Notlandung in Mumbai

 
 
Books on Demand (Verlag)
  • 2. Auflage
  • |
  • erschienen am 14. September 2020
  • |
  • 280 Seiten
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7494-1845-9 (ISBN)
 
Angetrieben von der Frage, was es mit der jetzigen Notlage der Welt auf sich hat, hat sich die Autorin auf die Suche nach deren Beantwortung gemacht. Entstanden ist ein vielschichtiger Roman, der unser tägliches Streben nach Erfolg und Anerkennung vor dem Hintergrund eines neuen Kontexts grundlegend hinterfragt und dadurch den Leser auffordert, sich mit dem Sinn seines Alltäglichen auseinanderzusetzen.
2. Auflage
  • Deutsch
  • 0,35 MB
978-3-7494-1845-9 (9783749418459)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Patricia Anderegg wurde 1949 in Lugano, Schweiz als Tochter eines portugiesischen Vaters und einer deutschen Mutter geboren. Ihre Schulzeit verbrachte sie in Lissabon und besuchte dort die Deutsche Schule. Nach dem Abitur ging sie nach Zürich, um Sprachen zu studieren. Im Anschluss an ihr Studium ging sie für sieben Jahre nach Brasilien. 1984 kehrte sie in die Schweiz zurück und begann mit dem Schreiben. "Notlandung in Mumbai" ist ihr dritter Roman.
Patricia Anderegg hat zwei erwachsene Kinder und lebt mit ihrem Mann in der Nähe von Zürich.

Zweites Kapitel


Obwohl es ein gewöhnlicher Arbeitstag war, kam Felix von Gunten gut durch den Verkehr. Die Baustelle an der Winterthurerstraße war nach Monaten endlich geräumt worden, und zudem hatten die Sommerferien begonnen. Während sich vor dem Gotthardtunnel Richtung Süden endlose Staus bildeten, waren auf Zürichs Straßen ein Drittel weniger Fahrzeuge unterwegs. Dank diesem Umstand brauchte er für die Fahrt zum Flughafen Kloten lediglich zwanzig, statt der üblichen fünfzig Minuten. Im Airportparking fand er auf Anhieb einen Abstellplatz, und da Marga für ihn das online Check-in bereits im Vorfeld besorgt und die Bordkarte für ihn ausgedruckt hatte, musste er am Drop-off-Schalter lediglich seinen Koffer abgeben. An der Passkontrolle warteten kaum Leute, und auch die Sicherheitskontrolle ging reibungslos über die Bühne.

Er warf einen Blick auf seine Breitling-Armbanduhr, die ihm anzeigte, dass er noch eine gute Stunde Zeit bis zum Boarding hatte.

Er schlenderte zur Anzeigetafel und stellte fest, dass «Singapore Airlines Flug 345» verspätet war. Das traf sich gut. Er hatte seit dem frühen Morgen nichts mehr gegessen, was sein Magen mit einem Knurren quittierte.

Er ging zur First- und Businessclass-Lounge und freute sich auf einen Snack und ein Glas Rotwein in ruhiger und entspannter Atmosphäre.

Der Eingang zur reservierten Oase der Ruhe und Gediegenheit wurde durch eine asiatische Angestellte streng bewacht.

«Darf ich Ihren Boardingpass sehen?»

Die kleinwüchsige Asiatin begutachtete die Einsteigekarte und gab sie Felix zurück. «Entschuldigen Sie, Sir», sagte sie in freundlichem, aber bestimmten Ton. «Sie fliegen

Eco und haben daher keinen Anspruch auf unsere Lounge.»

«Auch dann nicht, wenn ich Ihnen meine Senator Karte zeige?», fragte Felix von oben herab.

«Wenn Sie die Karte dabeihaben, ist es natürlich kein Problem, auch wenn Sie heute Eco fliegen», erwiderte die Angestellte.

Felix ging die vielen Kartenfächer seiner Brieftasche durch, konnte aber die Karte nirgends finden. «Ich muss sie wohl verlegt haben», brummte er und schämte sich vor der Frau, die in ihm, dem angesehenen CFO der Palm Oil GmbH, wahrscheinlich einen Betrüger sah, der mit einer fadenscheinigen Erklärung versucht hatte, sich Zutritt zu einer vornehmen und für ihn unerschwinglichen Welt zu verschaffen.

Eilig entfernte er sich vom Ort seiner Demütigung und begab sich zum Flugsteig von Singapore Airlines. Auf dem Weg dorthin kam er an einem Imbissstand vorbei, wo er ein belegtes Brötchen und einen Pappbecher mit Kaffee erstand. Die wenigen Tische und Stühle, die der Betreiber des Lokals in einem Anflug von Großzügigkeit für seine Gäste aufgestellt hatte, waren vollgepackt mit Plastiksäcken, Reisetaschen, Hüten und Jacken. Felix hätte einen Gast um die Räumung eines Stuhls bitten können, aber er verspürte keine Lust, sich mit dieser Gattung von Leuten abzugeben, mit denen er nie, außer vielleicht seinem Gärtner hie und da zu tun hatte. Aus diesem Grund ging er auf direktem Weg in die Wartehalle, in der rechten Hand den Pappbecher mit dampfendem Kaffee balancierend und mit der linken ein Schinkenbrötchen und die Aktentasche, deren Riemen ihm von der Schulter gerutscht war, krampfhaft festhaltend.

Nach einigem Suchen fand er eine Sitzgelegenheit und ließ sich neben einem dürren, weißhaarigen Asiaten in einem zu großen Anzug nieder, nicht ohne vorher etwas von der heißen Flüssigkeit auf seine beige Cordhose verschüttet zu haben.

Verdrossen biss er in sein Brötchen und ärgerte sich über Marga Vogt, die ihm diesen Schlamassel eingebrockt hatte.

Er überlegte, ob er ihre Kündigung - trotz des guten Sexes - nicht jetzt sofort mit einer E-Mail an das Personalbüro veranlassen sollte, ließ aber von seinem Vorhaben ab, weil er es zu umständlich fand, sein Mobiltelefon aus der Tasche hervorzukramen, während er gleichzeitig aufpassen musste, seinen Kaffee nicht noch einmal zu verschütten. Nun, in Singapur würde er dafür noch genügend Zeit haben.

Dabei war er selbst es gewesen, der seine ungültigen Karten vor kurzem aussortiert und dabei die Senator Karte mit in den Papierkorb geworfen hatte.

In die für Flug 345 zugeteilte Wartezone strömten immer mehr Passagiere. Mit wachsendem Unbehagen beobachtete Felix seine Mitreisenden.

Angewidert schüttelte er den Kopf beim Anblick einer gutgelaunten Reisegruppe, deren Mitglieder ihre Tour in Flipflops, kurzen Hosen und wild gemusterten Hemden angetreten hatten, um durch ihre Bekleidung der übrigen Welt anzuzeigen, dass sie Glückspilze auf dem Weg in ein ferngelegenes Urlaubsparadies waren.

Die dicke, schwitzende Frau mit roten Haaren und Doppelkinn verursachte ihm Übelkeit, ganz zu schweigen von einer liederlich gekleideten Frau mit strähnigem und schlecht blondiertem Haar. Oh Gott, fragte sich Felix, wie soll ich zwölf Stunden auf engstem Raum mit diesem Pöbel überstehen?!

Aus einem Lautsprecher erklang die ersehnte Durchsage, dass Flug 345 nach Singapur nun zum Einsteigen bereit sei. Augenblicklich erhoben sich die Wartenden und rollten gleich einer ungestümen Woge auf das Gate zu, in der Hoffnung, als Erste die Maschine betreten zu können. Ihre Hast war jedoch umsonst, wurden die Passagiere der Holzklasse doch gemäss ihren Sitzreihen aufgerufen.

Die in First- und Businessclass reisenden Fluggäste wurden zuerst aufgefordert, über die nur für sie bestimmte Rolltreppe in den oberen Teil des Airbus 380 zu gelangen.

Felix machte sich auf seinem Sitz klein, aus Furcht, einem Bekannten zu begegnen.

Auf der Rolltreppe erspähte er Manfred Schönried, den Aufsichtsratsvorsitzenden von Rotor & Avonic, der ihn glücklicherweise nicht gesehen hatte. Er wandte seinen Blick von der Rolltreppe ab und erblickte zu seinem Schrecken Enrico Scalfatti, CEO der Banca del Ticino, der mit eiligen Schritten auf ihn zugelaufen kam. Hinter dem korpulenten Ehepaar aus Kanada konnte Felix gerade noch rechtzeitig in Deckung gehen, bevor Enrico ihn gesichtet hätte.

Noch nie war sich Felix so erniedrigt vorgekommen wie heute. Er kam sich als Außenseiter einer Gesellschaftsschicht vor, die ihn an diesem Tag aus ihren Kreisen verbannt hatte, obwohl deren Zugehörigkeit für ihn selbstverständlich war. Von ihr ausgeschlossen zu sein, auch wenn es sich dabei nur um wenige Stunden handelte, war für ihn eine ganz neue, peinliche Erfahrung.

Das Boarding der First- und Businessclass Passagiere war abgeschlossen. Neidisch malte Felix sich aus, wie sie es sich auf ihren Plätzen bereits bequem gemacht hatten und an ihrem ersten Glas Champagner nippten, während der Pöbel immer noch darauf wartete, in die Maschine eingelassen zu werden.

Die Passagiere der Sitzreihen 32 bis 43 wurden nun zum Einsteigen gebeten. Felix schaute auf seine Bordkarte, stellte fest, dass sein Sitz der aufgerufenen Kategorie entsprach und begab sich zum Einstieg.

Er wurde mit einem monotonen «Guten Tag» durch die Flugbegleiterin am Eingang der Maschine begrüßt und mit einer flüchtigen Handbewegung, die er als abtuend empfand, zur linken Flügelseite geleitet.

Er ging den engen Gang entlang, bis er nach vier Sitzrei hen seinen Platz fand. Ihm war der Mittelsitz 36 J in einer Dreierreihe zugeteilt worden. «Zu allem Unglück auch noch in der Mitte mit zwei womöglich unzumutbaren Nachbarn», stöhnte er und zwängte sich mühsam in seinen Sitz. Seine Aktentasche schob er unter den vorderen Stuhl, nachdem er in der Gepäckaufbewahrung über seinem Sitz keinen Platz mehr für sie gefunden hatte.

Er hoffte inbrünstig, dass die Maschine nicht voll werden und ein Platz neben ihm leer bleiben würde. Angesichts der vielen Passagiere, die unaufhörlich den Gang entlangkamen, wurde diese jedoch bald zunichtegemacht.

Hoffentlich nicht die, betete Felix, als er die liederliche Frau mit dem schlecht blondierten und strähnigen Haar erblickte. Er verspürte keine Lust, mit ihr Konversation machen zu müssen, auch wenn dies, wenn überhaupt, nur während des Abendessens geschehen wäre. Sie ging jedoch an seiner Sitzreihe vorbei, und Felix atmete erleichtert auf.

Jetzt folgte eine gutgekleidete, äußerst gepflegte und attraktive Frau Mitte vierzig. Wenn er sie als Sitznachbarin bekäme, hätte ihn dieser Umstand mit seiner misslichen Lage teilweise ausgesöhnt. Aber leider ging sie an ihm vorbei. Statt ihrer steuerte der Asiat in dem zu großen Anzug auf Reihe 36 zu und bat höflich, den Fensterplatz K belegen zu dürfen.

Felix hievte sich aus seinem Sitz heraus und ließ den Mann passieren, der, nachdem er seinen Sicherheitsgurt angelegt hatte, sofort einschlief.

Gespannt beobachtete er die immer noch nicht enden wollende Menschenschlange, die ins Innere des Flugzeuges kroch. Bald wurde sie spärlicher, und Felix von Gunten frohlockte bereits über den leergebliebenen Sitz neben ihm, als ein junger, schlaksiger Mann als letzter den Gang...

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