Kalt ist die See

Roman
 
 
Aufbau (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 8. Februar 2019
  • |
  • 443 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8412-1754-7 (ISBN)
 
Zwei Frauen und die mörderische Macht von Liebe und Freundschaft. Bei der Suche nach ihrer besten Freundin, die plötzlich verschwunden ist, muss Leonora feststellen, wie wenig sie Isabel in Wahrheit kennt. Leonora weiß weder von dem neuesten Liebhaber ihrer Freundin noch von der Familienhölle, der sie einst entflohen ist. Vor allem aber hat sie keine Ahnung, warum Isabel verschwunden sein könnte. Hat sie sich als furchtlose Journalistin bei Recherchen in Gefahr begeben? Anscheinend steckte Isabel in ernsten Schwierigkeiten und war einer aufsehenerregenden Geschichte auf der Spur, die sich um ein Familiengeheimnis drehte: das Verschwinden ihres Vaters und die Frage, ob ihre Mutter eine Mörderin war. Leonoras Ängste scheinen sich zu bewahrheiten, als an der englischen Küste die Leiche einer Frau gefunden wird ...
weitere Ausgaben werden ermittelt

Lisa Appignanesi wurde in Polen geboren, wuchs aber in Frankreich und Kanada auf. Sie war stellvertretende Direktorin am Londoner Institute of Contemporary Arts, bevor sie freie Autorin wurde. Neben Romanen und Kriminalromanen hat sie u.a. Bücher über Marcel Proust, Simone de Beauvoir und die Frauen Sigmund Freuds geschrieben.

1


Es regnete in Manhattan. Nicht der übliche graue Nieselregen, sondern ein Regen, der wie tausend verrückte Trommler auf die Dächer niederprasselte, Rinnsale in den Gossen zu reißenden Bächen anschwellen ließ und den Central Park in eine Sumpflandschaft verwandelte. Die Scheibenwischer weder der Taxis noch der eleganten Limousinen konnten etwas gegen diesen Regen ausrichten; kein Regenmantel, kein Hut und keine modische Frisur hielt diesem Ansturm stand. Es schien fast so, als wolle der Regen die Stadt nicht etwa reinwaschen, sondern vielmehr davonspülen.

Die Frau, die auf der Upper West Side ihre Stirn an ein Penthousefenster drückte, dachte an Bullaugen in tosender See und an die Arche Noah unter einem dunkelgrauen Sturmhimmel. Sie dachte an undurchdringlichen Nebel und an ihre Tochter Becca, wie sie als kleines Kind im sicheren Zuhause sang: »Regen, Regen, heb dich fort, zieh an einen anderen Ort.«

Die Frau am Fenster war klein, nicht größer als einen Meter sechzig, wenngleich sie den gebieterischen Namen Leo trug und ihm mitunter auch gerecht wurde. In ihrem weißen, von Tinte befleckten Hemd und ihrer Jeans sah sie beinahe wie eine Straßengöre aus. Ihr Gesicht, das wegen ihrer tiefliegenden Augen von Natur aus nachdenklich wirkte, zeigte unverhüllt alle Spuren ihrer achtunddreißig Lebensjahre. Sie machte sich nur selten Gedanken darüber, aber im großen und ganzen gefiel ihr der Anflug von Melancholie, der sie umgab. Ihr Gesicht war ihr mit der Zeit vertrauter geworden, es entsprach der inneren Vorstellung, die sie von sich selbst hatte, eine praktische, eher nüchterne Frau zu sein, die gleichwohl bisweilen anfällig für plötzliche Eingebungen war.

»Regen, Regen, heb dich fort«, sang sie so laut, dass es sie selbst überraschte, und dann fiel ihr ein, dass sie letzte Nacht von Regen geträumt hatte. Von einem merkwürdigen Regen, einem braunen Regen, denn sie befand sich in ihrem Traum unter der Erde, und es regnete vom Dach einer Art riesiger Höhle, die sich über einer labyrinthischen Stadt wölbte, deren Gebäude und Straßen vollkommen verlassen waren.

Leo verdrängte dieses beunruhigende Bild und warf einen Blick auf die Uhr, die an der weißen Wand hing. Es dauerte einen Moment, bis sie die Zeit abgelesen hatte, denn die Zeiger und Ziffern der Uhr verliefen in umgekehrter Richtung. Gegen den Uhrzeigersinn. »Damit du Zeit zum Träumen hast«, hatte Jeff gescherzt, als er ihr die Uhr vor so vielen Jahren schenkte. »Stell dir einfach vor, dass die Zeit rückwärts läuft. Dann hast du nie wieder Probleme mit dem Abgabetermin.«

Das übertriebene Ungetüm von einer Uhr sah aus wie ein Requisit aus einem der von Jeff so sehr geschätzten Hitchcock-Filme und entsprach ganz dem Geschmack ihres früheren Ehemanns. Leo hasste dieses Ding inzwischen. Doch hing es noch immer da an der Wand, obwohl Jeff bereits seit mehr als zwei Jahren zur Vergangenheit gehörte. Genaugenommen gab es nur einen einzigen Gegenstand aus ihrem - wie sie es gern nannte - zweiten Lebensabschnitt, von dem ihr letztendlich die Trennung gelungen war, und das war das Ehebett. Aus irgendeinem, mittlerweile auch ihr unerfindlichen Grund hatte sie es gegen einen purpurroten Diwan ausgetauscht, einen grellen Farbklecks in dem ansonsten weißen und karg möblierten Schlafzimmer.

Ein wenig gereizt eilte Leo zurück an ihren Arbeitstisch. Sie setzte sich, nahm einen der zahlreichen Federhalter und beugte sich über ihre Zeichnung. Mit schnellem sicherem Strich umriss sie das lange zerzauste Haar und den ausladenden Leib einer finster blickenden Gestalt an einem Cafétisch. Gegenüber dieser Frau entstand eine schlankere Figur, eine elegante, gutgekleidete Dame, die ein Exemplar von Tolstois Anna Karenina in den Händen hielt.

Über dem Kopf der ersten Gestalt entstand eine Sprechblase. »Woran denkt man wohl, wenn man heutzutage >Familie< sagt? Na?«

Eine zweite Blase. »Man denkt an Politiker, man denkt an Probleme. Jawohl, Ma'am, große Probleme. Man denkt an gemeinsame Kreditkarten, an Missbrauch, Schläge, seelische Grausamkeit, Schikanen, Ehebruch, Pflichtvergessenheit, Scheidung, Rache!«

Die korpulente Gestalt griff nach dem Buch und schlug es auf. Unterdessen schwebte über ihr die dritte Blase: »Ich sage, es ist höchste Zeit, Tolstoi an das moderne Manhattan anzupassen. Und daher wird mein nächstes Werk mit dem folgenden zeitgemäßen Satz beginnen .«

Ein breites zufriedenes Lächeln in Großaufnahme. »Alle unglücklichen Familien ähneln einander; jede glückliche aber ist auf ihre eigene Art glücklich.«

»Leonora H« lautete die schwungvolle Signatur am Ende des Cartoons.

Leo streckte sich. Dann gab sie ihrer geheimen Leidenschaft nach, zündete sich eine Zigarette an und rauchte mit tiefen Zügen, während sie den Strip ein weiteres Mal begutachtete. Sie war zufrieden mit ihrem Cartoon, ihrer sogenannten Frau des Zorns, so wie mit all ihren lustigen Weibern von Manhattan, ihrem Stöhnen und Jammern über Exmänner, real existierende Mütter und faule Kinder. Noch mehr allerdings gefiel Leo der Umstand, dass sie vier Cartoons fertiggestellt und sich dadurch vier Wochen freie Zeit erkauft hatte. In den nächsten Wochen würde es für sie weder glückliche noch unglückliche Familien geben. Statt dessen würden sie und ihre Freundin Isabel Morgan die Hauptrollen in einem ganz privaten Roadmovie übernehmen.

Vor Weihnachten hatte sie mit Isabel diesen Trip besprochen. Ihre Freundin hatte geradezu mythische Bilder heraufbeschworen - endlose Straßen, die am Horizont verschwanden, Kleinstadtcafés mit Fliegengittern vor den Türen und misstrauischen Männern an den Tischen, abgelegene Motels, einsame Wüsten und zerklüftete Berge. In ihrer letzten E-Mail hatte Isabel detailliert ein weißes Kabriolett beschrieben und hinzugefügt: »So groß wie möglich. Savannah, Georgia, wir kommen.«

Der heftige Regen, der in New York niederging, spielte da keine Rolle. Isabel würde Geschmack an der damit verbundenen Gefahr finden, und je weiter sie nach Süden und dann gemächlich nach Westen kamen, desto mehr würde der Regen nachlassen. Enden würde die Reise in Kalifornien mit einem Besuch bei Becca, die kürzlich ein Studium an der Stanford University begonnen hatte. Auf ein Treffen mit Jeff, Beccas Vater, und dessen viel zu junger Lebensgefährtin würde Leo jedoch liebend gern verzichten.

Erneut warf sie einen Blick auf die Uhr. Isabel hätte schon längst dasein müssen. Die Maschine aus London sollte um vier Uhr landen, und mittlerweile war es kurz vor sieben. Vermutlich war der Regen an der Verspätung schuld. Sie starrte aus dem Fenster. Manhattans berühmte Skyline hatte sich in eine Reihe verschwommener Schemen verwandelt, die drohend im Dunst aufragten, nur unterbrochen durch vereinzelte unscharfe Lichter. Leos hölzerne Pflanzkübel und Terrakottatöpfe, die draußen auf der Terrasse standen und in denen sich Stiefmütterchen und Osterglocken gegen den heftigen Regen stemmten, schienen beinahe fortgespült zu werden.

Einer plötzlichen Regung folgend, öffnete Leo die gläserne Schiebetür und trat aufs Dach hinaus. Sie ging zu dem eisernen Geländer und schaute auf die Straße hinunter. Ein einzelner Regenschirm eilte durch die Schlucht zwischen den Gebäuden voran und bog um eine Ecke. Ein vorbeifahrendes Auto ließ das Wasser aus den Pfützen der Fahrbahn aufspritzen, hielt jedoch nicht vor Leos Hauseingang. Sie wich einen Schritt zurück, hob das Gesicht dem Regen und dem Himmel entgegen. Sie kam sich vor wie ein Kind, das, ganz ohne Angst, den Elementen trotzte und sich dem Wetter auslieferte. Die Regentropfen auf ihren Augenlidern fühlten sich wunderbar an.

Irgendwo hinter ihr war plötzlich ein Geräusch zu vernehmen. Zunächst handelte es sich lediglich um ein gedämpftes Dröhnen, doch es kam näher und wurde dabei immer lauter, bis es das Prasseln des Regens übertönte. Es klang wie ein scheußliches mechanisches Knattern und erinnerte sie an eines der Geräusche in ihrem Traum. Leo öffnete die Augen und erblickte direkt über sich den schwarzen bedrohlichen Schatten eines Helikopters, der so tief flog, dass sie die Silhouette des Piloten erkennen konnte.

Ihr Atem beschleunigte sich abrupt. Wieder ergriff Furcht von ihr Besitz. Ihr Mund war wie ausgedörrt; sie konnte die Angst förmlich schmecken. Einen Moment lang blieb sie wie angewurzelt stehen. Dann überwand sie sich mühsam und floh zurück in ihre Wohnung.

Auf einmal überkam Leo das Gefühl, etwas Schreckliches sei geschehen. Sie erschauderte.

Mit nassem Haar setzte sie sich an den Computer und öffnete die zwei Wochen alte E-Mail, in der Isabel ihr die genaue Ankunftszeit mitgeteilt hatte. Gleichzeitig wählte sie die Nummer des Kennedy Airport.

Die Maschine war mit nur fünfzehn Minuten Verspätung gelandet.

Leo atmete tief durch, zögerte kurz und entschied sich dann, bei ihrem Exmann anzurufen. Becca musste gestern abend in Jeffs Haus in den Berkley Hills eingetroffen sein. Ihre Tochter hatte beschlossen, nicht nach New York zurückzufliegen, sondern ihre Osterferien bei ihrem Vater zu verbringen. Falls Leo Glück hatte, würde die Putzfrau den Hörer abnehmen.

Doch sie hatte kein Glück. Jeff ging ans Telefon, und als er Leos Stimme erkannte, verwandelte sein unbeschwert charmanter Tonfall sich in gestelzte Höflichkeit.

»Ja, Becca ist hier. Im Augenblick ist sie mit Tip draußen im Garten. Soll ich sie holen?«

»Nein, ich wollte mich bloß vergewissern, dass .«

»Gut. Ich sage ihr, dass du angerufen hast.«

»Okay.«

...

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