhunderts eine spürbare Nervosität.

Auf der anderen Straßenseite bändigten blaugekleidete Gendarmen mühsam einen tobenden Mob von Demonstranten. Schnurrbärtige Rohlinge in dicken, formlosen Jacken schüttelten ihre Fäuste und brüllten ihre Drohungen heraus. Seriös gekleidete Bürger, deren Strohhüte leicht verrutscht auf ihren Köpfen saßen, schwangen drohend ihre Gehstöcke. Fahnen und Banner wehten über dem Meer von Köpfen.

»Tod dem Verräter Dreyfus, dem Lakaien der Deutschen!« - »Nein zum Wiederaufnahmeverfahren!« - »Lange lebe die französische Armee!«

Antoine zupfte James am Ärmel, um ihn aus seinen Gedanken zu reißen, und deutete auf eine Straße zu ihrer Rechten. Der Junge wollte offenbar verschwinden, bevor die unvermeidliche Prügelei losging. James eilte ihm nach und stieg in eine wartende Kutsche. Während die Pferde sich mit einer scharfen Wendung von dem Tumult vor dem Bahnhof abwandten, lehnte er sich in die überraschend bequemen Lederpolster zurück und entspannte sich ein wenig. Ja, er war nach all den Jahren nach Paris zurückgekehrt, und beinahe gegen seinen Willen schienen sich seine Sinne zu schärfen.

Die Eleganz des Empire beherrschte das Foyer des Grand Hotel. Wie eine Bühnenstaffage aus vergangenen Zeiten, die man wieder hervorgeholt hatte, forderte sie angemessene Manieren, gedämpfte Stimmen und lockte einen Anstand zu Tage, der im Gegensatz zu dem Wahnsinn auf den Straßen stand.

James räusperte sich und nannte seinen Namen. Der zwergenhafte Portier hinter dem polierten Tresen der Rezeption schaute mit einem gekünstelten Lächeln von seinen Unterlagen auf.

»Ah, Monsieur Norton. Ihr Bruder hat uns bereits informiert. Ein großer Advokat. De Boston.«

James nickte und wünschte, dass Rafael nicht so geschwätzig wäre. Der Hotelangestellte erwies sich jedoch als ebenso effektiv wie liebenswürdig. Er hatte James nach wenigen Augenblicken nicht nur die Zimmerschlüssel ausgehändigt und die Nummer seiner Suite genannt, sondern ihm ebenfalls das Restaurant gezeigt, in dem sich bereits die ersten Gäste zum Abendessen einfanden, und ihn sogar auf die Telefonkabine aufmerksam gemacht. Von dort aus rief James seinen Bruder an. Er wartete jedoch vergeblich auf eine Verbindung. Weder sein Bruder noch, was ihn mehr überraschte, seine Schwester schienen seine Ankunft sonderlich ungeduldig zu erwarten. Das würde seine Mission um so schwieriger gestalten.

James fuhr in einem verspiegelten Aufzug in das vierte Geschoss hinauf. Seine alte Liebe zur Architektur zog ihn sogleich zu den Fenstern seiner Suite. Er erlaubte sich, eine Weile das Treiben auf dem harmonisch angelegten Platz unter ihm zu genießen, der von der imposanten Fassade von Garniers letztem Werk, der neobarocken Opera, dominiert wurde. Bis zu den geflügelten Siegesgöttinnen, die auf dem Dach des Gebäudes thronten, ließ er seinen Blick emporgleiten. In diesem Licht weckten ihre steinernen Gesichter in ihm unwillkürlich die Erinnerung an seine Mutter. Rasch schaute er in eine andere Richtung.

Der zunehmende Kummer seiner Mutter hatte ihn letztendlich nach Paris getrieben. Rafael, der Abtrünnige, war ihr Liebling. Sein Besuch zu Hause im letzten Sommer hatte sie gleichsam jünger werden lassen. Unter seinem anerkennenden Blick legte sie ihre strengen grauen und schwarzen Gewänder ab und erschien zum gemeinsamen Abendessen in pastellfarbenen Kleidern. James konnte sich nicht einmal erinnern, diese Kleider vor dem Tod seines Vaters vor über sechs Jahren an ihr gesehen zu haben. Sie hatte angenommen, dass Rafael nun für immer bleiben würde. Selbst als der neue Herausgeber der New York Times ihn gebeten hatte, über die Pariser Friedenskonferenz zu berichten, die das Ende des Krieges zwischen Amerika und Spanien bedeutete, war ihr nicht in den Sinn gekommen, dass ihr Jüngster seinen Aufenthalt in dieser so fernen Stadt immer länger hinauszögern würde. Sie hatte sogar gestattet, dass Elinor mit ihm reiste. Nicht nur, um ihrer lange kränkelnden Tochter ein Vergnügen...

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