Jagdgeflüster

Kriminalroman
 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 14. September 2015
  • |
  • 240 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-96918-5 (ISBN)
 
Rea arbeitet noch nicht lange als Försterin in den Bündner Bergen, als sie im Wald die ausgeweidete Leiche des Gemeindepräsidenten findet. Dieser hat im Vorjahr eine weiße Gämse geschossen, und der Sage nach stirbt, wer eine solche tötet, binnen eines Jahres. Am nächsten Tag wird Reas Forstwart Mario verhaftet; die tödliche Kugel stammt aus seinem Gewehr. Rea glaubt als Einzige an Marios Unschuld, doch dann flieht er und steht plötzlich vor ihrer Tür .
weitere Ausgaben werden ermittelt
Sabina Altermatt, geboren 1966, ist als Tunnelbauertochter in den Schweizer Alpen geboren und aufgewachsen. Sie studierte Staatswissenschaften an der Hochschule St. Gallen. Heute lebt sie als freie Schriftstellerin in Zürich und im Glarnerland. Sie schreibt Kolumnen, Kurzgeschichten, Hörspiele, Kinder- und Jugendbücher sowie Romane. Für ihr literarisches Schaffen erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen und Stipendien. »Jagdgeflüster« ist ihr dritter Kriminalroman, der bei Piper erscheint.

Andri Bott saß in seiner Kanzlei und blickte zum Fenster hinaus auf die verstreuten Wohntürme, die das Rheinquartier in einem undurchschaubaren Muster bevölkerten. Dahinter lag der Calanda, wo sich kürzlich ein Wolfsrudel niedergelassen hatte. Kaum war man den Bären losgeworden, waren auch schon Wölfe zur Stelle. Bott wischte mit der flachen Hand unsichtbaren Staub von der Tischplatte. Er dachte ans Val Chava und dass dort heute die Jagd losging. Wenn er ehrlich war, dann verspürte er so etwas wie Heimweh. Oder war es Sehnsucht?

Normalerweise verpasste er den ersten Jagdtag nie. Am ersten Tag der Jagd herrschte immer eine ganz besondere Stimmung - eine Mischung aus Anspannung, Vorfreude und Hoffnung auf eine gute Jagd -, und die ließ er sich für gewöhnlich nicht entgehen. Doch er hatte am Abend noch eine wichtige Sitzung, die er nicht verschieben konnte. Die Gründung einer AG sollte vollzogen werden.

Karin war mit den beiden Kindern bereits am Wochenende losgefahren. Tomi und Mia mussten erst nächste Woche wieder zur Schule, weil es im Gymnasium einen Wasserschaden gegeben hatte. Er plante, gleich morgen früh hinzureisen.

Sein Handy klingelte.

»Andri, wo bist du?!«, fragte Corina Kunfermann, die Gemeindeschreiberin von Zuort. Wie üblich begann sie ein Telefonat ohne einen Gruß.

»Hallo, Corina, ich wünsche dir auch einen guten Tag. Ich bin in meinem Büro, wieso?«

»Du musst unbedingt nach Zuort kommen. Florineth ist tot.«

»Tot? Aber w.?«

»Er wurde ermordet.«

»Das ist ja . Weiß man schon, wer's war?«

»Die Polizei hat offenbar noch keinen Verdächtigen.«

»Und was ist mit unserem Projekt? Wir müssen uns unbedingt treffen. Die ganze Gruppe.«

»Genau deshalb rufe ich dich an.«

»Ich komme morgen Vormittag.«

»Gut.« Corina hängte einfach auf.

Bott schaute wieder aus dem Fenster. Um einen der Wohntürme kreisten Vögel. Florineths Tod kam im dümmsten Augenblick.

Er kratzte sich am Bart, fuhr mit Daumen und Zeigefinger über die Oberlippe.

Oder doch nicht? Andri Bott lächelte. Eigentlich war das gar nicht so schlecht.

Es war acht Uhr, als Rea auf den Parkplatz vor dem Werkhof fuhr. Sie hätte es beinahe nicht geschafft. Luisa wollte partout nicht aufstehen, und als Rea sie aus dem Bett spedieren wollte, war sie glühend heiß. So konnte sie nicht in den Kindergarten gehen. Zum Glück hatte Leta heute nichts vor, und sie hatte sich bereit erklärt, Luisa bei Rea zu Hause zu hüten. Wer morgen auf Luisa aufpassen würde, wusste Rea noch nicht. Ihr Chef wäre sicher nicht begeistert, wenn sie einen Tag freinahm. Ganz zu schweigen davon, was er jetzt zu ihrer Verspätung sagen würde.

Sie blickte zu den Büros hoch. Alles war dunkel.

Im Treppenhaus traf sie Armin, den Lehrling. Er kam ihr mit einem Plastikbecher, in dem eine dunkelbraune Flüssigkeit schwappte, entgegen.

»Ist keiner da«, sagte er kurz angebunden wie immer.

»Und wo sind alle?«

Er zuckte mit den Schultern.

»Nun sag schon.«

Er grinste. »Auf dem Polizeiposten in Prasüra.«

»Wie bitte?«

Er nahm einen Schluck von der Brühe und schwieg.

»Und was machen die da?«

»Mussten alle ihre Gewehre zeigen.«

»Wieso das denn?«

»Der Gemeindepräsident.« Er hob die Hand mit ausgestrecktem Zeige- und Mittelfinger und zielte auf Rea.

Dann mussten alle Männer, die ein Jagdpatent gelöst hatten, auf dem Polizeiposten sein. Der Junge nippte wieder an seinem Becher. Er war erst siebzehn und deshalb wohl einer der wenigen Männer hier im Tal, die die Jagdprüfung noch nicht gemacht hatten. Die meisten bekamen das Jagdpatenbüchlein noch vor dem Führerschein. Es gehörte in den Bergen zur männlichen Identität. Doch die Frauen waren am Aufholen. Es gab immer mehr Jägerinnen. Ab und zu traf Rea eine im Wald.

Sie wählte Marios Nummer auf dem Handy.

Er lachte. »So, vermisst du mich schon?«

»Ist das wahr?», fragte sie.

»Ja, es ist wahr. Wir mussten alle antraben und das Gewehr vorzeigen. Florineth ist erschossen worden, bevor er ausgenommen wurde. Ein Glück für ihn, dass es nicht umgekehrt abgelaufen ist.«

»Und wie lange geht das? Sind Flurin und Jörg auch da? Ihr solltet doch heute die Holzbrücke reparieren.«

»Ich habe mein Gewehr gerade abgegeben. Flurin kommt gleich nach mir. Jörg ist bereits durch.« Er lachte wieder.

Sie konnte sich Mario bildlich vorstellen. Für ihn war das alles nur ein Spiel. Und er war nicht das erste Mal auf dem Polizeiposten. Letzten Sommer war er mit dem Pick-up ohne Nummernschilder unterwegs gewesen, weil er nicht kontrolliert hatte, ob sein Vorgänger die Wechselnummer wieder angebracht hatte. Als ihn die Polizei anhielt, fragte er den Beamten, ob er eigentlich etwas an den Augen habe. Klar seien die Schilder dran. Er müsse nur richtig schauen. Der Beamte wies ihn an, auszusteigen und selber nachzusehen. Was Mario nach ein paar derben Flüchen, die durchaus als Beamtenbeleidigung durchgingen, dann auch tat. Die Nummernschilder hatte er nirgends entdecken können.

»Und, kann ich mein Gewehr nun wiederhaben?«, hörte Rea ihn am anderen Ende der Leitung rufen. Die Antwort verstand sie nicht. Verschiedene Personen sprachen durcheinander. Dann ein schepperndes Geräusch. Marios Handy musste zu Boden gefallen sein.

»Was? Das ist nicht euer Ernst! Ihr Volltrottel!«, vernahm sie Mario von Weitem.

»Mario, was ist los?«, rief Rea in der Hoffnung, er könne sie hören.

»Fass mich nicht an, du Schlammsack!«

»Mario?« Rea hörte nur noch das Besetztzeichen.

Bott betrat das Büro im ersten Stock des Gemeindehauses. Es war spartanisch eingerichtet. Weiße Möbel, schwarze Lederstühle. An der Wand hing ein Bild in Grautönen. Den einzigen Farbtupfer bildete ein Strauß gelber Rosen, der auf dem Schreibtisch stand. Und Corina Kunfermann. Sie trug ein farbig geblümtes Sommerkleid. Ihre blonden Haare hatte sie hochgesteckt. Ihre blauen Augen leuchteten.

»Endlich, das hat aber gedauert!« Corina Kunfermann schaute auf die Uhr.

»Ich sagte doch, dass ich erst am Nachmittag hier sein kann.«

»Vormittag hast du gesagt.«

Bott ließ sich auf einen der mit Leder bezogenen Stühle fallen und streckte die Beine von sich. »Und, gibt es Neuigkeiten?«

»Allerdings, die gibt es. Ich hatte gerade vorhin einen Anruf. Mario ist verhaftet worden. Das Projektil seiner Waffe stimmt mit dem Projektil, das aus Florineths Leiche geborgen wurde, überein.«

»So, so der Mario.« Bott studierte die feinen Äderchen an Corinas Beinen.

»Hat mich auch etwas erstaunt. Jedenfalls ist es gut, wenn sich die Situation möglichst schnell wieder beruhigt.«

»Hatte der nicht mal was mit Madlaina?«, fragte Bott.

»Das sind unbestätigte Gerüchte. In einem Dorf wird viel geredet.«

»Da lob ich mir doch die Anonymität der Stadt.«

»Aber nicht mehr lange.«

»Wie meinst du das?«

»Wir brauchen dich hier.« Corina stand auf und kam hinter dem Tisch hervor, griff nach seiner Krawatte. »Ich dich übrigens auch.«

Ihre Lippen näherten sich seinem Mund. Als sie ihn fast berührten, hielt er sie mit einer Hand zurück.

»Und als was braucht ihr mich hier?«

Sie griff ihm zwischen die Beine. Er zog die Luft zwischen den Zähnen ein, konnte sich beinahe nicht mehr beherrschen.

»Damit unser Projekt eine Zukunft hat, brauchen wir dich als neuen Gemeindepräsidenten. Es sind alle dafür.«

»Gut, ich bin euer Mann.« Bott musste nicht lange überlegen. Schon auf der Hinfahrt hatte er beschlossen, für das Amt zu kandidieren.

»Musst du das nicht zuerst mit deiner Familie .?«

»Nein, muss ich nicht.« Bott gab den Widerstand auf und griff nach Corinas Brüsten. Corina ließ sich stöhnend auf ihn niedersinken.

Ihr Chef hatte alle ins Sitzungszimmer bestellt, was selten vorkam. Hier waren sie nur für spezielle Anlässe, wenn es etwas Wichtiges zu verkünden gab - gute als auch schlechte Nachrichten. Das letzte Mal waren sie hier gewesen, als der Werkhof restrukturiert wurde und sie Angestellte entlassen mussten. Heute würde es wohl um Mario gehen.

Rea betrachtete die Gesichter der beiden Arbeiter. Jörg, der ältere der beiden, schaute grimmig. Sein Kopf war rot, die Adern an den Schläfen dick, als ob er gleich explodieren würde. Jörg sah noch bleicher aus als sonst und starrte auf die Tischplatte.

Reto Grond trat ein und setzte sich neben Rea. »Ihr wisst sicher, weshalb wir hier sind. Mario Tomaschett wurde verhaftet und nach Chur gebracht.«

»Das wissen wir bereits«, sagte Flurin. »Der Gemeindepräsident ist angeblich mit Marios Jagdgewehr erschossen worden. So ein Schwachsinn!« Flurin schlug mit der Faust auf den Tisch. Jörg schwieg.

»Aber doch nicht Mario.« Rea schüttelte den Kopf.

»Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass Mario etwas mit dem Mord zu tun hat«, sagte Grond. »Aber wir müssen jetzt erst mal schauen, wie wir ohne ihn zurechtkommen. Ich werde so schnell wie möglich einen Ersatz für ihn finden. Notfalls kann auch der Zivilschutz mithelfen. Aber es ist wichtig, dass wir .«

Rea hörte nicht mehr zu. Sie hatte Mario schon von Beginn weg gemocht. Sein Lachen, seine Offenheit. Er sagte immer freiheraus, was er dachte. Auch wenn ihm etwas nicht passte. Autoritäten konnte er nicht ausstehen. Trotzdem...

»Ein spannender Krimi mit unerwarteten Wendungen (...) Einmal in die Hand genommen, legt man dieses Buch nicht wieder weg.«, Ostthüringer Zeitung, 23.01.2016
 
»Absolut empfehlenswert«, Schweizer Jäger, 07.12.2015
 
»die Lektüre lässt zuweilen fast nicht mehr los«, Fridolin, 15.10.2015
 
»ein faszinierender, vielschichtiger Krimi, der seinen Leser von Anfang an in den Bann zieht. Damit eignet es sich prima als Lektüre für ein nebeliges Herbstwochenende auf dem heimischen Sofa.«, Fluid
 
»Sabina Altermatt hat eine spannende Geschichte geschrieben, die im engadiner Zuort spielt. Ich habe diesen Krimi in einem Rutsch und mit Vergnügen gelesen und mich über die Protagonistin Rea amüsiert, die nach und nach lebendig vor mir stand.«, Ingrid Noll

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