All die unbewohnten Zimmer

 
 
Suhrkamp (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 17. Juni 2019
  • |
  • 494 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-518-76108-3 (ISBN)
 

Eine Bibliothekarin wird in einem Park in München erschossen, ein Polizist verletzt. Ein Streifenpolizist wird erschlagen am Rande einer rechtsradikalen Demonstration. Zur Aufklärung bietet Friedrich Ani gleich vier Ermittler auf, man kennt sie aus seinen anderen Büchern: Polonius Fischer, Jakob Franck, Tabor Süden sowie Fariza Nasri. Ohne sie wären die Fälle nicht aufzuklären, denn die Vier sehen sich mit einem Kaleidoskop von menschlichem Leid, Rache- und Machtgelüsten, privaten Vorlieben, politischen Umtrieben und gesellschaftlichen Spaltungen konfrontiert, kurz mit einem Kosmos, der die gesamte Situation nicht nur Deutschlands in nuce widerspiegelt.

All die unbewohnten Zimmer schlägt eine Schneise durch das Gestrüpp der politischen und individuellen Verfasstheit unserer Zeit. Friedrich Ani legt einen ebenso überraschungsreichen Krimi wie abgrundtief bösen Gesellschaftsroman vor. Er lässt uns das Böse und (das nie zu erreichende) Gute neu begreifen.

1. Auflage
  • Deutsch
  • Berlin
  • |
  • Deutschland
Suhrkamp
  • 2,83 MB
978-3-518-76108-3 (9783518761083)
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Friedrich Ani, geboren 1959, lebt in München. Er schreibt Romane, Gedichte, Jugendbücher, Hörspiele, Theaterstücke und Drehbücher. Sein Werk wurde mehrfach übersetzt und vielfach prämiert, u. a. mit dem Deutschen Krimi Preis, dem Adolf-Grimme-Preis und dem Bayerischen Fernsehpreis. Seine Romane um den Vermisstenfahnder Tabor Süden machten ihn zu einem der bekanntesten deutschsprachigen Kriminalschriftsteller. Friedrich Ani ist Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste und des Internationalen PEN-Clubs. Sein Roman Der namenlose Tag (2015), ausgezeichnet mit dem Deutschen Krimi Preis und dem Stuttgarter Krimipreis, markierte Anis Wechsel zu Suhrkamp. Seit 2015 ist Friedrich Ani auch mit seinen Theaterstücken im Suhrkamp Theater Verlag vertreten.

1


Hier bist du richtig


Neun Tage zuvor, an einem Sonntag, klingelte um acht Uhr dreißig das Diensttelefon meines Chefs. Seit einer Stunde saßen wir in seinem Büro, vertieft in einen Fall, der uns den Schlaf raubte - nicht bloß, weil ein Kollege lebensgefährlich verletzt worden war. Vor allem, weil die Presse uns für einen Haufen Gummiwürste hielt. Für mich - wenn wir unter uns waren, für alle im K 111 - verhielt es sich genau umgekehrt.

Die Journalisten waren die Gummiwürste, zumindest solche, die nichts anderes im Sinn hatten, als die dumpfen Reflexe eines Teils der Bevölkerung zu bedienen und Angst und Misstrauen zu schüren, bevor überhaupt klare Fakten vorlagen. Diese Art von Manipulation kotzte mich besonders an; das hatte nicht nur persönliche Gründe.

Bei manchen Begegnungen mit Reportern im Verlauf unseres aktuellen Falls hätte ich die Fassung verloren und Dinge gesagt, die definitiv nicht PAG-tauglich gewesen wären - hätte mein Chef nicht rechtzeitig nach meiner Hand gegriffen.

So etwas machte der Mann. Hielt ungeniert meine Hand, drückte sie, ließ sie wieder los. Beim ersten Mal - kurz nachdem wir die Ermittlungen im Mordfall Anna Walther und in der Sache Mordversuch an KK Max Gronsdorff aufgenommen hatten - erwarteten uns am Tatort, spätnachts, zwei Journalisten einer Boulevardzeitung.

Mein Tag war lang gewesen, die Nacht kurz und der Weißwein von einem Nordhang in Sibirien. Ich sah den Mann mit seinem Ziegenbart und dem Aufnahmegerät auf uns zukommen; mein lädierter Magen rief: Stopf ihm das Ding in den Rachen, dass er so leiden muss wie ich; ich wollte schon den Arm ausstrecken.

Da umfasste die Hand meines Chefs meine brodelnden Finger.

»Nehmen Sie Ihr Leben nicht allzu persönlich«, sagte Polonius Fischer zu dem Reporter. »Heute keine Interviews mehr, keine Fotos. Morgen findet eine Pressekonferenz statt, das wissen Sie; ich respektiere Ihre berufliche Neugier und Ihre Hingabe an die Arbeit. Vergessen Sie nicht, an diesem Ort ist ein Mensch gestorben, ein weiterer wurde schwer verletzt. Sie sehen die Blumen und Kerzen vor der Häuserwand. Lassen Sie uns gemeinsam eine Minute in Stille verharren; uns vor den Opfern verneigen und nicht an unsere Arbeit denken, sondern an das Fingerschnippen des Schicksals. Ja?«

Was der Reporter darauf erwiderte, hatte ich eine halbe Minute später vergessen. Sie verzupften sich beide, der Ziegenbart und sein Knipser, und wir betraten das Haus, in dem der flüchtige mutmaßliche Täter lebte.

Auf dem Weg in den vierten Stock ertappte ich mich bei einer Peinlichkeit. Mit einem kurzen Blick spähte ich nach der Hand meines Chefs, prüfte, ob sie baumelte oder eine Absicht verfolgte. Ihn zu fragen, traute ich mich nicht. Erst beim zweiten Mal.

Da sagte er: Nimm's nicht allzu persönlich.

Von mir aus.

Wahrscheinlich käme eine derartige Berührung durch den Vorgesetzten bei manchen Frauen einer sexuellen Belästigung gleich. Nicht bei mir. Ich war irritiert, mehr nicht. Ich hatte erfahren, dass er die Kollegin Sinkel auf dieselbe Weise festgehalten hatte. Auf ihre Frage, was das zu bedeuten habe, so erzählte sie mir, hatte sie dieselbe Antwort erhalten wie ich.

Abgesehen davon kannte ich mich mit sexueller Belästigung aus.

Acht Jahre hatte ich dafür gebüßt. Dass ich überhaupt wieder einen Job als aktive Ermittlerin ausübte, hatte ich einem einzigen Mann zu verdanken; meinem jetzigen Chef. Auf meine Bewerbung hin nahm er mich in sein Team auf. Nach einer überstandenen Krebserkrankung wechselte eine seiner Kolleginnen in den Innendienst im Präsidium; er suchte eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger. Auf den Posten bewarben sich ausschließlich Männer; und ich. Beim Vorstellungsgespräch begriff ich, dass sowohl der Chef als auch seine Mannschaft eine Frau bevorzugen würden. Was die abgewiesenen Kollegen hinter meinem Rücken erzählten, konnte ich mir an zwei Mittelfingern abzählen.

So begann meine neue Gegenwart; in einem Kommissariat mit dem Spitznamen »Die zwölf Apostel«. Für jemanden, der aus der Kirche ausgetreten war, eine segensreiche Basis.

Ursprünglich befanden sich die Büros des K 111 im Altbau des Polizeipräsidiums an der Löwengrube; ein Feuer beschädigte die Räumlichkeiten so stark, dass ein Ausweichquartier gefunden werden musste. Dank der schnellen Hilfe des Oberbürgermeisters kam die Abteilung in einem leerstehenden Gebäude aus dem sechzehnten Jahrhundert am ältesten Teil der Stadtmauer unter, keine zehn Minuten vom Präsidium entfernt.

Die Büros verteilten sich über den zweiten und dritten Stock des ehemaligen Wohnhauses; die erste Etage stand nach wie vor leer; der Trachtenmodenladen im Erdgeschoss blieb von den Aktivitäten der neuen Mieter unberührt - außer, Verdächtige wurden in Handschellen oder mit Fußfesseln ins Haus geführt; dann stand den Kunden schon mal der Gamsbart am Lodenhut zu Berge.

In alter Zeit beherbergte der historische Trakt ein Brauhaus und das herzogliche Falkenhaus mit dem Hofzerwirkgewölbe, wo das auf der Jagd erlegte Wild verarbeitet wurde. Die meisten Touristen interessierte das altehrwürdige Ensemble weniger, sie hielten Ausschau nach dem Hofbräuhaus gleich um die Ecke.

Mein Schreibtisch stand im Zimmer von Kollege Ohnmus im dritten Stock, neben dem Büro des Chefs; ihm hatte das Team seinen Spitznamen zu verdanken.

Meiner Meinung nach handelte es sich nicht um einen Spitznamen, eher um eine Respektsbezeugung - mit einer Dosis Ironie -, ernsthaft anerkennend, bei allem Unverständnis für manch seltsames Gebaren.

So legte Fischer großen Wert auf ein gemeinsames Mittagessen, unabhängig vom Stand der Ermittlungen und dem Hunger der Kollegen. Wir setzten uns an den langen Holztisch im Chefbüro, jeder mit seinem Teller vor sich; einer von uns stand am Stehpult, das Fischer von zu Hause mitgebracht hatte, und las aus einem Buch vor - manchmal aus der Bibel, manchmal aus einem Roman, einem Sachbuch, einem philosophischen Werk.

Die Lesung dauerte maximal zehn Minuten; die Auswahl traf der Vorleser, der nach Belieben wechselte. Währenddessen aßen wir. Das war Absicht. Wir aßen und tranken, sprachen kein Wort. Schweigen am Tisch. Der Lesende trug seinen Text mit gedämpfter Stimme vor. Im Hintergrund klingelten Telefone, das alte Faxgerät spuckte immer noch Blätter aus, Computer vermeldeten klingelnd Nachrichten. Für all das war Valerie, unsere Assistentin, vorübergehend nicht zuständig; sie gehörte zu unserer Elf; mit ihr waren wir zwölf.

Trotz zweier Veränderungen im Team - Fischer war seinem verstorbenen Vorgänger Silvester Weningstedt nachgefolgt; ich bekam die Stelle von Esther Barbarov - war die Zahl der Apostel gleich geblieben. Nach dem Wechsel in der Abteilungsleitung kam der Kollege Max Gronsdorff aus dem K 112 hinzu.

Nach dem Essen trug jeder seinen Teller hinunter in die mit einer Spül- und einer Waschmaschine ausgestattete Küche und machte sich wieder an die Arbeit.

Angeblich stammte die Bezeichnung mit den Aposteln vom Polizeipräsidenten. Eines Mittags war er unerwartet hereingeschneit und traf die Gruppe beim andächtigen Mahl mit Textuntermalung an. Da er die Vergangenheit des Kommissariatsleiters und dessen Eigenheiten kannte, hielt seine Verblüffung sich in Grenzen, zumindest nach außen hin.

Zwar hatten wir einen offiziellen Vernehmungsraum mit Mithöranlage, drei digitalen Kameras und verspiegelter Wand im dritten Stock, dennoch bevorzugte der Chef ein eigenes Zimmer im zweiten Stock, gegenüber dem Empfangstresen von Valerie Roland.

...

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