Spielregeln der Politik im Mittelalter

Kommunikation in Frieden und Fehde
 
 
wbg Academic in Wissenschaftliche Buchgesellschaft (WBG) (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 27. November 2014
  • |
  • 369 Seiten
 
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978-3-534-73955-4 (ISBN)
 
Das Mittelalter kannte ein ausgeprägtes System von "Spielregeln", die den Kampf um Rang, Macht und Ehre lenkten und oftmals ein Ausufern der Gewalt verhinderten. Anhand zeitgenössischer Quellen zeigt Gerd Althoff, wie eine Gesellschaft, die kein staatliches Waffen- und Gewaltmonopol kannte, mit Konflikten zwischen den 'Großen' des Reiches umging. Zentrale Bedeutung kam dabei den Vermittlern zu. Sie waren mit beträchtlicher Autorität ausgestattet und verhinderten, dass Fehden unkontrolliert eskalierten. Auf der Ebene der öffentlichen Kommunikation bestimmten demonstrativ-rituelle Verhaltensweisen, Zeichen und Gesten die Verfahren politischer Machtausübung. Es wurde mehr gezeigt als argumentiert: Empörung über falsches Verhalten signalisierte man etwa, indem man einen Brief mitsamt Siegel vor den Augen andere auf den Boden warf, ihn zerknüllte und mit den Füßen trat.
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Gerd Althoff, geb. 1943, ist Professor für mittelalterliche Geschichte an der Universität Münster. Bei der WBG erschienen von ihm zahlreiche Bücher; u.a. "Die Macht der Rituale. Symbolik und Herrschaft im Mittelalter" (2. Aufl. 2014), die Biographie "Heinrich IV." (2. Aufl. 2008) sowie "'Selig sind, die Verfolgung ausüben'. Päpste und Gewalt im Hochmittelalter" (2013).

Königsherrschaft und Konfliktbewältigung im 10. und 11. Jahrhundert


Wer Bedingungen beschreiben will, unter denen Königsherrschaft im Mittelalter stand, ist gut beraten, Konfliktsituationen zu analysieren. Sowohl die Ursachen für Konflikte als auch die Formen, in denen sie geführt und in denen sie beigelegt wurden, lassen Möglichkeiten und Grenzen königlicher Herrschaft erkennen.1 Sie zeigen die Königsherrschaft in einem Spannungsfeld, in dem Gruppenbildungen und Gruppeninteressen wirksam waren. Im Zentrum der folgenden Bemühungen soll daher der Versuch stehen, den Charakteristika der Königsherrschaft im 10. Jahrhundert durch die Untersuchung von Konfliktsituationen auf die Spur zu kommen. Hierbei ist eine grundsätzliche Unterscheidung sinnvoll: Zu trennen ist der nicht seltene Fall königlicher Initiative, durch die Große der Infidelität angeklagt und ihnen Ämter und Lehen entzogen wurden,2 von der in den Quellen ausführlicher kommentierten Erscheinung, daß Große den Konflikt gegen die Könige eröffneten und der König als reagierender Teil erscheint. Auf letzteres richtet sich nicht nur wegen des Echos in den Quellen unser besonderes Interesse.

Es gehört zu den leidvollen Erfahrungen nicht nur des ottonischen Königsgeschlechts, daß derartige Widerstände gegen die Könige im Mittelalter zunächst von Einzelpersonen ausgingen, aber schnell von größeren Gruppen getragen wurden.3 Gegner der Könige fanden Unterstützung bei ihren Verwandten und Freunden, bei ihren Genossen und Vasallen. Die Quellen bezeichnen solche Konflikte mit Begriffen wie coniuratio, rebellio oder ähnlichem, was wir mit Verschwörung, Aufstand oder Rebellion übersetzen.4 Durch diese Übersetzung werden Tatbestände suggeriert, die das politische Strafrecht der Neuzeit unter dem Begriff Hochverrat zusammenfaßt.5 Alle diese Begriffe scheinen aber wenig geeignet, die Eigenart der Konflikte zwischen König und Großen im 10. Jahrhundert zu beschreiben. Schon die Tatsache, daß die Bindungen verwandtschaftlicher, freundschaftlicher oder vasallitischer Natur sich in solchen Konflikten häufig als stärker erwiesen als die Bindung an den Herrscher - und das bei ansonsten honorigen Leuten -, sollte davor warnen, den Gegnern der Könige allzu umstürzlerische Absichten zu unterstellen und allzu pejorative Attribute anzuhängen.6 Ziel einer coniuratio oder rebellio im 10. Jahrhundert war in aller Regel nicht der Thronsturz.7 Konflikte brachen vielmehr schon dann aus, wenn durch königliche Maßnahmen und Entscheidungen die dignitas, die Ehre, der Rang oder die Würde eines Herrschaftsträgers verletzt wurde. Das aber war etwa der Fall, wenn der König ein Amt oder Lehen anders vergab als erwartet oder wenn er eine Leistung nicht gebührend würdigte und belohnte. Angesichts unterschiedlicher Interessen existierte so ständig ein erhebliches Konfliktpotential zwischen Großen und König - die Herstellung des nötigen allgemeinen Konsenses verlangte von den Königen beträchtliche Fähigkeiten zur Integration divergierender Interessen. Mit diesen Bemerkungen ist zugleich die Frage aufgeworfen, ob solche Verhältnisse mit den Vorstellungen von "Staatlichkeit" und deren begrifflichem Instrumentarium adäquat beschrieben werden können.8

Durch Konflikte aber wurde das komplexe Netz der Gruppenbildungen innerhalb der Adelsgesellschaft besonderen Belastungen ausgesetzt, denn es kollidierten in aller Regel unterschiedliche Anforderungen und Ansprüche miteinander. Der Verpflichtung zur Hilfe gegenüber dem Verwandten oder Freund stand diejenige zur Treue gegenüber dem König entgegen, ohne daß es eine eindeutige und allseits akzeptierte Hierarchie dieser Verpflichtungen gegeben hätte. Diese Situation hat im 10. Jahrhundert jedoch keinesfalls anarchische Zustände, sondern spezifische Formen mit sich gebracht, derartige Konflikte zu führen und beizulegen; Formen, die sich von denen der Karolinger- und der Stauferzeit erheblich unterscheiden und die gerade deshalb sehr viel über die Charakteristika der Königsherrschaft im 10. und auch noch 11. Jahrhundert aussagen. Da diese Formen von der Forschung bisher unbeachtet, ja unbemerkt geblieben sind, sollen sie zunächst an konkreten Beispielen ausführlicher zur Diskussion gestellt werden.

Schon kurz nach dem Abschluß der Königserhebung Heinrichs II. tat der Markgraf Heinrich von Schweinfurt etwas, was sein Vetter Thietmar von Merseburg eine offene Rebellion (aperta rebellio) nannte.9 In Thietmars Chronik ist so ausführlich von Ursachen, Ver lauf und Beilegung dieser "Rebellion" die Rede, daß an ihr paradigmatisch das Gemeinte verdeutlicht werden kann. Die erste Entfremdung trat ein, als Markgraf Heinrich durch hervorragende Männer bei Heinrich II., noch vor Abschluß der Königserhebung, die ja in mehreren Etappen vor sich ging, um Belehnung mit dem Herzogtum Bayern nachsuchen ließ und sich Heinrich dem Ansinnen verweigerte mit der Begründung, er könne nicht aus der Ferne dem Recht der Bayern auf freie Herzogswahl vorgreifen. Diese Antwort empfand der Markgraf als Ausflucht, da ihm Heinrich die Würde zuvor versprochen und er sich - nicht zuletzt deshalb - nachdrücklich für dessen Königswahl eingesetzt hatte. Die Reaktion des Enttäuschten beschreibt Thietmar mit den Worten: ". er zog sich allmählich vom König zurück."10

Das Faß zum Überlaufen brachte dann ein Vorfall in Merseburg, wo König Heinrich dem Herzog Boleslaw von Polen nicht nur ein gefordertes Lehen verweigerte, vielmehr wurden dessen Krieger von einem Haufen Bewaffneter überfallen, ausgeplündert und entrannen nur mit Mühe dem Tode. Für diesen Boleslaw aber hatte sich Markgraf Heinrich mit allen Kräften freundschaftlich verwandt, und er hatte ihm überdies das Geleit geben wollen, als sich der beschriebene Vorfall ereignete, hinter dem die Betroffenen den König als Anstifter vermuteten. Herzog Boleslaw wie Markgraf Heinrich waren diese Vorfälle Anlaß genug, um gegen den König die genannte aperta rebellio zu beginnen.11

Ausgelöst wurde der Konflikt also durch eine offensive Interessenvertretung, die für die Unterstützung des Königs bei seiner Wahl ihren Preis forderte, eine Verhaltensweise, die uns eigentlich erst durch die strittigen Rönigswahlen der späten Stauferzeit gewissermaßen als Verfallserscheinung vertraut ist.12 Die Verweigerung der versprochenen Leistungen zog die Aufkündigung der familiaritas und, nach weiterer Brüskierung, die aperta rebellio nach sich. Stellt man in Rechnung, daß auch andere Gruppen ihre Interessen in ähnlicher Konsequenz vertraten, kommt das schon genannte Problem der Rönigsherrschaft in den Blick, das durchaus nicht nur im 10. Jahrhundert beobachtet werden kann: der Balanceakt zwischen unterschiedlichen Ansprüchen und die Integration divergierender Rräfte. Das also wäre nicht neu. Neu und spezifisch für das 10. und 11. Jahrhundert aber ist die Art, wie aufgebrochene Konflikte ausgetragen wurden. Für diese Art liefert der Fortgang der rebellio Heinrichs von Schweinfurt reiches Anschauungsmaterial.

Der Rönig lud den Markgrafen nicht etwa vor sein Gericht, sondern bot von überall her seine familiares auf und verwüstete dessen Güter.13 Es sieht aus, als führte der König eine "Privatfehde". Die Vasallen des Markgrafen unterstützten ihren Herrn in dieser Auseinandersetzung tatkräftig, wenn sie auch nach Thietmar durchaus Überlegungen über den Sinn ihres Tuns anstellten: Diese Überlegungen stellten jedoch die Zweck-, nicht die Rechtmäßigkeit ihres Einsatzes in Frage!14 Man muß angesichts dieses und anderer Fälle fragen, ob die in der Forschung so häufig behandelte gegensätzliche Entscheidung einiger Vasallen des schwäbischen Herzogs Ernst, die ihrem Lehnsherrn mit von Wipo ausführlich geschilderter Argumentation grundsätzlich die Hilfe im Kampf gegen König Konrad II. verweigerten, wirklich der Regelfall in solchen Auseinandersetzungen war oder ob nicht das Modell des Königs als ligischer Lehnsherr, das bei Wipo anklingt, mehr der Normvorstellung des Autors als der Realität des 11. Jahrhunderts angehörte.15

Aber nicht nur Vasallen unterstützten Heinrich von Schweinfurt und Herzog Boleslaw. An vielen Stellen finden sich vielmehr Hinweise auf sehr unterschiedliche Formen der Unterstützung, zu denen sich Personen bereitfanden, deren Beziehung zu den "Rebellen" teils verwandtschaftlicher, teils freundschaftlicher Art war, teilweise in den Quellen jedoch gar nicht näher spezifiziert ist. Die Formen der Unterstützung reichen von der direkten Teilnahme an der rebellio, zu der sich auf seiten Heinrichs von Schweinfurt etwa dessen Vetter Ernst, der Graf Siegfried von Northeim, aber auch der...

»The methodology developed in these pages allows us to decode medieval narratives of political interaction in a new and much more interesting way than was previously possible.« Timothy Reuter, University of Southampton

»Althoff hat ein stimulierendes, methodisch wegweisendes und glänzend formuliertes Buch geschrieben, das - ganz unabhängig von seinem vielfältigen historischen Erkenntniswert - eine interdisziplinäre Mediävistik auf neue Grundlagen stellt.« Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur

»Althoff gelingt es, die >Spielregeln der Politik im Mittelalter< nicht nur aufzuzeigen, sondern uns das Verhalten der Akteure zu erläutern, uns ihre Entscheidungen und Reaktionen aus ihrem zeitgenössischen Kontext heraus verständlich zu machen. Dem Wissenschaftler bietet er eine wahre Fundgrube an Quellen und Belegen, dem >gewöhnlichen< Leser eine spannende und faszinierende Führtung durch eine verkannte Epoche. Ein Buch, das Lust darauf macht, mehr über diese Zeit zu erfahren, deren Wirkungen bis heute andauern.« Lesart

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