Leichte Sprache

Barrierefreie Kommunikation in helfenden und beratenden Berufen
 
 
Books on Demand (Verlag)
  • 2. Auflage
  • |
  • erschienen am 27. Juli 2020
  • |
  • 260 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7519-7576-6 (ISBN)
 
Leichte Sprache ist eine, festgelegten Regeln folgende Sprachform mit niedrigschwelligem Einstieg. Sie ist gedacht für Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen eine herabgesetzte Lese- und/oder Verstehenskompetenz haben (Menschen mit einer Lernbeeinträchtigung, Menschen mit Gehörlosigkeit, AphasikerInnen, Menschen mit einer dementiellen Erkrankung, ZuwanderInnen, funktionale AnalphabetInnen, ungeübte LeserInnen).Das vorliegende Buch gibt einen strukturierten Überblick über das Regelwerk und ermöglicht sowohl Studierenden als auch Praktikern einen schnellen Einstieg in die Leichte Sprache.
Ausführlich beleuchtet werden die Handlungsfelder: Soziale Arbeit, Pädagogik, Recht, Verwaltung, Medizin, Pflege, Kultur und Sport.
Barrierefreie Sprache ist elementarer Baustein einer inklusiven Gesellschaft und Bestandteil der UN-Behindertenrechtskonvention aus dem Jahr 2006. Sie ist in der Bundesrepublik Deutschland seit 2018 für Teilbereiche des öffentlichen Lebens bereits gesetzlich verpflichtend.
2. Auflage
  • Deutsch
  • 0,40 MB
978-3-7519-7576-6 (9783751975766)
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Vera Apel-Jösch, *1959, Inhaberin eines Übersetzungsbüros für Leichte Sprache, Volljuristin, zertifizierte Trainerin für interkulturelle Prozessbegleitung, selbstständige Erwachsenenbildnerin mit Seminaren, online-Workshops und Vorträgen in ganz Deutschland und dem benachbarten Ausland | www.apel-joesch.de

2.4 Regelerläuterungen mit Beispielen


Der Sinn mancher Regeln eröffnet sich vielleicht nicht ohne Erläuterungen und Beispiele, die hier nun folgen.

Optische Gliederung langer Wörter

Menschen mit wenig Leseübung oder Menschen mit einer nichtdeutschen Muttersprache stehen bei langen Wortungetümen häufig vor einem unüberwindbaren Hindernis. Ihnen erschließt sich nicht automatisch, aus welchen Wörtern das lange Wort zusammengesetzt ist und wo das eine anfängt und das andere aufhört.

Beispiel: Zu Kinderzeiten gab es das Spiel mit den "Blumento-Pferden". Das Wort ist Unsinn, eine Wortkreation ohne Bedeutung. Nur durch eine falsche Betonung wird eine erfundene Pferderasse aus dem eigentlichen Wort Blumentopferde. Wer aber noch nie mit dem Wort Blumentopf-Erde zu tun hatte, wird als erstes möglicherweise den vermeintlichen Wortteil "- pferde" erkennen und sich daran festbeißen.

Um dies zu vermeiden, werden lange Wörter in der Leichten Sprache optisch gegliedert. Das Netzwerk Leichte Sprache schlägt dafür den Bindestrich vor. Die Schreibweise wäre also: Blumen-Topf-Erde. Die Forschungsstelle Leichte Sprache lehnt den Bindestrich weitgehend ab, da er dem Leser eine unkorrekte Schreibweise beibringt und nutzt stattdessen den Mediopunkt. Der Mediopunkt (Mittelpunkt) ist ein erhöhter Punkt etwa in der Wortmitte.

Dem Spracherwerber soll damit klar sein: Das Wort wird eigentlich zusammengeschrieben, hier wird nur eine Lesehilfe angeboten. Gleiches gilt nicht für den Bindestrich, denn der Bindestrich wird ja tatsächlich in der deutschen Sprache benutzt. Die Schreibart des Mediopunkts sieht so aus: Blumentopf·erde. Ich persönlich trenne Hauptworte erst dann mit dem Mediopunkt oder Bindestrich, wenn sie drei Silben überschreiten, daher erfolgt im vorliegenden Fall bei mir im Wort Blumentopf keine weitere Gliederung.

Ich finde die Argumentation der Forschungsstelle absolut einleuchtend, arbeite dennoch zuweilen noch mit der Bindestrichlösung. Das liegt daran, dass ich als Übersetzerin für Leichte Sprache oft für Institutionen und Vereine aus der Behindertenhilfe übersetze und meine Auftraggeber aus Gewohnheit den Bindestrich wollen. Bei meinen Prüflesern aus der Zielgruppe habe ich festgestellt, dass diese zunächst mit dem Mediopunkt nicht gut klarkommen. Das mag ein Stück weit daran liegen, dass er unbekannt ist, aber er wird anfangs oft optisch nicht genügend wahrgenommen und damit entfällt dann die gewünschte Leseerleichterung.

Mit fortschreitender Gewöhnung an die neue Schreibart wird der Mediopunkt von den Prüflesern akzeptiert.

Aber viele Auftraggeber aus der Behindertenhilfe beharren auf der Bindestrichvariante, weil der durchschnittliche Leser mit kognitiven Einschränkungen nicht häufig genug Leseerfahrungen mit dem Mediopunkt sammeln kann und dieser daher für diese Zielgruppe ungewohnt bleibt.

Der Mediopunkt hat noch keinen kompletten Eingang in die Tastatur gefunden, am ehesten ist er in Smartphones und Androids bereits installiert. Unter Windows kann der Mittelpunkt per Alt-Code mittels Alt+0183 eingegeben werden; unter macOS mittels

Dort, wo Leichte Sprache zur Alphabetisierung oder zum Spracherwerb der deutschen Sprache bei kognitiv nicht beeinträchtigten Nutzern gelehrt wird, nutze ich bei Übersetzungen den Mediopunkt. Sein unbestreitbarer Vorteil: er ist absolut wortbilderhaltend und lehrt keinen dauerhaften Schreibfehler. Mit zunehmender Sprachkompetenz kann der Nutzer dann den Mediopunkt einfach weglassen.

Was man in der Tat nicht unterschätzen darf: eine durchgängige Worttrennung kann zu Verständnisirritationen führen. Jüngst fuhr ich durch eine Ortsgemeinde und fand an einem Haus folgendes Werbeschild: Finger-Nagel-Studio Was will uns die Inhaberin sagen? Sicherlich nicht, dass man hier Nägel in die Finger geschlagen bekommt, oder? Fingernagel-Studio wäre hier dem Werbeanliegen sicher nähergekommen.

Bitte beachten Sie:

Der Mediopunkt fehlt noch auf den meisten Tastaturen.

Korrekturprogramme erkennen ihn nicht. Sie zeigen Ihnen den Mediopunkt als Tippfehler an.

Keine Großschrift (=Kapitälchen) verwenden

Großschrift liegt vor, wenn jeder Buchstabe eines Wortes großgeschrieben ist. Manchmal nutzt man dies als ein Werkzeug im Layout. In der Leichten Sprache ist dies untersagt, weil es die Lesbarkeit massiv beeinträchtigt.

Probieren sie mal selbst diese Beispiele aus, können Sie mühelos lesen und verstehen?

ALTBAUCHARME
SÜDENGLAND
HOCHENTASTER

Hand aufs Herz: Wer ist bei den Alt-Bauch-Armen, dem Süden-Gland oder dem Hochen-Taster gescheitert? Oder haben alle sofort und mühelos Altbau-Charme, Süd-England und Hoch·ent·aster (Baumschere mit langem Stiel zum Beschneiden der hohen Äste) gelesen?

Egal wie, Sie haben sicher gespürt, dass die Verwendung von Großbuchstaben unserem Gehirn schnell einen Streich spielen kann - noch dazu, wenn das Gehirn im Lesen nicht sehr trainiert ist. An meinen Beispielen erklärt sich auch nochmal gut der Sinn der optischen Gestaltung von langen Wörtern. Bindestrich oder Mediopunkt erhöhen in den obigen Beispielen die Lesbarkeit enorm.

Serifenlose Schrift benutzen

Offen gestanden: Ehe ich mit Leichter Sprache zu tun hatte, kannte ich das Wort Serifen gar nicht. Heute weiß ich: eine serifenlose Schrift ist eine Schrift ohne Schnörkel.

Schauen Sie mal diese Beispiele:

Alle fünf Beispiele sind übrigens in der gleichen Schriftgröße ohne Fettdruck geschrieben. Die ersten beiden Schriften sind geschnörkelt, Sie erkennen das bei Nummer 2 (Lucida Calligraphy) auf den ersten Blick, bei Nummer 1 (Times New Roman) sind es die Anfügungen am unteren und oberen Buchstabenende.

Nummer 3 ist Arial, die wohl am besten geeignete Schrift in der Leichten Sprache, Nummer 4 ist Calibri und Nummer 5 die ansonsten oft verschmähte Comic Sans, die aber von Personen mit Lernbeeinträchtigung als gut lesbar beurteilt wird.

Sie erkennen leicht bei Nummer 3 und Nummer 5 an der Klarheit und Größe des Schriftbildes, auch am Kontrast zum Papier schnell den unbestreitbaren Vorteil bei der Lesbarkeit.

Keine Sperrungen

Sperrungen als Gestaltungsmittel sind ebenso tabu wie Blocksatz. Beides verzerrt das Schriftbild und verschlechtert die Lesbarkeit.

Beispiel für Sperrungen:

I n k l u s i o n  i s t  u n s  s e h r  w i c h t i g !

Besser: Inklusion ist uns sehr wichtig.

Beispiel für Blocksatz:

Früher fanden die Leute Blocksatz toll. Man hat das bis vor ein paar Jahren oft gemacht, weil es so ordentlich aussah. Heute weiß man es besser. Meistens.

Besser linksbündig (Flattersatz):

Früher fanden die Leute Blocksatz toll. Man hat das bis vor ein paar Jahren oft gemacht, weil es so ordentlich aussah. Heute weiß man es besser. Meistens.

Können Sie erkennen, dass es im Blocksatz Lesefallen gibt? Der ungeübte Leser bleibt gedanklich daran hängen, dass es zum Beispiel nach manchen Worten eine größere Lücke gibt. Er beginnt darüber nachzudenken und verliert leicht den Lesefluss und Kontext.

Pro Satz nur eine Zeile

Sie haben vielleicht schon eine Idee davon bekommen, dass Leichte Sprache nicht gerade der beste Freund der Layouter und Designer ist. Die meisten optischen Gestaltungsmittel sind tabu. Wir kommen jetzt zu einer Regel, die viele Auftraggeber schmerzt, weil sie die Seitenzahl Ihrer Texte und damit die Druckkosten deutlich erhöht.

In der Leichten Sprache wird für jeden Satz eine neue Zeile begonnen.

Wir schreiben alles in einer Schriftgröße von mindestens 14 und einem Zeilenabstand von 1,5. Hinzu kommt, dass pro Satz nur 1 Aussage erlaubt ist. Meine drei letzten Sätze sehen also in der Leichten Sprache etwa so aus:

In der Leichten Sprache fangen wir für jeden Satz eine neue Zeile an.

Die Schriftgröße ist 14 oder größer.

Der Abstand zwischen den Zeilen ist größer.

Der Abstand ist 1,5mal so groß wie normal.

In der Leichten Sprache gibt es pro Satz nur eine Aussage.

Sie bemerken: das kostet Platz, Papier und Druckkosten. Tun Sie es dennoch!

Es ist nämlich eine prima Lesehilfe. Viele ungeübte Leser lesen mit dem Finger mit. Wenn alle Zeilen bis zum Ende bedruckt sind und ein Satz fast lückenlos dem nächsten folgt, verlieren Sie mit Ihren Augen (und Fingern) oft die Stelle, wo Sie sich gerade beim Lesen befinden. Das kann mit der Beachtung der Satz-Zeilen-Regel nicht leicht passieren.

Dunkle Schrift auf hellem Grund

Beim Schriftbild ist auf einen guten Kontrast zu achten.

Mehr als Worte machen es diese beiden Beispiele deutlich:

Inklusion ist ein Menschenrecht. Segregation muss enden.

Inklusion ist ein Menschenrecht. Segregation muss enden.

Jeder Mensch, der nicht ganz jugendliche Augen hat, muss das zweite Beispiel deutlich länger fixieren. Die Augen ermüden also bei dieser Lesart schneller, zumindest dann, wenn sich der Text nicht auf einem beleuchteten e-Book-Reader befindet.

Keinen Genitiv verwenden

Diese Regel ist die am meisten kritisierte Regel aller Nicht-Leichtsprachler. In der Tat wird sie von den Kritikern der Leichten Sprache, insbesondere von Sprachwissenschaftlern inklusive Germanisten, immer als erstes genannt, wenn das Argument der Infantilisierung durch...

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