Marcel Reich-Ranicki

Sein Leben
 
 
Insel (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 18. Mai 2020
  • |
  • 259 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-458-76579-0 (ISBN)
 

Über ein halbes Jahrhundert prägte Marcel Reich-Ranicki als erfolgreichster, wirkungsvollster und umstrittenster Kritiker die deutsche Literaturlandschaft.

Geboren 1920 in Polen, verbrachte er den Großteil seiner Kindheit und Jugend in Berlin, bis er 1938 von den Nationalsozialisten nach Warschau deportiert wurde. Im Ghetto lernte er seine spätere Frau Teofila kennen, gemeinsam gelingt es ihnen, 1943 zu fliehen und sich zu verstecken. Nach Kriegsende war er für den polnischen Geheimdienst und das polnische Konsulat in London tätig, wurde aber 1950 entlassen und aus der kommunistischen Partei ausgeschlossen. 1958 kehrte er nach Deutschland zurück, zunächst nach Hamburg, dann nach Frankfurt am Main, wo er bis zu seinem Tod im Jahr 2013 lebte.

In diesem Leben gibt es, das zeigt die Biografie von Thomas Anz, einen "doppelten Boden", hinter dem viel zu entdecken ist: über den Zusammenhang seiner starken Mutterbindung mit seiner obsessiven Liebe zur deutschen Literatur, über das Scheitern seiner Karriere im polnischen Geheimdienst, über die verborgenen Motive beim Schreiben seiner Autobiografie oder über die Kriterien seiner Kritik.

Thomas Anz, Nachlassverwalter Marcel Reich-Ranickis, stellt die bewegte und bewegende Lebensgeschichte des berühmten Literaturkritikers dar, bezieht die letzten Lebensjahre mit ein, berücksichtigt jüngere Forschungen und greift auf bisher unbekannte Dokumente aus dem Nachlass zurück.

weitere Ausgaben werden ermittelt

Thomas Anz, geboren 1948 in Göttingen, ist Literaturwissenschaftler. Bis zu seiner Emeritierung war er Professor für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Marburg. Er wurde von Marcel Reich-Ranicki zu seinem Nachlassverwalter bestimmt.

Karriere eines Kritikers


Vor mehr als zwei Jahrhunderten veröffentlichte der 24-jährige Goethe das Gedicht über jenen unverschämten Kerl, der sich bei seinem Gastgeber erst satt isst und hinterher bei anderen über das Essen mäkelt. Die Wut über den undankbaren Schmarotzer gipfelt in den Ausrufen: »Der tausend Sackerment! / Schlagt ihn tot, den Hund! Er ist ein Rezensent.«

Marcel Reich-Ranicki lebte damals leider noch nicht, doch vor einigen Jahren hat er Goethe endlich geantwortet, hat zu dem Gedicht mit dem Titel »Rezensent« gleichsam eine späte Rezension geschrieben. Und obwohl Reich-Ranicki schon damals immer wieder beteuerte, nicht mehr »lauter Verrisse« zu schreiben und tatsächlich nur noch selten solche schrieb, gerieten ihm seine Ausführungen zu diesem Gedicht in der Frankfurter Anthologie zum Totalverriss: Goethe, so Reich-Ranicki, »genießt den Ruf, Deutschlands größter Lyriker zu sein. Das stimmt schon. Wenn es um die Poesie geht, kann ihm keiner das Wasser reichen. Aber natürlich hat auch er, der unverbesserliche Vielschreiber, zahlreiche mäßige oder schwache Gedichte produziert, gelegentlich sogar törichte. Doch das dümmste, das seiner Feder entstammt, ist wohl das Gedicht >Rezensent<.« (G 128)

Hinter der demonstrativen Respektlosigkeit dieser Zeilen gegenüber einem Autor, den Reich-Ranicki so hoch schätzte wie wenige andere, stand ein sein literaturkritisches Selbstbewusstsein in mehrfacher Hinsicht kennzeichnendes Programm. Es hat zum Erfolg dieses Kritikers wesentlich beigetragen.

Dass Reich-Ranicki in Deutschland der erfolgreichste, der wirkungsvollste und deshalb auch umstrittenste Literaturkritiker der Nachkriegszeit war, steht außer Zweifel. Mehr als er konnte ein Kritiker wohl nicht erreichen. Wie niemand sonst hat er über ein halbes Jahrhundert lang das literarische Leben in Deutschland mitgeprägt - genauer: seit 1958, als er in die Bundesrepublik reiste und nicht mehr nach Polen zurückkehrte.

Ein bewegtes, einen jeden, der darüber liest oder hört, bewegendes Leben hatte der damals 38-Jährige zu diesem Zeitpunkt hinter sich. Als Jude und polnischer Staatsangehöriger konnte er in Berlin zwar 1938 noch sein Abitur machen, das Immatrikulationsgesuch an die Universität wurde jedoch abschlägig beschieden.

Reich-Ranicki arbeitete zunächst als Lehrling in einer Exportfirma, wurde im Herbst 1938 verhaftet und nach Polen deportiert, lebte dort ab 1940 im Warschauer Getto, aus dem er 1943 zusammen mit seiner Frau in den Warschauer Untergrund floh. Sein Vater, seine Mutter, sein Bruder wurden von Deutschen ermordet. Die sowjetische Armee befreite ihn, er trat der Kommunistischen Partei Polens bei, arbeitete in der polnischen Militärkommission in Berlin, im polnischen Außenministerium, 1948 und 1949 als Konsul der Republik Polen in London und zugleich im polnischen Geheimdienst, wurde nach der Rückkehr in Warschau aus der Partei wegen »ideologischer Entfremdung«, so die offizielle Begründung, ausgeschlossen, dann zwei Wochen in einer Einzelzelle gefangen gehalten.

Mit dieser Haftzeit endete Reich-Ranickis politische Karriere im diplomatischen Dienst - und es begann eine neue: Sie stand im Dienst der Literatur. In dem eindrucksvollen Gespräch, das Joachim Fest im Dezember 1982 mit Reich-Ranicki für die Fernsehserie »Zeugen des Jahrhunderts« führte, erinnerte sich dieser an das Buch, das ihm die Tage im Gefängnis in gewissem Sinn zu den schönsten jener Jahre machte: Anna Seghers Das siebte Kreuz. »Unter dem Einfluß dieses Romans in der Gefängniszelle habe ich beschlossen, mich, wenn ich wieder freikomme, vielleicht doch mit der Literatur zu befassen.« (ZD 90) »Beruflich«, muss man wohl ergänzen; denn zum enthusiastischen Leser war er schon als Berliner Gymnasiast durch die Anregungen des Theaters und des Deutschunterrichts geworden.

Reich-Ranicki kam frei, und er durfte, unterbrochen von Berufs- und Publikationsverboten, in jenem Reservat arbeiten, in dem man anstößigen Individuen einige Narrenfreiheiten zubilligt: auf dem Gebiet der Literatur und des literarischen Lebens. Er arbeitete in einem Verlag, schrieb für die Zeitung und für den Rundfunk, und er übersetzte - immer als Vermittler deutscher Literatur für polnische Leser.

In der Bundesrepublik stand er 1958 zusammen mit seiner Frau ein weiteres Mal in seinem Leben vor dem Nichts. Geld hatte er keines, doch als kulturelles Kapital immerhin vorzügliche Kenntnisse der deutschen Literatur, publizistische Begabung und Erfahrung sowie einige Bekanntschaften mit westdeutschen Autoren.

Heinrich Böll hatte ihm eine Bürgschaft ausgestellt, die für die Ausreisegenehmigung nötig war. Siegfried Lenz tat damals alles, um ihm Kontakte mit Rundfunksendern und Zeitungen zu verschaffen. Kritiken in der Welt und in der Frankfurter Allgemeinen sowie die Teilnahme an Tagungen der »Gruppe 47« machten ihn rasch so bekannt und begehrt, dass ihm Die Zeit zum 1. Januar 1960 eine ständige Zusammenarbeit anbot. Frei von redaktionellen Belastungen, schrieb er vierzehn Jahre lang für sie und wurde schnell zu der literaturkritischen Instanz der Bundesrepublik. Mit Polemik, Ironie und Neid, mit Bewunderung und Respekt ernannte man ihn in diesen Jahren zum »Großkritiker« und zum »Literaturpapst«, doch seine Fähigkeiten, den Willen zur öffentlichen Wirksamkeit und seine Macht konnte er erst 1973, als er die Leitung des Literaturteils der Frankfurter Allgemeinen übernahm, ganz entfalten. Er machte sie zur buch- und literaturfreundlichsten Zeitung Deutschlands. Er machte sie aber auch zur Krönung seiner Kritikerkarriere.

So schien es zumindest. Als Reich-Ranicki Ende 1988, weil es die Gesetze der FAZ so vorschrieben, die Leitung des Literaturteils an einen Jüngeren abgeben musste, glaubten manche, eine Ära der Literaturkritik sei zu Ende, ein Generationenwechsel vollzogen; es finde gleichsam ein Artensterben statt. Denn der Typus des Großkritikers, den Reich-Ranicki ebenso wie Friedrich Sieburg, Günter Blöcker, Walter Jens, Fritz J. Raddatz oder Joachim Kaiser, nur viel vollkommener als alle diese, verkörperte, sei vom Aussterben bedroht.

Nachdem die Kommentare zu Reich-Ranickis Abgang schon den Ton von Nachrufen angestimmt hatten, belehrte dieser die Öffentlichkeit schnell eines Besseren. Abgesehen davon, dass er in der FAZ Herausgeber und Redakteur der von ihm 1974 ins Leben gerufenen Frankfurter Anthologie blieb und weiterhin literaturkritische Beiträge in dieser Zeitung veröffentlichte, hat sich das Spektrum seiner Wirkungsmöglichkeiten nur noch erweitert. Im Spiegel und auch wieder in der Zeit konnte man ihn gelegentlich lesen, vor allem aber konnte man ihn hören und sehen - in seinem »Literarischen Quartett«.

Das Fernsehen, diese gewiss in vieler Hinsicht fragwürdige, aber zweifellos wirksamste Animationsmaschinerie in Sachen Literatur, hatte Reich-Ranicki noch gefehlt. Mit ihm gelang es, seine Popularitätskurve erneut kräftig steigen zu lassen. Sie schien danach nicht mehr überbietbar. Bis Mein Leben erschien. Seinen größten und eindrucksvollsten Erfolg hatte Reich-Ranicki im Alter von beinahe achtzig Jahren - als Schriftsteller, als Autor seiner Autobiografie.

Seinem Beruf, der Literaturkritik, blieb er jedoch treu. Kritik als Beruf heißt programmatisch eines seiner letzten Bücher. Es gibt zahllose Schriftsteller, Journalisten oder Literaturwissenschaftler, die auch als Literaturkritiker tätig sind. Reich-Ranicki war, von gelegentlichen Abwegen abgesehen, ausschließlich Kritiker. Diese Spezialisierung und Konzentration machten seine Professionalität aus und waren einer der Gründe für seinen Erfolg.

Seine Wirkung reichte bis in die Wunsch- und Alpträume berühmter Autoren hinein. Seine Kritiken waren gespannt erwartete Ereignisse. Seine Rezensionen und Essays, zunächst in flüchtigen Medien erschienen, hatten sich zu einem dauerhaften literaturkritischen Werk angesammelt, das bis zu seinem Tod in über dreißig selbstständigen Buchpublikationen vorlag. Sie erschienen meist in mehreren überarbeiteten Auflagen oder fanden als Taschenbücher weite Verbreitung. Die Spannbreite all dieser Publikationen ist enorm: Sie umfasst auch zahlreiche Autoren russischer, polnischer, französischer und vor...

Dateiformat: ePUB
Kopierschutz: Wasserzeichen-DRM (Digital Rights Management)

Systemvoraussetzungen:

Computer (Windows; MacOS X; Linux): Verwenden Sie eine Lese-Software, die das Dateiformat EPUB verarbeiten kann: z.B. Adobe Digital Editions oder FBReader - beide kostenlos (siehe E-Book Hilfe).

Tablet/Smartphone (Android; iOS): Installieren Sie bereits vor dem Download die kostenlose App Adobe Digital Editions (siehe E-Book Hilfe).

E-Book-Reader: Bookeen, Kobo, Pocketbook, Sony, Tolino u.v.a.m. (nicht Kindle)

Das Dateiformat ePUB ist sehr gut für Romane und Sachbücher geeignet - also für "fließenden" Text ohne komplexes Layout. Bei E-Readern oder Smartphones passt sich der Zeilen- und Seitenumbruch automatisch den kleinen Displays an. Mit Wasserzeichen-DRM wird hier ein "weicher" Kopierschutz verwendet. Daher ist technisch zwar alles möglich - sogar eine unzulässige Weitergabe. Aber an sichtbaren und unsichtbaren Stellen wird der Käufer des E-Books als Wasserzeichen hinterlegt, sodass im Falle eines Missbrauchs die Spur zurückverfolgt werden kann.

Weitere Informationen finden Sie in unserer E-Book Hilfe.


Download (sofort verfügbar)

11,99 €
inkl. 5% MwSt.
Download / Einzel-Lizenz
ePUB mit Wasserzeichen-DRM
siehe Systemvoraussetzungen
E-Book bestellen