Hoffnung

Roman
 
 
Heyne (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 11. November 2013
  • |
  • 304 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-11248-6 (ISBN)
 
Freiheit ist nicht immer das, was man sich darunter vorstellt

Als es mal wieder Ärger zu Hause und in der Schule gibt, hat Jonna endgültig genug von allem: von ihren Eltern, den sogenannten Freunden und vor allem von der deprimierenden Kleinstadt. Kurz entschlossen brennt sie nach Stockholm durch. Einen richtigen Plan hat sie eigentlich nicht, außer sich mit einem Gelegenheitsjob in der weihnachtlich geschmückten Stadt über Wasser zu halten. Doch dann verliert sie ihr Handy, ihr letztes Geld verflüchtigt sich wie von selbst - und einen Job findet sie natürlich auch nicht. Eine frostige Winternacht bricht an, und Jonna weiß nicht, wo sie schlafen soll. Aus dem leichtherzigen Ausflug in die große, weite Welt wird rasch eine Erfahrung mit dem richtigen Leben, das einem manchmal die kalte Schulter zeigen kann .

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Heyne
  • 0,72 MB
978-3-641-11248-6 (9783641112486)
weitere Ausgaben werden ermittelt

1

»Hallo, ich wollte mal fragen, ob ihr hier vielleicht noch Leute braucht.«

Stockholm, vier Tage vor Heiligabend, und der Typ am Geschenkverpackservice sieht mit gestresstem Blick auf. Jonna reckt sich ein wenig und versucht, cool und erwachsen zu wirken.

»Ich kann auch sofort anfangen, wenn ihr wollt.«

Sie steht im Sportgeschäft Stadium, an den Kassen sind die längsten Warteschlangen der Welt, hier werden ganz klar noch Leute gebraucht. Doch der Typ schüttelt den Kopf.

»Also, das entscheide nicht ich …«

Der Rest des Satzes geht im allgemeinen Lärm der Kunden und der Werbemusik unter. Die Lippen des Typs bewegen sich weiter, und er zeigt auf all die Leute, die da stehen und ihre Weihnachtsgeschenke eingepackt haben wollen, und an denen sich Jonna jetzt vorbeigedrängt hat. Dann wedelt er verärgert mit der angeketteten Schere in Richtung einer Tür weiter hinten im Laden. Scheinbar meint er, dass sie dort fragen soll.

Ach so. Okay. Jonna geht weiter, sie bindet das verstrubbelte Haar zu einem Pferdeschwanz, findet eine Tür, die er gemeint haben könnte, und klopft. Wartet einen Moment, um gut erzogen zu wirken, aber als nichts passiert, drückt sie die Klinke herunter und stellt fest, dass die Tür offen ist.

»Hallo?«

Dort drinnen ist es bedeutend kühler und stiller. Ein heller Flur, von dem auf beiden Seiten Türen abgehen, entlang der einen Wand Einkaufswagen mit Basketbällen, Taschen und Schlittschuhen, aber es ist kein Mensch zu sehen.

»Ähm, Entschuldigung …? Hallo?«

Sie macht ein paar zaghafte Schritte in den Flur.

Ah, jetzt: Ganz hinten taucht in einer Türöffnung ein Kopf auf, ein glatzköpfiger Kerl, auch er mit orangefarbenem T-Shirt, roten Wangen und gestresstem Blick.

»Wer bist du?«

»Ich würde gern hier arbeiten.«

»Wer hat dich denn reingelassen? Ich bin in der Pause!«

Er zeigt auf die Tür hinter ihr und zischt, die sei doch verschlossen oder sollte es zumindest sein.

»Entschuldigung. Aber sie war offen.«

Jonna macht einen Schritt zurück, und der Mann beruhigt sich ein wenig, wischt sich den Mund mit einer Serviette ab und fragt in milderem Ton: »Du willst hier arbeiten? Du meinst, als Aushilfe in der Weihnachtszeit?«

Jepp. Genau! Er zieht die Augenbrauen hoch und betrachtet sie eingehend, als sie nickt.

»Aber wir haben die Pläne schon im Oktober gemacht, warum kommst du denn erst jetzt?«

»Ich könnte sofort anfangen. Heute.«

»Wir haben niemanden, der dich heute bei etwas anlernen könnte.«

»Ich kann jeden Tag arbeiten, bis Heilig…«

»Geschweige denn jemanden, der nachsehen könnte, ob wir dich überhaupt in unserem Plan brauchen würden. Hier ist einfach die Hölle los!«

Dann verschwindet der Kopf wieder in der Türöffnung.

Schweigen. Langes Schweigen. Soll sie jetzt gehen? Sie bleibt stehen, und nach ein paar Sekunden streckt der Mann wieder den Kopf in den Flur, diesmal sieht er verärgert aus und hat den Mund voll Essen.

»Außerdem stellen wir bei Stadium niemanden an, der unter siebzehn ist.«

»Aber ich bin siebzehn. Ich schwöre!«

Er kaut und schüttelt den Kopf. »Ach Mädchen, komm einfach nächstes Jahr wieder, o.k.?«

Als sie erneut protestiert, seufzt er, macht einen Schritt in den Flur und begleitet sie bis zur Tür.

Auf jeden Fall ist es hilfreich, dass sie immer noch so wütend ist.

Sie läuft aus dem Sportgeschäft und geht zu einem Fußgängerüberweg. Als sie sich umdreht, sieht sie, dass auf dem Schild an der Hausmauer »Hamngatan« steht, und denkt, dass es sich anfühlt, als würde sie in einem verdammten Monopoly-Spiel herumlaufen.

Der Gedanke ist angenehm, denn dann war das Scheitern im Stadium-Laden nur einer von vielen Spielzügen. Bei Monopoly gibt es massenweise Straßen, Stockholm ist voller Läden und Cafés, und natürlich wird sie es schaffen, heute irgendwo einen Job zu bekommen.

Haha, um die nächste Ecke steht »Sveavägen« auf dem Schild, und sie sieht sich um, sie will sich einprägen, wie es hier in Wirklichkeit aussieht, wie sie vorhin vom Bahnhof hergekommen ist. Eine große graue Bank, ein Würstchenverkäufer, der hinter seinem Wagen steht und vor Kälte zittert, und in der Mitte des Rondells eine hässliche Glasskulptur.

Die ist so hoch, dass man ihre Spitze kaum sieht. Vielleicht liegt das auch daran, dass es so stark schneit. Jonna sieht zufrieden von der Skulptur zum Sveavägen, der sich ewig lang in die eine Richtung erstreckt, und dann zur Hamngatan – tausend Meter in die andere Richtung. Die Weihnachtsbeleuchtung und die schwingenden Tannenzweig-Girlanden lassen darauf schließen, dass es hier nur so von Läden und Geschäften wimmelt, in denen sie nach Arbeit fragen könnte. Sie ist wirklich nicht wählerisch, sie nimmt alles, wenn sie nur heute gleich anfangen kann.

Fasziniert beobachtet sie die vielen Autos, die am Fußgängerüberweg vorbeigleiten, die Busse, die gerammelt voll sind und doppelt so lang wie die Busse zu Hause, und dann sind da noch die Leute, die trotz des schlechten Wetters mit dem Fahrrad fahren. Fantastisch, wie viele Menschen hier leben! Sie hat gehört, dass es kurz vor Weihnachten leicht sei, in den Läden einen Aushilfsjob zu bekommen. Offensichtlich verprassen die Leute so viel Geld wie möglich für Weihnachtsgeschenke und anderes, und jetzt sieht sie es mit eigenen Augen. Auf der anderen Seite der breiten Fahrspur der Hamngatan sind die Bürgersteige voller Menschen, die Pakete und große Einkaufstaschen schleppen.

Den Versuch, alle Leute zu zählen, die sie sieht, gibt sie schnell auf, aber eines steht fest: Allein auf dieser Kreuzung hier stehen mehr Menschen als in ganz Kolsva leben.

Ein neues Leben. Jetzt fängt es an.

Heute Morgen hat sie den Bus nach Köping genommen und dann einen Zug, der gerade auf dem Bahnsteig stand, und die Wut, die sie am Frühstückstisch gepackt hatte, ließ nicht nach, diesmal hat es einfach weiterhin im Körper gebrannt. Selbst wenn sie angesichts dessen, was sie hier regeln und schaffen muss, vor Angst paralysiert wäre, würde die Wut doch bleiben und wie eine Glut in ihrer Brust sitzen. Die Wut ist ihr zur Freundin geworden.

Der Entschluss ist so verdammt richtig.

Hier in Stockholm kennt niemand sie, es weiß noch nicht einmal jemand, dass sie hier ist. Aber auch sie kennt niemanden, bei dem sie heute Nacht schlafen könnte. Das macht ihr jedoch keine Sorgen. Siebenunddreißig, neununddreißig, zweiundvierzig Autos fahren vorbei, ehe die Ampel auf Rot springt, und das sind doch alles nur Nebensächlichkeiten, die sich regeln lassen.

Sie folgt dem Menschenstrom über die Straße und hält Ausschau nach dem nächsten Laden oder dem nächsten Café, bei dem sie um Arbeit fragen könnte. Merkwürdigerweise gibt es hier nur lauter Apotheken. Vier Stück kann sie allein von ihrem Standort aus sehen. Ob sie dort fragen sollte? Und von ihrem ersten Lohn wird sie sich einen dicken Pullover kaufen. Sie schlingt die Arme um sich, zittert und vergräbt die Nase in ihrem dünnen Schal. Als sie auf der anderen Seite den Bürgersteig erreicht, pflügt sie sogleich zielgerichtet durch den Schnee auf eine der vier Apotheken zu.

»Brauchen Sie zusätzliches Personal?«

Löwenapotheke. Apotheken-Shop. Herz-Apotheke und die Würstchenbude davor. Und dann H&M auf drei verschiedenen Etagen.

»Ich kann sofort anfangen.«

»Tut mir leid, aber wir haben schon alle Hilfskräfte angestellt, die wir vor Weihnachten brauchen werden.«

Expert. Ein Schnellimbiss mit roten Plastiktischen auf der Hamngatan. Solo. Kicks.

»Ich kann mit einer Kasse umgehen und habe einen Führerschein.«

»Gallerix«, »Café Blueberry«, »Indiska« – Jonna wird immer dreister in ihren Behauptungen. Die Leute stellen ihr ohnehin keine Fragen, es heißt immer nur nein und nochmals nein. Oder sie erntet bedauernde Blicke, so wie in der großen Buchhandlung, wo die Verkäuferin trotz Vorweihnachtsstress den Kopf schief legt, als Jonna erzählt, sie habe eine Auszeit vom Gymnasium genommen und würde jetzt stattdessen arbeiten.

»Meine Liebe, aber an deiner Stelle würde ich doch erst einmal die Schule fertig machen.«

»Ja, das werde ich auch. Später dann.«

»Und wie läuft es, glaubst du, du findest etwas?«

»Äh, das wird schon klappen. Schlimmstenfalls erst nach Weihnachten.«

»Du, hier kommen jeden Tag Leute und fragen nach Arbeit, und alle wollen sie auch gern nach Weihnachten arbeiten. Aber im Januar ist der Einzelhandel tot, sage ich dir, da kann sich niemand mehr zusätzliches Personal leisten.«

Vor der Buchhandlung setzt sie ihre Tasche im Schnee ab und lehnt sich an eine Wand. Zwölf, dreizehn, fünfzehn Laternen vor dem schwarz-weiß karierten Platz, und beim Zählen schüttelt sie die Misserfolge und den Pessimismus der letzten Verkäuferin, mit der sie gesprochen hat, ab. Warum macht sie das nur? Acht, zehn, elf Laternen in die andere Richtung. Wie bescheuert! Was bringt das denn? Außerdem stimmt es nicht: Die Welt ist schließlich voll mit Leuten, die Arbeit gefunden haben, warum sollte das denn plötzlich unmöglich sein?

Lachen. Reden. Scherzen. Langsam wendet sie den Kopf und sieht ein paar Mädchen Arm in Arm auf den Platz zugehen, sieht die fröhlichen Blicke und die gleichartigen, braunen A4-Umschläge in ihren Händen. Es steht ihnen auf die Stirn geschrieben,...

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